PJ in der Schweiz – Chirurgie, Viszeralchirurgie und Urologie

7. Mai 2021

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Schweiz, Zürich, Stadtspital Triemli (16.11.2020-10.01.2021)

Start ins PJ! Mein erstes Ziel sollte die Schweiz sein. Während meines Medizinstudiums hatte ich ja immer einiges von diesem Land gehört, denn die tollen Arbeitsbedingungen, die Bezahlung und das Teaching wurden von früheren Famulis und PJlern immer hochgelobt. Also dachte ich mir: „Da sollte ich hin.“ Bei mir wurde es schließlich das Stadtspital Triemli in Zürich.

Meine Gründe für ein PJ-Tertial in der Schweiz

Traumhafte Bergwelt in der Umgebung von Zürich

Das M2 Examen, der 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, lag nun hinter mir und man hatte nun etwa für fünf Wochen ein letztes Mal richtige Semesterferien, ein letztes Mal dieses studentische Gefühl von in den Tag hineinleben. Man war stolz, diese große Hürde erfolgreich bestanden zu haben und schloss innerlich nun ein wenig ab mit der Universität, was auch richtig ist, denn man wird von nun an keine Vorlesungen oder Seminare mehr besuchen. Der Klinikalltag wird nun der meinige sein, aber erst mal hieß es, fünf Wochen Berlin zu genießen.

Und nach diesen fünf Wochen des Entspannens sollte nun das Praktische Jahr beginnen. Ich hatte mich entschlossen, mit meinem chirurgischen Tertial zu starten und wollte jenes gerne im Ausland absolvieren. Zudem hatte ich mich dazu entschieden, dieses Tertial zu splitten und die eine Hälfte in Zürich in der Schweiz und die andere in Moshi in Tansania zu absolvieren. Man muss sagen, ich war insofern ein Beschenkter, da trotz der um sich greifenden Corona-Pandemie beide Auslandsaufenthalte möglich waren.

Die Gründe, warum ich nach Tansania ging, sind in meinem anderen Erfahrungsbericht zum PJ-Abschnitt am Kilimanjaro Christian Medical Centre genannt, aber jene, warum ich mich für die Metropole Zürich an der „Limmat“ entschieden hatte, will ich kurz ausführen. Man hörte ja immer einiges von der Schweiz, während man studierte. Tolle Arbeitsbedingungen, die Bezahlung und das Teaching wurden von früheren Famulis und PJlern immer hochgelobt. Also dachte ich mir: „Da sollte ich hin.“ Die Verheißung eines Bergpanoramas, guter Lehre, sowie einer finanziellen Entlohnung ließen mich ausziehen von der Charité, meiner Heimatuniversität, an der ich meine beiden letzten Tertiale absolvieren werde.

Meine Bewerbung

Organisatorisch war das PJ in der Schweiz alles kein Problem und sehr unkompliziert. Ich hatte mich rechtzeitig, etwa 1,5 Jahre im Voraus, beworben, aber auch kurzfristige Anfragen sind möglich und funktionieren gut, wie ich von meinen Mit-PJlern erfuhr. Bewerben ist hier zudem der falsche Ausdruck. Man fragt in der Wunschklinik nach einem Platz und falls einer vorhanden ist, bekommt man einen. Bei mir war es somit das Stadtspital Triemli in Zürich eher zufällig geworden. Ich wollte nämlich gerne nach Zürich, einer Stadt, welcher man ja neben dem landschaftlichen Premiumerlebnis auch einen Kulturreichtum nachsagt. Und so verließ ich für einige Wochen die quirlige Metropole Berlin und ließ mich im distinguierten Zürich oder wie der Einheimische sagt „Züri“ nieder, aber dazu mehr nun im folgenden Bericht.

