Famulatur in Kumhausen – Allgemeinmedizin

23. Oktober 2020

in Allgemeinmedizin, Chancen in Deutschland, Deutschland, Fachgebiet, Famulatur in Deutschland, Land

Bayern, Kumhausen bei Landshut, Praxis Heidi Bauer (24. Juli – 23. August 2020)

Allgemeinmedizin ist spannend! Die wichtige Rolle des Hausarztes wurde mir erst bei dieser Famulatur bewusst! Sie zeigte mir, dass die Allgemeinmedizin mehr ist, als von den meisten angenommen wird und dass sie zudem sehr breit gefächert ist. Sie stellt einen immens wichtigen Teil der ärztlichen Basisversorgung dar und in keinem anderen Bereich hat man diese Bandbreite an Erkrankungen. 

Allgemeinmedizin ist spannend?!

Ja, wenn man es bei der richtigen Arztpraxis macht! Und diese habe ich gefunden! Für mich war klar, dass ich einen Teil des Sommers in meiner Heimat verbringen möchte. Freunde treffen, Zeit mit der Familie verbringen und die Nähe zu den Bergen für Wanderungen ausnutzen.

30 Tage in einer allgemeinmedizinischen Hausarztpraxis können sich ziehen. Man hört so einige Schauergeschichten davon. Man würde nur Arbeitsunfähigkeitsbestätigungen ausstellen, Rezepte unterschreiben und wenn man Glück hat, einen Verbandswechsel an einem diabetischen Fuß vornehmen. Ich kann Euch aber versichern, dass genau diese Anliegen nur die wenigsten Patienten während meiner Famulatur hatten. Aber was habe ich dann gesehen bzw. gelernt? So einiges und vor allem viel mehr als erwartet!

Die Stadt und die Praxis

Die Wahrzeichen Landshuts – Burg Trausnitz, St. Martin Kirche, das Ländtor und die Isar

Ich komme aus Landshut, einer mittelgroßen Stadt in Niederbayern. Die geographische Lage und die Zuganbindung sind perfekt. In weniger als einer Stunde erreicht man mit dem Zug München oder Regensburg. Ausflüge in die Berge, den Bayerischen Wald und an die Seen in Bayern sind ebenfalls an einem Tag möglich!

Landshut liegt an der Isar, hat eine wunderschöne kleine Innenstadt mit bunten Häusern und zahlreichen Cafés, Restaurants und Geschäften. Außerdem steht hier mit dem Kirchturm der St. Martin Kirche der höchste Backsteinturm der Welt. Mit über 130 Metern ist er ebenso der höchste Kirchturm Bayerns. Alle vier Jahre, die nächste wird 2023 sein, findet die „Landshuter Hochzeit“ statt. Ein historisches Fest, das über mehrere Wochen im Juni und Juli gefeiert wird. Es beruht auf der Erinnerung an die Heirat des bayerischen Herzogs Georg mit der Tochter des polnischen Königs im Jahr 1475.

Direkt vor den Toren dieser wunderschönen Stadt liegt nun die „Praxis Heidi Bauer“. Sie gehört zu der Gemeinde Kumhausen und wird deshalb schon zum Landkreis Landshut gezählt. Trotz dieser Stadtnähe ist es eine Landarztpraxis. Die Infrastruktur ist zwar noch sehr gut, die Busanbindung zur Stadt ebenso optimal, aber trotzdem kann man schon einen Unterschied zu Hausärzten in der Stadt erkennen.

Warum? Die Patienten sind primär aus kleinen Dörfern in der Umgebung, (ehemalige) Bauern aus den umliegenden Ortsteilen und sprechen alle Bayrisch. „Hallo“ heißt hier noch „Servus“ und „Griaß di“. Ebenso wird gefragt „Wia geht´s dan?“ oder „Wos foit da denn?“ und verabschiedet wird sich mit „Pfiat di“! Aber Bayrisch ist nicht nur die einzige Sprache, die hier gesprochen wird. Da die Praxis ein Flüchtlingswohnheim mitbetreut, wird nicht selten ein Gespräch auf Französisch oder Englisch geführt. Und wenn es aufgrund fehlender Sprachkenntnisse auf Seiten der Patienten oder Ärzten zu Barrieren kommt, schafft man es trotzdem mithilfe von Google Übersetzer, Händen und Füßen, eine erfolgreiche Behandlung durchzuführen!

Die Allgemeinarztpraxis besteht aus fünf Ärztinnen. Alle sind sehr nett und bemüht. Meine Famulatur fand gerade in der Urlaubszeit statt, sodass ich jede Woche mit verschiedenen Ärztinnen zu tun hatte. Dies empfand ich als großen Vorteil, da ich die unterschiedlichen Untersuchungsmethoden, Gesprächsführungen und Behandlungsschwerpunkte kennenlernen konnte. Tatsächlich würde ich auch jedem empfehlen, für eine Famulatur eine Arztpraxis mit mindestens zwei verschiedenen Ärztinnen/Ärzten zu wählen.

