Das Physikum 2011: Lernst Du noch oder lebst Du schon?

26. Februar 2012

in Physikum, Ratgeber

Erster Abschnitt der ärztlichen Prüfung – das absolute Muss für jeden hartgesottenen, risikofreudigen Medizinstudenten. So oder so ähnlich würde ich die Überschrift eines Zeitungsartikels wählen, sollte ich die Aufgabe haben, jemandem das Physikum auf nette Art und Weise zu beschreiben. Die Wirklichkeit sah für mich persönlich ganz ähnlich aus. Und doch würde ich gleichzeitig jedem raten, diese Prüfung anzutreten, unabhängig davon, wie gut man sich vorbereitet fühlt. Denn, wenn es vorbei ist, werden Monate des Lernens und Selbstzweifels mit einem einzigen Wort belohnt: Klinik!

Vorbereitungen für das Staatsexamen

Nachdem ich im 4. Semester der Regelstudienzeit resignativ die noch ausstehenden Scheine gesammelt hatte, begann für mich die erste Hürde: der Gang zum Landesprüfungsamt (LPA). Da ich aufgrund vorheriger Negativerfahrungen mit Ämtern bereits gebranntmarkt war, wurde ich vom LPA Berlin aber angenehm überrascht. Ich wurde durchgehend sehr freundlich behandelt und alles ging seinen normalen Gang. Am Besten ist es, wenn man gleich gut vorbereitet ist, damit man später nicht zu viele Unterlagen nachreichen muss. Bevor man sich anmelden will, sollte man entweder online oder auch manuell das Anmeldeformular ausfüllen. Dieses ist auf der Internetseite des jeweiligen Prüfungsamtes zu finden. Die Adressen der Prüfungsämter sind wiederum auf der Seite des IMPP aufgelistet.

Auf dem Anmeldeformular steht gleichzeitig, welche weiteren Dokumente einzureichen sind. Dazu zählen neben sämtlichen Pflicht-Scheinen der Schein für das Studium Exemplare (Wahlfach), eine offizielle Bestätigung des Pflegepraktikums, der Teilnahmeschein des großen Erste-Hilfe-Kurses, eine beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde, wahlweise der Heirats- oder Umbenennungsurkunde sowie des Abiturzeugnisses und – fast am wichtigsten – die Studienbuchseiten. Man sollte also besten Falls schon während des 4. Semesters einen groben Überblick über seine Unterlagen haben, damit man gegebenenfalls noch genug Zeit hat, sich um Fehlendes zu kümmern. Man stelle sich vor, das ersehnte Ende des Vorklinik-Wahnsinns würde wegen solcher organisatorischen Dinge eventuell verschoben werden müssen.

Das Lernen beginnt

Nachdem ich also beim LPA als ‚komplett’ galt, begann die Zeit des intensiven Lernens. Über Weihnachten und Silvester war ich arbeiten gegangen und hatte mir lerntechnisch eine letzte kurze Pause gegönnt, die sich im Nachhinein als Gold erweisen sollte. Das ist der Vorteil daran, im Sommersemester immatrikuliert zu sein: ich musste nicht bei 30°C, wie meine Vorgänger, über den Büchern brüten, sondern konnte es mir mit einem Tee und dem Biochemie- Buch bequem machen.

Mein Fokus galt zuerst der mündlichen Prüfung, da diese in Berlin regulär vor der schriftlichen stattfindet. Mein Lern-Plan startete offiziell am 02.01. 2011. Ich hatte ihn nach Fächern aufgeteilt – beginnend mit Biochemie. In einer Phase, in der man das Gefühl hat, kaum etwas von dem Lernstoff konkret zu können, ist es gut mit dem Fach anzufangen, in welches man bis dahin am wenigsten Arbeit investiert hat bzw. in dem man sich am unsichersten fühlt, sodass man es später noch einmal wiederholen kann.

