Richtig Lernen – unser Gehirn ist ein Meister im Vergessen

11. März 2014

in Examen, Medizinstudium, Physikum, Ratgeber

Kannst Du Dich noch erinnern, was Du letzte Woche Dienstag zum Mittag gegessen hast? Wahrscheinlich nicht. Unser Gehirn ist ein Meister im Vergessen von Informationen, die wir nicht regelmäßig wiederholen. Doch was können wir tun? Ich musste, wie viele andere auch, die Kunst des Lernens im Laufe meines Medizinstudiums mühsam lernen. Später habe ich als Tutor gearbeitet und Nachhilfe gegeben. Hier sind meine Tipps zum erfolgreichen Lernen – meine Lernstrategien.

Vor dem Lernen ein Ziel setzen

Bevor ich mich an den Schreibtisch setze, definiere ich ganz bewusst ein Ziel – was möchte ich in welcher Zeit lernen? Ein Ziel hilft, sich zu strukturieren und sich beim Lernen nicht ablenken zu lassen. Anfangs habe ich auch auf die Uhr geschaut und konnte so ein Gefühl entwickeln: „Wie viel Zeit brauche ich für wie viel Inhalt.“ Ich war überrascht, wie viel länger es anfangs dauert. Im Verlauf fielen mir aber Faktoren auf, welche die Effektivität senken, zum Beispiel das Handy neben dem Buch. Es lohnt sich also, sich ein bewusstes Ziel für jede Lerneinheit zu setzen und es dann ehrlich zu überprüfen.

Die Drittel-Regel für Texte

Beim Lernen hilft es mir, die Informationen in drei Kategorien einzuteilen. Kerninformationen in einem Text sind die wichtigsten Punkte. Sie bilden das Grundgerüst für das, was ich mir merken will. Außerhalb des Grundgerüstes gibt es die Zusatzinformationen. Ich benutze im Text verschiedene Farben und Unterstreichungen – je nach Kategorie. Wichtig ist es, auch unwichtige Informationen zu erkennen. Zum Beispiel bei überschneidenden Fächern oder weil es zu speziell ist. Hier sollte man den Mut fassen, diese einfach wegzulassen.

Es ist wichtig, ein Fach erst zu verstehen und dann zu lernen. Einen Text arbeite ich in drei Schritten durch. Zuerst lese ich den Text ganz genau. Ich erfasse den gesamten Inhalt und markiere mir Stichpunkte und Passagen. Danach lese ich den Text diagonal, d.h. ich überfliege den Text rasch und ordne für mich die Schlüsselbegriffe. Nach dem Ordnen schreibe ich die wichtigsten Fakten auf und forme sie. Je mehr man mit den Informationen spielt, desto besser. Am Ende des Studiums wird es auch immer wichtiger, die Dinge, die man schon weiß, nicht nochmal zu lernen, sondern nur die Lücken zu füllen. Hier hilft es, einen Text zuerst diagonal zu lesen und dann zu entscheiden, wie wichtig er ist.

„Use it or lose it“

Die Vergessenskurve
Die Vergessenskurve

Nur das, was wir regelmäßig wiederholen, bleibt auch im Langzeitgedächtnis. Die scheinbar unwichtigen Dinge löscht unser Speicher, das Gehirn, weil sie nicht aktiviert werden. 1885 hat der Berliner Professor Ebbinghaus versucht, sinnfreie Buchstabenkombinationen zu lernen. Es zeigte sich, dass er innerhalb von Stunden mehr als die Hälfte der Kombinationen vergaß. Weniger als 20 Prozent der nicht zusammenhängenden Informationen wurden langfristig gespeichert. Unser Gehirn neigt also dazu, Gelerntes eher zu vergessen, als es zu erinnern. Den Fakt, dass wir unser Wissen exponentiell verlieren, hat er in der Vergessenskurve zusammengefasst.

Ebbinghaus fand aber auch heraus, dass ein neuer Lernimpuls ein Absinken der Lernkurve stoppt und auch die Geschwindigkeit, mit der wir etwas vergessen. Das Intervall, das nötig ist, um die Information zu reaktivieren, wird deshalb immer größer. Müssen wir anfangs die Kombination noch nach einem Tag wiederholen, reichen danach schon mehrere Tage, dann eine Woche bis hin zu mehreren Monaten. Das Gelernte wird hierbei ins Langzeitgedächtnis übernommen und dort schrittweise gefestigt.

