Auslandssemester in Frankreich – Erasmus

20. Mai 2021

in Chancen im Ausland, Frankreich, Land, Studium im Ausland

Frankreich, Lyon, Université Lyon 1, Faculté de Médecine Lyon-Sud (07.09.20-04.04.21)

Über das Erasmus Programm meiner Universität hatte ich mich für ein Auslandssemester beworben und mich für Frankreich entschieden. Von den praktischen Erfahrungen an den Kliniken der Université Lyon 1, Faculté de Médecine Lyon-Sud, habe ich sehr profitiert. Ich kann nur jedem von Euch wünschen, dass Ihr die Möglichkeit habt, ähnlich gute Erfahrungen zu sammeln und Eure Chance ergreift, ins Ausland zu gehen. Trotz Corona Pandemie bedingter Änderungen habe ich jeden Tag in Frankreich genossen!

Entscheidung für ein Auslandssemester in Frankreich

Nachdem ich während meiner Schulzeit ein halbes Jahr im Ausland verbracht habe, welches mich sehr geprägt hat, war es mir sehr wichtig, auch die Auslandsangebote, die mir im Medizinstudium geboten werden, zu nutzen. Da ich mehr als nur eine Famulatur im Ausland absolvieren wollte, entschied ich mich für eine ERASMUS Bewerbung. Ich kann mir gut vorstellen, einen Teil meines Berufslebens bei einer Organisation wie „Ärzte ohne Grenzen“ zu verbringen. Daher war es mir wichtig, meine Französisch Kenntnisse und vor allem das medizinische Vokabular zu verbessern.

Nach etwas Recherche kam ich ziemlich schnell zu dem Entschluss, dieses in unserem schönen Nachbarland Frankreich zu tun. Immer wieder wurde in den Erfahrungsberichten von dem dort stark praxisorientierten Studienmodell berichtet, was meine Vorfreude noch erhöhte. Und ein kleiner Spoiler vorab: Ich kann nur zustimmen, dass dieses Modell meine medizinischen Fähigkeiten unglaublich vorangebracht hat!

Als ich mir darüber Gedanken machte, wie ich den Aufenthalt in Frankreich zusätzlich zu der ERASMUS Förderung finanziere, fiel mir ein, dass ich auf der Suche nach Erfahrungsberichten im Internet auf der Seite von Medizinernachwuchs.de eine Ausschreibung für ein Auslandsstipendium gesehen hatte. Ich bewarb mich und war überglücklich, als ich eine Zusage bekam. Dies hat mir einiges sehr erleichtert.

Vorbereitung auf mein Auslandssemester

Besuch auf der Museumsinsel im modernen Stadtviertel La Confluence von Lyon

Angefangen mit der Planung hatte ich etwa eineinhalb Jahre vorher, ich war aber auch sehr früh dran. Wie gesagt, stand Frankreich für mich schon lange ganz oben auf der Wunschliste. Ich habe mich bei dem ERASMUS Programm meiner Universität beworben, da somit bei erfolgreicher Bewerbung die Studiengebühren übernommen werden würden. Darüber hinaus würde dies die Kommunikation, die Anrechnung meines Auslandssemesters als auch die Finanzierung erheblich vereinfachen als bei einem selbst organisierten Aufenthalt.

Danach kam die Wahl der Stadt. Da ich sehr gerne in eine etwas größere Stadt in Frankreich und außerdem die Nähe der Berge ausnutzen wollte, fiel meine Wahl schließlich auf Lyon. In Lyon gibt es zwei Medizinische Fakultäten: Lyon Sud und Lyon Est. In Lyon Sud hat man sechs Wochen Vollzeit Praktika in zwei verschiedenen Fachbereichen, jeweils also drei Wochen. In den meisten Fachbereichen muss man allerdings nicht jeden Tag kommen, da man ein „Planning“ mit den französischen Medizinstudenten macht. Das Ganze im Wechsel mit sechs Wochen Kursen ohne Anwesenheitspflicht. Diese waren bei mir Corona bedingt alle online, weswegen ich nicht allzu viel davon berichten kann. Für mich war die Aufteilung in Lyon Sud sehr praktisch.

