Famulatur in den USA — Chirurgie

7. November 2019

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Land, USA

USA, Cleveland, Cleveland Clinic (31.07.-30.08.2019)

Innerhalb meines Studiums wollte ich unbedingt Erfahrungen im Ausland sammeln und sehen, „wie’s die anderen machen“. Gerade von der US-Medizin schwärmen viele. Die Cleveland Clinic in Ohio, seit vielen Jahren in den Top-Rängen der US-Krankenhäuser, wurde 2018 auf Platz 2 des nationalen Rankings bewertet, umso höher waren hier auch meine Erwartungen an diese Auslandsfamulatur. Die Unterstützung durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de war mir hierbei eine große Hilfe. 

Mein Ziel – die USA!

Die Mediziner der USA sind im internationalen Vergleich in vielerlei Hinsicht führend, insbesondere im Bereich Forschung. Ein paar Blicke auf „PubMed“ genügen. Ich wollte wissen, wie sehr das US-Gesundheitssystem hierbei sowohl auf Makro- als auch in der Mikroebene direkt am Patienten Einfluss nimmt. Auch wollte ich den Arbeitsalltag der amerikanischen Ärzte mit dem Bekannten in Deutschland vergleichen und konnte hier sowohl Vor- als auch Nachteile der beiden Systeme erkennen. Die Besonderheit bei all dem war zudem noch das internationale Renommee der Klinik. 

Bewerbung & Vorbereitung

Meine Bewerbung an die Cleveland Clinic, akademisches Lehrkrankenhaus der Case Western Reserve University, versandte ich etwa sechs Monate im Voraus im Zeitraum der entsprechenden Bewerbungsphase über das Online-Portal bzw. die Website des CIME (Center for International Medical Education). Hierzu ist eine „Application fee“ von $500 zu entrichten. Der Bewerberdruck soll laut eigenen Angaben durchaus hoch zu sein, sodass jeder dritte Bewerber etwa einen Platz erhielte. Mit entsprechenden Empfehlungsschreiben lassen sich diese Chancen meiner Einschätzung nach jedoch um ein gutes Maß erhöhen. 

Der Bescheid erreichte mich dann zu Anfang des März 2019 und ich erhielt einen ausführlichen Bogen mit der empfohlenen als auch erforderlichen Vorbereitung. Zu letzterer gehört u.a. die Bestätigung einer guten Gesundheit und ein ausreichender Impfstatus durch den Hausarzt, den man im Vorhinein einzureichen hat. Auslandskrankenversicherungen sind natürlich empfohlen. 

Zur fachlichen Vorbereitung bietet es sich an, entweder, so wie ich, die entsprechenden chirurgischen Fächer in den Tagen davor mitsamt der anderen Klausurthemen zu lernen, oder aber den Wissensstand mit einigen Standardlehrbüchern wie beispielsweise dem Kurzlehrbuch „Chirurgie“ von Thieme oder auch der „Dualen Reihe“ aufzufrischen. 

Mein Visum konnte ich dank „ESTA“ geschwind erhalten, das „CIME-office“ steht bei jeglichen Fragen wie auch zum Visum stets helfend bereit. 

(Anm.d.Red. Um auf der ganz sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird).  

Erste Eindrücke an der Cleveland Clinic

Der Campus der Cleveland Clinic der Case Western Reserve University in Ohio-USA

Da ich bereits zwei Tage vor Beginn meiner Famulatur in Cleveland ankam, konnte ich mich bereits mit dem sehr ausgebreiteten Campus der Cleveland Clinic vertraut machen. Dank der ausgeprägten Spenden-Bereitschaft in den USA sind in den letzten Jahren einige Gebäude hinzugekommen und somit macht die Klinik nicht nur von außen betrachtet einen besonders modernen Eindruck. Zudem sind renommierte Colleges und Zentren wie das der „American Cancer Society“ im unmittelbaren Umfeld des Klinik-Campus angesiedelt. Als „International Observer“ hat man zudem freien Zugang zu den Lern- und Lehreinrichtungen, wie z.B. der reichhaltig ausgestatteten Bibliothek im Gebäude des „Lerner Research Institute“. Zudem steht es einem frei, an allen Konferenzen teilzunehmen, die im besuchten Institut stattfinden. 

Außerdem wurde ich durch das „CIME“ stets über Lehrveranstaltungen für die „Residents“ zu speziellen Krankheitsbildern, meist mit Gastdozenten, benachrichtigt. Und zudem bietet die Klinik allen Mitarbeitern, auch den internationalen Gästen, ein gut ausgestattetes Fitnessstudio mitsamt Schwimmbad an, was einen willkommenen Ausgleich darstellt. 

Bemerkenswerte, grundlegende Unterschiede in den USA

Wenige Tage bevor ich den ersten Tag meiner Famulatur absolvierte, hatten auch die neuen „Residents“ ihren ersten Tag und waren deshalb noch genau wie ich in der Phase des Einfindens. Für sie waren immer Montag- und Mittwochmorgen Meetings geplant, in denen sie auch abgefragt wurden. 

