Hammerexamen 2013 – Erfahrungen einer Absolventin des Hammerexamens Herbst 2012

11. März 2013

in Examen, Ratgeber

„Wir sind uns sicher, dass wir Sie ohne Bedenken auf die Menschheit loslassen können.“ – Ah ja, das waren also die Worte, mit denen der Prüfungsvorsitzende uns mitteilen wollte: Herzlichen Glückwunsch, ab heute sind sie Arzt. Im Herbst 2012 war ich zum „Hammerexamen“, dem 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, angetreten. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, aber die Zeit sollte es zeigen. Hier sind meine Erfahrungen.

Vorbereitung

Zunächst standen einige Fragen im Raum: Wie gehe ich vor beim 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, was brauche ich, wie viel muss ich wissen? Zur Orientierung ist es nicht schlecht, sich die Fächerverteilung der letzten Examina vor Augen zu halten. Dabei entfallen meist um die 60 Prozent auf die Innere, schlägt man sich da also wacker, hat man schon fast die Approbationsurkunde in der Hand. Um auch zeitlich im Rahmen zu bleiben, gibt es entweder den allseits bekannten „100 Tage Plan“ sowie eine etwas individuellere Variante, bei der Ihr genau eintragen könnt, an welchen Tagen Ihr frei haben wollt, die Fächer gewichten könnt usw. Die 2. Variante findet Ihr hier: http://www.harvey-semester.de/examen/lernplan

Ich hatte mir zunächst den individuellen Plan erstellt und mich gefreut, dass man diesen auch in seinen Kalender einpflegen kann. Zur Sicherheit hatte ich mir dann aber auch nochmal den „Medilearn Plan“ ausgedruckt.

Im Nachhinein kann ich sagen, ich habe mich an keinen der Pläne wirklich ernsthaft gehalten und täglich den Stoff gelernt, der anstand. Man merkt im Verlauf, für welche Fächer man länger braucht und hängt an diese entsprechend noch ein wenig mehr Zeit ran, bei den besseren schafft man den Stoff in kürzerer Zeit. Der „Medilearn Plan“ hat mir aber oft geholfen, die Schwerpunkte eines Faches zu überblicken, um herauszufinden, wo ich nochmal nachlesen muss. Damit könnt Ihr also auf jeden Fall nichts falsch machen. Und wie gesagt, wenn Ihr versucht, streng nach Plan zu arbeiten, macht Euch nicht verrückt, wenn Ihr zeitlich mal daneben seid.

Der erste Tag

Im „100 Tage Plan“ steht am ersten Tag: Schreibtisch aufräumen, Unterlagen sichten. Ok, das schien mir ein guter Einstieg. Noch nichts richtig lernen müssen, aber schon mal einiges vorbereiten, um dann richtig loszulegen. Den „Exaplan“ hatte ich mir schon ein, zwei Wochen vorher ausgeliehen und einige wenige Kurzbücher hatte ich auch noch zu Hause, das sollte erstmal reichen. Den Rest würde ich mir später noch aus der Bibliothek holen. Ausgestattet mit Kugelschreibern, Textmarkern, vielen bunten Klebezetteln und meinem Laptop ging es also los.

Entgegen vieler Meinungen hatte ich nicht mit Innere angefangen, sondern mir erstmal ein kleines, übersichtliches Fach gesucht, das mir ein wenig Freude bereitet. Das hat den Einstieg etwas erleichtert. Nach ca. zwei Wochen findet man dann so allmählich seinen Arbeitsrhythmus, der bei mir ungefähr so aussah: Beginn morgens gegen 9:00 Uhr oder 10:00 Uhr, eher 10:00 Uhr. Da habe ich meist gekreuzt, damit hat sich dann der Stoff, den man am Nachmittag zuvor gelesen hatte, etwas gefestigt. Parallel habe ich ein bisschen in den Foren gelesen, wie meine Kommilitonen so vorankommen. Darunter gab es einige, die schon um 7:00 Uhr mit dem Lernen begannen. Lasst Euch davon keine Übelkeit bereiten, wenn Ihr keine Frühaufsteher seid. Das klappt auch so. Gegen 13:00 Uhr habe ich dann meist gegessen und/oder war kurz unterwegs. Manchmal habe ich ferngesehen, aber um die Mittagszeit darf man nicht allzu viel vom TV-Programm erwarten. Anschließend ging es dann weiter mit neuem Stoff, also: lesen bis der Balken kracht.

