PJ in Kolumbien – Allgemeinchirurgie

23. Januar 2020

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Kolumbien, Santiago de Cali, Hospital Universitario del Valle Evaristo García (19.11.2018-10.03.2019)

Wenn ich heute auf die Zeit in der „Trauma“ am Hospital Universitario del Valle Evaristo García in Cali zurückblicke, verspüre ich tiefste Dankbarkeit und eine Abfolge von Bildern und Eindrücken prasselt auf mich ein. Kolumbien war eine intensive Lernerfahrung. Jeder Tag bescherte mir eine Fülle von neuen Erkenntnissen, deren Erfahrungswert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Für mich war die Zeit in Kolumbien unheimlich bereichernd. 

Wie alles begann


La Guajira im nördlichen Zipfel Kolumbiens

Im Jahr 2015 kam ich durch das Programm der Ludwig-Maximilians-Universität „LMU Exchange“ für ein Austauschsemester an der Universidad del Rosario das erste Mal nach Bogotá. Die Konditionen waren damals für mich unerwartet hart, da ich nicht nur mit einer neuen Fremdsprache, sondern auch mit einem komplett anderen studentischen Leben konfrontiert war. 

Weil Medizinstudierende in Kolumbien für viele Krankenhäuser unentbehrlich sind, müssen sie ungleich mehr als deutsche Studierende in der Klinik arbeiten und sind wesentlich stärker in den klinischen Alltag eingebunden. Selbstständiges Arbeiten im Klinikalltag lernen sie zeitiger, weil sie auf eine Art Zivildienst („El Rural“) nach dem Studium vorbereitet werden, innerhalb dessen sie ein Jahr lang in ländliche Regionen gesandt werden, um in Krankenhäusern von niedrigeren Versorgungsstufen als Allgemeinärzte zu arbeiten. Sie müssen daher ein großes Spektrum an Wissen unbedingt beherrschen und bekommen deswegen bereits im PJ („El Internado“) mit dem Fokus auf Basiswissen unter anderem viele operative Fertigkeiten beigebracht.

Dieses Jahr hatte ich mich um ein Tertial in der Chirurgie am Hospital Universitario del Valle, dem Universitätsklinikum der Stadt Cali in Kolumbien, beworben. Ich erhoffte mir das Erlernen und Verfeinern praktischer Fähigkeiten, eine Vielfalt an medizinischen Fällen praktisch zu erfahren, eine gute Betreuung und die Entwicklung von Vertrauen in mein Arbeiten. 

Zweifel schwangen jedoch ebenfalls in meinem Vorhaben mit. Bin ich der Herausforderung mit meinem vor allem akademisch geprägten Wissen gewachsen? Werde ich aus den Monaten am Klinikum in Cali als ausländische Studierende gestärkt herausgehen? Vor der Zeit von November 2018 bis Ende Februar 2019 hatte ich großen Respekt, vertraute allerdings darauf, dass dies eine außergewöhnliche Chance darstellte, ein hohes Niveau an Praxis und klinischer Expertise mitzunehmen und mir einen Vorsprung für die Facharztausbildung zu verschaffen.

Bewerbung und Formalitäten

Das Hospital Universitario del Valle in Cali, Kolumbien

Vier Monate vor dem geplanten Zeitraum bewarb ich mich online. Gefragt waren ein Motivationsschreiben, ein Empfehlungsschreiben, welches einfach über das Dekanat angefordert werden konnte, ein Lebenslauf und ein Sprachnachweis, welchen ich durch das Zeugnis meines ersten Austausches ersetzen durfte. Drei Wochen nach Einsenden der Unterlagen kam die definitive Zusage. Es mussten nur noch ein negativer Tuberkulin-Hauttest und einige Impftiter (Hep A und B, Varizellen, MMR) nachgereicht werden. Mein Kontakt war Mónica aus dem International Office, sie stand mir allzeit mit Hilfestellung beiseite. 

Es wurde dringend empfohlen, mit dem „PIP2 Stempel“ einzureisen und dafür wurde ein Schreiben für die Migrationsbehörde in Kolumbien gesandt. Vor Ort musste ich zudem noch eine Auslandskrankenversicherung nachweisen und eine Haftpflichtversicherung der Universität abschließen. 

