PJ in der Schweiz – Anästhesie

31. März 2022

in Anästhesie, Chancen im Ausland, Fachgebiet, Land, Praktisches Jahr im Ausland, Schweiz

Schweiz, Solothurn, Bürgerspital Solothurn (06.09.-26.12.2021)

Mein ursprünglicher Plan war, jeweils ein Tertial in der Schweiz, in den USA und in England zu absolvieren. Aufgrund der COVID-19 Situation musste ich umplanen und entschied mich dafür, alle drei Tertiale in der Schweiz zu absolvieren. Nachdem ich mein erstes Tertial in der Allgemeinchirurgie am Kantonsspital Frauenfeld absolviert hatte, ging es für mich in die Anästhesie am Bürgerspital Solothurn. Und auch hier wurde es dank dem Team der Anästhesie, das mich sehr freundlich aufgenommen, mir sehr viel erklärt und gezeigt hat, eine wirklich gute Zeit!

Die Schweiz – Ziel und Motivation!

Schlitteln auf dem Weissenstein – dem Hausberg Solothurns. Ein mega Spaß
Schlitteln auf dem Weissenstein – dem Hausberg Solothurns. Ein mega Spaß

Das PJ in der Schweiz ist dafür bekannt, Medizinstudierende direkt in den Stationsalltag zu integrieren und sehr großen Wert auf die Lehre zu legen. Zudem ist der Personalschlüssel der Pflege und der Ärzte deutlich größer, bei besserer Ausbildung. Davon hatte ich mir erhofft, möglichst viel in der Anästhesie an theoretischen und vor allem praktischen Inhalten zu lernen. Die Bewerbung am Bürgerspital Solothurn hatte ich ca. ein Jahr vor Beginn des Praktischen Jahres eingereicht.

Die Stadt Solothurn wirbt damit, die schönste Barock-Altstadt der Schweiz zu sein. Zudem fließt die Aare direkt durch die Stadt und der Hausberg ist der Weißenstein im Juragebirge.

Die Anreise

Angereist war ich direkt von Frauenfeld im Thurgau, wo ich mein Tertial in der Chirurgie am Kantonsspital Frauenfeld verbracht hatte. Die Bahnverbindungen in der Schweiz sind erstklassig. Vom Bahnhof in Solothurn kann man direkt mit dem Bus zum Bürgerspital hochfahren. Eine Anreise mit dem Auto ist ratsam, da man so besser preiswert einkaufen und sich besser die Gegend anschauen kann. Die Autofahrer können sich für ca. 40 CHF pro Monat einen Parkplatz direkt vor dem Wohnheim des Spitals sichern.

Das Bürgerspital Solothurn

Das neue Bürgerspital in Solothurn - Inbetriebnahme Mai 2021
Das neue Bürgerspital in Solothurn – Inbetriebnahme Mai 2021

Das Bürgerspital Solothurn ist ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Bern. Es hat acht OP-Säle und bietet außer Augenoperationen, Herzchirurgie und einer größeren Neurochirurgie fast alle Operationen an. Damit hat das Krankenhaus die Facharzt-Weiterbildungsberechtigung A. Diese geht grob von A bis C und gibt an, welche Weiterbildungszeit in dem Spital absolviert werden kann. Zudem kann damit im Groben die Größe der Klinik abgeschätzt werden.

Das Schweizer PJ-Äquivalent sind Unterassistenten. Der Arbeitstag begann um 7:00 Uhr, bereits umgezogen in blauer Bereichskleidung im OP, und dauerte in der Regel bis ca. 17:00 Uhr, bis alle Patienten für den nächsten Tag prädiziert waren und der Operationsplan besprochen war.

Die Arbeit auf der Anästhesie war traditionell dreigeteilt in Prämedikation, den OP und die Arbeit als Notarzt. In all diesen Bereichen wollte ich praktische Erfahrungen sammeln.