Für das Bürokratische, was in Frankreich gerne mal etwas mehr Zeit braucht, als wir es gewohnt sind, gibt es in Lyon Sud eine sehr gute online Broschüre, die einen durch den Papierkram leitet. Auch der Kontakt zu der zuständigen Auslandskoordinatorin lief einwandfrei und sehr freundlich per E-Mail. Um meine Sprache wieder etwas aufzupolieren, hatte ich das Semester zuvor einen Sprachkurs bei uns an der Universität belegt. Außerdem hatte ich mir das Taschenbuch “Französisch für Mediziner”, erschienen im Elsevier Verlag besorgt, was ich immer in der Kittel Tasche dabeihatte und welches einem erlaubte, schnell mal einen Begriff – teilweise mit Bildern – nachzuschlagen

Ich hatte eine Haftpflicht Versicherung fürs Ausland und habe darüber hinaus eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen.

Die Wohnungssuche

Spaziergang im 7ième Arrondissement von Lyon

Bei der Suche nach einer Unterkunft stand für mich fest, dass ich versuchen möchte, eine WG („colocation“) mit anderen französischen Studenten zu finden, da mir für die Sprache und das Kennenlernen der Kultur dieser Kontakt einfach sehr wichtig war. Was sich auch bestätigte, allerdings muss man bereit sein, etwas mehr zu zahlen als für die Wohnheime (durchschnittlich 500€ / Monat). Es lohnt sich, eine Förderung bei der CAF („Caisse d’Allocations Familiales“) zu beantragen, ein Wohngeld, was jedem Studenten, auch den internationalen, in Frankreich zusteht. Informiert Euch hierfür vorher schonmal in Deutschland, was Ihr alles braucht, so z.B. eine internationale Geburtsurkunde etc.

Es gibt ähnlich wie „WG-gesucht“ mehrere Portale in Frankreich. Ich habe meine WG über https://www.lacartedescolocs.fr gefunden. Die Studentenwohnheime sind wirklich wohnlich und mit etwa 350€ Miete sehr günstig. Allerdings kommt man dort eben meistens nur mit anderen ERASMUS Studenten in Kontakt. Nach meiner Erfahrung war es nicht einfach, mit den französischen Studenten in der Universität in Kontakt zu kommen, weil man sich im „Stage“ nicht sehr oft sieht. Daher ist eine WG ein optimaler Anschlusspunkt.

Ankunft in Lyon

Am Ufer der Rhône in Lyon

Die Zugverbindungen nach Frankreich sind wirklich optimal, sodass die Hinreise einfach war. Ich habe mir direkt zu Beginn ein gebrauchtes Rennrad gekauft. Lyon hat ein sehr gutes Metro-Netz, wer allerdings Spaß am Fahrradfahren hat, kommt so meiner Ansicht nach am schnellsten von A nach B. Die Fahrradwege sind größtenteils gut ausgebaut und nebenbei hat man einen unfassbar schönen Ausblick, wenn man die Ufer der Rhône entlangfährt.

Ich muss sagen, dass mir manchmal ein Auto für Wochenendausflüge gefehlt hat. Wenn man daher die Möglichkeit hat, ist dies eine Überlegung wert. Informiert Euch allerdings vorher über Parkmöglichkeiten. Ich bin zwei Wochen vor Beginn des Sprachkurses Ende August angereist, um mir die Stadt in Ruhe anzusehen und Sachen wie Metro Ticket, Sim-Karte, hier empfehle ich „free“ (http://mobile.free.fr ) etc. zu besorgen. Ich hatte den Sprachkurs gewählt, der eine Woche geht und war damit sehr zufrieden. Die Lehrerin ist sehr freundlich, gibt einem viele Tipps. Dieser Kurs ist zudem eine erste Anlaufstelle, um andere ERASMUS Studenten kennenzulernen und um vor allem etwas sicherer im medizinischen Vokabular zu werden

Leben in Lyon

Lyon am Zusammenfluss der Rhône und der Saône und seine Brücken

Lyon ist mit etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern nach Paris die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Es ist eine wahre Studenten Stadt mit vielen jungen Leuten aus zahlreichen Fakultäten und einem großen Angebot von Second Hand Läden, Cafés, Bars, etc. Aber auch kulturell hat die Stadt einiges zu bieten. Eines der Haupt Events ist das „Lichterfest im November“, welches ich wie zahlreiche andere Veranstaltungen wegen Corona leider nicht miterleben konnte.

