Promotion zum MD/PhD in Deutschland – Vorbereitung für einen Beruf zwischen Klinik und Forschung

9. April 2020

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Nach meiner Arbeit zusammen mit anderen Studierenden meiner Universität an einem unabhängigen Forschungsprojekt stand für mich fest, dass ich langfristig gerne weiter in der Wissenschaft aktiv bleiben würde, auch nach meinem Medizinstudium. Ich war damals im 6. Fachsemester und es wurde Zeit, mich nach einer Doktorarbeit umzusehen. Fest stand für mich, dass ich mich gerne weiter auch in größtmöglichem Umfang mit der Forschung befassen wollen würde.

Motivation

Ich studiere seit dem Sommersemsester 2015 an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der dort praktizierte Modellstudiengang konfrontiert Studierende von Anfang des Studiums an mit äußerst viel Patientenkontakt, sodass die Vorklinik nicht komplett von naturwissenschaftlichen Themen überladen ist und ich dadurch meiner Ansicht nach auch die Möglichkeit bekommen habe, mich tiefergehend mit der theoretischen Materie auseinander zu setzen und echtes Interesse daran zu entwickeln. Daher bildete sich bei mir schon früh der Wunsch, mich langfristig auch praktisch mit biomedizinischer Forschung zu befassen.

Einstieg, Infos und persönliche Einschätzungen

Im 3. Semester begann ich mit einigen anderen Studierenden meiner Universität an einem unabhängigen Forschungsprojekt zu arbeiten, um damit am internationalen Wettbewerb für Biotechnologie (iGEM) des Massachusetts Institute of Technology in Boston teilzunehmen. Während dieser sehr lehrreichen Zeit machte ich mich praktisch mit vielen molekularbiologischen Grundlagen der aktuellen Forschung und der Organisationsstruktur von Forschungsprojekten vertraut.

Nach erfolgreichem Abschluss des studentischen Projektes stand für mich fest, dass ich langfristig gerne weiter in der Wissenschaft aktiv bleiben würde, auch nach meinem Studium. Ich war nun im 6. Fachsemester und es wurde Zeit, mich nach einer Doktorarbeit umzusehen. Fest stand für mich, dass ich mich gerne weiter auch in größtmöglichem Umfang mit der Forschung befassen wollen würde.

An dieser Stelle sei nun gesagt, dass das Promovieren zum Dr. med. mit einem ganz deutlichen Manko behaftet ist: Der Umfang der Promotion ist von Doktorarbeit zu Doktorarbeit extrem unterschiedlich. Es gibt sowohl Arbeiten, für welcheder Doktorand mehrere Jahre im Labor experimentell gearbeitet hat, als auch Arbeiten, die innerhalb eines Jahres statistischer Datenanalyse zusammengekommen sind. Beides ist meines Erachtens nach völlig legitim – jedoch bildet der Titel in der Regel nicht präzise und einheitlich den Anspruch der erbrachten Promotionsleistung ab. Dies vor allem sehr zum Nachteil der vielen Promovierenden, die sehr viel in ihre Arbeit investiert haben, denn der Dr. med. ist im Ausland nicht automatisch als vollwertiger PhD anerkannt und muss vor allem in den angloamerikanischen Ländern in mühevollen Verfahren anerkannt werden. Gleichwohl ist es jedoch in Deutschland für eine akademische Karriere sehr wichtig, den Titel zu tragen. Jeder, der also eine solche anstrebt, wirddemzufolge vermutlich so oder so promovieren.

Nun gibt es allerdings seit dem Jahre 2017 an der Charité eine neue Promotionsordnung, die für Studierende die Möglichkeit eröffnet, im sog. „Advanced Track“ zum MD/PhD zu promovieren. Den MD/PhD gibt es in den angloamerikanischen Ländern bereits seit den 1960er Jahren. Er wurde dort eingeführt, um regelmäßig Nachwuchs zu rekrutieren, welcher die sehr wichtige Brückenposition zwischen Klinik und Grundlagenforschung herstellt. Da die Forschung sich zunehmend internationalisiert und jemand mit längerfristigen Ambitionen auf eine akademische Karriere früher oder später auch Aufenthalte/Kooperationen im Ausland anstreben sollte, ist dieser Titel eine sehr attraktive Möglichkeit, um bereits früh die Voraussetzungen dafür zu erwerben und ein wissenschaftliches Netzwerk zu knüpfen.

Die Anerkennung ist international geregelt, da die Anforderungen sich in allen Ländern ähneln; sie entsprechen im Wesentlichen sehr den Anforderungen an einen Doctor rerum naturalium. Es werden drei Publikationen in Top Journals mit mindestens einer Erstautorenschaft erwartet. Ferner müssen in Promotionskursen studienbegleitend insgesamt 30 ECTS Punkte erworben werden. Auch an das Zulassungsverfahren der USA hat man sich angelehnt, denn es werden pro Semester nur etwa 10-15 Personen für den Advanced Track zugelassen. In einem zweistufigen Bewerbungsverfahren ist erst eine schriftliche Bewerbung und bei positiver Begutachtung danach eine mündliche Präsentation gefordert.

Die Bewerbung

Vor allem die schriftliche Bewerbung ist äußerst umfangreich.Gefordert sind ein detaillierter Arbeitsplan, ein dreiseitiges Exposé, Begründungen, warum man sich auf den Advanced Track bewirbt und eine ausdrückliche Empfehlung des Doktorvaters. Je nachdem, wieviel Material bereits in der Arbeitsgruppe vorhanden ist, kann die Erstellung der Bewerbung ein bis zwei Monate in Anspruch nehmen. Man sollte sich also auf jeden Fall nicht sehr kurzfristig für eine Bewerbung entscheiden, um gute Chancen zu haben. Da der MD/PhD eine Brückenposition eines forschenden Arztes darstellt, ist es in meinen Augen wichtig, dass man den translationalen Ansatz seines Forschungsvorhaben adäquat darstellen kann. Es sollte aus dem Exposé unbedingt hervorgehen, warum es wichtig ist, dass ein angehender Arzt dieses Thema beforscht – und nicht ein speziell biologisch ausgebildeter Grundlagenwissenschaftler.

Ich persönlich hatte mich mit einem Forschungsvorhaben aus der regenerativen Medizin im muskuloskelettalen Bereich beworben. In der Arbeitsgruppe hatte ich zuvor meine curriculare Hausarbeit verfasst und auch publiziert. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, die Arbeitsgruppe vorher kennen zu lernen und ein gutes Verhältnis zu den Betreuenden aufzubauen. Dies empfehle ich auch dringend jedem, der jedwede Doktorarbeit im medizinischen Bereich anstrebt, denn die Betreuung ist von inhärenter Bedeutung. Vorher sollte man also entweder durch ein Praktikum oder eine Hausarbeit schauen, ob die Chemie stimmt. Wenn eine Doktorarbeit scheitert, dann scheitert sie in den allermeisten Fällen an mangelnder Kommunikation zwischen Doktoranden und Betreuung. Aus diesem Grund ist es bei einem MD/PhD Projekt enorm wichtig, die Zusammenarbeit und das Projekt vorher auf Machbarkeit abzuklopfen! Im besten Falle hat man bereits eine Weile dort gearbeitet und sich mit allen Eckpunkten vertraut gemacht.

Die Zulassung zum MD/PhD

Im November 2018 wurde ich dann nach langer Bewerbungsphase zum MD/PhD zugelassen. Ich begann meine Arbeiten direkt mit einem Forschungsfreisemester. Um eine Arbeit in diesem Umfang abzuschließen, benötigt man mindestens ein, eher zwei Freisemester. An dieser Stelle sollte deutlich werden, dass es sich neben dem Studium um einen ganz immensen Mehraufwand handelt, den man nur eingehen sollte, wenn man für sich den persönlichen Benefit in einem internationalen Doktortitel sieht.

Sehr wichtig ist die präzise Planung der ECTS Kurse. Da es im Advanced Track kein vorgeschriebenes Curriculum gibt, sollte man sich jedes Quartal einen ganzen Tag Zeit nehmen und die Angebote seiner Universität bzgl. Promotionskursen studieren sowie sich einen Plan für die nächsten Monate zusammenstellen. Um kurz die Dimension vorzustellen: ein ganzer Tag Promotionskurs bringt in der Regel 0.5 ECTS Punkte. Die vorhandenen Angebote in Einklang mit dem Studium und den Laborpflichten zu bringen, ist auf jeden Fall eine Herausforderung, welche viel präziser Planung und langfristiger Selbstorganisation bedarf.

Trotz des großen Mehraufwandes neben dem Studium, bin ich sehr zufrieden mit der Zeitinvestition. Durch die enge Anbindung meines Forschungsschwerpunktes an die Klinik hatte ich die Möglichkeit, sowohl viele Forschende als auch Ärzte und Ärztinnen kennen zu lernen und dadurch viele neue Perspektiven zu bekommen. Die Möglichkeit, in diesem Umfang Forschung zu betreiben, wäre während der Assistenzarztzeit und bei eventuellen späteren familiären Verpflichtungen, in meinen Augen nicht denkbar.

Der MD/PhD gibt Medizinstudierenden also die Möglichkeit, langfristig eine wissenschaftliche Karriere vorzubereiten und sich notwendiges Wissen als auch Erfahrung anzueignen, mit Beginn der Assistenzarztzeit bereits ein realistisch durchführbares Forschungsprojekt zu planen und zu betreuen. Diese Fertigkeiten müssen ansonsten mühsam neben/nach dem sehr fordernden Klinikalltag erworben werden.

Weiterhin verbessert der MD/PhD in meinen Augen auch deutlich die Perspektive, in ein sogenanntes „Clinician-Scientist“- Programm aufgenommen zu werden. Diese Programme bieten Assistenzärzten an Universitätskliniken die Möglichkeit, bei voller Beschäftigung klinikfreie Forschungstage zu bekommen, um ihrer Wissenschaft auch die nötige Zeit widmen zu können. Sollte man während des Studiums bereits den erheblichen Mehraufwand des Advanced Tracks durchlaufen haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass man dadurch bei der Vergabe dieser Plätze besondere Beachtung findet.

Persönliches Fazit

Abschließend würde ich resümieren, dass ich jedem empfehlen kann, der eine spätere laborexperimentelle Tätigkeit neben dem ärztlichen Beruf plant, sich auf einen MD/PhD Platz zu bewerben. Der Mehraufwand neben dem Studium zahlt sich meiner Meinung nach mit der deutlichen Stressreduktion in der Assistentenzeit deutlich aus – man geht mit besten Startbedingungen und reichlich Erfahrung/Realismus an seine Aufgabe heran. Dies gilt allerdings wirklich nur dann, wenn man ernsthaft beabsichtigt, sich auch später der Wissenschaft zu widmen. Es ist natürlich weiterhin durchaus möglich, auch ohne diesen Titel eine glänzende ärztliche Karriere zu absolvieren. Man sollte es daher als optionale Wissenschaftsaubildung für die dahingehend Interessierten betrachten und auf keinen Fall als neuen Karrierezwang!

S., J.

Berlin, April 2020

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