M2/Zweites Staatsexamen Medizin – Ein Absolvent des 2. Abschnitts der Ärztlichen Prüfung Frühjahr 2017 macht Mut

14. Juli 2017

in Examen, Ratgeber

Wenn sich das Zweite Staatsexamen im Medizinstudium nähert, verfällt so mancher Medizinstudent erst einmal in Panik. Zum einen, da ihn nach diesem Schritt nur noch das Praktische Jahr vom Ernst des Lebens trennt. Zum anderen, da er gar nicht genau weiß, wie es ist, plötzlich 100 Tage ohne Pause mit Lernen zu verbringen. In der Vergangenheit haben doch meist ein bis zwei Wochen für die Scheinklausuren gereicht, für das Physikum (M1) 30 Tage. Ein persönlicher Kommentar schon vorweg: „Die Intensität der einzelnen Tage im Lernplan für M2 erreicht nicht die eines Physikumslerntages.“

Die Zeit

Noch im Trubel von Wochenpraktika, Famulaturen, Doktorarbeit und Seminaren gefangen, hört der typische Student im Laufe des klinischen Studienabschnitts zum ersten Mal vom 100-Tage-Lernplan. Die Vorstellung ist ihm erst einmal fremd, sodass er vergisst, sich darüber Gedanken zu machen. Ist er dann erst einmal scheinfrei, sieht er sich diesen 100 Tagen gegenüber, ohne sich darauf vorbereitet zu haben.

Mein erster Tipp für alle Medizinstudenten ist deswegen folgender: Überlegt Euch vorher, ob Ihr 100, 120, 140 oder nur 80 Tage lernen möchtet. An meiner Universität in Tübingen musste ich am 23.12. 2016 meine letzten Scheinklausuren schreiben, am 25.12.2016 hätte dann der reguläre 100-Tage-Lernplan angefangen. Nach kurzer Überlegung habe ich entschieden, dass ich nur 90 Tage lerne und mich stattdessen zu Weihnachten und Sylvester erhole. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut.

Wer allerdings weiß, dass er z.B. unbedingt die Note „sehr gut“ erreichen möchte, sollte sich schon eher überlegen, ob er die 100 Tage nicht ein wenig streckt. Mein Vorschlag, wie die zusätzlichen Tage genutzt werden könnten, verrate ich Euch später.

Eine gewisse Planung braucht auch derjenige, der aus religiösen, familiären oder persönlichen Gründen am Sonntag nicht lernen möchte. Um dies zu erreichen, muss man etwa 15 Tage früher anfangen.

Das geballte Wissen

Eine kurze Umfrage unter den Tübinger Medizinern hat ergeben, dass pro Jahrgang einige Studenten zum Buch greifen, wenn es darum geht, gute „Helfer“ für die Lernzeit zu finden. Diejenigen, die sich zum Beispiel für den „AllEx“ entschieden haben, erzielten gute Resultate. Ich persönlich hatte mich der Mehrheit der Studenten angeschlossen und mein Lernen auf „AMBOSS“ von Miamed aufgebaut. Der Vorteil ist, dass durch das kombinierte Kreuzen und Lernen eine sehr gute Verzahnung von Fragen und Lernkarten entsteht. Mir persönlich hat es auch geholfen, dass ich nicht permanent die drei großen Bände des „AllEx“ vor Augen hatte.

Der allgemein verbreitete Lernplan von „AMBOSS“, der die Lektüre am Vormittag und das Kreuzen am Nachmittag vorsieht, ist meinem Erachten nach ziemlich praktisch. Wie ich ihn für mich modifiziert habe, beschreibe ich später.

Ein gutes Wort muss ich dennoch für die gedruckte Version einlegen. Das Lernen im Buchformat gibt dem Studenten die Möglichkeit, Dinge zu verstehen, die ihm vorher unklar waren. Hier sehe ich die Schwäche von „AMBOSS“. Im Gegensatz zum Buch besteht die Online-Lernkarten-Datenbank nämlich zum Großteil aus Stichpunkten, während der „AllEx“ vieles in Sätze kleidet. So habe ich in bestimmten Bereichen, in denen ich Zusammenhänge verstehen wollte, auf die Bücher zurückgegriffen, da mir ausformulierte Erklärungen schwierigere Sachverhalte besser nahebrachten.