Die Kurve von Ebbinghaus wurde oft dafür kritisiert, dass sie nur für sinnfreie Wortsilben gilt. Für zusammenhängende Fakten ergibt sich eine bessere Kurve und genau das können wir uns zunutze machen. Fakten als Zusammenhänge zu lernen, erhöht die Lernleistung deutlich. Zudem ist die Rate, wie schnell wir etwas vergessen, von Faktoren wie Stress und Schlaf abhängig. Diese Faktoren sollten gerade in Prüfungszeiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

Unser Gehirn neigt zum Vergessen

Leitner-System
Leitner-System

Es gibt zwei Strategien, mit denen wir unser Lernen an die Funktionsweise unseres Gehirns besser anpassen können. Sie sind im Englischen bekannt unter: „Active recall testing“ und „spaced-repetition“. „Active recall testing“ bedeutet, dass eine Information aktiv als Antwort auf eine Frage wiedergegeben wird. Dies steht im Gegensatz zum passiven Lernen, z.B. dem erneuten Lesen eines Textes. „Active recall testing“ ist wesentlich effektiver im Erstellen von starken Verknüpfungen. „Spaced-repetition“ bezeichnet die Wiederholung im Intervall, wobei der Zeitraum zwischen den einzelnen Wiederholungen immer größer wird.

Beide Formen lassen sich sehr gut mit Karteikarten umsetzen. Sebastian Leitner hat dazu 1973 das Leitner-System entwickelt. Er hat sich selber anhand von Karteikarten abgefragt und dafür Boxen von 1 bis 5 bereitgestellt. Wenn eine Karte richtig beantwortet wurde, kam sie in die nächste Box, welche ein längeres Intervall bis zur erneuten Abfrage hatte. Wurde eine Karte nicht richtig beantwortet, ging sie in die vorherige Box. Der Zeitraum zwischen den Boxen wurde immer größer. Wenn am Ende alle Karten in der letzten Box waren, wusste er, dass er alles gelernt hatte und vor allem aktiv wiedergeben konnte.

Für den genauen Zeitraum zwischen den einzelnen Boxen gibt es verschiedene Algorithmen. Diese werden zum Beispiel Leitner-System oder Super-Memo genannt. Im Ansatz nutzen vielen Studenten das „spaced repetition“, wenn sie an einem Tag ein Thema lernen und es am nächsten Tag z.B. beim Kreuzen wiederholen. Es bleibt einfach mehr in Erinnerung, als wenn sie beides an einem Tag lernen würden.

Wenn es um viele Informationen geht – digitale Lernkarten

Sepsis-Hautzeichen
Sepsis-Hautzeichen

Wie also den Stoff aufarbeiten und dann lernen? Ich hatte mich im Studium für digitale Karteikarten entschieden. „Active recall testing“ und „spaced-repetition“ in einer Form.

ANKI ist zum Beispiel eines von vielen kostenlosen Programmen, mit dem sich so etwas verwirklichen lässt. Es wurde für das Lernen von Sprachen entwickelt und bietet die Möglichkeit, schnell und effizient seine eigenen Lernkarten am Computer zu schreiben. Wenn die Karten zu einem Thema fertig sind, kann man in den Abfragemodus wechseln. Die Vorderseite wird angezeigt, man beantwortet sie und die Rückseite wird zum Vergleich angezeigt. Danach schätzt man ein, wie gut man die Inhalte wusste und ANKI bringt die Karte ein Intervall nach vorne oder nach hinten. Entsprechend dem Leitner-System.

Für die Vorder- und Rückseite gibt es viele Formatierungsmöglichkeiten. Es können z.B. Bilder, Audio, Video und Lückentexte eingefügt werden. Wichtig ist, die Fragen und Antworten so einfach wie möglich zu halten, denn je einfacher die Information, desto besser der Lerneffekt.

Am wichtigsten ist die Funktion, dass Bilder direkt eingefügt werden können. Viel Zeit verbringen wir beim Lernen im Internet und schauen uns Krankheitsbilder oder Röntgen-Bilder an. Auch Folien von Professoren werden im PDF-Format verteilt. Ich habe ein „Snipping tool“ installiert, mit dem sich beliebige Ausschnitte auf dem Bildschirm kopieren lassen. Nun steht alles, was ich auf dem Bildschirm anschauen kann, als Bild zur Verfügung. Die Gottron-Papeln bei der Dermatomyositis, Hautzeichen bei der Sepsis oder die fluid-lung beim Atemnot-Syndrom. Die passenden Bilder sind zwei Klicks entfernt und können als Merkhilfe dienen. Auch die Abbildungen aus den Vorlesungsfolien. Zu Recht heißt es: „Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“.