Finanziell wurde mein Vorhaben durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de unterstützt. Dafür möchte ich dem Team von Medizinernachwuchs.de an dieser Stelle herzlich danken!

Literaturempfehlungen

Laureano Quintero, der Professor der Rotation der Allgemeinchirurgie, hat einen Blog (https://laureanoquintero.wordpress.com/ ), auf dem man sich sämtliche Artikel aus seinem Buch herunterladen konnte. Vor allem für die Trauma-Rotation sind diese notwendig. Es gibt zudem krankenhausinterne Weisungen („Guías“), die ich für sehr nützlich halte!

La Vida en Cali – das Leben in Cali

Den „Caleños“ wird innerhalb Kolumbiens nachgesagt, sehr liebenswert zu sein, gerne auszugehen und vor allem Salsa zu tanzen. Zu Beginn lebte ich in einer Salsa-Schule auf dem Hügel des touristischen und bohemischen Viertels San Antonio. Sie heißt „Arrebato Caleño“, hat eine großartige Terrasse mit Blick über Cali und wer dort ein Zimmer bezieht, darf kostenlos an den Salsa-Gruppenklassen teilnehmen. Dies habe ich trotz des zweimaligen wöchentlichen Angebots insgesamt jedoch nur dreimal in der ganzen Zeit vor Ort geschafft, aber jedes Mal sehr genossen. Mein Zimmer kostete pro Monat 450.000 Pesos, das sind etwas weniger als 150 Euro. 

Lieblingsfortbewegungsmittel und in Cali sehr nützlich – mein Fahrrad!

Am dritten Tag in Cali kaufte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad. Es war federleicht, schwarz, wunderschön und wurde mir leider an Weihnachten, angeschlossen vor dem Klinikum, geklaut. Bis dahin fuhr ich allerdings täglich circa 10 Minuten mit dem Rad in das Krankenhaus. Der Rückweg dauerte meist 20 Minuten, weil ich den steilen Hügel wieder hinauffahren musste. 

Die weiße Uniform der Internos – trocknend in meinem Innenhof

Später bin ich umgezogen, weil ich tagsüber das Schlafdefizit der Nachtdienste kaum nachholen konnte. Der Salsa-Unterricht ging täglich gegen 9:00 Uhr morgens los und erweckte den Eindruck, als ob jemand heimlich in der Nacht direkt neben meinem Bett eine Box aufgestellt hätte. Das koloniale Haus, in das ich daraufhin einzog, war ruhig, hatte einen kühlen Innenhof mit vielen Pflanzen und vielen Moskitos. Das Wetter in Cali ist heiß und schwül; nicht einmal nachts wäre es mir eingefallen, einen Pulli zu tragen. Die tropischen Regenfälle dagegen können schon dafür sorgen, dass das Gelände um die Klinik überschwemmt ist.

In der Leichtigkeit der „sicheren“ und touristischen Viertel Calis erscheint es manchmal einfach, die Armut und die Disparität zu übersehen. Sie ist jedoch allgegenwärtig. Ich entschloss mich, jedem Menschen, der mich um Geld bat, etwas zu geben. Dies bugsierte mich jedes Mal durch die zwingende Frage, wie viel ich ihm oder ihr geben würde. Dadurch wurde mir nur noch mehr ins Bewusstsein gerufen, dass es egal war, welcher Betrag es war. Nichts auf dieser Welt konnte in diesem Augenblick etwas an der Absurdität der strukturellen Ungleichheit zwischen meinem Gegenüber und mir ändern.

Trauma y Violencia – die Allgemeinchirurgie

Urgencias am Hospital Universitario del Valle in Cali – Station und Notaufnahme zugleich

Insgesamt rotierte ich am Hospital Universitario del Valle Evaristo García der Universidad del Valle in Cali durch die Allgemeinchirurgie, die von allen nur „Trauma“ genannt wird, und kurz in die Kinderchirurgie und Neurochirurgie. Die wichtigste Rotation war die Allgemeinchirurgie. Ich könnte gar nicht sagen, wie oft ich aus einer Nachtschicht („El Turno“) kam und wenn mich jemand gefragt hat, wie es mir ergangen war, sagen musste: „Fue una locura“ – „Es war einfach völlig verrückt!“ Die zeitliche Belastung lag in der „Trauma“ bei entweder 54 Stunden oder 60 Stunden pro Woche, ohne Seminare gerechnet, und war damit die am besten organisierte Rotation. 

