Famulatur in einer Praxis für Allgemeinmedizin – es lohnt sich!

23. September 2011

in Famulatur, Ratgeber

Endlich ist er da der Abschnitt des Medizinstudiums, auf den man sich gefreut, ja den man geradezu herbeigesehnt hat – die Klinik. Und mit ihr kommen die Famulaturen, die es zu absolvieren gilt. Eine Famulatur in einer Praxis für Allgemeinmedizin ist eine großartige Möglichkeit, die Allgemeinmedizin ohne jede (ärztliche) Verantwortung in ihrer bunten Vielfalt kennen zu lernen. Es lohnt sich!

Warum sich kein Medizinstudent das entgehen lassen sollte!

Ich bin seit fast 24 Jahren in Berlin-Tiergarten als Ärztin für Allgemeinmedizin niedergelassen. Fast genau so lange habe ich Famulaturen in meiner Praxis betreut.

Die Allgemeinmedizin ist im Studium überall und nirgends. Daher ist sie bei den Medizinstudenten auch gar nicht präsent! Eigentlich steckt sie in jedem Fach, denn dem Allgemeinmediziner ist nichts (!) fachfremd. Alles, was man sich während des Medizinstudiums und der Weiterbildung angeeignet hat, kann später in der Praxis angewendet/ausgeübt werden. Fortbildungen in den verschiedensten Bereichen der Medizin können das persönliche Spektrum auch während der Praxistätigkeit erweitern.

Dies wird nie langweilig – aber die Medizinstudenten, die sich für eine Famulatur in der Allgemeinmedizin entschieden haben, erschlägt die Vielfalt erst einmal. Da kommt sich so ziemlich jeder, auch die Weiterbildungsassistenten in den ersten Wochen, vollkommen inkompetent und überfordert vor! Das ist ein sehr lobenswertes Gefühl, denn es ist realistisch und schützt vor Selbstüberschätzung, die dem Patienten schaden könnte!

Warum ist dann aber eine derartige Famulatur so erstrebenswert?

Zunächst ist es eine großartige Möglichkeit, die Allgemeinmedizin ohne jede (ärztliche) Verantwortung in ihrer bunten Vielfalt kennen zu lernen. Da ein Großteil der Medizinstudenten, auch wenn sie es sich während des Medizinstudiums gar nicht vorstellen können, Allgemeinmediziner/Hausarzt wird, ist es sicher sinnvoll, sich das schon einmal über mehrere Wochen lang anzuschauen. In der Regel ist dies eine sehr prägende Erfahrung, die oftmals erst die Möglichkeiten dieser Berufsausübung aufzeigt.

Wie finde ich die geeignete Praxis?

Möglichst viel will und soll ein Famulus sehen und lernen in diesen vier Wochen. Also sollte die Praxis eher überdurchschnittlich groß sein. Sie sollte ein breites Leistungsspektrum aufweisen. Darüber informieren die Praxen inzwischen auf ihren Websites – diese Infos sollte sich kein Interessent entgehen lassen!

Dann muss geklärt werden, ob die Praxis/der Praxisinhaber bereits Famulaturen betreut hat oder ob er überhaupt bereit ist, dies zu tun. Hier kann man zunächst bei seiner Universität nachfragen und Kommilitonen konsultieren. Letztere können dann eventuell gleich etwas zu bereits gemachten Erfahrungen berichten. Man kann aber auch direkt bei der Praxis anrufen und dort in Erfahrung bringen, ob ein Vorstellungstermin möglich ist. Das sollte man natürlich nicht erst eine Woche vor der geplanten Famulatur tun! Andere Medizinstudenten suchen auch Plätze und wenige Praxen haben die Kapazitäten, mehrere Studenten gleichzeitig zu nehmen. Schließlich konzentriert sich das Ganze zeitlich auch noch auf die Semesterferien.

Das Vorstellungsgespräch

Nun ist es soweit. Ein Vorstellungstermin ist gemacht! Wie soll sich der angehende Famulus vorbereiten? Ärzte in der Praxis haben wenig Zeit! Das Gespräch wird in einer der raren Pausen oder nach Sprechzeitenschluss geführt. Ein Lebenslauf mit Kontaktdaten und eine Kurzbewerbung. Stichworte sind: Was will ich bei Ihnen? Warum will ich das? Warum will ich das bei Ihnen? Das sind auch die Kernbotschaften im Gespräch!

Sie sollten wahr sein, nur so kommen sie echt herüber! Wenn sie diese Praxis nur „gewählt“ haben, weil alle anderen abgesagt haben und sie ohnehin für andere Famulaturstellen zu spät dran sind, dann wird das nie glaubwürdig rüberkommen, wenn sie behaupten, diese und nur diese Praxis sei ihre Priorität bei der Famulatursuche gewesen.

Wenn bereits im Vorstellungsgespräch die Zusage des Arztes erfolgt, sollte auch gleich geklärt werden, wann der Famulus anwesend sein soll. Gibt es feste Zeiten, etwa weil mehrere Medizinstudenten „untergebracht“ werden müssen, sind es die „Sprechzeiten“ der Praxis oder soll der Student einfach so lange da bleiben, bis der letzte Patient gegangen ist – frei nach der Regel: Solange Arbeit da ist, wird auch gearbeitet! Eine Absprache erspart für beide Seiten spätere Enttäuschungen und jeder weiß, woran er ist.