Nach und nach habe ich festgestellt, dass es bestimmte Dinge gibt, auf die man immer wieder stößt, aber trotzdem nicht im Hirn behalten kann. Für solche Fälle habe ich dann angefangen, Karteikarten zu schreiben, was sich als recht effektiv herausgestellt hat. Der „Exaplan“ wird übrigens auf die Dauer sehr langweilig, ging zumindest mir so, und außerdem kann man ihn so schlecht transportieren, also habe ich mehr und mehr mit Kurzlehrbüchern gelernt, die man auch mal gut mit in die Bahn nehmen kann. Für Gyn und Pädiatrie kann ich die Last Minute-Reihe von Elsevier empfehlen, das Innere-Buch aus dieser Reihe ist allerdings mit massig Fehlern gespickt, hier also Vorsicht.

Ich weiß, dass sich einige meiner Kommilitonen Lerngruppen gesucht und Fälle durchgesprochen haben. Dies ist mit Sicherheit eine gute Variante. Ich habe erst für die mündliche Prüfung damit angefangen, aber im Nachhinein denke ich, dass es bestimmt viel gebracht hätte, dies auch schon für die schriftliche zu machen.

100 Kreuze täglich

Es ist auf jeden Fall gut, so früh wie möglich mit dem Kreuzen zu beginnen. Erstens bekommt man ein gutes Gefühl für die Spitzfindigkeiten des IMPP und zweitens kann man seine Lernkurve einigermaßen kontrollieren. Ich habe mit „Mediscript Online“ gearbeitet und alle Fragen ab dem „Hammerexamen“ 2006 komplett durchgekreuzt, täglich etwa um die 100 Fragen. Allerdings gab es ab und zu auch Tage, an denen ich gar nicht gekreuzt habe. Es gilt wie immer: Ruhe bewahren.

Zu den Fragen gibt es dann jeweils noch erklärende Texte, die man ausdrucken und zum Lernen nutzen kann. Dies hat bei mir sehr viel gebracht. Ich habe mir so eine Art eigenes kleines Wiederholungsskript zusammengebastelt. Vor allem bei den Themen, die das IMPP immer wieder fragt, bekommt man so eine Menge Zusatzinformationen und prägt sich die Dinge doch besser ein. Lasst Euch nicht verrückt machen, wenn Ihr am Anfang keine 60 Prozent kreuzt und auch zwischendurch immer mal wieder versagt. In den Foren liest man dann häufig von Kreuzergebnissen seiner Mitstudenten zwischen 80-90 Prozent, bloß nicht davon beeindrucken lassen! Es gab Tage, an denen habe ich so schlecht gekreuzt, dass ich dachte, ich komme da niemals durch, also lasst Euch nicht entmutigen. Ich habe im Examen dann sehr viel besser gekreuzt als zu Hause, der typische Prüfungsstress tut dann wahrscheinlich sein Übriges. Man ist viel konzentrierter, durchdenkt alles nochmal und kreuzt nicht vorschnell irgendetwas an. Also haltet durch, auch wenn es mal richtig schlecht läuft. Das wird!

Endspurt

In den letzten ein bis zwei Wochen vor dem Schriftlichen habe ich dann nochmal versucht, alle Themen grob zu überblicken, in denen ich noch Defizite hatte. Das stellte sich schnell als unmöglich heraus, weil es so vieles gab, was man noch hätte lernen können, dass man sowieso immer ein latent schlechtes Gewissen hatte. Also mutig sein und Sachen weglassen. Die letzten Tage sind sowieso schon Psychoterror genug. Ich war ziemlich fertig und hatte das Gefühl, dass auch gar nichts mehr reingeht. Es ist also auch gut, wenn dann irgendwann der Prüfungstag kommt, weil man nicht ewig so weitermachen kann.

Teil eins: schriftlich

Am 9.10.2012 war es dann soweit, erster Prüfungstag. In der Nacht wurde ich das erste Mal gegen 4:30 Uhr wach und schlief dann nur noch sehr unruhig weiter. Um 8:00 Uhr sollten wir uns dann alle vor dem Prüfungsgebäude einfinden. Auf dem Weg dorthin wurden einem schon Beutel und Gutscheine von Versicherungen und Finanzdienstleistern in die Hand gedrückt. „Gutschein für eine Bratwurst“, Zettel ausfüllen und „ein PC Tablet gewinnen“ und all solche Dinge hatte man auf einmal in der Hand. Einerseits nicht schlecht, weil sich in den Beuteln auch Obst und Süßes für die Prüfung befanden, andererseits… Wer hatte da jetzt schon einen Kopf dafür? Den Bratwurst-Gutschein habe ich gleich wieder in der Tasche verschwinden lassen, schließlich war es 8:00 Uhr morgens und mein Magen war schon vor lauter Anspannung flau genug, als dass ich jetzt auch noch an Gegrilltes denken wollte. Also erstmal 100 richtige Kreuze setzen und dann sehe ich weiter.