Meine Bewerbung

Blick auf Landshut

Ich hatte mich ca. acht Monate im Voraus beworben. Dazu hatte ich in der Praxis angerufen und anschließend eine E-Mail mit meinem Lebenslauf hingesendet. Da ich aus Landshut komme, musste ich nichts Weiteres organisieren. Die Praxis hatte ich aufgrund der sehr guten Rezensionen und einer Empfehlung gewählt.

Ein kleiner Tipp an dieser Stelle: die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns KVB vergibt jedes Jahr Stipendien für Landarztfamulaturen. Es genügt, ein Formular auszufüllen und am Anmeldetag schnell zu sein, denn die Förderungen werden in zeitlicher Reihenfolge vergeben. Dies gilt für alle Regierungsbezirke in Bayern!

Die erste Famulatur beim Hausarzt?

Die malerische Innenstadt von Landshut mit seinen bunten Häusern, zahlreichen Cafés und Geschäften

Es war meine erste Famulatur, die ich gleich nach meinem ersten klinischen Semester antrat. Für mich war dies eine sehr gute Entscheidung und ich würde auch jedem diesen Zeitpunkt raten! Denn nun konnte ich endlich die gelernte Theorie in die Praxis umsetzen. Hinzu kam, dass mein Untersuchungskurs aufgrund der Corona-Pandemie nur theoretisch stattgefunden hatte und mit Videos vermittelt wurde. Endlich konnte man selbst mit seinem Stethoskop und dem Reflexhammer an echten Patienten Hand anlegen. Nachdem sich die Herztöne bei den Kommilitonen immer physiologisch darstellten, war man hier plötzlich mit Herzgeräuschen konfrontiert! Die Ärztin erklärte mir immer genau, was ich hören sollte und schon bald konnte ich verschiedene Pathologien selbst erkennen!

Gerade dies ist der Punkt, warum eine Hausarzt-Famulatur am Anfang ein toller Einstieg in die medizinische Praxis ist. Die Ärzte haben (meist) Zeit, Einzelheiten genau zu erklären, vor allem auch, wie man richtig untersucht und was man noch verbessern kann.

Man kann hier sehr Vieles lernen!

Bei einer solchen Famulatur hat man zudem die Ruhe und die Zeit, Blutabnehmen perfekt zu lernen. Immer wenn Patienten zur Blutabnahme kamen und ich gerade Lust dazu hatte, konnte ich ins Labor gehen. Da die Patienten meist zwischen 8:00 Uhr und 9:00 Uhr hierfür einbestellt wurden, nutzte ich diese Stunde zur Übung und verbrachte erst die folgende Zeit mit den Ärztinnen. Die Arzthelferinnen gaben mir viele verschiede Tipps und Tricks zur Hand, sodass ich schon bald sehr erfolgreich im Blutabnehmen war.

Aber was wurde mir außer Blutabnehmen sonst noch beigebracht? So einiges! Körperliche sowie neurologische Untersuchungen, Anamnesegespräche, Sonographie und natürlich die korrekte Durchführung von Corona-Abstrichen und die dazugehörige Infekt-Anamnese. Ich durfte jeden Patienten mituntersuchen und auch zusammen mit der Ärztin die Anamnese machen. Auch bei der Sonographie bekam ich den Schallkopf in die Hand gedrückt und durfte bei dem einen oder anderen schlanken Kandidaten selbst die Untersuchung durchführen und versuchen, die Organe darzustellen. Natürlich konnte ich zudem das Impfen üben und im Zuge dessen bei diversen Impfberatungsgesprächen dabei sein. Diese Gespräche waren sehr lehrreich, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Unterhaltung mit (strikten) Impfgegnern hatte.

Neben diesen Tätigkeiten hatte ich ferner immer Zugriff auf die Patientenakten, sodass ich bei interessanten Krankheitsbildern oft deren Behandlungsverlauf und die diversen Arztbriefe las. Vorab wurde mir auch stets ein kurzes Bild des Patienten vermittelt und warum er heute vorstellig werde. Die Ärztin stellte mir die Erwartungen an das Gespräch dar und zeigte auf, was man bei diesem Patienten eventuell besonders beachten müsse. Nach dem Gespräch mit dem Patienten wurde mir stets erklärt, warum sie eben diese Verordnung vorgenommen habe und was ihre Einschätzung oder ihr Verdacht sei. Oft entstanden daraus sehr interessante und lehrreiche Gespräche und Diskussionen.

Sehr spannend war für mich der Besuch in einer Tracheostoma Wohngemeinschaft, die von der Praxis betreut wurde. Hier konnte ich der wöchentlichen Visite beiwohnen und so eine weitere Seite der hausärztlichen Versorgung kennenlernen.

