PJ in Namibia – Chirurgie, Allgemeinchirurgie, Viszeralchirurgie

12. April 2019

in Allgemeinchirurgie, Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Land, Namibia, Praktisches Jahr im Ausland, Viszeralchirurgie

Namibia, Windhoek, Windhoek Central Hospital / Katutura State Hospital (03.11.2018-13.01.2019)

Diesen Bericht möchte ich dazu nutzen, ein Bild darüber zu geben, was einen beim chirurgischen Tertial in Namibia erwartet. Außerdem gebe ich eine kleine Anleitung, wie man sich bewirbt, an das Visum kommt und sich auf den Aufenthalt vorbereitet. Der Artikel wird auch von Hindernissen vor und während des Aufenthalts erzählen, um es zukünftigen PJlern zu erleichtern.

Warum PJ in Namibia?

Das Baby-Haus des Kinderheims Hope Village in Katutura
Das Baby-Haus des Kinderheims Hope Village in Katutura

Mein Aufenthalt im Rahmen des PJs in Namibia war schon mein vierter in diesem Land. Schon immer wollte ich das Leben und die Besonderheiten des afrikanischen Kontinents persönlich kennen lernen und hatte mich vor einigen Jahren zusammen mit einer Kommilitonin für eine Famulatur in Namibia entschieden. Zudem hatte ich damals im Anschluss zwei Monate als Freiwillige im Kinderheim „Hope Village“ verbracht. Während dieser Zeit festigte sich meine Bindung zu diesem Land. Vor allem die sozialen Kontakte zu Einheimischen und zu den Kindern im Kinderheim erweckten in mir immer wieder das Gefühl von Fernweh. Seitdem fliege ich mindestens einmal im Jahr nach Windhoek. Das Land und die Natur sind eine wunderschöne Erfahrung und Möglichkeit, sich von dem regnerischen und hektischen Deutschland eine Auszeit zu nehmen.

Für mein halbes PJ-Tertial in Windhoek hatte ich das Fach Chirurgie ausgewählt. Ich wusste schon aus meiner Famulatur in Namibia, dass man als Student die Möglichkeit bekommt, viele praktische Tätigkeiten auszuführen. Auch gibt es viele Gewaltopfer mit Stich- und Schusswunden, die glücklicherweise in Deutschland eher zur Seltenheit gehören. Diese Besonderheiten des chirurgischen Fachs in Namibia machten es für mich als Medizinstudentin im Vergleich zur internistischen Disziplin interessant.

Viel Geduld und gute Nerven für die Bewerbung und das Visum 

Es ist wichtig, sich mindestens ein Jahr im Voraus um die Bewerbung und das Visum zu kümmern. Die Bewerbung um einen Platz am Windhoek Central Hospital mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen schickte ich damals an den „Permanent Secretary“ des „Ministry of Health and Social Services“. Außerdem habe ich dort mindestens einmal pro Woche angerufen, um über den Stand meiner Bewerbung informiert zu werden und den Leuten zu verdeutlichen, wie wichtig es mir sei, dort ein Praktikum zu machen. Leider haben viele von Dezember bis Anfang Januar Urlaub, so dass alles sehr schleppend voran ging. Anfang April hatte ich dann endlich meine Zusage vom „Superintendent“ der Chirurgie per Email erhalten.

Nun war es an der Zeit, sich um ein „study permit“ bei der Namibischen Botschaft in Berlin zu kümmern. Dazu legte ich die Antragsform bei der Namibischen Botschaft in Berlin vor. Zudem musste ich eine Bearbeitungsgebühr an die Botschaft überweisen. Nach etwa vier Wochen rief ich auch dort an, um sicher zu gehen, dass die Bewerbung in Bearbeitung ist. Nach mehreren Anrufen und Gesprächen bekam ich das vorläufige Visum aus Namibia per Mail über die Botschaft in Berlin zugeschickt. Daraufhin konnte ich meinen Hin- und Rückflug buchen. Die Flüge sind in der Regel günstiger, je früher sie gebucht werden.

