PJ in Essen – Chirurgie – Allgemeinchirurgie und Gefäßchirurgie

28. April 2022

in Allgemeinchirurgie, Chancen in Deutschland, Fachgebiet, Gefäßchirurgie, Praktisches Jahr in Deutschland

Nordrhein-Westfalen, Essen, Universitätsklinikum Essen (17.05.-11.07.2021)

Nachdem ich mein M2 Examen endlich in der Tasche hatte, ging es für mich gleich los in mein intensives und lehrreiches erstes PJ-Tertial in der Chirurgie. Acht Wochen verbrachte ich hier im „Maximalversorger des Ruhrgebiets“, dem Universitätsklinikum Essen (UKE). Danach erwartete mich in einem kleinen Schweizer Spital, dem Spital Zofingen, sogleich der direkte Kontrast. Im Folgenden möchte ich berichten, wo was für mich den Unterschied ausmachte und was ich während dieser Zeit lernen durfte. 

M2 Examen geschafft! Das PJ konnte beginnen!

Schon seit meiner Immatrikulation freute ich mich auf den ersten Tag meines PJ. Noch viel mehr tat ich das, nachdem ich aufgrund der Coronapandemie Maßnahmen nahezu das ganze letzte Jahr meines Medizinstudiums keinen Fuß in die Klinik mehr setzen durfte. Mit der Chirurgie zu beginnen, war zudem mein Wunsch, da mir dieses Fachgebiet durchaus Freude macht. Auch hatte ich schon einige Erfahrungen in Auslandsfamulaturen, so z.B. in der Chirurgie an der Cleveland Clinic in den USA, sammeln können, die mir auch hier den Einstieg erleichterten. 

Ich denke, dass es ratsam ist, sein erstes Tertial mit dem Fachgebiet zu belegen, das einem zwar gut liegt, jedoch nicht dem späteren Fachwunsch entspricht, da man so Zeit für einen entspannteren Einstieg in das Praktische Jahr bekommt und sich damit auch für sein Wahlfach einarbeiten kann. Für mich war dies genau die richtige Reihenfolge: Chirurgie, Wahlfach, Innere Medizin. 

Universitätsklinikum Essen – Mein PJ-Tertial in der Chirurgie

UKE – Blick auf die Zentrale Notaufnahme Süd, welche alle chirurgischen Notfälle aus der gesamten Region aufnimmt.

Während ich am Universitätsklinikum Essen (UKE) war, hatte ich zwei höchst unterschiedliche Rotationen. Zunächst begann das Tertial mit einer Einführungswoche der Fakultät, in welcher alle PJler*innen zusammenkamen, die ihr erstes Tertial am UKE verbrachten. Hier wurden viele praktische Inhalte zur Vorbereitung auf unseren Einsatz aus den letzten Semestern wiederholt; beispielsweise Reanimationskurse, das Anlegen von Thoraxdrainagen oder aber auch das Besprechen von klinischen Fällen mit den entsprechenden Oberärzt*innen der Abteilungen. Hernach setzte sich dieser Kurs über das Tertial hinweg einen jeden Mittwoch fort und zwar in einem jeweils zweistündigen Kurs. 

Das Universitätsklinikum Essen selbst ist, wie oben erwähnt, ein Haus der Maximalversorgung. Mit insgesamt 27 Kliniken und 24 Instituten versorgt es rund 53.000 stationäre und 172.000 ambulante Patient*innen jährlich. Mit fast 1.300 Planbetten ist es das größte Klinikum des Ruhrgebiets und zudem auch auf Platz 17 des deutschlandweiten Krankenhaus-Rankings (siehe „Focus-Magazin“, Klinikvergleich 2022). Der Schwerpunkt des Klinikums liegt in der Onkologie, das UKE ist eines der größten Transplantationszentren Europas, der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immuno- und Infektiologie sowie Ophthalmologie, u.a. seit 40 Jahren als eines der größten Retinoblastom-Zentren Europas.