Dinge, die man noch gut ‚auf dem Schirm’ hat, empfehlen sich kurz vor der Prüfung anzusehen, damit man sich nicht mit der Zeit verzettelt. Zu Lernbeginn arbeitet man sowieso meist gründlicher als gegen Ende, wenn einen die Motivation langsam verlässt. Ich hatte eigentlich die ganze Zeit das Gefühl, mein Lern-Plan sei unrealistisch, da ich für die meisten Themen unheimlich lange brauchte. Aber kurz vor der Prüfung wurde ich von meinem eigenen Ehrgeiz überrascht. Das Ganze bekam einen fast schon existenziellen Einschlag. Es war mir egal, ob ich müde war oder eigentlich nichts mehr aufnehmen konnte. Ich wollte es schaffen und daran führte kein Weg vorbei. Die Aussicht auf die Zeit ‚danach’ schien den Lerneifer zu dominieren.

Ein guter Plan ist die halbe Miete

Insgesamt lernte ich drei Wochen für Biochemie, baute mich danach aber mit zehn Tagen Anatomie auf, wobei wir jeden zweiten Tag mit unserer Lerngruppe an der Leiche beziehungsweise im Histologiesaal das Zeigen von Strukturen übten. Ich beendete den Lernmarathon mit acht Tagen Physiologie-Extrem-Gehirnjogging.

Geplant war eigentlich, für jedes Fach in etwa gleich lange zu lernen, aber es ist wohl Gesetz, dass Pläne nur dann etwas taugen, wenn man sich strikt daran hält. Da ich im Vorfeld sehr viel für Physiologie gelernt hatte – Grund dafür war eine Nachholklausur gewesen, auf deren Bestehen ich zwecks Einreichfrist für die Scheine dringend angewiesen war – und das Anatomiewissen schneller wieder parat hatte, als ich zunächst geglaubt hatte, kam ich auf den Tag genau mit den Themen durch, die ich mir vorgenommen hatte. Als besonders hilfreich erwies sich die Lerngruppe mit anderen Kommilitonen. Neben der gegenseitigen Motivation ist solch eine Gruppe vor allem wichtig, um seinen eigenen Wissenstand zwischen all der Lernerei zu reflektieren.

Im Nachhinein würde ich jedoch empfehlen, nicht nach Fächern, sondern eher verknüpft zu lernen. Ich hatte einen Frühtermin erwischt, sodass mir keine Zeit zum Wiederholen blieb, was ich in der Prüfung selbst gemerkt habe. Dieses Gefühl, etwas schon einmal gelernt zu haben, sich aber nicht mehr an den genauen Inhalt erinnern zu können, ist in einer mündlichen Prüfung sehr quälend.

Der Brief ist da

Zwei Wochen vor der Prüfung erhielt ich meinen Brief und ich hatte eigentlich Glück. Ich war zu Beginn der zweiten Prüfungswoche an der Reihe und hatte keine der verschrienen ‚Horrorprüfer‘ erwischt. Alle meine Freunde waren felsenfest davon überzeugt, dass ich es schaffen würde. Nur ich selbst hatte ernsthafte Zweifel. Wer schon einmal einen Blackout hatte, kann das vielleicht nachvollziehen. Am Tag nach der Ankunft des Briefes ging ich ins Fachschaftshaus um Altprotokolle zu lesen. Dies verbesserte meine Stimmung allerdings nicht gerade, da die Kernaussage der Protokolle folgende Fakten waren: die Prüfer führen keine Vorgespräche, schränken nichts ein und prüfen seit meinem Geburtsjahr die Physika. Das hieß für mich im Klartext: ich muss einfach alles können.

Morgen ist Physikum

Der Tag vor der Prüfung war angenehmer, als erwartet. Es ist wohl am Besten, wenn man diesen zum Lernen nutzt, wie jeden anderen Tag davor auch. Bis zum Morgen der Prüfung konnte ich den Gedanken ‚Physikum’ ganz gut ausblenden. Selbst, als ich unmittelbar vor dem Saal stand und darauf wartete, hineingebeten zu werden, fühlte ich mich nicht wie eine Examensanwärterin. Mein Puls schoss allerdings unerträglich in die Höhe, als plötzlich ein anderer Anatomie-Prüfer vor mir stand, als in meiner Einladung angekündigt. Ich hatte diesbezüglich weder einen Bescheid vom LPA, noch irgendeinen Hinweis bekommen. In den Altprotokollen des eigentlichen Prüfers stand, dass dieser selten Histologie prüfen würde. Umso besser, dass ich während der Lernphase einer Intuition gefolgt war und Histologie dennoch genauso wie den Rest der Anatomie gelernt hatte, denn mein neuer Prüfer war bekannt dafür, sehr gerne Histologie abzufragen.