Ein typischer Tag in der Hausarztpraxis

Mein Arbeitstag mit den Ärztinnen begann gegen 8:30 Uhr, außer ich kam für Blutabnahmen bereits eher, und endete stets gegen 13:00 Uhr. Die Nachmittage waren für mich fakultativ. Hier hatte ich die Möglichkeit, ab und an bei Hausbesuchen oder Visiten in einem der betreuten Altenheime dabei zu sein.

Die Vormittage waren sehr spannend und abwechslungsreich. Babys erhielten diverse Vorsorgeuntersuchungen, es wurden Check-ups durchgeführt, hier konnte man die körperliche Untersuchung immer sehr gut und ausführlich üben, und es wurden chronische Erkrankungen behandelt. Zudem wurden viele Patienten mit den verschiedensten akuten Beschwerden vorstellig. Ebenso wurden Verbandswechsel durchgeführt, Insektenstiche, Zeckenbisse sowie allergische Reaktionen behandelt und sogar Platzwunden genäht.

Mein Fazit

Die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge über der Isar sind einmalig!

Falls ich nach dem Ende meines Medizinstudiums den Weg in die Allgemeinmedizin einschlagen sollte, meine Famulatur hat mich auf alle Fälle nicht davon abgeschreckt, sondern eher viel mehr dazu ermutigt, könnte ich es mir sehr gut vorstellen, in dieser Praxis zu arbeiten. Das Team ist sehr nett, ich wurde mit offenen Armen empfangen und habe mich immer willkommen gefühlt! Die Ärztinnen haben einen tollen Umgang mit den Patienten, sind fachlich top und machen sich wirklich Gedanken zu jedem einzelnen Patienten. Es herrscht keinerlei Hektik und Stress in dieser Praxis und für jeden Patienten wird sich stets sehr viel Zeit genommen. Oftmals führt dies zu längeren Wartezeiten, aber das nehmen die Patienten in Kauf, da sie wissen, dass auch sie die Zeit bekommen, die sie für ihre Anliegen benötigen.

Genau dies ist nämlich ein sehr wichtiger Punkt in der hausärztlichen Versorgung. Nicht jedes Anliegen ist gleich ersichtlich und oft verstecken sich hinter harmlosen Symptomen komplexe Probleme, die nur mit Fingerspitzengefühl, Erfahrung und professioneller Einschätzung nach und nach ersichtlich werden. Natürlich können beispielsweise Rückenschmerzen auch andere Ursachen haben, aber sehr häufig tauchen im Gespräch Hinweise auf eventuelle Probleme im Job oder Familienleben auf. Nur durch feinfühliges Nachfragen kann die Ärztin dem Patienten so die Antworten nach und nach entlocken. Mir wurde erst bei dieser Famulatur die wichtige Rolle des Hausarztes bewusst. Er stellt nicht nur den Berater in medizinischen Angelegenheiten dar, vielmehr ist er ein Vertrauter, der Einblick in alle Lebenslagen erhalten kann, wenn er sich die Zeit für den Patienten auch nimmt.

Die Hausarztpraxis, in der ich famulierte, hat ein sehr breites Leistungsspektrum, zudem auch die psychosomatische Grundversorgung gehört. Dies kann ein Faktor gewesen sein, warum es viele Patienten gab, die genau mit dieser Art von Problemen zu den Ärztinnen kamen, aber genau deshalb war diese Famulatur so lehrreich und spannend für mich.

Es zeigt, dass die Allgemeinmedizin mehr ist, als von den meisten angenommen wird und zudem ist sie sehr breit gefächert. Sie stellt einen immens wichtigen Teil der ärztlichen Basisversorgung dar und es geht um viel mehr als Arbeitsunfähigkeiten und Rezepte ausstellen. In keinem anderen Bereich hat man diese Bandbreite an Erkrankungen. Man braucht ein sehr breites Wissen und auch die Fähigkeit, Symptome richtig einzuordnen. Ein harmloser blauer Fleck kann sich mithilfe der richtigen Anamnese plötzlich als Leukämie herausstellen. Aber natürlich nicht jeder blaue Fleck bedeutet Leukämie. Genau diese Differenzierung macht eine gute Ärztin, einen guten Arzt aus. Nämlich eine gründliche Untersuchung, jedes Symptom ernst nehmen und gleichzeitig in verschiedene Richtungen denken.

Die Abwechslung bei den Patienten aus jungen und alten Menschen, die Vielfältigkeit der Beschwerden und das breite Spektrum an Erkrankungen prägen den spannenden Tag eines Allgemeinmediziners. Das Schöne ist auch, dass man Patienten oft über eine lange Zeit betreut und manche sogar von der ersten Untersuchung als Neugeborenes bis zu dem Zeitpunkt, wenn sie selbst als Elternteil mit ihren Babys wiederkommen.

S., L.

Göttingen, Oktober 2020

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