Die Kollegen

Blick auf meine Universitätstsadt Tübingen
Blick auf meine Universitätstsadt Tübingen

Wer sechs bis acht Stunden pro Tag am Schreibtisch sitzt, um für das Staatsexamen zu lernen, merkt schnell, wie wichtig soziale Kontakte sind, um sich auszutauschen. Die 100 Tage überlebt man nämlich nur, wenn der viel beschworene Ausgleich zur Medizin vorhanden ist. Die Verabredung zum gemeinsamen Lernen mit Kommilitonen bietet daher die Möglichkeit, trotz Müdigkeit seine Freunde dazu zu motivieren, sich zu treffen. Schon eine Stunde gemeinsames Abfragen sorgt für einen Grund, sich zu treffen. Während dieser 60 Minuten kann man ja bereits das Gemüse und das Fleisch für den anschließenden, länger als eine Stunde dauernden Grillabend marinieren. Freunde zu treffen, ist wirklich wichtig, um die Lernzeit gut zu überstehen.

Zum anderen kann man aber auch fachlich vom Austausch profitieren. In meinem Freundeskreis haben wir uns abends meist die Dinge erzählt, die am jeweiligen Lerntag für uns komplett neu waren. Dass man eine Stressfraktur im Röntgen gern übersieht und dann möglicherweise nach ein paar Tagen bis Wochen wiederholt röntgt, war mir beispielsweise neu. Als ich dies den Kommilitonen erzählt habe, war dies für mindestens einen von ihnen auch ein Zugewinn.

Oft hört man, dass das gemeinsame Abfragen nur für mündliche Prüfungen gut sei. Das sehe ich anders! Zusammenhänge sowohl schriftlich als auch auditorisch aufzunehmen, festigt meinem Erachten nach das Langzeitgedächtnis. Ein Kapitel im „AllEx“ oder eine Lernkarte von „AMBOSS“ abzufragen, ist jedoch eine Herausforderung für den Frager. Leichter ist es, bereits fertig gestaltete Frage-Antwort-Bücher, z.B. von „Elsevier“, zu nutzen.

Die Inhalte

Die Universitätsbibliothek in Tübingen
Die Universitätsbibliothek in Tübingen

Jeder Student hat Schwächen. Jeder Dozent hat Schwächen. Jedes Lehrbuch hat Schwächen.

An unserer Universität kommen zum Beispiel manche Bereiche der Inneren Medizin im Medizinstudium etwas zu kurz. Von Studenten hört man mitunter, dass mehr Pathologie als Innere Medizin vermittelt wird. So entstehen Wissenslücken. An anderen Universitäten wird dafür zum Beispiel Chirurgie oder Gynäkologie vernachlässigt.

Ein anderes Beispiel ist die Belastung durch eine Doktorarbeit. Das Freisemester hat nicht ausgereicht, sodass der Doktorand noch im achten Semester dreimal die Woche nachmittags im Labor steht? Die Fächer, die in diesem Semester gelehrt wurden, zählen dann bestimmt nicht zu seinen Stärken.

Wissenslücken sind nicht schlimm. Die 100 Tage sind für den Medizinstudenten jedoch die Möglichkeit, seine persönlichen Schwächen zu erkennen und zu beheben. Oft hat man eine vage Ahnung, in welchen Fächern man gut ist, aber präzise kann dies kaum einer einschätzen. Eine häufige Beobachtung ist, dass viele Medizinstudenten stur den 100-Tage-Lernplan durcharbeiten, ohne jedoch den Aufwand nach Fach und Themengebiet, ja sogar Krankheitsbild, anzupassen. Die Folge ist, dass im Examen Fragen falsch gekreuzt werden, „die man doch schon einmal falsch hatte“. Jeder, der bereits ein Examen geschrieben hat, weiß, dass man sich über diese falschen Antworten am meisten ärgert.