Den Großteil meiner Unterassistenzzeit in der Anästhesie hatte sich im OP abgespielt. Als Unterassistent erhielt man 1.700,- CHF Gehalt, von denen 380,- CHF für die Unterkunft abgezogen wurden. Auf meinem deutschen Konto waren pro Monat ca. 1200,- Euro netto verblieben. Damit gehörten die Solothurner Spitäler zu den am besten bezahlenden Kliniken in der Schweiz für Unterassistent*innen.

Nach Möglichkeit aß die Anästhesie mittags zusammen in der Kantine. Das Essen war sehr gut und kostete ca. 9-10.- CHF. Meistens hatte ich mir das Mittagessen jedoch vorgekocht mitgebracht und dann in den zur Verfügung gestellten Mikrowellen warm machen können.

Mein PJ-Tertial in der Anästhesie am Bürgerspital Solothurn

  • Im OP

Die Anästhesie in Solothurn nahm grundsätzlich immer nur einen Unterassistenten auf. Dieser wurde im OP wie ein junger Assistenzarzt eingesetzt. Da die Pflegekräfte hier sehr gut ausgebildet waren und auch u.a. Arterien selbst legten, wurde man meist direkt von diesen ausgebildet. Hierbei waren die Pflegemitarbeiter*innen den Mediziner*innen das erste Jahr haushoch überlegen, da ihr Studium recht praktisch orientiert war.

Die Oberärzt*innen waren sehr freundlich und alle Ärzt*innen, bis auf den Chefarzt, durfte man duzen. Die Oberärzt*innen hatten ein großes Interesse daran, den Unterassistent*innen etwas beizubringen, was manchmal in einen kleinen Kurzvortrag mit interaktivem Abfragen ausartete. Dies geschah nach Absprache mit der Pflege und dem zugeteilten Oberarzt, da man dann nahezu alles machen konnte – von Intubieren, bis Spinale stechen und Arterien legen. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass z.B. rapid sequence induction and intubation (RSIs) nur von erfahrenen Pfleger*innen/Ärzt*innen durchgeführt werden müssen. Bei Patient*innen mit Reflux wird dies standardmäßig in Solothurn durchgeführt. Grundsätzlich wurde von einem erwartet, dass man Narkosen, wie monitored anesthesia care (MAC), Spinalanästhesien und auch einfachere Intubationsnarkosen selbstständig durchführen konnte, sofern man länger als zwei Monate Erfahrung hatte.

  • Prämedikation

Die Prämedikation begann jeden Tag um 13:00 Uhr. Dabei wurde im Patientengespräch herausgearbeitet, welches Anästhesieverfahren das Beste für den jeweiligen Patienten sein würde, welche Risiken die Narkose bot und wie mit den Medikamenten der Patient*innen bezüglich der Narkose umgegangen werden sollte. Hierzu wechselte der Dienst bei den Assistenzärzt*innen täglich. Der 13:00 Uhr-Dienst begann und je nachdem, wie die Lage im OP war, kamen mal mehr, mal weniger Assistenzärzt*innen und Oberärzt*innen dazu.

Als Unterassistent*in übernahm man nach einer exzellenten Einarbeitung durch die verantwortlichen Ärzt*innen erst zusammen im Team, später allein eigene Patient*innen. Bei Fragen zur Narkose stand jederzeit das Team aus Assistent*innen, Oberärzt*innen oder leitenden Ärzt*innen gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Wenn alle Patient*innen prämediziert waren, wurde der Operationsplan des nächsten Tages mit den leitenden Ärzt*innen – und oft mit dem Chefarzt – durchgesprochen und die Narkosen und Installationen (DK, Arterie, NIRS C- MAC, etc. …) am Patienten angepasst.

  • Fortbildungen am Bürgerspital Solothurn

Wöchentlich gab es Vorträge, am Mittwoch von 7:00 Uhr bis 7:30 Uhr von der Pflege, der Assistenz und den Oberärzt*innen. Am Donnerstag, von 6:45 Uhr bis 7:30 Uhr, gab es extra für die Assistenzärzt*innen eine Fortbildung. Zudem gab es jeden Monat von einem der Oberärzt*innen eine Fortbildung. Sofern noch weiterer Bedarf an Fortbildungen bestand, durften Unterassistent*innen immer an den interdisziplinären Vorträgen der IPS von 13:00 Uhr bis 14:00 Uhr teilnehmen.