Anreise nach Zürich

Blick auf den Zürichsee

Ich buchte also, immer noch erleichtert vom bestandenen M2 Examen, ein Flugticket von Berlin nach Zürich. An sich wollte ich mit dem Nachtzug reisen, doch fuhr jener nur zweimal pro Woche als auch leider für mich zu ungünstigen Zeiten und so entschied ich mich doch für das Fliegen. Immerhin hatte ich so die Gelegenheit, einmal von dem frisch eröffneten BER-Airport in Berlin abzufliegen, dem Flughafen, der Berlin zum Gespött der Welt gemacht hatte. An dieser Stelle der kleine Einschub über den BER. Dieser Flughafen ist leider ein wirkliches Trauerspiel! Wer die architektonische Raffinesse und Klasse vom Berlin-Tegel Flughafen (TXL) kannte, fällt in Trübsinn über den neuen Hauptstadtflughafen. Ein seelenloser Ort, ein wirklicher „Nicht-Ort“, um es mit den Worten von Marc Auge zu halten.

Ich stromerte also ein wenig ziellos durch diesen durch die Corona Pandemie gänzlich entleerten Ort und suchte meinen Flugsteig, der mich in das nahe, aber zu Zeiten einer Pandemie doch so ferne Zürich bringen sollte. Ich kam nachts an und landete in Zürich und man merkte schnell, dass die Schweiz ein Land ist, das entrückt ist, also sich ein Stückweit der Wirklichkeit entzieht. Es wirkte vom ersten Moment an alles so perfekt, alle wirken so freundlich, alles war so sauber, alles so geschliffen.

Ich fuhr vom Flughafen mit der Bahn, welche natürlich pünktlich und sauber vorfuhr, in das Stadtzentrum von Zürich und von dort weiter mit der Tram zum „Triemli“, dem Stadteigenen Spital.

Das Stadtspital Triemli in Zürich

Das Stadtspital Triemli in Zürich – Schweiz

Das Stadtspital Triemli gehört der Stadt Zürich, ist geschichtlich aus einer ehemaligen klinischen Bettennot entstanden und befindet sich zu den Füßen des „Uetliberges“, dem Hausberg der Stadt. Der erste Eindruck dieses Klinikums oder wie es hier richtig heißt, des Spitals, ist ein imponierender. Zürich ist eine wahnsinnig reiche Stadt und dies merkt man auch an dem Gebäude des Stadtspitals. „Think Big“ wäre wohl ein passender Ausdruck.

Das Klinikum ist ein sehr moderner Neubau, das alte Hauptgebäude wird derzeit direkt daneben aufwendig saniert. Man kann sagen, es handelt sich um einen Prestigebau. Alles glitzert und überall wurde wertiges Material verbaut. Die Treppen waren aus teurem Sichtbeton, die Fenster wellenförmig geschwungen, die Zimmer mit Designermöbeln bestuhlt, schicke Glasbausteine und Tageslicht-OPs, von welchen man den Zürichsee erblicken konnte.  Mein erster Eindruck war, dass es sich wohl eher um ein Bankhaus oder ein Hotel handelt anstatt um eine Klinik. Ich kannte solche „Prachtbauten“ nur aus meiner Zeit in den USA, wo ich einst an meiner Promotion forschte, doch dort war das Gesundheitswesen privatisiert und so erklärten sich die aufwendigen Gebäude. In Zürich war es einfach der Tatsache geschuldet, dass die Schweiz ein reiches Land ist, so reich, dass man sich teilweise wie ein Wirtschaftsflüchtling fühlte, aber dazu später mehr im Abschnitt Zürich.