Ich hatte zwar das vorläufige Visum per Mail bekommen, doch entscheidet es sich erst vor Ort, ob man das endgültige „study permit“ auch wirklich ausgestellt bekommt. Die zwei Wochen vor Beginn meines PJs wollte ich noch für Freizeit und Reisen in Namibia und Südafrika nutzen. Am Flughafen hatte ich zunächst nur eine Aufenthaltsgenehmigung als Besucher für eine Woche erhalten. Innerhalb dieser Woche suchte ich das Büro des „Ministry of Home Affaires and Immigration“ auf, um das endgültige Visum zu beantragen. Dafür musste ich das vorläufige Visum vorzeigen, Visa-Gebühren zahlen und meinen Reisepass abgeben. Eine Angestellte erklärte mir, dass, sobald das Visum genehmigt sei, noch die zweite Woche Aufenthalt als Besucher genehmigt werden würde. Es war eine nervenaufreibende Zeit, da ich nun ohne Reisepass dastand und nicht sicher war, ob ich das Visum genehmigt bekomme. Zum Glück lief alles gut und am Ende der Woche konnte ich meinen Reisepass mit dem „study permit“ und der Besuchererlaubnis für eine weitere Woche bis zu Beginn meines PJs abholen. 

Für das Visum wird eine deutsche ärztliche Untersuchung und Röntgenaufnahme des Thorax gefordert. Des Weiteren hatte ich mich vor meinem ersten Aufenthalt gegen Gelbfieber und Tollwut impfen lassen. Gelbfieber ist vor allem in der nördlichen Region des Landes eine Gefahr, weil das angrenzende Angola ein Gelbfieber-Land ist. Es gibt viele Straßenhunde in Namibia. Daher habe ich mich auch für die Tollwut-Impfung entschieden. 

Es ist sinnvoll, sich vor Beginn des PJs um eine Berufshaftpflichtversicherung zu kümmern. Auch eine Auslandskrankenversicherung sollte man unbedingt abschließen.

Chirurgie in Windhoek

Das Windhoek Central Hospital in Namibia
Das Windhoek Central Hospital in Namibia

In Windhoek, der Hauptstadt von Namibia, gibt es zwei große staatliche Kliniken, die organisatorisch eng miteinander verknüpft sind, aber etwa 40 Minuten Fußweg voneinander entfernt liegen. Sie haben gleichzeitig auch den Status als einzige Universitätsklinik des Landes. Je nachdem, aus welcher Region der Patient kommt, wird er auf einer Station im Katutura State Hospital oder im Windhoek Central Hospital behandelt.

Die eigentliche Notaufnahme befindet sich im Katutura State Hospital, wo auch die Morgenbesprechung der Chirurgen stattfindet. Anschließend musste ich ins Windhoek Central Hospital fahren, um auf meine Station zu gelangen. Ich konnte immer mit einem der namibischen „Interns“, so werden die PJler in Namibia genannt, im Auto mitfahren. Ansonsten habe ich eines der lokalen Taxis genommen, um am Morgen zur Klinik und am Nachmittag nach Hause zu fahren.

In beiden Kliniken gibt es je einen Kiosk, der auch schnelle warme Speisen verkauft. Es kam des Öfteren vor, dass Artikel ausverkauft waren. Die Kliniken sind recht sauber. Es gibt durchaus 10-Bett Zimmer. Die Patienten müssen teilweise ihre eigenen Decken und Kissen mitbringen, falls das Krankenhaus keine stellen kann. Es kommt hin und wieder vor, dass bei Patienten erst im Verlauf ihres Aufenthaltes festgestellt wird, dass sie an einer offenen Tuberkulose leiden und sie leider mit neun weiteren Patienten in einem Zimmer ohne Lüftung untergebracht sind. Die HIV-Rate in Namibia ist sehr hoch, daher sind viele Patienten infiziert. Je nach Behandlungsstatus besteht Ansteckungsgefahr. Somit ist immer Vorsicht bei Blutentnahme, beim Zugänge legen und bei chirurgischen Eingriffen geboten.