Dafür habe ich die Zeit genutzt, um mir die umliegenden Regionen Frankreichs anzuschauen. Frankreich hat eine unendlich vielfältige und wunderschöne Natur. Mit dem Zug und der „Card Advantage Jeune“ für 20-26-Jährige kann man relativ einfach und ziemlich preiswert das Land bereisen. Der „TGV“ von „OUI.GO“, der in einem festen Netz einige der großen Städte anfährt, bietet Tickets für 10€.

Université & Stage

An der Université Lyon Sud gibt es zwei Kohorten, die sich mit ihren „Stages“ und Kurszeiten abwechseln. Ich hatte es so gewählt, dass ich zuerst sechs Wochen Kurs hatte, was mir mehr Freiheit geboten hat. Die „Stages“ waren meiner Meinung nach eine der besten Erfahrungen in Frankreich, da man wirklich gut eingebunden wird und viel klinische Erfahrung in vielen verschiedenen Bereichen mitnehmen kann. Ich habe mir eines der „Stages“ am Ende auch als Famulatur anrechnen lassen können. Informiert Euch vorher bei Eurer Universität bzw. dem jeweiligen Fachbereich, was wichtig für die Anerkennung in Deutschland ist.

Stage 1 – Plastische Chirurgie – Centre Hospitalier St Joseph St Luc

Jeder Anfang ist schwer und daher glaube ich, dass das erste „Stage“ für jeden eine Herausforderung ist. Hier ein paar Sachen, die eigentlich selbstverständlich sind, mir aber sehr geholfen haben:

  1. Stellt Euch allen vor! Je nachdem, wie gut die Organisation im jeweiligen Krankenhaus ist, ist man manchmal sehr auf sich alleine gestellt und man darf nicht erwarten, dass die Ärzte oder „Internes“ (Assistenzärzte) auf einen warten. Daher stellt Euch vor und hängt Euch zur Not an die Fersen eines Arztes. Diese sind es gewöhnt, dass „Externes“, also Ihr, ihnen nachlaufen. Das Pflegepersonal, auch im OP, ist meistens sehr nett und zuvorkommend, wenn sie wissen, wer Ihr seid.
  2. Eigeninitiative! Ich habe oft französische Studenten gesehen, die nur rumstanden und darauf gewartet haben, dass man sie auffordert. Erkundigt Euch, wenn Euch etwas Bestimmtes interessiert, fragt, ob Ihr nicht das anschauen oder machen dürft. So habe ich sehr von meinen Praktika profitiert und das Meiste herausgeholt.
  3. Keine Angst vor dem Französisch! Meine Sprachkenntnisse waren wirklich sehr moderat. Ich habe aber nur gute Erfahrungen gemacht, wenn ich trotzdem versucht habe, viel mit den Patienten zu kommunizieren. Die meisten waren sehr geduldig und hilfsbereit, obwohl sie ja die “Hilfsbedürftigen” sind.

Das Centre Hospitalier St Joseph St Luc ist ein etwas kleineres Haus in sehr zentraler Lage. Ich hatte das Gefühl, dass die gesamte Belegschaft einen sehr familiären Eindruck macht und dies zeigte sich auch im Umgang mit den Kollegen. Nach ein paar Tagen kennt man meist das ganze Team, was alles sehr viel einfacher machen kann. Das Team der plastischen Chirurgen ist durchschnittlich sehr jung, aber unglaublich nett und erfahren. Wir haben meist mit dem gesamten Team, einschließlich dem „Chef de Service“ (Chefarzt) zu Mittag gegessen. Auch von anderen Fachbereichen des Hauses habe ich ähnliche gehört.

Ich hatte dieses „Stage“ gewählt, weil in alten Erfahrungsberichten geschrieben wurde, dass man viel im OP assistieren dürfe. Ich muss sagen, dass ich immer nur zuschauen durfte und es wegen Corona generell ein sehr kleines OP-Programm gab. Es sind relativ viele „Externes“ für so einen kleinen Fachbereich und somit muss man sich immer ein wenig arrangieren. Sonst geht man zu den „Consultations“ (Sprechstunden) mit. Bei diesen kann man meistens praktisch auch nicht viel machen. Man hat allerdings die Chance, sich ein Bild von dieser diversen Fachrichtung zu machen – von Verbrennungen über Hand Chirurgie, Lappenplastiken bis hin zu klassischer Schönheitschirurgie. Die Ärzte waren, wie gesagt sehr nett, und haben einem viel erklärt. Ich würde dieses „Stage“ jedem empfehlen, der sich chirurgisch interessiert und einmal reinschnuppern möchte.