Wohnen im klinikeigenen Wohnheim

Mein Zimmer im Wohnheim des Stadtspitals Triemli in Zürich

Bevor ich nun auf den Klinikalltag und die Aufgaben eines Unterassistenten an der Klinik eingehe, möchte ich kurz etwas zur Wohnsituation schildern. Neben dem Klinikgebäude findet sich ein kleines Hochhaus mit etwa 12 Etagen und in jenen befindet sich eine Seniorenresidenz sowie das klinikeigene Wohnheim, in dem man ein Zimmer für 330 Schweizer Franken im Monat mieten kann. Man kann zwischen einem großen und einem kleinen Zimmer wählen, allerdings sind die kleinen Zimmer alle charmanter und haben einen deutlich schöneren Blick als die großen, welche ausnahmslos auf das Klinikgebäude ausgerichtet sind. Pro Stockwerk befinden sich etwa 12 Zimmer, in welchen neben den PJler*innen auch Mitarbeiter*innen des Spitals wohnen, welche noch eine eigene bezahlbare Wohnung in der chronisch von Wohnungsnot gebeutelten Stadt suchen.

Im Zimmer gibt es einen eingebauten Kleiderschrank, ein Waschbecken, einen Schreibtisch und einen Sessel sowie ein Einzelbett. Auch ein kleiner Kühlschrank ist im Zimmer. Bad und Küche teilt man sich. In der Küche hat man zudem ein abschließbares Fach. Kurz, das Zimmer ist nicht aufregend und wirklich in die Jahre gekommen, doch für den Preis von etwa 330 Schweizer Franken im Monat kann man wirklich nichts sagen. Dies zumal die PJler*innen, die am Universitätsspital Zürich ein Tertial absolvierten, etwa das Doppelte für ihre Zimmer ausgeben mussten, ohne dabei mehr verdient zu haben. Allerdings gab es zu meiner Zeit Gerüchte, dass mit der abgeschlossenen Sanierung des Haupthauses das Wohnheim auch umziehen solle, dadurch sich aber auch die Miete deutlich verteuern würde.

Mein PJ-Abschnitt in der Chirurgie am Stadtspital Triemli

 

Blick auf das Stadtspital Triemli in Zürich

Zum Klinikalltag möchte ich sagen, dass man am ersten Tag sehr herzlich empfangen wird. Man bekommt eine offizielle Einführung, bei der auch Schnittchen gereicht werden, zudem gab es sogar kleine Geschenke für die Neuen, in meinen Fall war es eine Trinkflasche. Also eine herzliche Einführung! Man erhielt ferner seinen Dienstplan und ein Dossier mit den wichtigen Telefonnummern, sowie ein Diensttelefon und eine Mailadresse. Alles war organisiert und man musste sich selbst um wenig kümmern, wie ich es z.B. schmerzlich während meines Tertials an der Charité in Berlin erfahren musste, denn dort wusste niemand Bescheid, dass man kam.

Als Arbeitsvolumen am Triemli waren 42 Wochenstunden vereinbart, was mit 950 Schweizer Franken vergütet wurde. Da man jedoch auch Rufbereitschaft, Nachtdienst und Wochenendschichten hatte, konnte man das Gehalt auf etwa 1.300 Schweizer Franken pro Monat steigern.

Der größte Unterschied zum chirurgischen Tertial in Deutschland dürfte wohl sein, dass man zumindest am Stadtspital Triemli keiner festen Station zugeteilt war, sondern durch die gesamte Bandbreite der chirurgischen Fächer rotierte, welche folgende umfasste: Notfallpraxis, Rettungsstelle, Visceralchirurgie, Herzchirurgie sowie Urologie und Orthopädie. Im Dienstplan wurde man dann immer etwa für zwei Wochen auf einer Station eingeteilt, was bedeutete, dass man auf Stationen aushelfen sollte, auf denen man Hilfe brauchte, was im Allgemeinen recht wenig war, da Flexülen und BEs ausschließlich von der Pflege gemacht wurden und auch das Patientenmanagement übernahm viel nervige Arbeiten, die sonst von einem PJler bzw. Unterassistenten gemacht werden.