Die mündliche Prüfung

Zuerst stellten sich die Mitglieder der Prüfungskommission vor und wir wurden gebeten, unsere Ausweise vorzuzeigen. Dann fragten Sie uns, ob wir uns prüfungsbereit fühlen würden. Ich tat wie meine Mitprüflinge und nickte, hätte ich allerdings etwas sagen müssen, wäre die Antwort wohl eine andere gewesen.

Zu Beginn der Prüfung bekamen wir die Histo-Präparate. Während die Erste von uns von der Prüfungskommission für die erste Runde (Anatomie makroskopisch) an die Leiche gebeten wurde, sollten wir anderen uns, ohne gegenseitige Verständigung versteht sich, an einzeln aufgebaute Mikroskopierplätze setzen und uns mit dem Präparat beschäftigen. Wir durften zeichnen und uns Hilfsnotizen machen. Ich hatte das Colon als Präparat, die anderen Prüflinge hatten Kleinhirn, Niere und Leistenhaut.

Die Präparate waren unglaublich intensiv gefärbt und sehr gut zu erkennen – ganz im Gegensatz zu einigen Präparaten, die wir sonst zum Üben in den Histokästen gehabt hatten. Nach und nach wurden meine Mitprüflinge jeweils an die Leiche gebeten. Ich war die letzte im Bunde, da die Prüfer alphabetisch vorgingen. Nachdem ich mich eine halbe Stunde mit Mikroskopieren beruhigen hatte können, war ich mit meiner ersten Runde Anatomie an der Reihe. Sie lief perfekt, was für den restlichen Verlauf der Prüfung entscheidend von Vorteil sein sollte. Ich hatte riesiges Glück mit den Themen: Herz und Versorgungstypen, Embryologie, knöcherner Schädel und Hohlräume, Kaumuskulatur, Schädelbasisbruch. Damit hatte der Anatom genau ins Schwarze getroffen – ich musste nichts an der Leiche zeigen. Stattdessen wurden mir nur deren Herz und später ein Schädelskelett in die Hand gedrückt und ich sollte daran alles zeigen und erklären. Die anderen aus meiner Gruppe hatten aus meiner Sicht weniger Glück mit den Themen: Handgelenk und Armmuskulatur, Hüftgelenk und ischiocrurale Muskulatur, Bursa omentalis und Magenversorgung. Sie schienen im Endeffekt aber alle sehr zufrieden.

Nach der ersten Runde fühlte ich mich bereits geschafft wie nach einem Anatomie-Testat.
Als nächstes folgte für alle eine Runde vegetative Physiologie. Wir mussten immer einzeln vor die gesamte Prüfungskommission treten. Ich fühlte mich zunächst ein bisschen wie vor einem Tribunal, aber die freundliche Art aller drei Prüfer machte das wieder wett. Obwohl mir die Prüfung unglaublich zäh vorkam, haben sich die Prüfer wirklich bemüht, alles daran zu setzen, die Atmosphäre zu verbessern. Wenn die Gedanken in die richtige Richtung gingen, gaben sie kleinere Tipps, wenn man allerdings völlig daneben lag, schraubten sie das Fragenniveau so weit nach unten, bis man wieder auf die richtige Fährte kam. Allgemein kann man sagen, dass der Schweregrad der Fragen am Anfang einer jeden Runde recht niedrig ist (offene Fragen, häufig gut zu beantworten), sich jedoch steigert, sobald die Prüfenden merken, dass sie auf einem Gebiet weiterfragen können. Es ist wichtig, zu reden und seine Ideen auszusprechen, damit sie helfen können.

Dann gibt es noch den Typ ‚Prüfer‘, der immer, wenn man etwas weiß, beginnt, andere Fragen zu stellen, um herauszufinden, was man denn gerade nicht weiß. Einen von dieser Sorte hatte ich mit meinem Physiologen erwischt. Dennoch lief die erste Runde Physiologie gut. Mein Thema waren Kreislauf-Basics: Definitionen von Hoch- und Niederdrucksystem, Verteilung des Herzminutenvolumens auf die einzelnen Organe und wie sich diese und die Sauerstoffausschöpfung jeweils bei Arbeit verändern, sollte ich erklären. Der Physiologe schien ein absoluter Zahlenpädant zu sein, was mir aber im Vorfeld bekannt gewesen war. Allgemein ist es immer von Vorteil, ein paar wesentliche Eckpunkt und Kennzahlen im Kopf zu haben, denn die benötigt man in der Klinik auch weiterhin – es ist also nicht sinnlos, diese zu lernen.