Dann traf man einige seiner alten Kommilitonen wieder, was sehr nett war, weil man den einen oder anderen doch während des ganzen Lernens schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und so gingen auch die 45min ganz gut vorbei, bis wir dann schließlich alle auf unseren Prüfungsplätzen saßen. Dann ging es los…

Die Spannung steigt beim Kreuzen der ersten zehn Fragen, dann erreicht sie irgendwann ein stabiles Niveau. Aufregend wird’s dann nochmal beim Aufschlagen der Fälle – Kindesmisshandlung, herzlichen Glückwunsch. Spitzenthema, dachte ich. Naja, man fühlt sich nicht besonders heldenhaft beim Kreuzen des Examens, bei mir war es zumindest so. Es fühlt sich von Frage zu Frage in etwa so an: Könnte ich wissen – muss ich raten – ich habe eine Vorstellung – keine Ahnung – entscheide dich zwischen B und C – oh, ich glaube, ich weiß was – ach nö, wieder raten. Also keinesfalls eine wirklich sichere Angelegenheit.

Nachdem ich alles einmal durchgekreuzt hatte, hatte ich noch genug Zeit, um alle Fragen noch einmal durchzugehen und meine Antworten zu kontrollieren. Ich weiß, dass man statistisch gesehen damit eher sein Prüfungsergebnis verschlechtert als verbessert, aber im Endeffekt konnte ich mich trotzdem nicht zusammenreißen, alles nochmal durchzugucken. Im Endergebnis hat es mir dann auch nicht geschadet, obwohl ich ein paar Korrekturen vorgenommen habe.

Nachdem der erste Tag rum war, hieß es dann für mich nur noch schnell nach Hause. Keine Bratwurst, keine langen Fachsimpeleien über richtig und falsch. Ich war ziemlich platt. Am Folgetag hatten dann die meisten ihre Ergebnisse mit denen von „Medilearn“ verglichen, um zu wissen, wo sie prozentual stehen. Ich hatte mir das verkniffen, aus Angst davor, dass mir dies zu viel Druck für die beiden weiteren Tage machen würde.

Die beiden folgenden Tage waren ähnlich kräftezehrend als auch aufregend und es war ein einigermaßen befriedigendes Gefühl, als dann alles vorbei war. Ich hatte keine Ahnung, wie es gelaufen war, aber ich hatte das Schlimmste hinter mir, den schriftlichen Teil.

Vorbereitung auf die Mündliche

Da der mündliche Teil des „Hammerexamens“ für mich erst Anfang Dezember anstand, hatte ich nun noch ein paar Tage Zeit um mich auszuruhen, bevor es mit der Vorbereitung weiterging. Leider stellte sich nach den drei Tagen MC-Prüfung kein richtiges Gefühl der Euphorie ein, sondern eher so ein müdes „Ok, die Hälfte hab ich hinter mir.“ Es erleichtert allerdings schon sehr, dass man weiß, dass nun tatsächlich nur noch vier Fächer abgefragt werden und das hieß für mich: kein HNO, kein Neuro, keine Gyn usw. mehr…

Also, nochmal grade machen und weiter geht’s. Für die Mündliche muss man nun doch ein wenig anders lernen und ich hatte irgendwo gelesen, dass man täglich drei Kurzvorträge zu wichtigen Krankheitsbildern halten soll, um das freie Sprechen zu üben und die Zusammenhänge besser zu behalten. Dies habe ich ca. zwei Tage probiert, hat aber irgendwie nicht so richtig geklappt. Wahrscheinlich lag es auch an meiner Motivation. Es kostete mich wirklich Überwindung, die Kurzvortrag-Nummer durchzuziehen, also lernte ich wieder auf die bewährte Art: Lesen und im Kopf wiederholen. Dazu noch nachschlagen in Fallbüchern und in Frage und Antwort, funktionierte auch ganz gut.

Die Protokolle helfen einem auf jeden Fall, die Prüfer schon im Vornherein ein bisschen einschätzen zu können, was beliebte Themen und Fragestil angeht. Also habe ich dann immer mal parallel in den Protokollen gelesen, um zu schauen, ob ich die Fragen, die bereits gestellt wurden, hätte beantworten können.