Der Dienst ging gewöhnlich von 7:00 Uhr bis 19:00 Uhr. Alle vier Nächte hatte man einen Nachtdienst, dieser begann um 18:00 Uhr und ging bis circa 8:00 Uhr. Den Tag bis zur Schicht bekamen wir dafür frei („Preturno“), ebenso den Tag nach dem Dienst („Postturno“).  Ohne Ausnahme gab es jedes Wochenende mindestens einen halben Tagesdienst, z.B. von 7:00 Uhr bis 13:00 Uhr. Vor dem Dienstbeginn gab es mittwochs, donnerstags und freitags jeweils eine Klasse beim Chef, Professor Laureano Quintero, von 6:00 Uhr bis 7:00 Uhr; in dieser durfte ausnahmslos niemand fehlen. Einmal wöchentlich musste ein wissenschaftlicher Artikel gelesen und zusammengefasst werden. Themen, die hier im Mittelpunkt standen, waren zum Beispiel: Behandlung bei abdominellem Trauma, Verbrennungen, obere gastrointestinale Blutung und so weiter. Der Fokus lag hier immer auf den wichtigsten Basics im Patienten-Management, nur selten wurden Details aus der Pathophysiologie erfragt.

Die Nachtschichten waren von Beginn an meine Lieblingsschichten. Die administrativen Aufgaben, die unheimlich viel Zeit verschlangen, waren hier geringer und es gab mehr Zeit für die Patienten. Im Saal, welcher zugleich Notaufnahme und Station war, lagen nicht nur Patienten der Viszeralchirurgie, sondern alle möglichen chirurgischen Notfall-Patienten, so z.B. aus der Unfallchirurgie, Neurochirurgie, plastischen Chirurgie, Augenheilkunde… Die 20 bis 40 Patienten, die zum Teil im Saal, im Korridor und in der „Reanimación“ lagen, wurden unter uns „Internos“ – vier bis sechs, je nach Gruppengröße – immer aufgeteilt. Die Assistenzärzte („Residentes“) gaben Anweisungen bei neuen Patienten, schauten über die meisten Aktivitäten und kontrollierten die tägliche medizinische Dokumentation („Las Notas“). Sie waren allerdings häufig im OP und der Großteil der Stationsarbeit für die Patienten musste zunächst durch die „Internos“ bewältigt werden. 

Wenn Oberärzte („Los Profes“) zur Visite kamen, mussten wir als Gruppe alle Patienten kennen, alle vorstellen können, samt ihres Hintergrundes und aktueller Medikation, egal ob sie aus der Allgemeinchirurgie oder einer anderen Fachrichtung kamen. Die Professoren arbeiteten sehr akademisch. Bei der Visite wurde viel gefragt, jedoch vor allem zu den Patienten der Viszeralchirurgie. Jeder „Interno“ stellte seine Patienten vor, der Professor kommentierte. Je besser ich den Patienten kannte, umso mehr konnte die Visite zum Wohl des Patienten genutzt werden. 

Wenn man die Notaufnahme so begreift, dass man volle Verantwortung für den Patienten hat und bei vielen Kleinigkeiten zunächst auf sich allein gestellt ist, dann ist die Visite eine sehr dankbare Chance, um Zweifel und Fragen auszuräumen, da die Professoren sehr klar und präzise in ihren Anweisungen sind. Bei jeder Visite standen zusätzlich eine Horde blau Uniformierte in einer Traube um die „Internos“ und „Residentes“ herum – die Studierenden aus dem vierten Jahr. Sie waren täglich vormittags da, gingen bei der Visite mit, untersuchten Patienten und halfen bei der medizinischen Dokumentation.