Dafür ist hier das EKG schreiben und die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index (ABI) ärztliche Tätigkeit, was somit in mein Aufgabenfeld fiel. Je nach Station und Assistenzarzt durfte man auch die Aufnahmen machen oder die Arztbriefe schreiben. Letzteres machte ich immer ein wenig ungern, weil das Stadt Triemli ein sehr bescheidenes Computerprogram hatte. Besserung war versprochen, aber in welcher Klinik ist es das nicht?

Primär aber war man im Saal, im „OPs“, wie es hier heißt. Da man ein eigenes Telefon hatte, wurde man dann angerufen und musste binnen 15 Minuten eingewaschen am Tisch stehen, was mitunter den Mittag schon manchmal in fernsehgleichen, hektischen Szenen daherkommen ließ. Im OP war es zudem immer spannend. Man durfte selten wirklich vieles selber machen, sodass sich meine Tätigkeit viel auf Hakenhalten etc. bezog, aber Fragen waren an sich immer gern gesehen und wurden beantwortet. Falls man nicht in den OP gerufen wird und somit den Tag auf der jeweiligen Station verbringt, empfiehlt es sich, ein Fallbuch o.ä. mitzunehmen und ein wenig darin zu stöbern. Da man in der Schweiz keinen Studientag hat, wie etwa in Berlin, sind die ruhigen Minuten, in denen man nichts zu tun hat, und die gibt es im Stadtspital Triemli mehr als anderswo, gut genutzt und man kann sein Wissen im Selbststudium ausbauen. Ich fand dies immer ganz schön, da man so noch die Möglichkeit hatte, mal was nachzulesen oder einen Kaffee zu trinken. Einige mochten diese Zwangspausen nicht, ich fand sie jedoch eher von Vorteil, wenn man sie zu nutzen wusste.

Der Vorteil, dass man durch die ganzen chirurgischen Disziplinen rotierte, war natürlich der, dass man recht viel sah. Vom koronaren Bypass bis hin zur distalen Radiuskopffraktur oder Prostatektomie, also ein bunter Strauß. Der Nachteil dabei liegt auf der Hand. Das jeweilige OP-Team kennt einen nur flüchtig und das private Gespräch oder das Namenmerken kam eher selten vor. Man war schließlich bald wieder weg und eine andere Unterassistentin bzw. ein anderer Unterassistent kam. Mich störte das nicht allzu sehr, wer aber im PJ auf Station den großen Anschluss sucht, ist sicherlich falsch am Stadtspital Triemli. Als Entschädigung hierfür gibt es die ganze Armada an anderen PJler*innen, welche auch ein Diensttelefon haben und mit denen man sich sehr gut für eine kurze Kaffeepause etc. zusammenfunken konnte. Es fühlte sich teilweise so an, also ob man eine kleine „Partisanengruppe“ im Stadtspital Triemli wäre, was durchweg ein schönes Gefühl war. Ebenfalls gab es trotz Corona jeden Tag Fortbildungen. Jene für die Chirurgie waren leider ein wenig spärlich, aber in der Inneren Medizin gab es jeden Tag welche und wenn man auf seiner Station Bescheid sagte, konnte man sich für jene auch immer absetzen und ihnen beiwohnen.

Spannend waren zudem die Dienste in der Rettungsstelle. Je nach Ärztin/Arzt durfte man auch den Erstkontakt übernehmen, was im Allgemeinen bei internistischen Erkrankungsbildern sicher ein wenig mehr Knobeln ist als in der Chirurgie, in der man seine Nähfähigkeiten wirklich sehr gut erweitern konnte. So durfte ich an sich immer alle Platzwunden versorgen und wurde dadurch zu einem ganz passablen Näher, was sicherlich ein gutes Rüstzeug ist, egal in welchem Fach man später arbeitet.  Der Arbeitsort Rettungsstelle ist zudem immer ein spannender. Man weiß nie, was der nächste Fall sein wird und man erlebt eine förmliche Verdichtung von Leben, örtlich als auch zeitlich.