Etwa einen Monat vor der Prüfung trafen wir uns dann in der Prüfungsgruppe, um gemeinsam die wichtigsten Krankheitsbilder durchzusprechen und Untersuchungstechniken zu wiederholen. Dies hat die ganze Lernzeit auf jeden Fall viel angenehmer gemacht. Wir haben sehr voneinander profitiert und uns gegenseitig motiviert, wenn mal das eine oder andere Thema nicht so gut lief. Außerdem zog sich die Zeit immer mehr in die Länge und schien gar nicht zu vergehen. Die meisten meiner Kommilitonen hatten schon alles hinter sich und ich musste immer noch ewig bis zur Prüfung warten. Das lange Warten war eigentlich das schlimmste, weil man den Spannungsbogen einfach nicht ewig halten kann. So war zwei Wochen vor der Mündlichen in unserer Lerngruppe der absolute Tiefpunkt erreicht. Wir wollten nur noch, dass es vorbei ist.

Runde Nummer zwei

Und dann ging es wieder los. Einigermaßen ordentlich gekleidet, mit Kittel, Stethoskop, reichlich Augenringen und Reflexhammer im Gepäck zog ich los. Immer mit dem Gedanken: nur noch zwei Tage, dann habe ich es hinter mir.

Am ersten Tag war Untersuchung am Krankenbett gefragt. Hierbei fragte jeder Prüfer 15 min zu seinem Fachgebiet. Dann gab es noch ein EKG, einen Rö-Thorax und ein MRT. Alles machbar und die Prüfer waren zwar bestimmt, aber freundlich. Nachdem der erste Tag relativ zügig vorbei ging, hieß es, nun also nur noch vier Stunden überstehen.

Den zweiten Tag empfand ich im Nachhinein als wesentlich anstrengender als den ersten, weil man sich im direkten Dialog mit dem Prüfer befindet. Jeder von uns wurde nacheinander jeweils wieder 15 min zu einem Fachgebiet befragt. Es lag ordentlich Spannung in der Luft, ich bin ständig auf meinem Stuhl hin und her gerutscht und habe an meinem Ärmel rumgespielt. Die Fragen waren fair, aber mit der Zeit immer tiefgreifender und komplexer. Im Gegensatz zum schriftlichen Examen könnt Ihr Euch jedoch darauf verlassen, dass Ihr endlich zu klinisch relevanten Fragestellungen geprüft werdet.

Meist gab es ein Fallbeispiel oder Szenario, in das man dann einspringen sollte. Macht Euch nicht verrückt, wenn Ihr mal etwas nicht wisst, die Prüfer gehen davon aus, dass man nicht alles kann und geben auch ab und zu mal eine Hilfestellung. Wenn man zusätzliche Informationen wie Klassifikationen oder Dosierungen kennt, kann man außerdem Extrapunkte sammeln. Anschließend mussten wir alle 20 min vor dem Raum verharren, in dem sich dann die Prüfer über unsere Ergebnisse austauschten.

Vor dem Examen ist nach dem Examen

„Wir sind uns sicher, dass wir Sie ohne Bedenken auf die Menschheit loslassen können.“ – Ah ja, das waren also die Worte, mit denen der Prüfungsvorsitzende uns mitteilen wollte: Herzlichen Glückwunsch, ab heute sind sie Arzt. Saucool. Dann durfte auch das erste Mal seit ewigen Zeiten gefeiert werden, mit Sekt und Blümchen noch im Krankenhaus.

Endlich kam neben dem Erschöpfungs- auch das so lang herbeigesehnte Euphoriegefühl auf. Ich bin Arzt, juhu! Nachdem ich sämtliche Telefonnummern angerufen hatte und am späten Abend zu Hause ankam, konnte ich nur noch eines: Schlafen. Eigentlich hatte ich mir drei Nächte am Stück mit lauter Musik und flackernden Lichtern vorgestellt, Konzerte, Festivals, wenn es sein muss Raves und Goahs oder was auch immer – aber es ging nur noch eines: Schlafen.

Zwei Tage später beantragte ich die Approbationsurkunde, wahrscheinlich etwas spät, wenn man schnell anfangen möchte mit der Arbeit. Ich hatte aber die ganze Zeit irgendwie immer die Angst, dass ich gar nicht bestehen würde, also hatte ich mich mit der Approbation so lange zurückgehalten.

Mitte Dezember verschickte ich dann drei Bewerbungen und hatte ein paar Tage später auch prompt drei Antworten. Mitte Februar trete ich nun meine erste richtige Stelle an und bin mehr als gespannt. Während der Bewerbungsgespräche ist mir allerdings schon klar geworden, dass es wieder genau so ist wie vor dem Medizinstudium: Man steht wieder ganz am Anfang. Deshalb zählt bei uns Medizinern wahrscheinlich immer folgende Devise: Weitermachen!

K., K.
Berlin, Januar 2013

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