Dann war es soweit: die erste Runde Biochemie stand ins Haus. Ich hatte die klinischen Folgen von Acetylsalicylsäure als Leitfaden, sollte den COX- Weg erklären, den Aufbau von Phospholipiden zeichnen, die Gerinnungskaskaden und die Wirkung verschiedener Gerinnungshemmer sowie den Vitamin K- Zyklus erklären. Eigentlich ein sehr dankbares Thema, in dem ich mich dennoch zeitweilig so verstrickt habe, dass ich dachte, ich würde durchfallen. Im Endeffekt kam ich dann auf die richtigen Antworten, was vor allem der geduldigen Art meiner Prüferin geschuldet war. Bis jetzt waren zwei Stunden vergangen und ich fühlte mich bereits ausgequetscht wie eine Zitrone vom vielen Warten nach jeder Runde und der schier endlosen Zwischenzeit, in der die anderen geprüft wurden.

Die zweite Runde Anatomie bezog sich auf das Histo-Präparat. Der Prüfer fragte vor allem funktionell und jagte mich auf mikroskopischer Ebene durch den halben Körper. Das Präparat hatten alle von uns erkannt, wobei ich mein proximales Colon für ein terminales Ileum gehalten hatte, was aber nicht weiter schlimm war, da ich es plausibel begründen konnte.

Etwas abenteuerlich wurde es in der zweiten Physiologierunde, als ich kreuz und quer über physiologische Epithelien abgefragt wurde – ein Thema, womit ich nie im Leben gerechnet hatte. Ich schlängelte mich mit fossilem Histologiewissen aus dem ersten Semester etwas durch die Fragen des Prüfers, was er mir dann gegen Ende auch zu verstehen gab mit dem Hinweis darauf, dass ihn die erste Runde mehr überzeugt hätte.

Dafür lief die zweite Biochemie-Runde umso besser, da ich in meinem Lieblingsthema Molekularbiologie geprüft wurde, wobei die Prüferin einen Exkurs in Richtung Enzymkinetik machte. Es ging dabei um posttranslationale Veränderungen, speziell Glyskosilierung und Phosphorylierung von Proteinen.

Hier bestätigte sich einmal mehr die Theorie, dass sowohl der erste, als auch der letzte Eindruck offenbar ausschlaggebend sind. Ich konnte gegen Anfang und gegen Ende Punkte sammeln, weshalb sich die Prüfer schlussendlich für die Note 2 entschieden – ein Ergebnis, mit dem ich nie gerechnet hätte. Vor dem Physikum schätzt man seinen Wissensstand viel niedriger ein, als er in Wirklichkeit ist – zwei Jahre Studium hinterlassen bei jedem einen gewissen Pool an Hintergrundwissen. Bei einigen Antworten, die ich so gegeben hatte, konnte ich mir nicht einmal mehr selbst erklären, woher ich das so genau gewusst hatte. Die Prüfer wissen das und formulieren ihre Fragen daher auch dementsprechend. Einerseits um das vorhandene Wissen zu testen, andererseits, um die Größe der Wissenslücken abschätzen zu können und somit die Fähigkeit, zukünftig in der selbststudienintensiven Klinik zu Recht zu kommen. Meine Mitprüflinge bekamen die Noten 2,2 ,3.

Alles in allem bin ich jedoch der Meinung, dass die mündliche Prüfung ein extrem subjektives Russisch Roulette ist. Man braucht einfach das nötige Quäntchen Glück – egal, wie viel man gelernt hat. Der Vorteil einer guten Vorbereitung liegt darin, dass man die Wahrscheinlichkeit erhöht, ein Thema zu erwischen, zu dem man etwas sagen kann. Die Notengebung hat gezeigt, dass offensichtlich ziemlich grobe Schnitzer in den Antworten nötig sind, um überhaupt durchzufallen.

Unterschätzt das Kreuzen nicht

Durch meinen Frühtermin hatte ich satte vier Wochen Zeit, mich auf die schriftliche Prüfung vorzubereiten. Zunächst schien mir die Zeit endlos. Darum tat ich anderthalb Wochen erst einmal nichts anderes, als mich mit Freunden zu treffen. Hinterher hätte ich die Zeit gerne zurück gedreht, da ich, wie so oft, zu wenig davon zum Lernen eingeplant hatte. Ich hatte unterschätzt, dass es da noch Fächer gab, für die man natürlich vor der mündlichen Prüfung nicht explizit lernt. Dazu zählten Psychologie/Soziologie, Chemie, Physik und Biologie.

Insgeheim hatte ich darauf gesetzt, mein altes Abiturwissen für diese Fächer wieder herauszukramen, aber beim Kreuzen der Fragen merkte ich schnell, dass das nicht ganz ausreichen würde. Also beschloss ich zu diesen Fächern noch einmal etwas zu lesen. Dafür wählte ich die ‚Medilearn‘-Hefte, die einen unmittelbar mit der Nase auf die Prüfungsinhalte stoßen und dabei vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch nehmen.

Für die großen Fächer bin ich allerdings ein Freund dicker Bücher. Dies mag antiquiert klingen, aber wenn man einmal ein dickes Kapitel zu einem Thema gelesen hat, wird einem der Inhalt so lange vorgekaut, bis man ein gewisses Grundverständnis aufgebaut hat. Nichts anderes wird in der mündlichen Prüfung verlangt.

Für Anatomie nutzte ich den Prometheus, für Neurologie den Trepel, für Histologie vorwiegend die Präsentationen der Uni sowie ein Kurzlehrbuch (Baumhofer/ Steinbrück/ Götz) und den Lüllmann/Rauch. Für die vegetative Physiologie ist der Schmidt/Lang ungeschlagen, für die Neuro-Physiologie würde ich den Klinke/Pape/ Silbernagl empfehlen.

Ich hatte mir während der Semester meine eigenen kurzen Aufzeichnungen beim Lesen gemacht und diese vor dem Physikum noch einmal wiederholt. In seinen eigenen Aufzeichnungen findet man sich meistens am besten zurecht. Dennoch hatte ich vor dem Physikum für einige Physiologiethemen noch einmal den Lang/Lang (Kurzlehrbuch) zu Rate gezogen. Ich fand ein paar Fehler darin, was wohl daran lag, dass ich eine alte Ausgabe davon besaß. Aber an sich ist dieses Buch optimal, wenn man einen Prüfer habt, der sehr physikalisch fragt.

In ein Buch habe ich mich regelrecht verliebt: die Duale Reihe Biochemie. Den Intermediärstoffwechsel habe ich aus mangelndem Interesse zwar mit der ‚Medilearn‘-Kurzfassung und einem Poster gelernt, aber die molekularen Themen findet man wirklich in keinem Buch besser und auf so aktuellem Stand wie in der Dualen Reihe.

Kreuzend lernen- lernend Kreuzen

Für das Kreuzen vor dem schriftlichen Teil ist es vor allem ratsam, mehr auf Verstehen als auf Masse zu lernen, da die Fragen jedes Semester variieren. Der Inhalt ähnelt sich jedoch häufig. Es ist relativ schwer, sich vor der schriftlichen Prüfung noch einmal zu motivieren, da der größere psychische Druck wohl vor der mündlichen Prüfung verbreitet wird. Ich persönlich bin aufgrund meiner misslungenen Zeitplanung und dem unsinnigen Ehrgeiz, die Fragen auf der Mediskript CD bis 1996 zurück zu kreuzen, vor der schriftlichen Prüfung etwas auf dem Zahnfleisch gekrochen. Für die, auf die der kurzzeitige Schlafentzug nicht stimulierend wirkt, ist die von mir praktizierte Variante, an beiden Prüftagen jeweils nur zwei Stunden zu schlafen, nicht zu empfehlen. Ich habe nach der schriftlichen Prüfung knapp 14 Stunden durchgeschlafen.

Empfehlenswert ist es, etwas weniger Fragen zu kreuzen und sich ungefähr drei volle Wochen dafür Zeit zu lassen, so sie denn zur Verfügung steht.

Die schriftliche Prüfung

Der schriftliche Teil der Prüfung fand am 15. und 16. März 2011 statt. Das LPA stellte mehrere Räume für ca. 20- 30 Mann starke Gruppen zur Verfügung. Um an der Prüfung teilnehmen zu können, mussten wir uns am Tag selbst eine Stunde vor Prüfbeginn zur Anmeldung einfinden. Nach Vorzeigen der schriftlichen Einladung und des Personalausweises bekamen wir alle eine Tischnummer zugeteilt, die mit unserer jeweiligen LPA- Nummer überein stimmte und zu der eines ganz bestimmten Tisches passte. So saß jeder Student an einem Einzeltisch. Besonders interessant fand ich hierbei das kleine Reglement, das sich auf jedem einzelnen dieser Tische befand. Dieses besagte, dass jegliche Form des Gesprächs als Betrugsversuch angesehen werden sollte – darunter auch Selbstgespräche. Es galt striktes Handyverbot. Stifte und Radiergummi wurden vom LPA gestellt.

Um Punkt 9:00 Uhr begann an beiden Tagen die Prüfung und dauerte jeweils vier Stunden. Ich kenne keinen, der diese vier Stunden nicht vollkommen ausgeschöpft hat, da die Zeit gerade am ersten Tag, an dem Physik, Physiologie, Biochemie und Chemie geprüft werden, aufgrund der Rechnerei und des Taschenrechnerverbots recht knapp bemessen war. Es ist ratsam, die Lösungen gleich vom ausgeteilten Aufgabenheft auf den beigefügten Antwortbogen zu übertragen. So vermeidet man Übertragungsfehler, man verrutscht nicht in der Antwortspalte. Obwohl die Zeit circa. eine Stunde vor Schluss jede viertel Stunde angesagt worden war und in den Räumen zusätzlich Uhren hingen, begann mein Nachbar erst zehn Minuten vor Schluss mit dem Übertragen der Ergebnisse. Das Resultat: um 13:00 Uhr entzog man ihm den Bogen, wobei im noch 100 übertragene Antworten fehlten. Am zweiten Tag erschien er dann nicht mehr.

Die Auswertung

Die Prüfung selbst war meiner Meinung nach ziemlich schwer, was man bereits an der deutlich nach unten verschobenen Punktgrenze erkennen kann. Insgesamt wurden acht Fragen aus der Wertung genommen und die Bestehensgrenze lag bei 178 Punkten. In Berlin haben knapp 330 Studenten am Physikum F11 teilgenommen, davon 220 in Regelstudienzeit. Von diesen 220 sind jetzt ungefähr 94 Prozent befugt, Unterricht am Krankenbett zu erhalten.

Meine Punktzahl belief sich im schriftlichen Teil auf 243, damit habe ich die Note 3 erhalten. Im Gesamten ergibt das, mit der mündlichen Note verrechnet, einen Schnitt von 2,5, der mir als Endergebnis die Note ’gut’ und eine tolle Partyzeit beschert hat. Ich schätze die Zeit nach dem Physikum ist die beste des ganzen Medizinstudiums. Man hat etwas erreicht, aber kurzzeitig noch keinerlei Verantwortung.

Und danach?

Rückblickend bin ich jedoch der festen Überzeugung, dass man diese nervenraubende Zeit vor allem durch zwei Dinge unbeschadet überstehen kann: Freunde und viel Humor.

Der Druck und die Belastung gehen eigentlich von der allgemeinen Panik unter den Studenten aus, weniger von den Dozenten. Sie alle haben diese Prüfung auch hinter sich bringen müssen und sind dementsprechend verständnisvoll. Trotz aller Selbstzweifel gilt: Nichts ist unmöglich – auch nicht das Physikum. Vermeidet den Gedanken „Staatsexamen“, das macht einen nur noch nervöser.

Wer sich durch die Vorklinik gekämpft hat, der besteht auch das Physikum – völlig egal, wann. Vielleicht klappt es nicht gleich auf Anhieb, aber es wird klappen. Und nach dem Physikum? Man mag es kaum glauben, aber es kommt der Punkt, an dem man dankbar ist, all das Wissen noch einmal verknüpft gelernt zu haben – nämlich dann, wenn in der ersten klinischen Vorlesung ein Professor vor einem steht und sagt: „Es ist wichtig, dass Sie die Fehler Ihrer Vorgänger vermeiden. Es rettet Menschen das Leben, wenn Sie von Anfang an gut lernen.“

J. Ihlow
Berlin, April 2011

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