Es war einfach total verrückt. Momente, in denen unsere Gruppe selbst um 5:00 Uhr extrem gestresst war, weil wir bis 5:50 Uhr die Patienten für die nächste Schicht vorbereiten und interne Datenbänke fertigstellen mussten, damit wir rechtzeitig zur „Klasse“, also zum Unterricht, konnten. Ich hatte vielleicht neun Nachtschichten und konnte insgesamt in zwei davon eventuell 20 Minuten schlafen. Selbst wegen dieser zwanzig Minuten denke ich mit einem Schmunzeln und großer Dankbarkeit an eine Luftmatratze zurück, die in unserem Arbeitsraum in der Ecke als Schlaflager und Ausruheplatz diente.

Mein Blick zurück

Das Hospital Universitario del Valle in Cali, Kolumbien

Wenn ich jetzt auf die Zeit in der „Trauma“ zurückblicke, verspüre ich tiefste Dankbarkeit und eine Abfolge von Bildern und Eindrücken prasselt auf mich ein, von denen ich Angst habe, sie bald zu vergessen. Die irre Stimmung am Morgen in Cali, wenn wir erst um 7:00 Uhr auf der Station sein mussten – rosa angeleuchtete Wolken, die sich nur vage vom violett gefärbten Himmel abheben, der Geruch von „Pan de Bono“ am Morgen auf der Straße. Wie mir die Hände schmerzen, weil ich mit durchgedrückten Bremsen den Hügel von San Antonio auf meinem Fahrrad hinunterfahre; die Vorfreude auf meine Kollegen, die mich in vieler Hinsicht unterstützt und inspiriert haben. Um 3:00 Uhr morgens einen Notfall-Patienten in den Röntgensaal der Radiologie zu schieben und zu hoffen, dass jemand auf das Rufen und Klopfen reagiert. Kleinigkeiten, die irgendwann einfach normal geworden sind, so zum Beispiel mit meiner schlechten Handykamera Fotos von Röntgen-Aufnahmen oder Videos von CT-Schnitten zu machen, um diese dann in die gemeinsame WhatsApp Gruppe zu senden, damit die Assistenzärzte über die aktuellen Patienten informiert wurden. 

Verrückt auch, dass ich erst im Nachhinein realisiert habe, dass kein Dienst vergangen ist, in dem mir nicht mindestens ein Patient mit einer Schusswunde oder Messerstichverletzungen hereinkam. Wie mein Freund mich irgendwann einmal fragte, wie das eigentlich für mich sei, und ich feststellte, dass ich eigentlich gar nicht darüber nachdachte, sondern Dienst für Dienst konzentriert und in der Gruppe gemeinsam innere Checklisten durchging, um die wichtigsten Aufgaben und Fakten beisammen zu behalten und möglichst nichts zu vergessen. A wie Atemwege, B wie Breathing, Gott-sei-Dank hat er keinen Pneu. Mich zum wiederholten Mal darüber ärgere, dass es kein funktionierendes Pulsoxymeter gibt und ich eines suchen muss. C wie Circulation, wir haben ein Blutdruckmessgerät, das schon hunderte andere Patienten vorher benutzt haben, ohne dass es gereinigt wurde… D, Defizit… E, ich kann gerade nicht zählen, wie viele Messerstiche dieser Mann in seinem Thorax erfahren hat, aber es sind mehr als 20 und es wird lange dauern, sie alle zu reinigen und zu versorgen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und aller Anfang ist schwer!

Blick auf San Antonio und den Cerro de Las Tres Cruces – Cali, Kolumbien

Ich erinnere mich an einen der ersten Tage in der Kinderchirurgie, durch die ich ganz am Anfang rotierte. Professor Dueñas ist streng und ein extrem guter Dozent. Die Medizinstudierenden des zehnten Semesters durchlaufen 30 Tage lang seine Fachrichtung. Ich war die einzige „Interna“, da die Kinderchirurgie keine Pflichtrotation des „Internados“ ist. In der „Consulta externa“ werden alle ambulanten Patienten gesehen; die circa zehn Studierenden des zehnten Semesters bereiten in fünf verschiedenen Sprechzimmern den Patienten administrativ jeweils mit Anamnese und körperlicher Untersuchung vor, der Professor bzw. die Professorin und die Assistenzärzte gehen von Raum zu Raum, um das Prozedere zu besprechen. 