Als Arbeitskleidung genügt ein weißes Kasack-Hemd, alternativ kann man auch einen Kittel tragen. Es ist sinnvoll, eigenes Händedesinfektionsmittel und Handschuhe dabei zu haben, da diese Schutzausrüstungen manchmal auf den Stationen fehlen. Zwischen den Ärzten und Patienten wird Englisch gesprochen. Es gibt auch viele Patienten, die nur eine der Stammessprachen oder „Afrikaans“ sprechen. Dann wird meist unter den Ärzten oder dem Pflegepersonal nach einem Übersetzer gesucht.

An meinem ersten PJ-Tag meldete ich mich um 8:00 Uhr im Sekretariat des chirurgischen Abteilungsleiters an und wurde auf die Station der Allgemein- und Viszeralchirurgie „3 west“ des Windhoek Central Hospital eingeteilt. Ich hatte auch die Möglichkeit in andere chirurgische Abteilungen zu wechseln, blieb jedoch die meiste Zeit auf meiner ersten Station, da ich mich sehr gut mit den dortigen „Interns“ verstand.

Die Arbeit als namibischer „Intern“ gleicht der von Assistenzärzten in Deutschland. Die „Interns“ verdienen so viel, dass sie sich davon eine Wohnung und den Lebensunterhalt finanzieren können. Als deutscher Medizinstudent in Namibia bekommt man allerdings kein Gehalt während des „Internship“. Man kann selbst entscheiden, wie sehr man sich in die Stationsarbeit integrieren möchte, ob man mit in den OP möchte und ob man an den 36h-Diensten teilnehmen möchte.

Insgesamt ist die Lehre präsenter als in Deutschland. Sie beginnt schon jeden Morgen während des „Morning-Meetings“, das zur Besprechung der während des letzten Tages und der vergangenen Nacht stattgefundenen Aufnahmen in die Notaufnahme dient. Mindestens ein Oberarzt ist anwesend und stellt Fragen zu den Präsentationen der aufgenommenen Patienten. Die „Interns“ werden am Ende jeder Rotation anhand dieser geleisteten Präsentationen, der Stationsarbeit und eines schriftlichen Examens bewertet. Während dieser Morgenbesprechungen habe ich vieles über die richtige Patientenvorstellung sowie über die in Namibia sehr wichtige körperliche Untersuchung und Anamnese gelernt. Es kann immer wieder vorkommen, dass das Sonogerät, die CT oder das Labor nicht schnell genug Informationen liefert. Daher wird viel Wert auf die richtige Anamnese und körperliche Untersuchung gelegt.

Zu Beginn war ich noch von der hohen Anzahl an Stich- und Schusswunden sowie Kopfverletzungen durch körperliche Gewalt und Autounfälle schockiert. Doch schon bald merkte ich, dass dies den klinischen Alltag prägen würde. Nach der Morgenbesprechung folgte die Arbeit auf Station. Wir, die „Interns“, machten die Morgenvisite. Am Montag, Mittwoch und Donnerstag waren auch immer ein Oberarzt und sehr oft auch der Chefarzt mit dabei. Den Ober- und Chefärzten ist Lehre sehr wichtig und sie geizen keinesfalls mit Fragen. Somit war auch die Morgenvisite eine immer sehr lehrreiche Erfahrung.

Es gibt nur einen Computer auf Station, welcher vor allem dazu dient, Laborwerte und histologische Ergebnisse von Biopsien abzurufen. Die Einträge der Visiten werden auf Papier im Patientenordner vermerkt. Der deutsche Entlassbrief ist in Namibia ein Eintrag in die sogenannte „card“ oder „passport“. Es handelt sich dabei um ein Heftchen, in das die Berichte von Klinik-, Haus- und Fachärzten eingetragen werden. Falls der Patient dieses Heftchen verliert, ist seine ganze Krankengeschichte verloren.

36h-Call in der Notaufnahme

Blick auf das Katutura State Hospital in Windhoek
Blick auf das Katutura State Hospital in Windhoek

Während meines Internships entschied ich mich auch, zweimal in der Nacht in der Notaufnahme während der 36h-Dienste der „Interns“ mitzuhelfen. Die „Interns“ haben mehrmals im Monat einen sogenannten „36h-call“ zu leisten, bei dem sie morgens die alltägliche Stationsarbeit ausüben und anschließend in der Notaufnahme im Katutura State Hospital weiterarbeiten. Einige Studenten sind während des „calls“ auch für den OP eingetragen. Dann müssen sie in den OP-Saal, falls eine Not-OP ansteht. In der Notaufnahme lernt man als „Intern“, Thoraxdrainagen zu legen, Wunden zu nähen und Patienten im kritischen Zustand zu managen. Man nimmt die Patienten selbständig auf und handelt einen Behandlungsplan aus, der dem Oberarzt vorgestellt wird.