Stage 2 – Urgences (Notaufnahme) – Hôpital d’Instruction des Armées Desgenettes

Das Hôpital d’Instruction des Armées Desgenettes ist ebenfalls ein kleines und sehr familiäres Haus. Daher kamen hier eher harmlose Diagnosen zu uns. Dafür finden die „Internes“ gerne mal die Zeit, mit einem ein wenig Untersuchungen zu wiederholen. Dieses „Stage“ kann ich wirklich jedem empfehlen. Man sieht von allem etwas, darf Patienten komplett selbst übernehmen, soweit es eben geht, und übt nochmal sehr seine praktischen Fähigkeiten. Ich konnte meine „Anamnèses“ auf Französisch verbessern und habe vor allem von der selbstständigen Konversation mit den Patienten profitiert. Aber auch hier gilt: Eigeninitiative! Ich habe es leider ein paar Mal erlebt, dass man mit französischen „Externes“ da war, die einem versuchten, die Patienten weg zu schnappen – “weil man ja der Fremdsprachler ist”. Aber keine Angst, die meisten sind sehr nett. Während ich da war, gab es auch eine Notfall Simulation, an der ich teilnehmen konnte.

Stage 3 – Gynäkologie – Hôpital universitaire Lyon Sud

Als großes Universitätsklinikum ist das Hôpital universitaire Lyon Sud natürlich eines der größeren Kliniken, mit spannenden Fällen und großen Stationen. Das Team der Gynäkologie ist unglaublich freundlich und sehr motiviert zu unterrichten. Meiner Meinung nach mein bestes „Stage“. Anders als bei den anderen „Stages“, bei denen man zumeist jeden Tag im gleichen Bereich eingeteilt war, erhielt man hier zu Beginn einen Stundenplan, der die genaue Einteilung aller Medizinstudenten beinhaltete und jede Gruppe jede Woche auf einen neuen Bereich verteilte: Normale Gynäkologische Station und Sprechstunde – Kreißsaal – Wochen Bettler Station, hier hat man die Möglichkeit mit den Pädiatern die U1 zu machen – Geburtsvorbereitung – Sprechstunde der Hebammen – OP – Tumorboard – Notaufnahme.

Somit gewann man einen sehr breitgefächerten Einblick. Und bei den meisten Stationen wurde man sehr praktisch mit eingebunden. Die französischen Medizinstudenten machen „Gardes“ (24 Stunden Schichten), die für ERASMUS Studenten nicht Pflicht sind, die ich aber sehr empfehlen kann. Man wird einer Hebamme zugewiesen und ist tagsüber im Kreißsaal oder bei Kaiserschnitten. Ich konnte eine komplette Geburt mitverfolgen und sogar assistieren. Nachts ist man ebenfalls im Kreißsaal oder mit dem „Interne“ bei Notfällen. Bei der Sprechstunde wird man ebenfalls mehr eingebunden und darf meistens auch die gynäkologischen Untersuchungen selbst durchführen. Der Einsatzbereich und der Erfahrungswert sind also sehr groß!

Mein Fazit

Lyon am Zusammenfluss der Rhône und der Saône und seine Brücken

Trotz Corona Pandemie bedingter Änderungen habe ich jeden Tag in Frankreich genossen! Raus aus der Komfortzone, alleine in einer fremden Stadt mit anderer Kultur, Sprache und Leuten, bringt einen persönlich unglaublich weiter. Man hat immer wieder kleine Erfolgserlebnisse wie z.B. die erste gelungene Konversation, die Erkenntnis, wie schön die Stadt ist und was mich besonders gefreut hat, die erste gute Anamnese auf Französisch.

Und all dies lässt einen auch die anfänglichen Schwierigkeiten oder das Heimweh nach Zuhause vergessen. Wie ich schon am Anfang erwähnt habe, habe ich von der praktischen Erfahrung im Krankenhaus sehr profitiert. Ich kann nur jedem von Euch wünschen, dass Ihr die Möglichkeit habt, ähnlich gute Erfahrungen zu sammeln und Eure Chance ergreift, ins Ausland zu gehen.

S. Driesch

Marburg, April 2021

Stipendiatin der Auslandsstipendien 2020-2021

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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