Ich folgte den Assistenzärzten, denn ich war in der luxuriösen Position, ebenfalls jeden Patienten zu sehen, und dies in Begleitung des Professors. Gleich am ersten Tag testete er mich, als ich in das Zimmer eines neuen Patienten trat. Auf der Liege lag ein 10-jähriger Patient mit einem geschwollenen Hoden rechts.

„Was hat er?“, fragte mich der Professor unvermittelt, als ich das Zimmer betrat.

„Ich kenne ihn nicht“, sagte ich verblüfft.

„Dann bitte, untersuche ihn“, antwortete er knapp mit einer anweisenden Handbewegung. Ich schluckte, weil urplötzlich die Augenpaare aller Ärzte auf mich gerichtet waren und der Professor kurz angebunden wirkte. Ich untersuchte den Jungen und sagte schließlich, dass es eine Varikozele oder eine Hydrozele sein könnte.

„Was ist wahrscheinlicher?“ 

„Eine Hydrozele.“ 

„Weil?“

 „Aufgrund des Tastbefundes und des Aspektes“, sagte ich. 

„Und aufgrund des Alters“, ergänzte der Professor und begann zu erklären. Er hatte meinen Gesichtsausdruck bemerkt, und fragte mich: „Wie evaluieren Euch denn normalerweise Eure Professoren in der Universität?“ 

„Mit schriftlichen Prüfungen“, antwortete ich und dachte gleichzeitig: „Klinisch? Fast gar nicht.“ Nein, gelogen. Einmal, am Ende der Ausbildung, haben wir eine mündliche Prüfung, in der wir getestet werden, ob wir klinisch richtig untersuchen können. 

Der Professor testete mich weiter, während wir in das nächste Zimmer liefen: „Wird eine Appendizitis bei Euch in Deutschland bereits auf Verdacht hin operiert?“ Witziger Weise etwas, das ich mich bereits oft während meiner Lernerei für das Staatsexamen gefragt hatte. Ich überlegte und antwortete: „Wenn ich einen Ultraschall im Raum hätte, würde ich das Kind noch einmal schallen, um die Diagnose zu sichern.“

„Auch wenn die Klinik eindeutig ist??“

„Ich würde es machen“, antwortete ich unsicher.

Der Professor entgegnete: „Nein, das glaube ich nicht, dass Ihr erst dann operieren würdet. Das ist international überall gleich.“

„Wenn Sie das sagen.“

„Nein, ich frage Sie“, sagte der Professor irritiert. Ich war ebenfalls irritiert und versuchte zu erklären, dass ich, im Gegensatz zu den herumstehenden Studierenden vor Ort, während meines sechs Jahre dauernden theoretischen Studiums leider keinen einzigen Patienten mit einer Appendizitis selber gesehen und untersucht hatte. Im selben Augenblick streifte mich die Frage, inwiefern mich das Staatsexamen eigentlich auf das Ärztin-Sein vorbereitet hatte.

Auch wenn ich im ersten Moment erschrak, dies war nicht das letzte Mal, dass ich Professor Dueñas sehr dankbar sein würde. Diese Art der Klarheit im Unterricht fehlt mir in Deutschland, die ständige Herausforderung und Abfrage des Wissens im Austausch zu neuer Information und Feedback. 

Nach meiner Zeit in der Kinderchirurgie staunte ich mit Hochachtung über den Professor und sein Lebenswerk: Es ist alles für uns! Jeden Monat hat er eine neue Gruppe Medizinstudierender und fängt von vorne an. Er wird der Aufgabe nicht müde, jeden einzelnen immer wieder zu testen, zu unterrichten, und seine Profession weiterzugeben. Er ist der Meister in seinem Gebiet und er versteht es als seinen Auftrag, sein Wissen zu teilen. 

Zum Abschluss diskutierten wir innerhalb der Gruppe über die Rotation. Mitgenommen habe ich dabei vor allem eine Aussage des Dozenten: „Ihr müsst nicht immer mit allem einverstanden sein, was Euch Eure Professoren oder Vorgesetzten sagen – Ihr seid ausgebildet, damit mündig, und könnt selbst denken. Seid kritisch. Wenn Euch etwas nicht richtig vorkommt, äußert das und argumentiert, aber tut dies wissenschaftlich! Fordert Eure Professoren heraus!“

Diese Art der transzendierenden Diskussionen habe ich bei verschiedenen Professoren bzw. Oberärztinnen/Oberärzten erlebt, vor allem auch in meiner wichtigsten Rotation, der “Trauma”. Professor García fragte einmal nach unserer Motivation, weshalb wir Medizin studierten. Die meisten antworteten, dass sie anderen Menschen helfen wollten. Der Professor appellierte an unsere Moral: „Jeden Tag, wenn ich nach Hause gehe, frage ich mich, ob ich meinen Patienten geholfen habe. Ihr müsst Euch das täglich fragen: Habe ich heute jemandem geholfen?“

Diese Art der Gespräche inspirierte mich. Sie sind für mich einer der roten Fäden, die das gesamte Netz über der Horizontalen zusammenhalten, vor allem in Momenten, in denen Zweifel über das heutige Schaffen und Tun in der Medizin aufkommen. 

Zusammenfassend

Drei Stunden und eine Bootsfahrt von Cali entfernt – der pazifische Küstenstreifen Juan de Dios

Cali war eine intensive Lernerfahrung. Jeder Tag bescherte mir eine Fülle von neuen Erkenntnissen, von denen ich faktische Dinge sicher bald wieder vergessen werde, deren Erfahrungswert jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.  Am schwierigsten ist mir zu Beginn der Schritt gefallen, mir meine verpflichtende Verantwortung den Patienten gegenüber einzugestehen: „Diese fünf Patienten sind Deine, um die musst Du Dich gut kümmern. Du bist hier nicht PJlerin, sondern „Interna“, und damit ist jetzt nicht die wichtigste Frage, was Du „darfst“, sondern was die Patientin oder der Patient braucht!“ 

Das ständige Gefühl der leichten Überforderung, der ich mich stellen musste, um sie zu überwinden und die einen Gewinn darstellt, wenn man sich ihr stellt. Dass die schwierigen Momente eben die Momente waren, aus denen ich am meisten gelernt habe, und dass deshalb in diesen eine gewisse Schönheit liegt. Ich hatte ein unglaubliches Team an „Internos“, die mich herzlich und respektvoll als gleichwertiges Mitglied in ihren Kreis aufgenommen haben, mir mit Unterstützung immer beiseite standen und mit denen ich ein paar geniale Abende in Cali teilen durfte. Die mir durch ihre Hilfsbereitschaft verdammt viel darüber beigebracht haben, was es bedeutet, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Das Krankenhaus verkörpert eine Schule, in der man am Allermeisten von den Patienten lernen kann. 

Ich danke Felix, Vivi, Stefan und Ricardo, welche meine wichtigsten Begleiter in der Zeit in Cali waren. Es war mir schwer gefallen zu glauben, dass diese Zeit zu Ende ging – lange hatte ich überlegt, meinen Aufenthalt zu verlängern und in der Inneren Medizin weiterzumachen. Ich liebe Cali als Stadt und mir gefiel die individuelle Art des Arbeitens. Aber meine Zeit vor Ort war zu einem runden Ende gekommen und ohne meine Gruppe in der Chirurgie wäre es nicht das gleiche gewesen… 

Wer sich an der Universidad del Valle in Cali bewerben möchte, sollte dies bei Mónica, der zuständigen Ansprechpartnerin im International Office, tun. Sie ist stets sehr um eine gute Koordination bemüht, die endgültige Zuteilung ist jedoch abhängig von den einzelnen Abteilungen. Allgemein wage ich zu behaupten, dass man in Kolumbien mit freundlichem, charmantem Nachfragen häufiger weiterkommt, als mit einer Anspielung auf das Pflichtbewusstsein… 

Persönliche Schlussfolgerungen

  • Unterwegs in den Regenwäldern der karibischen Küste – mit Dankeschön an H. W.