Es ist wirklich sehr empfehlenswert, diese Dienste mitzumachen, da man viele Dinge sieht, die in Deutschland selten sind. Außerdem besteht die Möglichkeit, viele Behandlungsschritte selbst auszuführen. Unterricht für die „Interns“ der chirurgischen Stationen gibt es normalerweise einmal pro Woche. Dabei wird ein chirurgisches Krankheitsbild abgehandelt. Allerdings fällt dieser Unterricht im Dezember und Anfang Januar oft aus, da viele Ärzte Ferien haben und dadurch keine Zeit für Unterricht bleibt.

Wie sieht ein Tag eines PJlers in der Chirurgie in Windhoek aus?

Ein typischer Tagesablauf begann mit dem „Morning-Meeting“ um 7:30 Uhr. Darauf folgte die Stationsrunde mit dem Oberarzt bzw. Chefarzt um ca. 10:00 Uhr. Davor oder danach kümmerten wir uns um Patienten, die für die Ergebnisse von Biopsien oder Labor eines vorherigen Aufenthalts einbestellt wurden und für die der weitere Behandlungsplan zu erstellen war. Es wurde der OP-Plan für die nächsten Tage zusammen mit den Oberärzten aufgestellt.

Nachdem die Oberärzte zwischen 12:00 Uhr und 13:00 Uhr die Station verließen, erledigten wir die Stationsarbeit und nahmen neue Patienten auf. Hin und wieder wurden auch kleine Eingriffe wie Biopsien und Debridements unter lokaler Anästhesie auf Station durchgeführt. Außerdem wurden Thorax-Drainagen gezogen und gelegt. Ende Dezember und Anfang Januar waren die Stationen kaum belegt, da keine elektiven OPs durchgeführt wurden. So konnte ich schon am frühen Nachmittag in den Feierabend gehen. An anderen Tagen blieb ich bis 16:00 Uhr. Die „Interns“ und ich haben nie Mittagspause gemacht und wir haben durchgearbeitet. Allerdings ist es auch kein Problem, eine halbe Stunde Pause zu nehmen. Jeden Tag musste sich einer der „Interns“ bereiterklären, den Spätdienst auf Station zu übernehmen, um bei Vorfällen verfügbar zu sein sowie die aktuellen Laborergebnisse in die Ordner der Patienten einzutragen.

Das Drumherum

In der Innenstadt von Windhoek
In der Innenstadt von Windhoek

Während meines PJs in Windhoek konnte ich in der Unterkunft des „Center for Global Education and Experience“ (CGEE) ein Zimmer beziehen und die Gemeinschaftsküche nutzen. Dort waren außer mir amerikanische Studenten, die für ihr Studium ein Auslandssemester im „CGEE“ verbrachten. Das Katutura State Hospital war ungefähr zehn Autominuten von meiner Unterkunft entfernt und das Windhoek Central Hospital etwa 5 min.

Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu Deutschland etwas höher. Vor allem Obst und Gemüse in den Supermärkten sind preisintensiv. Alkohol und andere Getränke in den Kneipen sind allerdings günstiger. Der kostenintensivste Posten der Reise nach Namibia war der Hin- und Rückflug, für den ich etwa 1.000 Euro aufbringen musste. Für die Unterkunft konnte ich mit etwa 200 Euro pro Monat günstig und sicher wohnen. Für den Flughafentransfer habe ich ein Taxi-Unternehmen eines Freundes aus Namibia kontaktiert und zahlte 20 Euro pro Fahrt (Kontakt über WhatsApp 00264813355739, es ist auch ein sicheres Taxi für die Abendstunden). Eine Fahrt innerhalb der Stadt mit dem Taxi kostet weniger als ein Euro (12 NAD). Für die Fahrten in der Stadt habe ich während der zwei Monate etwa 150 Euro aufgewendet. Für das Visum war eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 30 Euro zu zahlen, um dann vor Ort das Visum für weitere 45 Euro zu erwerben.