Als Tipp am Rande: Wenn Du nur eine begrenzte Datenmenge zur Verfügung hast, kannst Du unter Google-Bilder am unteren Ende auf Standard-Version klicken. Dann wird die alte Version von Google-Bilder angezeigt, welche nicht so viele Daten benötigt.

Mit wenigen Klicks ging das Erstellen der eigenen Karteikarten ziemlich schnell und bei mir waren es am Ende des Studiums über 1.500 Karten zu verschiedenen Fächern. Der Vorteil zu Papierkarten? Du musst Dir nicht merken, wann welche Karte wieder dran ist oder welche Du, wie gut kannst. Der Algorithmus im Programm weiß ganz genau, wann er Dich welche Karte fragen muss, damit die Information sitzt.

Du kannst die Karten online speichern und zwischen Laptop und Handy synchronisieren. Die Karten können auch mit anderen Studenten geteilt werden oder bestehende Sets aus dem Internet geladen werden.

Prioritäten setzen in der Informationsflut

Eisenhower-Prinzip
Eisenhower-Prinzip

Um mich beim Lernen auf das zu fokussieren, was wichtig ist, habe ich das Eisenhower-Prinzip sehr zu schätzen gelernt. Von einem Präsidenten und General entwickelt, stellt es zwei Fragen: Wie wichtig und wie dringend ist eine Aufgabe?

Für unseren Fall des Lernens ergeben sich vier Möglichkeiten: Eine Frage, die wichtig und dringend ist, schaue ich sofort nach. Eine Frage, die wichtig ist, aber nicht dringend, schreibe ich mir auf, um sie ein anderes Mal nachzuschauen. Es gibt immer auch Fragen, die gar nicht zum Thema gehören. Diese mutig in den Papierkorb legen. Übrig bleiben Dinge, die dringend sind, aber eben nicht wichtig. In diese Kategorie kann etwas fallen, das gar nicht zum Lernen gehört. Zum Beispiel können das Kochen und die Hausarbeit in der Prüfungszeit mit der Mitbewohnerin/dem Mitbewohner aufgeteilt werden. Das Eisenhower-Prinzip lässt sich so auch auf die Dinge des Alltags anwenden.

Wenn es um das Thema Effizienz geht, wird häufig auch das Pareto-Prinzip zitiert. Es besagt, dass 80 Prozent des Ergebnisses in 20 Prozent der Zeit erreicht werden können. Die restlichen 20 Prozent benötigen aber 80 Prozent der Zeit. Es lässt sich gut nutzen, wenn es mal knapp wird mit der Klausurvorbereitung. Es als generelles Prinzip zum Lernen einzusetzen, ist aber problematisch. Bei 20 Prozent des Einsatzes entsteht nicht genügend Hintergrundwissen, um ein Fach zu verstehen.

Den richtigen Ort wählen und ihn auch mal ändern

Interessanterweise ist unsere Aufnahmekapazität in fremden Umgebungen erhöht. Es lohnt sich also, zum Lernen auch mal den Ort zu wechseln. Selbst die Möbel im eigenen Zimmer umzustellen, kann schon helfen, den eigenen Kopf anzuregen.

Welches Buch für welches Fach

Es gibt für jedes Fach diverse Bücher: den Klassiker, Kurzlehrbücher, Skripta und Lernkarten. Ich denke, es gibt keine allgemeine Empfehlung, was für jeden gut ist. Was mir am meisten Motivation gebracht hat, hat mir am Besten geholfen. Hört Euch um, was andere Medizinstudenten benutzen. Schaut in der Bibliothek, was dort vorrätig ist. An vielen Unis gibt jeder Fachbereich eine Empfehlung und dieses Buch ist dann in einer großen Zahl vorrätig. Vorsichtig war ich immer mit Ersten Auflagen von Büchern. Häufig haben sich doch noch Fehler eingeschlichen.

Inzwischen gibt es auch eine große Auswahl an Internetseiten und digitalen Medien wie PodCasts und Ebooks. Auch hier lohnt es sich auszuprobieren.