Zu empfehlen am Stadtspital Triemli sind also die Rettungsstelle sowie die Visceralchirurgie und die Urologie. Hier durfte man immer viel machen und sah besonders spannende Fälle. Wenn es sich vermeiden lässt, dann würde ich nicht in die Herzchirurgie oder im Falle einer geplanten Rotation, auf welche man eigentlich keinen Einfluss nehmen kann, würde ich meinen Urlaub in dieser Zeit nehmen. An dieser Stelle der Hinweis: Es standen einem bei einer Dauer von 16 Wochen am Stadtspital Triemli neun Tage Urlaub zu, welche bei einem halben Tertial auf vier freie Tage abgerundet wurden. Die Führung der Herzchirurgie ist völlig anachronistisch und an der Spitze steht ein unangefochtenes göttliches Bild eines Chefarztes. Die Oberärzte sind zwar nahbar und nett, doch eigentlich interessiert sich niemand für einen und man erhält nicht mal das Minimum an Einführung in die Station. Nach der Frühbesprechung verschwanden bspw. alle in unterschiedliche Richtungen und keiner bemühte sich, einem irgendetwas zu zeigen, geschweige denn den Weg.

Ein großes Lob gilt dafür der Mensa. Das Essen kostet für Mitarbeiter zwar etwa 8-12 Schweizer Franken, ist dafür aber immer von sehr guter Qualität und man sitzt sehr angenehm. Wenn man zudem bis nach 13:45 Uhr wartet, kann man sich über die App „Too Good to Go“ für die Hälfte des Preises Essen abholen, allerdings mit eingeschränkter Wahlfreiheit.

Das Gehalt am Stadtspital Triemli kann man sich monatlich in bar auszahlen oder, falls vorhanden, auf ein Schweizer Bankkonto überweisen lassen, was bei mir keiner machte. Das letzte Gehalt wurde ohne Probleme auf das Deutsche Bankkonto überwiesen. Auch werden Überstunden bezahlt und es gibt Dienstfahrräder (E-Bikes), welche man sich kostenlos ausleihen kann.

Zusammenfassend lässt sich über das Stadtspital Triemli sagen, dass hier die Patientenversorgung nahezu geräuschlos verläuft. Die Klinik ist finanziell so gut ausgestattet, dass es an Ausstattung nirgends mangelt, was man spätestens nach einer Woche alles als selbstverständlich hinnahm. Umso größer der Schock dann, wenn man an eine deutsche Uniklinik kam, an der die CT-Anforderungen noch gefaxt werden müssen. Auch gab es für kleinere Probleme immer einen Ansprechpartner*in, wodurch einem innerhalb von zwei Tagen immer suffizient geholfen wurde. Ich habe zwar kein chirurgisches Tertial in Deutschland absolviert, doch habe ich von Freunden*innen deren Erfahrungen gehört und ich muss sagen, im Vergleich dazu habe ich wohl mehr operative Verfahren und Behandlungskonzepte kennengelernt, als wenn ich nur auf einer Station gewesen wäre. In meiner Zeit am Stadtspital Triemli hatte ich zwar teilweise das Gefühl, dass ich zu wenig lerne und dass ich es für den Lernerfolg wohl besser gefunden hätte, länger auf einer Station zu sein. Doch nachträglich muss ich wohl sagen, dass es besser war, so häufig zu rotieren, da man doch wirklich viel sah und somit viele Pathologien einmal sehen und anfassen konnte. Das Stadtspital Triemli war für mich also ein wirklich gutes Startbrett in mein PJ-Leben.

Leben in Zürich

Auf zum Uetliberg – dem Hausberg von Zürich

Zürich ist eine Stadt, welche in meiner Heimatstadt Berlin ein wenig verschrien ist. Als reich und dekadent, als abgehoben und entrückt, so wird Zürich in meinem Freundeskreis gern gesehen. Ein Ort des Kapitals. Allerdings war auch kaum jemand, den oder die ich kenne, in Zürich. So war diese Stadt auch für mich bis dato ein Ort, den man aus den Rankings zur Lebensqualität kannte, natürlich immer auf dem Siegertreppchen. Auch kannte man sie nur aus Beschreibungen wie etwa aus dem Roman „Faserland“ von Christian Kracht oder aus Hochglanzmagazinen. Kurz, Zürich schien mir, bevor ich je dort gewesen war, ein befremdlicher Ort, doch genau jenen wollte ich gerne kennlernen, denn man sagt auch über diese Stadt am „Limmat“, dass es ein kleines Berlin sei, ein kultureller Hotspot. Ich freute mich also auf die Zeit, um entweder Klischees zu bestätigen oder mich eben von diesen zu befreien. So oder so, es war schon eine Weile her, dass ich die Alpen gesehen hatte und in Deutschland wurde gerade der nationale Lockdown wegen Corona ausgerufen und ein Winter im kalten Berlin, dazu noch im Ausnahmezustand, schien keine bessere Option.

Meine ersten Tage führten dann zu einem kleinen Kulturschock, da man sich ein Stückweit wie ein Wirtschaftsflüchtling fühlte. Die Preise für alles sind immens. Im Supermarkt kam mir dann neben den diversen Lebensstandard-Rankings auch eine weitere Kategorie von Ranking in den Sinn, nämlich jenes der Lebenshaltungskosten. Alles ist sündhaft teuer. Mit dem Studentenausweis waren die Vergünstigungen zwar spürbar, aber dennoch blieb das Gefühl der reinen Dekadenz. Ein Kinobesuch kostete so zum Beispiel 18 Schweizer Franken, ein Bier in der Bar und ich meine hier eher eine gemütliche Eckkneipe als eine aufgestylte Weinbar schlug mit 6-7 Schweizer Franken zu buche. Es ist hier angeraten, die Schweizer Franken einfach als Monopolygeld zu sehen, das macht einiges leichter.

Man kann in Zürich eine „KulturLegi Karte“ kostenlos beantragen. Das ist eine Karte, welche Personen mit geringem Einkommen erhalten. Für die Besitzer dieser Karte gibt es vergünstigte Supermärkte und auch sämtliche Kultureinrichtungen etc. sind dadurch stark vergünstigt. Allein für diese lohnt es sich schon, diese kostenlose Karte zu beantragen (www.kulturlegi.ch). In Sachen Kultur ist Zürich zudem eine Metropole von Weltrang. Es gibt tolle Museen, wie etwa das Kunsthaus oder die Kunsthalle Zürich. Ersteres hat tolle Wechselausstellungen und letzteres eine wirkliche ganz sensationelle Sammlung. Auch das Schauspielhaus Zürich ist bekannt und die Bar Szene der Stadt lädt wirklich zum Verweilen ein.

Am Wochenende gab es immer, etwas zu erleben und auch nach dem Dienst konnte man Zürich dank der doch angenehmen Übersichtlichkeit mit dem Fahrrad noch ein wenig erkunden. Ein Fahrrad ist zudem sehr lohnend. Ich würde empfehlen, eines mitzunehmen, da die öffentlichen Verkehrsmittel in Zürich, wie alles andere auch, einen arm machen und mit dem Rad wirklich alles gut zu erreichen ist. Im Notfall kann man sich an der Rezeption des Stadtspitals Triemli kostenlos ein E-Velo leihen, welches man jedoch bis spätestens 20:00 Uhr zurückgegeben haben muss.