Bismarckstrasse in Afrika

Informal Settlements in Katutura - einem Vorort von Windhoek in Namibia
Informal Settlements in Katutura – einem Vorort von Windhoek in Namibia

Namibia ist, wie schon erwähnt, ein sehr warmes Land, was den Aufenthalt im Vergleich zum regnerischen Deutschland schon einmal sehr erstrebenswert macht. Jeden Tag scheint die Sonne, auch wenn während der Sommerzeit, vor allem im Januar und Februar, einmal pro Tag starke Regenschauer vorkommen können.

Namibia liegt auf dem afrikanischen Kontinent, nördlich von Südafrika. Das bedeutet ein anderer Kontinent mit einer anderen Geschichte, einer anderen Kultur, einer anderen Natur und einem anderen Klima. Obwohl uns Deutsche 10.000 Kilometer von diesem Land trennen, findet man dort Straßennamen wie Bismarckstrasse oder Beethovenstrasse, Monumente, die gefallene deutsche Reiter ehren sowie hin und wieder Gebäude mit deutschen Bezeichnungen und Kneipen, in denen Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot und deutsche Gerichte angeboten werden. Zudem ist es nicht selten, in der Hauptstadt Windhoek Einheimische anzutreffen, die fließend deutsch sprechen, obwohl sie noch nie deutschen Boden betreten haben.

Diesen Besonderheiten von Namibia liegt eine dunkle Geschichte zugrunde. Namibia war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie und das nimmt man auch noch 100 Jahre später wahr. Die deutsche Kolonialherrschaft führte zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Angehörige des Herero- und Nama-Stammes kamen damals auf schreckliche Art und Weise ums Leben. Es ist verwunderlich, dass die Denkmale, die damals zu Ehren der gefallenen deutschen Reiter und der deutschen Herrscher errichtet wurden, unversehrt existieren. Aufgrund dieser schwierigen Verbindung mit der deutschen Geschichte fühlte ich mich als Deutsche nicht immer wohl.

Das Land ist finanziell und wirtschaftlich noch extrem von der Unterstützung von außen abhängig und die Ungleichheit zwischen arm und reich ist sehr groß. Die Namibier mit deutschen Wurzeln gehören der finanziell und wirtschaftlich gut gestellten Bevölkerungsgruppe an, während die arme Bevölkerungsgruppe vor allem aus Bürgern mit ausschließlich afrikanischen Wurzeln stammt. Das Township „Katutura“ ist der Stadtteil, der von der armen Bevölkerung bewohnt wird. Dort gibt es eine große mit Blechhütten bebaute Fläche, die nur über Gemeinschafts-Sanitäranlagen und einige gemeinschaftliche Wasseranlagen für die Versorgung mit Trinkwasser verfügen. Die Armuts- und Arbeitslosenrate sind dort sehr hoch.

Trotz dieser schwierigen Umstände und der besonderen Geschichte ist der Alltag von der Gelassenheit und Offenheit der afrikanischen Bevölkerung geprägt. Man hört an jeder Ecke Musik aus den Kneipen und Taxis schallen und sieht Kinder dazu tanzen. Den Duft von gegrilltem Fleisch riecht man überall und temperamentvolle, laute Unterhaltungen hört man schon von weitem.

In „Katutura“ habe ich ein Kinderheim unterstützt, das im Jahr 2004 von einer Pastorin mit Spenden von vorwiegend Privatpersonen und der Kirche aufgebaut wurde. Das Kinderheim „Hope Village“ beherbergt etwa 90 Kinder, die teilweise keine Familie mehr haben oder deren Familien sich aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen nicht mehr um sie kümmern können. Bei meinem Aufenthalt im Jahr 2016 unterstützte ich das „Hope Village“ als Freiwillige bei der Betreuung und ich unternahm Exkursionen mit den Kindern. Auch beim aktuellen Aufenthalt konnte ich viel Zeit unter der Woche und an den Wochenenden den Kindern widmen. Prinzipiell freuen sich die Kinder über jeden, der sie besucht und sich mit ihnen beschäftigt.

Die Landschaft Namibias ist geprägt von der Trockenheit und einer friedvollen Weite. Am Wochenende kann man bei einem Ausflug in das vier Stunden entfernte an der atlantischen Küste gelegene „Swakopmund“ eine Fahrt durch die „Namib-Wüste“ erleben und gleichzeitig einen Blick auf das Meer und die Dünen genießen. Ein Ausflug in den nördlich von Windhoek gelegenen Nationalpark „Etosha“ ist zu empfehlen, wenn man die afrikanische Tierwelt live miterleben möchte. Außerdem kann es vorkommen, dass sich Freundschaften zu Einheimischen entwickeln. Daraus ergeben sich auch Einladungen in deren Heimatdörfer und so lernt man das Leben in einem traditionellen namibischen Dorf kennen und wird herzlich von deren Familien aufgenommen.

Noch ein paar Worte zur Sicherheit in Namibia. Es kommt immer wieder zu Überfällen. Besondere Gefahr besteht, wenn man bei Dunkelheit allein auf der Straße unterwegs ist oder unsichere Taxis nutzt. Man sollte immer darauf achten, entweder ein Taxi zu nehmen, dem man vertraut (siehe oben genannter Taxi-Kontakt) oder eines, das nicht nur mit Männern besetzt ist. Niemals sollte man sich bei Dunkelheit allein auf den Weg machen. Es ist auch ratsam ein günstiges 20 Euro Handy statt eines teuren Smartphone in der Hosentasche zu haben. Außerdem sollte man nur wenig Bargeld, idealerweise an einer ungewöhnlichen Stelle versteckt, bei sich tragen. Taschen sollte man eher nicht mit sich führen.

Fazit

Das Baby-Haus des Kinderheims Hope Village in Katutura
Das Baby-Haus des Kinderheims Hope Village in Katutura

In einem anderen Land einen Teil seines PJs zu absolvieren, kann ich unbedingt empfehlen. Natürlich ist ein Auslandstertial mit Mehraufwand verbunden. Letztlich profitiert der PJler von seinen Erfahrungen in einem Land mit einem anderen Gesundheitssystem und anderer Kultur. Ich fühle mich nun sicherer in der körperlichen Untersuchung und Diagnosestellung ohne Inanspruchnahme von Labor und Bildgebung. Dies wird mir auch in Deutschland helfen.

Außerdem habe ich jetzt eine Vorstellung vom Leben in einem afrikanischen Land, was mir einen ganz neuen Blick auf unsere Verhältnisse und unser Leben in Deutschland vermittelt hat. Ich schätze stärker die Sicherheit und die damit verbundene Freiheit bei uns, die gute, gesicherte gesundheitliche Versorgung und die Seltenheit bestimmter Erkrankungen wie AIDS, Tropenkrankheiten und fortgeschrittene Stadien von Krebserkrankungen ohne jegliche bisherige Behandlung.

Was wir von der namibischen Lebensart ein bisschen lernen können, sind die Gelassenheit und Entschleunigung im Alltag. Dies steht natürlich im Spannungsfeld mit dem leistungsorientierten und hektischen Deutschland.

Nicht zu vergessen, ist, dass man durch den langen Aufenthalt im Ausland so etwas wie eine zweite Heimat aufbauen kann und es möglich ist, neue enge Freundschaften in einem anderen Land mit anderer Kultur zu entwickeln.

Ich bedanke mich herzlich bei Medizinernachwuchs.de für die großzügige Unterstützung in Form eines Auslandsstipendiums, das mir die Finanzierung meines Auslands-Tertials deutlich erleichterte und mir zu diesem wichtigen Teil meiner medizinischen Laufbahn verholfen hat.

T., C.

Aachen, Februar 2019

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2018

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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1 Kommentar

  • Hallo,
    Ich finde dein Bericht hört sich super interessant an und hat mich dazu gebracht, mich auch für einen Teil meines PJ’s in Namibia zu bewerben!
    Wäre es möglich, mir die E-Mail Adresse deines Kontaktes für die Organisation des Pj’s in Namibia zu geben?
    Liebe Grüße!

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