    Spanisch

Ich empfehle jedem, der ein Tertial in Kolumbien absolvieren möchte, sehr gute Sprachkenntnisse. Ein PJ ist im selben Krankenhaus auch mit weniger Sprachkenntnissen möglich, wenn man das unbedingt möchte, allerdings macht das Arbeiten angesichts der Verantwortung und Einbindung in den Krankenhausbetrieb weniger Spaß. Ebenfalls lohnt es sich, sich mindestens drei Wochen Urlaub nach oder vor dem Tertial zu nehmen, um Kolumbien als Land kennenlernen zu können. Die Landschaft und die Bewohner stecken mit ihrer Vielfältigkeit durch die beiden Küstenstreifen, Regenwälder, Hochländer, Wüsten und kolonialen Städte voller Wunder.

  • Ausbildung 

Unsere Art in Deutschland, Medizin zu lehren, ist veraltet und muss meiner Meinung nach reformiert werden. Ich würde mir vor allem eine stärkere Integration für Medizinstudierende im Bed Side Teaching, Famulanten und PJler, wünschen. Essenziell liegt für mich dabei der Fokus auf den Patienten und Menschen. Der tägliche Unterricht am Krankenbett ist die beste Vorbereitung auf den Beruf, der nur durch seine Erfahrung und seinen Umgang mit Patienten lebt. Zudem ist mir der stiefmütterliche Umgang mit der Chirurgie unzugänglich. Die Weitergabe des praktischen, operativen Wissens sollte meiner Auffassung nach flächendeckend viel zeitiger erfolgen.

  • Global

Je mehr ich mich damit auseinandersetze, umso verwirrter bin ich über den Begriff „Entwicklungsland“. Dieser würde suggerieren, Deutschland sei im Vergleich schon irgendwo angekommen. Kolumbien ist zutiefst vom Postkolonialismus geprägt, welcher sich häufig im Verhalten neuer Begegnungen widerspiegelte. Der Respekt, der mir als „Europäerin“ entgegengebracht wurde, war hoch und kam mir im Alltag oft zu Gute, reflektiert meiner Auffassung nach jedoch ein uraltes rassistisches Gefälle. Das Hospital in Cali hat mich so sehr wie kein anderer Ort gelehrt, dass der Wissenstransfer bilateral und auf Augenhöhe stattfindet. Menschlich, kulturell und fachlich können wir viel voneinander lernen.

Das Staatsexamen in Deutschland bietet zwar die hochwertige Möglichkeit eines flächendeckenden Standards an Wissen, ersetzt aber wiederum nicht die klinische Expertise, die nur mit Erfahrung einhergeht. Aussagen über die technische Ausstattung der Krankenhäuser lassen sich nicht verallgemeinern, da diese abhängig von der Lage und Größe des Klinikums ist, davon, ob es öffentlich oder privat geführt wird, als Universitätsklinik Maximalversorgung anbietet oder Basisversorgung in abgelegenen Gebieten auf dem Lande. 

Die Klinik der Universidad del Valle ist öffentlich und der dortige Ressourcenmangel omnipräsent. Patienten stapeln sich bis in die Flure, Desinfektionsständer sind rar, OP-Kleidung wird teils sparsam zur Verfügung gestellt, teils muss sie selbstständig gewaschen von zu Hause mitgebracht werden – und damit ist das Hospital im Vergleich gar nicht mal so schlecht ausgestattet. An einem Tag gab es beispielsweise kein Metamizol („Dipirona“) in ganz Kolumbien mehr – das Standardanalgetikum im Klinikum. Andererseits ist der Wissensstandard unter den Ärzten sehr hoch und die Umsichtigkeit im Umgang mit den Ressourcen führt auch dazu, dass wesentlich klinischer gearbeitet wird – diagnostische Maßnahmen werden in ihrer Notwendigkeit stärker hinterfragt und begründet. In dem Setting, welches ich erleben durfte, wurde wieder mehr der Patient und sein Wohl in den Mittelpunkt gestellt.

  • Subjektiv 

Der Erfahrungsbericht spiegelt meine persönliche Perspektive wider. Ein Auslandsaufenthalt ist das, was man daraus macht! Für mich war die Zeit in Kolumbien unheimlich bereichernd. Für alle, die sich deswegen entscheiden, nach Cali zu gehen, möchte ich nur sagen: Genießt es!

B., A.

München, November 2019

Stipendiatin der Auslandsstipendien 2018


Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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