  • Das Team der Anästhesie

Das Team der Anästhesie am Bürgerspital Solothurn hatte mich sehr herzlich aufgenommen. In der Anästhesie sind die Hierarchien noch um einiges flacher als sonst schon in der Schweiz üblich. Die Narkosen werden – bis auf die Einleitung und Ausleitung – unter Rücksprache mit den Oberärzt*innen selbstständig durch die Pflegekraft durchgeführt. Die Assistenzärzt*innen machen, bis auf die Peridural- und Spinalanästhesie sowie die Planung der Anästhesie, sehr ähnliche Tätigkeiten wie der Pflegebereich. Die Assistenzärzt*innen werden vor allem das erste Jahr über vom Pflegepersonal angelernt.

Die Assistenzärzt*innen haben mir sehr viele Medikamente erklärt und beispielsweise beigebracht, arterielle Zugänge zu legen. Die Oberärzt*innen haben, sobald sie in den Operationssaal gekommen sind, oft einen kleinen Privatvortrag zur malignen Hyperthermie oder Narkose mit Propofol gehalten. Ich wurde auch zu diversen Anlässen außerhalb der Klinik eingeladen, wobei Unterassistent*innen immer zu Bier und diversen anderen Dingen eingeladen wurden.

  • Einsätze beim Rettungsdienst, mit dem Notarzt und IPS

Als Unterassistent*in der Anästhesie hatte man auf Nachfrage die Möglichkeit, ein paar Tage beim Rettungsdienst mitzufahren. Dieser hat in der Schweiz sehr viele Kompetenzen. Dieser kleine Exkurs ist sehr empfehlenswert, um die präklinische Notfallversorgung kennenzulernen. Nebenbei bot sich die Gelegenheit, die Umgebung von Solothurn zu erkunden. Die Einsätze waren sehr vielseitig, von Verdacht auf Myokardinfarkt über Gebietsverlagerungen (Verlegung des Teams an einen anderen Standort), bis hin zu Zwangseinweisungen in die Psychiatrie mit der Polizei.

Zudem bestand die Möglichkeit, mit dem Notarzt zu Einsätzen zu fahren. Das Einsatzspektrum war hier ähnlich divers, von Verdacht auf Myokardinfarkt über O2- Sättigungsabfall im COVID-Testzentrum, bis hin zu Verbrühungen bei einem Kleinkind, zu dem wir die REGA (Luftrettung der Schweiz) rufen mussten.

Als Unterassistent*in der Anästhesie hatte man die Möglichkeit, zwei Wochen auf die Intensivstation zu rotieren. Auch hier wurde ich herzlich ins Team aufgenommen. Hier konnte ich die anspruchsvolle Versorgung der COVID-Patient*innen nachvollziehen, Patient*innen mitbetreuen und einen guten Eindruck vom Arbeiten auf der Intensivstation gewinnen.

Die Unterbringung

Als Unterassistent*in war man im Personalhaus untergebracht. Die Zimmer waren recht spartanisch eingerichtet und kosteten 380,- CHF – mit Gemeinschaftsküche und gemeinsamem Badezimmer; mit ca. acht anderen Personen zusammen. Mit inbegriffen waren frische Handtücher und Bettzeug, welches alle zwei Wochen gewechselt wurde. Die Küche war nicht mit Geschirr- und Küchenutensilien ausgestattet. Günstig konnte man sich in der Brockenbude (Sozialkaufhaus) damit eindecken. Das Wohnheim bot die perfekte Gelegenheit, andere Unterassistent*innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich kennenzulernen und ggf. etwas zusammen zu unternehmen.

Solothurn, der Kanton Solothurn und die Schweiz

Blick über die Aare auf die berühmte Barock-Altstadt Solothurns
Blick über die Aare auf die berühmte Barock-Altstadt Solothurns

Die Stadt Solothurn bietet eine wunderschöne Altstadt, mit einer für die überschaubare Stadt großen und pompösen Kathedrale. Die Stadt verfügt über verschiedene Kinos, ein Theater, Schwimmbad und diverse andere Freizeitaktivitäten. Es ist empfehlenswert, sich beim Einwohnermeldeamt eine Willkommensmappe mit Gutscheinen abzuholen. Damit kann man Solothurn und die Umgebung für kleines Geld kennenlernen.

