Der 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung Frühjahr 2020 – Eine Medizinstudentin berichtet über ihr Physikum in Zeiten von Corona!

9. Juli 2020

in Im Fokus, Physikum, Ratgeber

Das Physikum nochmal machen, möchte ich auf keinen Fall. Aber ich kann Euch sagen, es ist tatsächlich nicht so schlimm, wie man oft hört. Es ist wirklich machbar! Ihr schafft das! Aber wie war es eigentlich, das Physikum im Frühjahr 2020 zu schreiben, als Corona gerade in Deutschland Einzug hielt? Dies werde ich Euch im Folgenden berichten.

ENDSPURT Vorklinik …

Damit man im weißen Kittel die Klinikflure entlanglaufen kann und von den Dozenten mit „Kolleg(in)“ angesprochen wird, muss man erstmals die Vorklinik meistern, die mit der Hürde Physikum endet. Aber wenn man dies geschafft hat, wartet die Klinik auf Euch und damit nicht nur die theoretische Lehre, sondern auch die Möglichkeit, das Gelernte in der Praxis anzuwenden. Dies ist zumindest dann der Fall, wenn man das 5. Semester nicht zum Sommer 2020 beginnt und aufgrund der Corona-Pandemie die meiste Zeit vor dem eigenen PC-Bildschirm in der Wohnung verbringt.

Aber wie war es eigentlich, das Physikum zu schreiben, als Corona gerade in Deutschland Einzug hielt? Dies werde ich Euch im Folgenden berichten. Mein Name ist Laura und ich studiere im 5. Semester Humanmedizin an der Georg-August Universität in Göttingen. Mein schriftliches Physikum fand am 10. und 11. März 2020 und mein mündliches neun Tage später am 20. März statt.

Hat das Studium nicht gerade erst begonnen?

Auch wenn einem die vier vorklinischen Semester im ersten Moment lang vorkommen mögen, in Wahrheit verfliegt die Zeit und ehe man sich versieht, beginnt das 4. Semester. In Göttingen hat man die Möglichkeit, das Medizinstudium zum Sommersemester zu beginnen und so startete mein letztes vorklinisches Semester Anfang Oktober. Das sogenannte „Biochemie“- Semester war gefüllt mit Vorlesungen, Seminaren und Praktika und erlaubte kaum Zeit, an das Physikum zu denken. In den Weihnachtsferien konnte ich die Zeit mit Familie und Freunden nochmal vollends genießen, bevor im Anschluss die Klausurvorbereitung für Biochemie begann. Diese Klausur stellte zum einen den Abschluss der Vorklinik dar, zum anderen wurde dadurch der Beginn meiner Physikums-Vorbereitung eingeläutet.

Und wie soll ich das nun schaffen?

Meine Lernmaterialien bei meinem Physikum 2020

Nach zwei freien Tagen, in denen ich nochmals Kraft für die kommende Zeit tankte, blieben 44 Tage bis zur ersten schriftlichen Prüfung, lange genug, um den ganzen Stoff der Vorklinik zu lernen und zu wiederholen.

Ich habe mit den „Endspurt-Skripten“ gelernt und gleichzeitig mit „AMBOSS“ gekreuzt, eine Kombination, die mir sehr gut gefallen hat! „Endspurt“ hatte ich teilweise schon in der Vorklinik verwendet, sodass ich mit dem Aufbau der Skripte sehr vertraut war. Wenn dennoch etwas unklar war oder meines Erachtens Themen nicht ausführlich genug erklärt wurden, habe ich dies in „AMBOSS“ oder in den Vorlesungsfolien des entsprechenden Semesters nachgeschaut. Der Vorteil an „Endspurt“ ist die fachspezifische Aufgliederung, die man so auch in den Physikums Fragen findet und mir dadurch das Lernen erleichtert hat. Kommilitonen haben jedoch nur mit „AMBOSS“ gelernt und fanden den organspezifischen Aufbau sehr hilfreich für das Verständnis, da dadurch neue Verknüpfungen entstanden sind. Ich denke, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Bei mir war zusätzlich ausschlaggebend, dass ich gerne Markierungen und Notizen einfüge, dies war in „AMBOSS“ derzeit in dieser Form leider nicht möglich.

Den Lernplan hatte ich mir selbst zusammengestellt. Dabei hatte ich mich an einem Plan meiner Universität orientiert, die in gewissen Abständen Prüfungssimulationen in den einzelnen Fächern angeboten hatte. Dies war äußerst hilfreich. Man erhielt einen Einblick, wie eine Prüfung ablaufen kann und gleichzeitig konnte ich damit meinen Lernblock abschließen und meinen Wissenstand, gerade im Hinblick auf das mündliche Physikum, kontrollieren.

Nach diesem Plan habe ich nun jeden Tag bestimmte Themen in den „Endspurt-Skripten“ gelesen, was meist bis zum frühen Nachmittag dauerte. Danach habe ich noch die Themen des Vortages gekreuzt und einzelne Punkte wiederholt, sodass ich am Abend mit meinem Lernplan fertig war. Dadurch, dass ich den ganzen Tag gesessen bin, konnte ich es kaum erwarten, abends noch Sport zu treiben. Dazu traf ich mich stets mit einer Freundin, wodurch das Ganze gleich noch mehr Spaß machte.

Mit Routine …

Das Universitätsklinikum der Georg-August Universität in Göttingen, in dem sich auch die Mediziner-Bibliothek befindet.

Mir hat es immens geholfen, Routine in meine Tage zu bringen. Ich habe versucht, stets um dieselbe Uhrzeit in der Bibliothek mit dem Lernen zu beginnen, die Mittagspause mit Freunden in der Mensa zu verbringen und auch einen kleinen Spaziergang um das Klinikum einzubauen. Ebenso die gerade erwähnten Sporteinheiten. Danach hatte ich alles erledigt und konnte den restlichen Abend noch entspannen.

… und kreuzen, kreuzen, kreuzen …

Gerade zum Ende hin wird das Kreuzen immer wichtiger. Denn, wie man schnell feststellt, wiederholen sich die Inhalte oft und man erkennt die Schwerpunkte, die das IMPP setzt. Außerdem entdeckt man dadurch noch Wissenslücken und wiederholt den gelernten Stoff. Das Kreuzen der letzten Examina am Stück als Generalprobe gibt dann ein – hoffentlich – gutes Gefühl und man kann gut vorbereitet in die schriftliche Prüfung gehen.

Gut vorbereitet in das schriftliche Physikum!

Auch wenn ich am Beginn noch nervös war, so hat sich die Anspannung gelöst, sobald ich die ersten Fragen gekreuzt hatte. Die vier Stunden vergingen wie im Flug und waren für die Beantwortung der Fragen völlig ausreichend. Beim anschließenden Mittagessen mit Freunden wurde zwar über die eine oder andere Frage diskutiert, aber wir waren einfach froh, den ersten Tag geschafft zu haben.

Am Nachmittag konnte man seine Ergebnisse online eintragen und eine erste Einschätzung der Punktzahl erhalten. Dies hat mich für den zweiten Tag sehr beruhigt und gleichzeitig auch motiviert. Ich habe nichts mehr gelernt, lediglich ein paar kurze Notizen habe ich überflogen, mehr um mein Gewissen zu beruhigen, als dass ich daraus noch einen Lerneffekt gezogen hätte. Der nächste Prüfungstag lief dann schon äußerst routiniert ab und auch die Nervosität war um einiges geringer. Das Gefühl bei der Abgabe nach diesen vier Stunden war sehr erleichternd und auch wenn ich noch keine hundertprozentige Gewissheit hatte, dass ich bestanden habe, merkte ich, wie sich die ganze Anspannung der letzten Wochen löste.

Die mündliche Prüfung bestehen: Mit Protokollen und der Prüfungsgruppe

Die Lernmethode für den mündlichen Teil des Physikums war dann etwas anders. Dadurch, dass die Prüfung einige Tage nach der Schriftlichen stattfand, hatte ich genug Zeit, die Protokolle meiner Prüfer durchzugehen, einzelne Themen zu wiederholen und das Ganze mit meiner Physikums Gruppe durchzusprechen. Dies war immens hilfreich und machte zudem auch richtig Spaß. Endlich saß man nicht mehr alleine vor den Skripten, sondern konnte sich über die Inhalte auszutauschen und das Lernen mit schönen Aktivitäten verbinden.

Corona überschattet die Nervosität vor dem mündlichen Teil

Die letzten Tage vor der Prüfung haben sich sehr in die Länge gezogen. Man fiebert einfach nur dem Ende zu und freut sich auf den Moment, wenn man erfährt, dass man bestanden hat und man den „schlimmsten“ Teil des Medizinstudiums hinter sich hat. Bei mir kam hinzu, dass die Nervosität von den Umständen der Corona Krise überschattet wurde. Kommen der Lockdown und die Maskenpflicht? Kann man noch in den schon gebuchten und doch so verdienten Physikums-Urlaub fahren? Ich hatte mich so auf die Zeit nach dem Physikum gefreut und den Sommer geplant. Urlaub, Skifahren, Feiern und dann ein erstes interessantes Sommersemester in der Klink mit O-Phase, Medis und diversen anderen Veranstaltungen.

Ich hatte das Gefühl, dass die Welt anfängt still zu stehen und langsam fing ich an zu realisieren, dass nichts davon stattfinden wird und die „Lernisolation“ in eine Isolation ohne Lernen übergehen wird. Neben diesem machtlosen Gefühl begann das Bangen. Findet das mündliche Physikum überhaupt statt? Stündlich ereilten uns Meldungen über die derzeitige Lage. An anderen Unis sei das Physikum abgesagt worden, eventuell würde dies auch in Göttingen der Fall sein; die mündliche Prüfung findet sicher statt – nein doch nicht, weil sich Personen trotz des Corona Sicherheitsabstandes umarmt hätten… Es war einfach viel zu viel Aufregung in dieser Zeit, als dass man sich noch groß Gedanken um die eigentliche Prüfung machen konnte. Am Tag des mündlichen Examens auf dem Weg zum Anatomiegebäude habe ich mich deshalb einfach nur gefreut, dass ich die letzten Wochen nicht umsonst gelernt hatte und ich jetzt die Möglichkeit bekomme, die Prüfung abzulegen und hoffentlich auch zu bestehen.

Die Prüfung selbst war, meiner Meinung nach, tatsächlich relativ entspannt. Wir haben mit Histologie angefangen, danach folgte Anatomie, für die wir in den Präpsaal gingen. Biochemie und auch Physiologie waren beides machbar, obwohl kurzfristig ein Prüferwechsel stattfand. Schlussendlich haben wir alle bestanden und uns einfach nur gefreut, dass wir es geschafft haben und nun endlich den ersten Teil des Studiums hinter uns lassen können.

Mein Resultat …

Das Physikum nochmal machen, möchte ich auf keinen Fall. Aber ich kann Euch sagen, es ist tatsächlich nicht so schlimm, wie man oft hört. Es ist wirklich machbar! Dadurch, dass man alle Themen intensiv in kurzer Zeit wiederholt, erschließen sich Abläufe und Thematiken besser, die man zuvor für eine Klausur vielleicht nur auswendig gelernt hat. Zudem kann man zwischen all den Inhalten Verknüpfungen aufbauen. Das Gefühl, endlich die komplexen Zusammenhänge zu verstehen, ist wirklich unbeschreiblich. Aus meinen ersten Klinikerfahrungen kann ich Euch auch sagen, die meisten Inhalte werden jetzt vorausgesetzt und man kann das erlernte Wissen endlich anwenden.

… und ein Ausblick in die Zukunft

Der Zentralcampus der Georg-August Universität in Göttingen in voller Kirschblüten Pracht

Corona macht das erste klinische Semester leider nur halb so schön, aber umso mehr freue ich mich auf den Herbst, wenn hoffentlich die Lehre wieder einigermaßen normal verläuft. Leider konnten viele Anteile des Untersuchungskurses deshalb auch nicht stattfinden, aber umso größer ist die Vorfreude auf meine Hausarztfamulatur in den Semesterferien.

Wenn alles gut läuft und die Corona-Pandemie einigermaßen unter Kontrolle bleibt, werde ich nächsten Februar/März eine Famulatur in Australien machen, worauf ich mich schon sehr freue! Meiner Meinung nach ist es wichtig, über den Tellerrand hinauszublicken und so viel wie möglich aus seiner Studienzeit mitzunehmen. Dazu gehören für mich auch Auslandserfahrung und Einblicke in andere Kulturen und Gesundheitssysteme.

Ich wünsche Euch allen viel Durchhaltevermögen in der Vorklinik und in der Physikums Vorbereitung! Ihr schafft das!

S., L.

Göttingen, Juni 2020

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