Insbesondere die Bindung zwischen „Residents“, „Fellows“ und dem „Attending Physician“ empfand ich als bemerkenswert. Jeder „Attending Physician“ arbeitet zusammen mit seinen Assistenten quasi wie eine eigene Praxis. Er behandelt seine eigenen Patienten meist von der Aufnahme bis zur Entlassung und auch darüber hinaus. Die ihm unterstellten „Residents“ und „Fellows“ arbeiten ihm dann zu. Die Hierarchie ist dadurch nicht unbedingt „flacher“ aber „direkter“ und ist gekennzeichnet durch die Kooperation und den Austausch innerhalb des (kleineren) Teams. Dies ist der grundlegende Unterschied, der mir im Vergleich zum deutschen „Stationssystem“ auffiel. Patienten haben dadurch ihren klaren Ansprechpartner und die Ärzte einen konkreten Anreiz, diese auch zufrieden zu stellen. Diese Motivation möchte ich unseren deutschen Krankenhausärzten natürlich nicht absprechen, aber eben deutlich machen, wie die Versorgung hier quasi eher funktioniert wie in einer Praxis mit Krankenhausausstattung. 

Ein weiteres Novum, welches ich mir in Deutschland dringend wünsche, ist das digitale Arztgespräch! Patienten, die ihren Arzt zum Beispiel vor einer elektiven Operation noch einmal sprechen wollen, zur Aufklärung beispielsweise, können das über eine eigene App (kostenpflichtig) via Videotelefonat tun. Auch den „Informed Consent“ können sie hierüber unterschreiben. Da gerade Patienten mit besonders komplizierten Fällen die Cleveland Clinic aufsuchen, legen sie zur Behandlung nicht selten viele Meilen zurück. Nicht selten hatten Patienten eine Anreise von vier bis acht Autostunden hinter sich und kamen aus anderen Bundesstaaten wie Virginia, Tennessee oder New York ins Krankenhaus. Die Möglichkeit, reine Gesprächstermine also digital zu erledigen, spart sowohl den Patienten als auch der Klinik Ressourcen und erweitert gleichzeitig das Einzugsgebiet. 

Meine Famulatur in der Colorectal Surgery der Cleveland Clinic

Clinic MJ Pavillon der Cleveland Clinic in Ohio – USA

Da ich vor allem einen speziellen „Attending“ begleitete, konnte ich seinen Arbeitsalltag ganz konkret verfolgen. Während er montags, mittwochs (halbtägig) und donnerstags in seinem eigens zugeteilten Saal operierte, war er dienstags und freitags in der Sprechstunde und versorgte dort neue Patienten zur Aufnahme und Therapieplanung, sowie alte zur Nachsorge. Die Chirurgen führen hier auch ihre eigenen Koloskopien durch und konsultieren eher Radiologen und Pathologen. An den anderen Tagen bzw. Nachmittagen stand für den „Attending“ „A/R“ (Administration and Research) auf dem Plan. Meiner Meinung nach bietet jene Planung den Vorteil, dass sowohl im OP als auch in den Sprechstunden meist immer dasselbe Team zusammenarbeitet, was ja erwiesenermaßen dem Ergebnis der OP zu Gute kommt. 

Aufgrund der strikten „Ohio Health Laws“ und der „Klagefreudigkeit“ in den USA war es mir als Famulant, anders als in Deutschland, leider nicht möglich, zu zweiter oder dritter Hand im OP zu assistieren. Stattdessen habe ich die Möglichkeit genutzt, die Operationen, Koloskopien, Untersuchungen, Therapiegespräche und natürlich die, fachlich ausgesprochen wertvollen, Tumorkonferenzen zu beobachten und möglichst viele Fragen zu stellen. Das gesamte Team, wie auch insbesondere natürlich „mein“ „Attending“ waren nämlich stets gewillt, Verfahren zu erklären und verspürten sichtbar Freude am Lehren. 

Da ich speziell einen „Attending“ begleitete, begann der Tag für mich wie für ihn meist um 7:30 Uhr in der Klinik und endete mit der letzten OP meist gegen 17:00 Uhr. Für ihn fielen danach natürlich noch Dokumentation und andere Aufgaben an, hierzu „entließ“ er mich als Famulanten dann aber verständlicherweise. Es ist aber auch möglich, verschiedene Teams an einem Tag zu besuchen und man ist nicht durchs Department oder dem „CIME“ verpflichtet, in fest regulierten Zeiten anwesend zu sein. 

Da ich mich mit dem „Attending Physician“, den ich begleitete, äußerst gut verstand, war die Zusammenarbeit natürlich noch angenehmer. Besonders gefreut habe ich mich, als mir am Ende meiner Famulatur ein „Letter of Recommendation“ angeboten wurde. Für alle, die auch weitere Auslandsaufenthalte planen, insbesondere in den USA, empfehle ich sehr, sich zu bemühen, um ein solches Empfehlungsschreiben zu bekommen. Die US-Ärzte legen bei Studenten großen Wert auf derartige Referenzen!

Leben und Wohnen in Cleveland 

Welcome in Cleveland – Ohio – USA

Vor allem an den Wochenenden blieb mir genügend Zeit, die Stadt Cleveland zu erkunden. Mit mir starteten auch noch weitere „Observer“ in ihren Einsatz, manche ebenfalls Medizinstudenten, andere bereits Ärzte. Wir waren ein sehr internationales Team, unter anderem aus Brasilien, Indien, Peru, Italien, China und weiteren Ländern. So planten wir auch gern einen gemeinsamen Abend in einer Bar in Downtown, sehr zu empfehlen am bekannten „Playhouse Square“, oder einen Ausflug, beispielsweise zu den Niagara Falls. 

Ein junger brasilianischer Assistenzarzt wohnte zeitgleich mit mir Tür an Tür in demselben Airbnb und wir verstanden uns ausgesprochen gut. Dieses liegt in günstiger Lage etwa drei Blocks von der Klinik entfernt und ebenfalls fußläufig von der „Health Bus Line“ entfernt, wodurch man in etwa 15 Minuten nach Downtown oder südlich in Richtung University Circle gelangen kann. Beide Gegenden von Cleveland kann ich sehr empfehlen. Während die Downtown natürlich Geschäfts- und Ausgehviertel zu bieten hat, lohnt es sich auch, am University Circle die Studenten der Case Western Reserve University zu  besuchen. 

Ein besonderes Highlight war die „National Air Show“ am Labour Day Wochenende gleich am „Lakefront Airport“ am „Lake Erie“ mit vielen ausgestellten Flugzeugen und Helikoptern als auch mehreren Live-Acts aus Stuntflugshows. Sehenswert sind auch die zahlreichen Museen der Stadt, die auch über die Historie der Stadt und der Region, dem „Rust Belt“, lebhaft informieren. All dies ist durchaus moderat gepreist mit etwa $10 pro Museum. 

In meinem Airbnb fühlte ich mich bei meinen Gastgebern James und Kayla sehr wohl und bezahlte rund $830 für die 37 Nächte. Sie gaben mir zu allen Fragen Auskunft und Tipps, auch was Aspekte der Sicherheit angeht. So ist der Stadtteil „East Cleveland“ nicht unbedingt zu empfehlen, jedoch fühlte ich mich zu keiner Zeit in Cleveland unsicher oder verspürte Unbehagen. Auch lernte ich die Amerikaner als ein äußerst freundliches und aufgeschlossenes Volk kennen, ein Gespräch hier, eine nette Auskunft dort war selbstverständlich. 

Neben den Ausgaben für meine Unterkunft von $830, meinen Flug für etwa $780, der „Application Fee“ von $500, lag ich zusammen mit Freizeitkosten und Spesen durchaus bei über $2.800. Sicherlich ist das nicht wenig, wenn man die Zeit jedoch im Rahmen der Möglichkeiten auch zur touristischen Erkundung nutzt, ist es die Erfahrung an der renommierten Cleveland Clinic durchaus wert. Das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de ist hierzu ein toller Zuschuss, über den ich mich sehr gefreut habe! 

Mein Fazit

Die Severance Hall – Konzerthaus des bekannten Cleveland Orchestra

Abschließend gehe ich um viele Erfahrungen und Eindrücke reicher aus dieser Famulatur an der Cleveland Clinic heraus. Ich blicke gern zurück auf eine Zeit in der ich nicht nur fachlich, insbesondere chirurgisch, von den an dieser Klinik arbeitenden Top-US-Ärzten lernen durfte, sondern auch eine unmittelbare Einsicht in den Ablauf einer solchen Klinik bekommen habe. Das amerikanische Gesundheitssystem wird zwar viel gerügt, es ist sicher nicht das Ultimo, jedoch lohnt es sich, frei von den europäischen Vorurteilen an dieses heranzutreten und zu sehen, wo die – nicht wenigen – Vorteile dieses Systems liegen. 

Ich glaube, dass es sich als aufstrebender, zukünftiger Arzt auszahlt, einen solchen Einblick zu bekommen und selbst zu vergleichen, zu folgern, was wir in Deutschland und Europa in unserer Gesundheitsversorgung verbessern sollten. Mehr Offenheit und Freiheiten in diesem System kommen nicht nur den Krankenhäusern, sondern vor allem auch den Patienten zu Gute. Dies sollte als angehende Ärzteschaft unser Ziel und Anspruch sein, das Studium ist dazu ein guter Zeitpunkt. 

K., L. 

Bochum, September 2019

Stipendiat der Auslandsstipendien 2019

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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