Die Umgebung um Solothurn ist ein Paradies für Wanderer und Rennradfahrer; der Fluss Aare lädt zum Stand-Up-Paddling ein. Im Winter ist Schlitteln auf dem Weissenstein, dem Hausberg von Solothurn, ein großes Vergnügen. Schlitten konnten für 10.- CHF pro Tag geliehen werden, eine Gondelfahrt mit Halbtax – Schweizer Bahncard 50 – kostete 9.- CHF.

Bern ist mit der Bahn ca. eine Stunde entfernt und lohnt sich sehr für den einen oder anderen Besuch. Die Hauptstadt der Schweiz bietet neben dem Bärenpark, diversen Kaffees, Bars und Museen eine wunderschöne Altstadt. Ansonsten kann man mit der Bahn perfekt die Schweiz erkunden und beispielsweise über ein Wochenende nach Genf fahren. Besonders gerne war ich im Kanton Berner-Oberland wandern und habe mir die schöne Stadt Thun angeschaut, die direkt am Thunersee liegt.

Wer viel mit der Bahn fahren will, sollte sich möglichst früh ein Halbtaxticket zulegen, um nur noch die Hälfte auf alle öffentlichen Verkehrsmittel zu zahlen. Hierzu zählen nicht nur Fernzüge, sondern auch Busse und Seilbahnen.

Gebühren Bürgerspital Solothurn

Die Anmeldung bei der Kantonsverwaltung wurde problemlos durch die Klinik bearbeitet. In meinem Fall, da ich schon im Kanton Thurgau für mein vorangegangenes Tertial gemeldet war, musste ich mich beim Einwohnermeldeamt anmelden. Hierbei waren keine Kosten angefallen und mir wurde ein Ausländerausweis der Kategorie L ausgestellt. Für den Parkplatz direkt vor dem Personalhaus wurden pro Monat 40,- CHF vom Gehalt abgezogen. Um sich die PJ-Bescheinigung von der Universität Bern ausstellen zu lassen, wurde eine Bearbeitungsgebühr von 50,- CHF erhoben.

Anrechnung des PJ-Abschnittes in der Schweiz

Für die Anrechnung des PJ-Tertials in Solothurn waren eine Äquivalenzbescheinigung sowie eine Bescheinigung über den absolvierten PJ-Abschnitt zu bescheinigen. Hierzu sollten die Dokumente aus der Universität Bern und des Heimat-LPAs in der Universität Bern eingereicht werden.

Und hier noch zwei Literaturempfehlungen zur Vorbereitung:

Mex das Mündliche Examen AINS – Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie, Elsevier Verlag, Januar 2018, Töpfer et al.

Danksagung und Fazit

Solothurn - Idyllische Schneelandschaft bei Sonnenuntergang auf dem Weissenstein
Solothurn – Idyllische Schneelandschaft bei Sonnenuntergang auf dem Weissenstein

Ich möchte mich herzlich bei Medizinernachwuchs.de für die finanzielle Unterstützung meines vorangegangenen PJ-Abschnittes in der Schweiz in Frauenfeld in Form eines Auslandsstipendiums und das freundliche Gespräch mit Herrn Christian Schuchert, Ärzteberater der Barmenia in Berlin, bedanken und bei Herrn Peter Karle, Chefredakteur von Medizinernachwuchs.de, für den sehr informativen Vortrag über Möglichkeiten, im Ausland Famulaturen und PJ-Abschnitte zu absolvieren.

Zudem danke ich dem Team der Anästhesie am Bürgerspital Solothurn, das mich dort sehr freundlich aufgenommen hat und mir sehr viel erklärt, gezeigt und mich machen lassen hat. Es war eine sehr gute und lehrreiche Zeit!

T., P.

Schweiz, Februar 2022

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