Tatsächlich wiederholen sich die Fragen im Wortlaut kaum, die grobe Themenrichtung und -gewichtung bleibt jedoch in etwa gleich. Mein Schluss aus dieser Betrachtung lautet deswegen, dass es wichtig ist, seine Wissenslücken zu erkennen und zu schließen.

Schritt eins besteht im Rahmen des Lernplans darin, seinen Wissensstand einzuschätzen. Startet man mit Innerer Medizin und kreuzt die Fragen bunt gemischt, so hat man nach etwa 20 Lerntagen durch die Statistik eine gute Übersicht über Stärken und Schwächen. Das Gleiche gilt für alle kommenden Fächer.

Nun beginnt Schritt zwei: Die Kompensation der Schwächen. Eine gute Methode ist es, sich an der Lernempfehlung von „AMBOSS“ zu orientieren. Schaut man sich die Statistik an, wird man schnell merken, dass man etwa durch ein gutes Seminar spontan über 90 Prozent der Fragen in der Lernkarte „Pneumothorax“ richtig beantwortet. Gleiches gilt zum Beispiel für das Mammakarzinom, wenn man darüber in seiner Doktorarbeit eine zehnseitige Einleitung geschrieben hat. Lernkarten, die man so gut beantworten kann, kann man getrost erst einmal beiseitelegen.

Das andere Ende der Skala verdient jedoch besondere Beachtung: Ich empfehle, nach etwa 20 Tagen im Plan täglich für eine Stunde Lernkarten zu wiederholen, die durch schlechte Kreuzleistungen anfangen. Natürlich sollte man sich nicht mit Karten verzetteln, die „low yield“ sind und somit unwichtig. Wichtige Lernkarten, die man schlecht beherrscht, sollten im Laufe des Lernprozesses mindestens zweimal durchgearbeitet werden. Am folgenden Tag kann man dann je nach Kreuzleistung in etwa einer halben Stunde alle falsch beantworteten Fragen des Vortages wiederholen. Verfolgt man dieses Prinzip von Tag 20-85, so hat man eine gute Grundlage geschaffen und wirklich etwas dazugelernt. Die Wahrscheinlichkeit, schon einmal aufgetretene Fehler im Examen zu wiederholen, sinkt somit sehr stark.

Ab Tag 85 stehen bei „AMBOSS“ nur noch Klausuren auf dem Plan. Diese Tage würde ich nutzen, um noch einmal die schlecht gekreuzten Lernkarten der Top 100 zu wiederholen.

Es lohnt sich sehr, die Top-Themen im Schlaf zu beherrschen. Hat man sich entschieden, länger als 100 Tage zu lernen, kann man die zusätzlichen Tage dazu nutzen, die Top 100 oder Top 150 Lernkarten zu wiederholen und zu festigen. Das wiederholte Kreuzen der falsch beantworteten Fragen der gerade gelernten Lernkarte sorgt dann auch für ein Gefühl der Befriedigung.

Die drei wichtigen Tage

Der zweite Abschnitt der Ärztlichen Prüfung erstreckt sich über drei Tage. Insgesamt muss der Prüfling 320 Multiple-choice-Fragen beantworten, pro Tag als etwa 107. Die Prüfung findet häufig in großen (Turn-)hallen statt, die Prüfungsleitung und -aufsicht stellen Mitarbeiter der Fakultät und Externe. Die Prüfung startet um 9:00 Uhr und endet etwa um 14:00 Uhr. Viele verlassen den Raum früher, einige bleiben bis zum Ende.

Ein Tipp ist, vorher den eigenen Rhythmus kennen zu lernen. Nutzt es mir, wenn ich bis zum Ende bleibe oder verändere ich bereits beantwortete Fragen hin zur falschen Antwort? Wie merke ich, dass ich eine Pause brauche? Nach welcher Zeit sollte ich mich um meinen Blutzuckerspiegel kümmern?