Für einige Fächer habe ich später im Medizinstudium auch ein englischsprachiges Buch verwendet – z.B. in Innere Medizin den „Cecil’s Essentials of Medicine“ oder in Pathologie den „Robbins“ – in der komprimierten Studenten Edition. Nur Mut! Wenn Du für die Doktorarbeit auf Englisch liest, macht es wirklich keinen großen Unterschied und viele anglo-amerikanische Bücher fürs Medizinstudium sind extrem gut geschrieben.

Aktive Lernformen schlagen passive…

Ob Du besser als Einzelkämpfer oder in der Gruppe lernst? Aktives Lernen ist effektiver als passives! Themen wiedergeben, aktiviert starke Verbindungen im Gehirn und sorgt für eine besonders lange Speicherung. Wenn Du alleine lernst, erkläre Dir ein Thema selbst. Klingt komisch? Probiere es trotzdem mal aus. Es ist viel effektiver, als nur zu lesen. Fasse am Ende der Lerneinheit nochmal für Dich zusammen, was Du gelernt hast. Schon Konfuzius erkannte, dass aktiv lernen besser ist als passiv lernen: „Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich erinnere mich; lass es mich tun, und ich behalte es.“ Oder wie ich es in Südafrika in der Notaufnahme im PJ gelernt habe: „See one, do one, teach one“.

Den eigenen Lerntyp kennen

Jeder von uns lernt verschieden. Ich bin zum Beispiel ein visueller Lerntyp. Die Informationen sollten für mich übersichtlich sein und ich markiere sehr gerne. Für mich ist es entscheidend, dass ich in der Vorlesung mitschreibe. Es kombiniert das Zuhören und das Aufschreiben in etwas Visuelles. Mitzuschreiben hilft in der Vorlesung natürlich auch, nicht die Aufmerksamkeit zu verlieren.

Das ist am wenigsten ein Problem für den auditiven Lerntyp, der durch Vorlesungen gut lernen kann. Für ihn ist es hilfreich, Texte laut zu lesen oder Merkhilfen über den Klang der Wörter zu erstellen. Der motorische Lerntyp sollte sich nicht zwingen, am Schreibtisch zu bleiben. Hier kann es helfen, beim Lernen im Zimmer umherzugehen oder sich Dinge motorisch einzuprägen, z.B. über den Dermatomentanz oder Nervenausfälle zu simulieren. Kommunikative Lerntypen lernen am Besten in Lerngruppen. Eine Grundlage können hier zum Beispiel Fallbücher sein, die gemeinsam bearbeitet werden, oder ein medizinisches Quiz. Es ist nicht notwendig, genau einen Lerntyp auszuwählen. Je mehr Du kombinierst, desto besser.

Eule oder Lerche?

Ob Ihr lieber tagsüber oder am Abend lernt, ist individuell unterschiedlich. Den Tipp von den Großeltern, sich das Buch unter das Kopfkissen zu legen, sollte man allerdings ernst nehmen. Was ist damit gemeint? Wir können uns etwas besser merken, wenn wir es kurz vor dem Schlafengehen lernen. Im Schlaf verarbeitet das Gehirn die Geschehnisse des Tages und wichtige Informationen werden im REM-Schlaf über den Hippokampus ins Langzeitgedächtnis übernommen. Deshalb funktioniert es so gut, vor dem Schlafen zu lernen. Emotionale Inhalte werden dabei bevorzugt. Das heißt, schauen wir uns nach dem Lernen einen spannenden Krimi an, ist der Lerneffekt wieder vermindert.

Rekapitulation am selben Tag

Dies ist etwas, das mir unheimlich geholfen hat, mein Lernen zu verbessern. Nach einem langen Tag an der Uni ist es sehr verlockend, die Tasche in die Ecke zu stellen. Empfehlen möchte ich Euch aber, Eure Mitschriften am selben Tag noch einmal durchzugehen.

Probiert es einmal aus. Es sind so viele Informationen noch im Arbeitsgedächtnis, die sich als Stichpunkte hinzufügen lassen. Das zweite Durchgehen der Informationen am selben Tag bereitet das Gelernte direkt für das Langzeitgedächtnis vor.

Lernen ist ein Prozess, der viele verschiedene Bereiche umfasst. Jeder muss dabei die Facetten des Lernens für sich entdecken, aber Wiederholung zum richtigen Zeitpunkt ist der Schlüssel gegen das Vergessen. Auch die Römer wussten schon: „Repetitio est mater studiorum.“ – Wiederholung ist die Mutter des Studierens.

Erik Schmok,
Durban/Südafrika, Februar 2014

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *