PJ in Australien – Gastroenterologie und Infektiologie

20. September 2019

in Australien, Chancen im Ausland, Fachgebiet, Gastroenterologie, Infektiologie, Innere Medizin, Land, Praktisches Jahr im Ausland

Australien, Melbourne, Monash Medical Center (11.03.-02.06.2019)

Von Ressourcenknappheit zu Überfluss – ein medizinischer Kulturschock! Hinter mir liegen ein PJ-Abschnitt in der Chirurgie am Gulu Referral Hospital in Uganda und danach einer in der Gastroenterologie und Infektiologie am Monash Medical Center in Melbourne in Australien. Und es gibt Menschen, bei denen alleine das Glück des Geburtsortes darüber entscheidet, ob sie von einer chronischen potenziell tödlichen Infektion geheilt werden – und es gibt uns, Ärzte und Ärztinnen, die in Deutschland arbeiten und Patienten, die sich von uns behandeln lassen. Wo stehen wir auf der Skala der Gesundheitsversorgung? Das kann ich noch nicht sagen und es muss wohl jeder selbst für sich herausfinden. 

Von Ressourcenknappheit zu Überfluss – ein medizinischer Kulturschock

Melbourner Streetart

Für mich stand schon lange fest, dass ich einen Großteil meines PJs im Ausland absolvieren werde. Ich erachte es als ein großes Privileg von uns Berliner Medizinstudierenden, einen Teil des PJs, ja sogar das gesamte Praktische Jahr, im Ausland absolvieren zu dürfen. In einer Welt, die mehr und mehr von kultureller Diversität geprägt ist, erlernt man so entscheidende Skills im Umgang mit Patienten anderer Herkunft, in der Kommunikation mit KollegInnen und in der unterschiedlichen Herangehensweise und Interpretation von Krankheit und Leid.

Ich entschied mich dazu, zwei Monate meines PJs in einem Land mit geringen medizinischen Ressourcen und gleich im Anschluss weitere drei Monate in einem Setting mit fast unerschöpflichen finanziellen Reserven zu machen. Für die 2. Hälfte meines Chirurgischen Tertials bekam ich einen Platz am Gulu Referral Hospital in Uganda und für den internistischen Abschnitt konnte ich nach Melbourne ins Monash Medical Center und dort zwei Rotationen à sechs Wochen absolvieren. Über die Zeit in Uganda habe ich bereits berichtet. In diesem Artikel dreht sich alles um Australien und das Monash Medical Center.

Mein Weg an das Monash Medical Center in Melbourne

Die Great Ocean Road ist sicher einen Ausflug wert.

Ich war eine der Glücklichen, die es geschafft haben, über eine uniinterne Kooperation einen Platz an einem der australischen Teaching Hospitals zu ergattern. Damit musste ich keine Unigebühren zahlen und wurde zusätzlich für ein Stipendium beim DAAD vorgeschlagen, welches mir etwas finanzielle Erleichterung verschaffte, denn „Down Under“ ist ziemlich „high priced“.

Per se kommt man allerdings ziemlich leicht an einen Praktikumsplatz in einem der vielen Krankenhäuser. Man muss nur in der Lage sein, die zwischen 400 und 1.000€ betragenden Studiengebühren pro Monat zahlen zu können. Zudem sollte man sich relativ früh um solch einen Platz bewerben. Jede Universität und jedes akademische Lehrkrankenhaus hat unterschiedliche Deadlines und Bewerbungsvorgaben. Viele Unis wollen einen Nachweis, dass man keine Infektionskrankheiten mit ins Land bringt bzw. Patienten damit anstecken kann. Also ab zum Arzt und Blut abgeben. Ein ausreichender Anti Hep B Titer? Kein HIV oder Hepatitis C? Ein negativer Quantiferon Test? Und die garstigen Varizellen nicht vergessen.

Nachdem man eine Zusage von der jeweiligen Universität/dem akademischen Lehrkrankenhaus bekommen hat, geht es in die nächste organisatorische Runde: Das Visum. Für ein Praktikum von bis zu drei Monaten reicht ein einfaches Touristenvisum aus. Dies hat zwei Vorteile: 1. Es ist günstiger und 2. Man muss nicht extra zu einem akkreditierten Visums-Arzt, von denen es nur zwei in ganz Deutschland gibt – einen in Berlin und einen in Frankfurt am Main. Der Nachteil ist, dass man dann nicht besonders viel Zeit zum Reisen hat.

Ich hatte mich für das Studentenvisum entschieden, damit darf man wesentlich länger im Land bleiben und darf nebenbei noch einen Teilzeitjob aufnehmen. Nicht, dass ich das vorhatte, aber man weiß ja nie. Ein paar Angebote gab es immerhin im Land der „Work and Holiday“ Backpacker. Leider muss man für dieses Visum zum bereits erwähnten Visums-Arzt/Ärztin und nochmal alle Bluttests machen lassen. Zudem muss man mit seiner Visumsbewerbung auch ein Röntgenthorax-Bild mit abgeben. Alles wird ganz automatisch von der Visumsarztstelle an die Botschaft übermittelt. Dafür darf man auch runde 300€ zahlen – zusätzlich zur Visagebühr von 100€. Mit dem Visum der Subclass 600 darf man bis zu 12 Monate bleiben und währenddessen bis zu drei Monate Vollzeit studieren.

(Anm.d.Red. Um auf der ganz sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Weitere wichtige organisatorische Punkte

Unsere Unterkunft mit Außen-Küche.

Als das Visum endlich in der Tasche war, gingen wir über zum Schritt 3: Wie kommen wir sicher ans andere Ende der Welt? Für einen Flug sollte man zwischen 800 und 1.200€ einplanen. Mittlerweile gibt es auch ein paar Angebote von Billigairlines, die auf den ersten Blick günstiger aussehen, bei denen man aber Gepäck für sehr viel Geld extra dazu buchen muss, wodurch man am Ende auf fast die gleiche Summe kommt.  Ich bin direkt von Uganda aus geflogen und habe meinen Rückflug von Jakarta aus gebucht, damit ich noch ein paar Wochen Urlaub machen kann. Durch die 6-wöchigen Rotationen mussten wir „leider“ vier Wochen „Zwangsurlaub“ nehmen, um es uns als PJ Tertial anrechnen lassen zu können.

Für die beiden recht unterschiedlichen Aufenthalte brauchten wir noch eine Auslandskrankenversicherung sowie eine private Haftpflichtversicherung. Beides habe ich schon für andere Auslandsaufenthalte über Medizinernachwuchs.de abgeschlossen und war damit bisher sehr zufrieden. Durch dieses Versicherungspaket, extra für Studierende, sind sowohl Praktika im Ausland als auch Urlaubsaufenthalte mit abgedeckt.

Der letzte Schritt war wohl die Wohnungssuche. Hierfür sollte man das größte Budget einplanen. Ein Zimmer über „AirBnB“ kann locker um die 800€ pro Monat kosten. Vielleicht kann man vor Ort auch etwas Günstigeres in einer Wohngemeinschaft oder Ähnlichem finden. Ich hatte solch ein Glück leider nicht.

Mein PJ-Abschnitt auf der Gastroenterologie in Melbourne

Der Dresscode ist eher schick und das Fahrrad war der praktischste Begleiter.

Endlich in Melbourne angekommen, ging es dann auch gleich richtig los. Es ist zu empfehlen, sich ein paar Tage extra frei zu nehmen, um den Jetlag richtig auszuschlafen. Ich hatte diesen Luxus leider nicht, da ich nur ein Wochenende zwischen dem Ende des 1. Tertials und dem Beginn des 2. Tertials hatte. Die vier Wochen „Zwangsurlaub“ musste ich am Ende nehmen. Schon in Deutschland konnte ich meine Wunsch-Rotationen angeben, welche ich glücklicher Weise auch bekommen habe. So kam ich auf die Gastroenterologie, weil man „Gastro“ immer mal gebrauchen kann, und auf die Infektiologische Station, weil es in diesem Teil der Erde so einige interessante Bugs gibt und Australien eine der niedrigsten Raten an Antibiotikaresistenzen vorweisen kann.

Das Wort „Station“ ist am Monash Medical Center allerdings etwas fehl am Platz, da die Patienten im gesamten Krankenhaus verteilt sein können. Daher ist es an der Tagesordnung, dass man durch die Fluren und Stockwerte huscht, um seine 10 Patienten auf acht verschiedenen Stationen (be)sucht. Endlich das richtige Zimmer gefunden, lag es nun an uns „Studis“, die handschriftlich geführten Akten ausfindig zu machen und, während die „Consultants“ oder „Registrars“ das Patientengespräch führen, fleißig mitzuschreiben. Dabei lohnt es sich, im Voraus ein paar der gängigen medizinischen Abkürzungen auswendig zu lernen, damit man die vorher geschriebenen Kommentare auch versteht und schneller mitschreiben kann. Entgegengesetzt aller Erwartungen gab es am Monash Medical Center (MMC) noch keine elektronische Patientenakte. Es soll zwar bis zum Ende des Jahres eine kommen, doch wir kamen noch nicht in den Genuss und mussten so unsere eingestaubten handschriftlichen Fertigkeiten wieder rauskramen.

Ein Nachteil der weit verteilten Patienten waren nicht nur die schmerzenden Füße am Abend sondern sicher auch der fehlende enge Austausch mit dem Pflegepersonal. Dafür schienen die Ärzte miteinander viel enger im Team zusammenzuarbeiten. Niemand war allein verantwortlich für einen Fall. Wir gingen gemeinsam ins Zimmer rein und wieder raus. Der Plan wurde gemeinsam besprochen, die in ihrer Ausbildung jüngeren ÄrztInnen ab und zu abgefragt und am Ende wurden sogenannte „Jobs“ verteilt. Diese bestanden aus der Anordnung von Bluttests und verschiedenen bildgebenden Verfahren als auch dem Hinterhertelefonieren von früheren Arztbriefen. Also im Allgemeinen keinen so unterschiedlichen Aufgaben zu denen in deutschen Krankenhäusern. Nur die Masse an angeordneten CTs, MRTs und teuren Bluttests hat mich etwas überrumpelt. Vor allem nach den gesammelten Erfahrungen in Uganda, wo wir an manchen Tagen noch nicht einmal den Blutzucker bestimmen konnten, erschien es mir himmelhoch übertrieben, bei jedem rechtsseitigem Oberbauchschmerz „ENAs and ANCAs“ zu bestimmen. Anderes Budget, andere Diagnostik.

Australien hat ein etwas zwiespältiges Gesundheitssystem. Alle Diagnostik und Behandlungen im Krankenhaus sind für jeden Australier kostenlos und gehen recht schnell. In die öffentlichen Krankenhäuser kommt man aber nur, wenn man wirklich ein akutes Problem hat: Infektionen, Blutungen und Unfälle. Bei allen anderen „Problemchen“ und „Wehwehchen“ muss man in den ambulanten Sektor gehen. Wenn man dann keine private Krankenversicherung vorweisen kann, lässt man sich auf eine Liste setzen, um unter Umständen ein ganzes Jahr auf eine neue Hüfte warten zu dürfen. Der Zahnstatus vieler Patienten war desolat. Auch Zahnärzte arbeiten v.a. im privaten Sektor und nicht alle privaten Krankenversicherungen decken die Mundgesundheit mit ab.

Auf der Gastro sah ich zudem sehr viele Patienten mit durch Alkohol induzierter Pankreatitis und Hepatitis. Im Allgemeinen schien es sehr viele und v.a. junge Menschen zu geben, die zu häufig alkoholischen Getränken frönten. Ansonsten entsprach das Patientenmaterial dem, was ich auch in Deutschland erwarten würde. Einen entscheidenden Unterschied machten auch hier wieder das Geld und die Bevölkerungsdichte. Während bei uns in Deutschland noch nicht alle Patienten mit den neuen Hepatitis C Medikamenten behandelt werden können, weil dann unser gesamtes Gesundheitssystem aufgrund der hohen Kosten zusammenbrechen würde, hat Australien es sich zum Ziel gesetzt, alle in Australien lebenden und an dieser Infektion erkrankten Menschen zu heilen. „No matter the costs“. Patienten bekommen die Medikamente umsonst und springen dem sonst so häufig folgenden Leberkrebs somit von der Schippe.

Auf der Infektiologie am Monash Medical Center

Eine Station am Monash Medical Center in Melbourne. Die Betten nur getrennt durch einen blauen Vorhang.

In der Infektiologie wurde es spannender. Wir sahen viele Patienten unterschiedlichster Herkunft mit sehr interessanten Infektionen, die so gut wie jedes Organsystem befallen konnten. Das Team kümmerte sich um immunsupprimierte Patienten, chronische Infektionen und um Menschen aus jeder Himmelrichtung.  Auch wenn sich Australien in der Aufnahme von Flüchtlingen nicht mit Ruhm bekleckert hat, so nehmen sie doch ein paar per Losverfahren auf und manche kamen im Laufe ihres Migrationsverfahrens zu uns, weil sie einen positiven Quantiferontest oder andere Probleme hatten, die häufig mit längeren Aufenthalten in überfüllten Flüchtlingslagern kommen. Patienten mit HIV wurden mit den neusten Medikamenten behandelt und bekamen Unterstützung von eigens dafür ausgebildeten PflegerInnen.

Auch hier zeigte sich der starke Kontrast zwischen den gesund aussehenden HIV positiven Patienten, die mit einer normalen Lebenserwartung rechnen können, insofern sie die Medikamente weiter einnehmen, und den fast zu Gerippen verkommenen AIDS Patienten in Uganda, die von der Gesellschaft ausgestoßen und vom medizinischen Personal gemieden wurden. Mehr Ungerechtigkeit geht nicht und ich weiß nicht, ob ich dankbar dafür sein soll, dass Deutschland und Australien die Ressourcen haben, sich diesem Problem in angemessener Weise anzunehmen oder ich eher wütend bin, dass diese nicht heilbare, aber gut behandelbare Infektion in vielen Teilen der Erde aus politischer, medizinischer und sozialer Sicht noch so vernachlässigt wird. Am ehesten bin ich wohl beides. Wütend und dankbar.

Australien, Melbourne und seine Bewohner

Das Meer ist nie weit weg.

Dankbar war ich auch über die Möglichkeit, an ein paar verlängerten Wochenenden das Land weiter erkunden zu können. Melbourne ist die Hauptstadt von Victoria, dem zweitkleinsten Bundesstaat in Australien. Aber auch der zweitkleinste Staat bemisst immerhin dreiviertel der Größe von Deutschland mit einer Einwohnerzahl, die der von Berlin entspricht. Und in dieser wenig bewohnten Weite gibt es eine Menge zu sehen. Mit Freunden waren wir drei Tage wandern im „Wilsons Prom“, einem der wildesten Nationalparks mit wunderschönen Stränden. Wir waren klettern in den „Grampians“, einem weiteren Nationalpark im Westen des Bundesstaates mit vielen wilden grasenden Kängurus auf dem Campingplatz.

Melbourne selbst hat als Stadt auch sehr viel zu bieten. Es ist bekannt für seine hohe Dichte an guten Restaurants und Cafés, seinen Märkten und Second Hand Läden. Der Strand ist einfach mit dem Fahrrad oder der Bahn zu erreichen und im Winter hat man diverse heiße Quellen, die um die Stadt verstreut per Tagesausflug zu erreichen sind. Einem wird garantiert nicht langweilig und sollte es doch mal schlechtes Wetter sein, locken die vielen Museen und Kunstgalerien mit ihren wechselnden Ausstellungen.

Die Australier selbst sind ein sehr nettes und offenes Völkchen. Gerade in Melbourne ist es aber schwer zu sagen, wer Australier, wer Tourist und wer neu zugezogen ist. Es ist eine kulturell sehr diverse Stadt mit einer großen Population an Menschen mit asiatischen Wurzeln. Da wundert es einen nicht mehr, dass man an jeder Ecke ausgezeichnete japanische, koreanische, thailändische, vietnamesische und noch viele andere leckere Restaurants finden kann. Durch die vielen italienischen Einwanderer, die in den 50er Jahren nach Australien gekommen sind, ist die Dichte an Cafés mit leckerem Kaffee sehr hoch. Es gleicht fast einem Nationalstolz der Melbourner mehrmals täglich diverse Pausen diesem aufweckenden Getränk zu widmen. Neben den Briten waren allerdings die Deutschen die größte Einwanderernation, nicht die Italiener. Was wir allerdings zum kulturellen „melting pot“ beigetragen haben, ist nicht allzu offensichtlich. Aber wenn man sich die diversen Nachnamen mal genauer ansieht, erkennt man viele „Muellers“, „Hohenhausens“, „Schmidts“ und Co.

Ein Blick zurück, ein Blick voraus

Sonnenuntergang im Outback in Australien

So neigte sich die Zeit am Monash Medical Center in Melbourne langsam dem Ende zu und die Heimreise musste angetreten werden. Was nehmen wir mit aus den letzten Monaten? Die Welt ist ein ziemlich ungerechter Ort. Und wir als Mediziner und Medizinerinnen werden damit täglich konfrontiert werden. Es gibt Länder, in denen Menschen noch an den einfachsten Infektionen sterben, weil es nicht genügend oder nicht die richtigen Antibiotika gibt – z.B. Uganda.

Es gibt Menschen, bei denen alleine das Glück des Geburtsortes darüber entscheidet, ob sie von einer chronischen potenziell tödlichen Infektion geheilt werden – in den nächsten paar Jahren will Australien Hepatitis C mit den neuen Medikamenten ausgerottet haben – und es gibt uns, Ärzte und Ärztinnen, die in Deutschland arbeiten und Patienten, die sich von uns behandeln lassen. Wo stehen wir auf der Skala der Gesundheitsversorgung? Das kann ich noch nicht sagen und es muss wohl jeder selbst für sich herausfinden.

K., N.

Australien/Melbourne, Juni 2019

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