Ein vielleicht trivialer Tipp ist auch, sich bequem anzuziehen, da man abgesehen vom Toilettengang meist keine Möglichkeit hat, sich die Beine zu vertreten. Anpassung an eine ausgefallene Klimaanlage oder ähnliches durch das An- und Ausziehen von Schichten sollte am besten auch möglich sein. Ebenso sollte jeder – besonders im Sommer – genug Essen und Trinken mitnehmen. Ich empfehle einen Mix aus Snacks, die schnell Zucker liefern und solchen, die für Sättigung sorgen, wenn man doch die gesamte Prüfungszeit nutzen sollte.

Die Atmosphäre beschreiben die meisten Prüflinge als entspannt. Besonders jene, die von den amerikanischen Examina Metalldetektoren und Fingerabdrücke gewohnt sind, finden ein ganz anderes Bild vor. Aufgeregt ist man trotzdem, das ist auch gut so. Den Tag vor der Prüfung würde ich jedoch nicht mehr für hastiges Lernen nutzen, da die gewonnen Informationen und das ausgeruht sein, sich gegenseitig aufheben.

Die Fehlerquellen

Man kann wirklich jeden ermuntern, keine Angst vor dem Examen zu haben. Wer das Erste Staatsexamen geschafft hat, wird auch das Zweite bestehen. Tatsächlich sind im zweiten Abschnitt die Durchfallquoten geringer als im Physikum. Ein Fehler wäre es, sich zu viele Sorgen zu machen.

Wie vorher erwähnt, sollte man vorher festlegen, wie lange man lernt. Ein Fehler wäre es, viel zu früh anzufangen und dadurch ein massives Motivationsloch zu riskieren. Ein anderer ist es, als ängstlicher Mensch zu spät anzufangen und dann jeden Morgen mit der Anzahl der „Minustage“ im Hinterkopf aufzuwachen. Der dritte Fehler wäre, die Möglichkeiten der Statistiken nicht zu nutzen und wichtige Themen sowie persönliche Schwachstellen nicht in den Fokus zu nehmen.

Die Chance – mein Fazit

Das Universitätsklinikum der Eberhard Karls Universität Tübingen
Das Universitätsklinikum der Eberhard Karls Universität Tübingen

Das Zweite Staatsexamen bietet die Chance, noch einmal die Fragmente des Wissens, die das klinische Studium hinterlassen hat, zu systematisieren, zu vervollständigen und zu verknüpfen. Blickt man auch wehmütig auf die „verlorene Zeit“, die man in den 100-Tage-Lernplan investiert hat, so wird man doch später merken, dass man in vielen Bereichen sicherer und besser geworden ist. Die Ärzte auf den Stationen haben mir bestätigt, dass die PJ-Studenten einen viel besseren Wissensschatz haben, seitdem sie das Zweite Staatsexamen vor dem PJ absolvieren müssen. Das ist für mich ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, einen positiven Blick auf das zu absolvierende Examen zu werfen.

Ein letzter Kommentar noch zum Begriff „Hammerexamen“. Dieser geistert immer noch in manchen Köpfen herum. Das „Hammerexamen“ wurde jedoch abgeschafft! Wer noch davon spricht, macht sich selbst nur zu viel Druck. Aus einem kombinierten, mündlichen und schriftlichen Examen, welches man neben dem PJ vorbereiten musste, ist ein rein schriftliches Examen geworden, welches man in einer freien Lernzeit vorbereiten kann. Deswegen ist das Zweite Examen nicht mehr der „Hammer“ wie früher.

Die Lernzeit mutet endlos und eintönig an und führt sicher zu manchem Motivationstief. Andererseits ist es die Chance, sich für mehr als drei Monate seinem Lieblingsfach, der Medizin, zu widmen. Diese bekommt man nie wieder!

In diesem Sinne möchte ich allen Mut machen, sich auf die Lernzeit und das Examen einzulassen. Mit ein wenig Planung und Fleiß ist es gut zu schaffen.

K., J.

Tübingen, Mai 2017

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