Geeignete Aussagen und Gründe für eine Praxisfamulatur

„Ich wollte die Allgemeinmedizin in der Praxis kennen lernen. Im Studium kommt das immer zu kurz.“

„Ich möchte praktische Erfahrungen sammeln, selbst etwas an und mit Patienten machen. Die Gelegenheit bietet sich in der Praxis besser als im Krankenhaus.“

„Andere Medizinstudenten haben mir Positives von einer Famulatur in der Allgemeinmedizin berichtet.“

„Ich möchte meine Fertigkeiten bei Blutabnahmen, Anamneseerhebungen etc. verbessern und hoffe, bei dieser Famulatur viele praktische Tätigkeiten ausüben zu können. Während des Studiums hat man viel zu wenig Gelegenheit, Patienten hautnah zu erleben.“

„Ich möchte mich später niederlassen. Das weiß ich eigentlich schon jetzt. Daher möchte ich die Arbeitsabläufe in einer Praxis kennen lernen, um zu sehen, ob das wirklich das Richtige für mich ist.“

Was kann – soll – darf ein Famulus in einer Praxis?

Dr-Omankowsky mit einem ihrer Famuli
Dr-Omankowsky mit einem ihrer Famuli

 

Sehr wichtig ist es, schon im Vorgespräch zu klären, was ein Famulus in dieser Praxis üblicherweise tut und darf. Das kann von ausschließlichem Beobachten in der Sprechstunde bis hin zu eigenverantwortlichem Erheben der Anamnese und Untersuchung eines neuen Patienten in der Praxis mit anschließendem Bericht an den Praxisarzt gehen.

Wünschenswert ist natürlich, möglichst viel selber zu tun, aber dies liegt im Ermessen des Praxisinhabers und auch ein wenig an dem Famulus selbst. Von vorn herein klar machen, dass man als Famulus gern „Hand anlegen“ möchte, dem Arzt und den anderen Praxisangestellten Arbeit abnehmen möchte, kommt immer gut an!

Prinzipiell delegierbar sind: Blutabnahme, i.m. Injektionen, Impfungen, Quaddeln setzen, Infusionen anlegen, Verbände anlegen, Blutdruckmessung, Blutzuckermessungen und Harnschnelltestuntersuchungen, EKGs anlegen, Lungenfunktionstests durchführen, Anamnesen erheben, körperliche Untersuchung als Voruntersuchung/Statuserhebung.

Bei all dem ist es notwendig, dass der Arzt sich von der Qualifikation des Medizinstudenten überzeugt, ihm diese Tätigkeiten zeigt und dann unter Aufsicht durchführen lässt, bevor der Student eigenständig auf Anweisung tätig wird. Der Praxisinhaber haftet für alles, was ein Famulus während seiner Famulatur in der Praxis macht.

Der erste Tag

Vorher sollte der Medizinstudent fragen, was er mitbringen soll. Ein eigener Kittel ist meist erwünscht, ein Namensschild ist sicher auch nicht verkehrt. Trotzdem sollte sich ein Student den Patienten immer mit seinem Namen und seiner Aufgabe vorstellen, z.B. „Ich bin hier als Medizinstudent während eines Praktikums. Mein Name ist Mark Mustermann und ich möchte jetzt bei Ihnen ein EKG anlegen, was der Arzt später auswerten wird.“

Spätestens jetzt ist auch die Vorstellung im Praxisteam Pflicht! Unbedingt sollte der Famulus bei den anderen Angestellten seine Bereitschaft zur Mitarbeit in jedem Teil der Praxis äußern. „Ich möchte Euch gern helfen und nicht sinnlos rumstehen. Bitte zeigt mir, was ich machen kann und holt mich, wenn ich Euch Arbeit abnehmen kann.“ Dies wird in der Regel gern angenommen und so macht die Famulatur viel mehr Spaß und die Zeit vergeht wie im Flug.

Es gibt Geld!

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) unterstützt die Praxisfamulatur mit rund 150,00 €. Der Praxisarzt zahlt das Geld dem Medizinstudenten aus, der es auf einem speziellen Vordruck quittiert. Der Arzt kann diesen Schein bei der KV einreichen und erhält das Geld rückerstattet. Leider scheinen viele Ärzte diese Möglichkeit nicht zu kennen, obwohl diese Regelung schon seit über 20 Jahren besteht – früher waren es 300,00 DM!

Auch wenn 150,00 € kein Super-Honorar ist – bis jetzt hat sich noch jeder Medizinstudent in meiner Praxis darüber gefreut!

Der letzte Tag

Dr-Sabine Omankowsky
Dr-Sabine Omankowsky

 

Eine Bescheinigung für die Universität über die Famulatur ist selbstverständlich, ein qualifiziertes Zeugnis hingegen nicht. Dennoch kann der Famulus darum bitten, vielleicht erfüllt ihm der Praxisinhaber den Wunsch und ein gutes Zeugnis mehr kann bei weiteren Bewerbungen nicht schaden.

Ich hoffe, mit diesem Artikel viele Medizinstudenten für eine Famulatur in der Allgemeinmedizin zu begeistern. Wie schon bei meinem ersten Bericht über die Hausarzttätigkeit kann ich wieder sagen:
Es lohnt sich!

Dr.med. Sabine Omankowsky
Allgemeinarzt
Alt-Moabit 58
10555 Berlin
Tel.: 030 – 391 76 03
www.doktor-omankowsky.de

Berlin, September 2011

Hinweis: Hier finden Interessierte einen Erfahrungsbericht von Frau Dr. Sabine Omankowsky zu Ihrer Tätigkeit als Hausärztin in Berlin: weiter

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