Die Bewerbung für Essener Medizinstudierende läuft fakultätsintern, Studierende von außerhalb müssen sich über das Portal der Fakultät bewerben – dies ist eher eine Ausnahme unter den deutschen Universitätskliniken. Vergütet werden die PJler*innen am UKE mit einer monatlichen Aufwandsentschädigung von 500.- Euro, hinzu kommt das ehemalige Essensgeld von 60.- Euro in Form eines geldwerten Vorteils, was steuerlich betrachtet natürlich vorteilhaft ist für jeden, der nebenbei noch arbeitet. Es gibt zwei gute und relativ günstige Mensen, ich habe mir aber stets eigenes Essen mitgebracht und konnte das im Mitarbeiterkühlschrank auf der Station lagern – für mich die beste Lösung für eine gesunde Stärkung in der Mittagspause.   

Mein PJ-Abschnitt in der Allgemeinchirurgie

UKE – Im Operativen Zentrum 2 sind die meisten chirurgischen Kliniken angesiedelt.

Meine erste Rotation war in der Allgemeinchirurgie (AC) auf einer Station mit dem Schwerpunkt Viszeralchirurgie und Leberchirurgie. Angegliedert war die direkt benachbarte AC-Intensivstation 1, die auch sehr viele Transplantationspatient*innen versorgt, welche vorher und nachher auf meiner zugeteilten Normalstation lagen. Regelmäßige Ultraschallkontrollen der transplantierten Organe gehörten also ebenso zu meinen Aufgaben wie auch die allseits unter PJler*innen bekannte Blutentnahme. Jedoch nahm diese Aufgabe keine überbordende Rolle an, wie man von vielen anderen PJler*innen hört und ich war stets nach etwa einer Stunde mit dieser Blutentnahme-Runde fertig, sodass ich bei anderen Aufgaben mitwirken konnte. 

Grundsätzlich lässt sich hierzu sagen, dass die Blutentnahme sicherlich keine Lieblingsaufgabe im PJ werden wird, doch ich denke, dass es elementar ist, diese Fähigkeit nach seinem Studium sicher – und auch sicherer als andere Krankenhausmitarbeiter*innen – zu beherrschen. Die Ärzt*innen sind nämlich stets diejenigen, die im Zweifel zu einer schwierigen Venenpunktion dazu gerufen werden, unabhängig davon, ob Berufsanfänger*in oder bereits Fachärztin/Facharzt. Außerdem freute es mich auch, hierüber die Patient*innen auf der Station kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen als auch deren Weg zu begleiten. So hatte ich einige Gespräche mit Patient*innen, die schlechte Nachrichten erhalten hatten. Bei einer Patientin mit einem Tumorrezidiv nach längerer Remissionsphase oder einem Patienten mit inoperablem Befund ist es wichtig, sich trotz vieler drängender Aufgaben Zeit zu nehmen und empathisch zu reagieren. Oft verbessert man den Tag dieser Patient*innen zumindest für einen kurzen Moment. 

Ich konnte auf dieser Station in vielen Operationen assistieren und habe den Alltag der Chirurg*innen intensiv begleiten können. Lange Operationszeiten waren an der Tagesordnung. Diese ergaben sich aus der Tatsache, dass die Uniklinik Essen ein sehr spezialisiertes Haus ist und für viele Patient*innen, die schon eine lange Krankengeschichte haben, oftmals „die letzte Wiese“ ist, wie es einer der Oberärzte einmal treffend ausdrückte. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Unterstützung sowie mein gezeigtes Interesse sowohl im OP als auch auf der Station geschätzt wurden. 

Zudem halte ich es für ratsam, in den ersten Tagen auf einer Abteilung einmal zu sondieren, welche Ärzt*innen offen sind, viel von sich aus zu erklären und zu zeigen, und mit welchen man eher erst etwas „warm werden muss“. Nicht vergessen sollte man zudem die Mitarbeiter*innen der Pflege und des Service-Teams auf der Station; sie können einem das Leben entweder schwer machen oder aber auch sehr, sehr viel leichter, wenn man mit ihnen gut kommuniziert. Ich denke, der allgemein bekannteste, aber doch unterschätzte Tipp, sich bei jedem neuen Aufeinandertreffen mit Namen und Funktion vorzustellen, wirkt Wunder. Zudem hatte ich mich bei manchen Mitarbeiter*innen lieber zweimal vorgestellt, sofern ich es vergessen hatte, statt jemanden auszulassen. Wenn man so viele neue Leute auf einmal trifft, ist es verständlich, dass man sich nicht alle Namen und Gesichter merken kann. Mit dem hilfsbereiten Stationsteam verstand ich mich wirklich gut. 

Auf der AC habe ich auch einen Assistenzarzt im 24h-Dienst begleitet. Wir waren zusammen auf der eigenen, aber auch auf fachfremden Intensivstationen, der Ambulanz und natürlich auch auf den Normalstationen. Eine Notfall-OP hatten wir an diesem Abend nicht. Dienste wurden hier mit einem freien Tag „vergütet“ und auch sonst war es recht unkompliziert möglich, freie Tage innerhalb des eigenen Kontingents, das durchs LPA vorgegeben wird, abzusprechen. Insgesamt war die zeitliche Belastung aber gut zu schaffen. Meine Arbeitstage dauerten in der Regel nur bis zirka 14:00 Uhr, selten länger. 

Mein PJ-Abschnitt in der Gefäßchirurgie

Nach etwa einem Monat, verbrachte ich den zweiten Monat auf der Sektion Gefäßchirurgie. Diese Rotation hatte ich mir auch explizit gewünscht, da ich diesen speziellen fachlichen Fokus, die Eingriffe, aber auch die hierzu nötigen interdisziplinären Therapiekonzepte mit der Angiologie, Radiologie und weiteren Partnern besonders interessant finde. Das Team gefiel mir hier auch besonders gut. Alle Assistenzärzt*innen der Abteilung waren bereits weit in ihrer Weiterbildung fortgeschritten und gaben mir eine intensive, vertraute und lehrreiche Betreuung. So wurde ich nicht nur auf den morgendlichen Visiten eingebunden, sondern auch explizit angefordert, bei OPs zu assistieren oder konnte in der Ambulanz spezielle Ultraschall-Kontrastmittel-Untersuchungen durchführen, was ich wegen meines Faibles für Bildgebung besonders spannend fand. Obendrein konnte ich in die häufig durchgeführten Portimplantationen mitkommen und hier nicht nur den Gefäßchirurg*innen assistieren, sondern viele Operationsschritte auch selbst unter Aufsicht durchführen, was mir viel Erfahrung mit dem „Handling“ der Instrumente und den einzelnen Organen und Geweben brachte.  Bevor oder während man das Chirurgie-Tertial hat, ist es sehr hilfreich, noch einmal das Nähen zu üben und den allgemeinen Umgang mit den Instrumenten, sodass dies möglichst sicher gelingt, wenn man dann gebeten wird, entweder die Hautnaht durchzuführen oder beim Instrumentieren zu assistieren.

Eine Situation, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war, als ich in der vorletzten Woche dieser Rotation bei einem soeben von der Intensivstation rückverlegten, frisch am Bein amputierten Patienten einen peripheren Zugang legen sollte, um ihn bei schwachen Blutdruckwerten zu infundieren. Aufgrund des so niedrigen Blutdrucks, Spastiken und des Zustands des Patienten – ich merkte, wie er zunehmend deliranter erschien – konnte ich aber keinen Zugang anlegen. Ich holte sofort die erfahrene Assistenzärztin hinzu, doch auch sie schaffte es nicht, einen Zugang zu etablieren. Zunehmend wurde die Lage für den Patienten aber ernster, bis wir beschlossen, eine Kanüle ultraschallkontrolliert in die Jugularvene zu legen, was schlussendlich gelang. Der delirante Patient wurde währenddessen immer wehriger und wir konnten nur durch fokussierte, ruhige Zusammenarbeit dem Patienten helfen. Ich habe in dieser Situation, in der wir beide ruhig in einer brenzligen Lage blieben und uns gegenseitig halfen, gelernt, wie wichtig Erfahrung und Fähigkeiten auf der einen, aber auch Besonnenheit und ein kühler Kopf entscheidend sind, um mit potenziell gefährlichen Situationen umzugehen. Ich habe diese Assistenzärztin wegen genau dieser Fähigkeit sehr geschätzt und viel von ihrem Vorgehen dabei gelernt. 

Es fallen mir auch noch weitere solcher Situationen ein. Einmal wurde ich vorausgeschickt, einen Patienten mit Herzinfarkt-Symptomen per EKG und Laborwerten zu untersuchen, ein anderes Mal stellte ich bei einer Ambulanz-Patientin eine zunächst versteckte venöse Blutung aus der OP-Wunde fest und musste zunächst allein die Blutung stoppen, bis die Hilfe kam. In all diesen Situationen kam meine angeforderte Unterstützung aber schnell herbei und konnte mit mir zusammen durch eben jene Besonnenheit, die das Handeln dieses Teams auf der Sektion auszeichnete, das Problem schnell lösen. Genau dies sind die Momente, in denen man am meisten lernt, man nicht nachdenkt, sondern funktioniert und schlussendlich an dieser Belastung wächst. Ich bin froh darüber, wie ich in diesem ersten Tertial meines PJs bereits gewachsen bin. 

So war auch das Splitting, für das ich mich in diesem Tertial entschieden hatte, ein guter Weg für mich. Ich habe in diesen Rotationen in der großen Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Essen immens viel gelernt und selbst durchführen dürfen. Dies setzte sich auch so fort, wie ich ja bereits aus meiner Zeit in der Schweiz erzählte, jedoch gab es hier einen ganz anderen Fokus der Behandler und ein völlig anderes Patientenkollektiv im größten Klinikum des Ruhrgebiets. Ebenfalls konnte ich durch das Splitten auch einen Blick aus der Perspektive der hiesigen Chirurg*innen gewinnen und diesen mit der Perspektive derer aus dem kleinen Schweizer Spital vergleichen. 

Mein Fazit

Bau der neuen Kinderklinik und Nuklearmedizin. Das UKE wächst zu einer der größten Kliniken Deutschlands.

Nach dem eigenen PJ wird man unweigerlich als Anfänger dastehen. Aber nicht jeder Anfänger gleicht dem anderen. Elementar, um ein guter Anfänger zu sein, ist es, nicht nur wissbegierig, kritikfähig und strapazierbar zu sein, sondern man sollte innerhalb seines letzten Jahres im Studium die Chance genutzt haben, die Perspektive möglichst vieler Fachrichtungen eingenommen zu haben. Diese Fachrichtungen sollte man dann zudem nicht als Dienstleister sehen, denen man die eigenen Patient*innen im besten Falle zuweisen kann; man sollte sie sehen als Partner, die die eigene Arbeit durch ihre Ergebnisse und Leistungen am Patienten deutlich erleichtern können. Mit diesem interdisziplinären Blick auf die Dinge kann man die Zusammenarbeit erleichtern, da man dann versteht, was die Kolleg*innen aus der anderen Abteilung nun von einem wissen möchten und was nicht. Verinnerlicht man diese Sichtweise, steht man beim Berufseinstieg zwar immer noch als Anfänger da, jedoch lernt man durch seinen Vorsprung und die gewonnene Erfahrung aus dem PJ viel schneller als manch anderer.     

Meine Zeit in der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Essen bewerte ich als sehr lehrreich! Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, nach meinem Studium in diesem Klinikum, wegen meines Berufswunschs jedoch in einer anderen Fachabteilung, anzufangen, da mich der Fokus und die Arbeitsweise in diesem Hause sehr anspricht. Einstellen muss man sich hier auf ein sehr intensives Arbeiten mit Patient*innen, die oftmals mehrere Erkrankungen mitbringen und auch nicht immer die vollständige Heilung erreichen können, wohl aber eine Verbesserung. Gerade deswegen schätze ich die Herangehensweise und jene genannte besonnene Stimmung, die das gesamte Kollegium dort an den Tag legt!

K., L.

Essen, November 2021 

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