Ebenfalls super ausgebaut ist das Schienennetz. An den Wochenenden in die Berge zu fahren, war kein Problem. Ebenfalls hatte ich eine wirkliche schöne Zeit dank der gemütlichen Wohnheims Atmosphäre. Es war ein wenig wie bei „Grey’s Anatomy“. Abends trank man ein Feierabendbier oder machte irgendwelchen Blödsinn, so muss man es zusammenfassen. Es hat nach dem Dienst immer Züge von einem Erasmus Aufenthalt gehabt, was aber überhaupt nicht negativ zu sehen ist. Es war eher schön, Leute um sich zu haben, die exakt am gleichen Ausbildungspunkt waren wie man selbst und die alle Lust auf die Klinik und Zürich hatten. Zum späteren Zeitpunkt im PJ-Abschnitt war man manchmal ein wenig PJ-Müde, doch die ersten Wochen waren sehr aufregend und das Ganze dann noch in einer fremden Stadt, wobei auch keine Erwartungen o.ä. aus dem heimatlichen Alltag an einen gestellt wurden. Man konnte sich sehr frei fühlen, das Erlebte gut mit den anderen verarbeiten und ein Stückweit zusammen erleben.

Was die finanzielle Seite betrifft, muss ich sagen, bin ich knapp hingekommen. Man darf nicht auf großem Fuß leben, aber mit den Überstunden in der Klinik ging sich das ganz gut aus. Sollte das Wohnheim am Stadtspital Triemli jedoch wirklich teurer werden, dann könnte es ein wenig eng werden. Ein Vorteil des Triemli gegenüber dem Universitätsspital Zürich ist zudem, dass es einen kostenlosen Fitnessraum gibt sowie dass der „Uetliberg“, der Hausberg Zürichs, direkt nebenan liegt, was ideal fürs Joggen und Spazieren mit Podcast war.

Organisation und Anerkennung des PJ-Abschnitts in der Schweiz

  • Etwa 1-2 Jahre im Voraus oder kurzfristig
    • Klinik für Viszeral-, Thorax- & Gefäßchirurgie
      Stadtspital Triemli Zürich
  • Bei einer Zusage bekommt man alle Dokumente recht zeitnah per Post zugesendet, was wirklich problemlos läuft. Zudem wird man gefragt, ob man ein Zimmer im Wohnheim möchte.
    • Zimmer ca. 330 Schweizer Franken/Monat
    • Endreinigung 100 Franken (obligat)
  • Anrechnung des PJ-Abschnittes
    • Man braucht eine Äquivalenzbescheinigung für seine deutsche Heimatuniversität. Man bekommt den auszufüllenden Bogen in sein Dienstpostfach und muss sich dann für 50 Schweizer Franken die Äquivalenzbescheinigung der Universität Zürich aufstellen lassen (geht auch postalisch).

Mein Fazit

In der Gemeinschaftsküche im Wohnheim des Stadtspitals Triemli

Abschließend möchte ich festhalten, dass ich Zürich als Stadt sehr genossen habe, sodass ich, obwohl ich meine Heimatstadt Berlin sehr schätze, mir widererwartend auch Zürich als Heimat für eine bestimmte Zeit vorstellen könnte. Es gibt ein junges Leben, voller Musik, Kunst und Austausch und dazu liegt die Natur so nah.

Das Stadtspital Triemli war für mich zudem ein guter Ort für die Chirurgie. Ich glaube ich hätte an einer Klinik in Deutschland weniger gelernt und dabei noch die Vorzüge des Neuentdeckens einer Mini-Metropole missen müssen. Im Triemli wird zwar auch nur mit Wasser gewaschen und ich hatte teilweise das Gefühl, dass die jungen Ärzte*innen nicht ganz so auf Zack waren wie vielleicht an der Uniklinik, doch wurde erklärt, wenn man proaktiv fragte und man konnte stets zu den hauseigenen Fortbildungen gehen. Auch sehe ich in den Triemli spezifischen Rotationen einen großen Vorteil, was einige jedoch als großen Nachteil empfanden. Ich denke, hier ist es einfach typabhängig.

Ich würde wieder ins Triemli gehen!

K., H.

Berlin, April 2021

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