Physikum 2011 – Wahl statt Qual

21. Juni 2011

in Physikum, Ratgeber

Das Physikum und seine Herausforderungen. Als ich gestern nach den Einführungsvorträgen des 1. klinischen Semesters durch den Campus Charité Mitte streifte und all die staunenden, etwas unsicher wirkenden, aber auch freudig erregten „Erstis“ beobachtete, wie sie mit ihren hellorangenen Lehmanns-Täschchen ihren rot leuchtenden Mentoren hinterher gingen, musste ich plötzlich wieder daran denken, wie meine ersten Wochen zwei Jahre zuvor gewesen waren. Und wenn ich mit meinen Erfahrungen nachfolgenden Medizinstudentinnen und Medizinstudenten helfen kann, würde ich mich sehr freuen.

Wie alles begann

Damals war ich bemüht gewesen, alles in mich aufzusaugen, jede Information zu erhaschen und rasch Freunde zu finden, die meine vollkommene Ahnungslosigkeit mit mir teilen und zusammen überwinden würden. Trotz alle dem war ich stolz auf mich, es soweit in den Kreis der Privilegierten geschafft, mich im Auswahlgespräch über die Ziellinie gerettet zu haben und nun mit lauter motivierten Gleichgesinnten durch die schwere Zeit bis zum Physikum zu gehen. Denn eine Sache hatte man uns eingetrichtert: Die nächsten zwei Jahre würden die schwersten unseres Medizinstudiums bzw. unseres Lebens. Und obwohl der Mythos die Realität sicherlich um ein vielfaches überragt, im Abi war es ja nicht anders, hätte man sich während dieser vier Semester einiges besser einteilen können als ich, um die Angst vor dem Versagen und übertriebenen Ehrgeiz in Schach zu halten.

Mit ein paar Tipps und Tricks möchte ich Euch im Folgenden ein bisschen unter die Arme greifen.

Die erste Herausforderung: die Bücherauswahl

Das Schwierigste zu Beginn des Medizinstudiums ist die Bücherauswahl. Immerhin weiß man ja kaum, worauf man achten muss. Von zahlreichen Dozenten wurde uns immer wieder von diversen Büchern vorgeschwärmt, die sicherlich höchst interessant und wissenschaftlich up-to-date sind, damit meine ich zum Beispiel große Wälzer wie Löffler/Petrides in Biochemie, Schmitt/Thews in Physiologie und Benninghoff in Anatomie, von der studentischen Lernrealität aber teilweise nicht weiter entfernt hätten sein können. Sich durch solche „Schinken“ durchzuackern, ist zwar löblich und durchaus legitim, für alle, die sich fachgerecht vorbereiten wollen, aber nicht unbedingt notwendig. Nach einigen literarischen Irrfahrten haben sich viele Studenten aus meinem Semester bei folgenden Werken am besten zu Recht gefunden. Hier eine kleine Auswahl:

Anatomie:

  1. Atlas:
    die neuesten Ausgaben von Prometheus in allen drei Fachgebieten: Halteapparat, Innere Organe, Kopf/Hals. Lasst Euch von Dozenten nicht beunruhigen, die einen „richtigen“ Atlas verlangen – P. ist nämlich zugleich Lehrbuch, was vielen Anatomen nicht gefällt. Es lernen aber praktisch alle damit!
  2. Lehrbuch:
    Taschenatlas Anatomie (Thieme) in allen drei Disziplinen, Taschenbuch Anatomie (Benninghoff). Für ausführlicheres Lesen und Verständnis ist die Duale Reihe ratsam – aber auch nicht unbedingt notwendig.
  3. Histologie:
    Lüllmann-Rauch! Zusatztipp: keine teuren Sobotta-Lernkarten kaufen. Die sind viel zu ausführlich und deprimieren mehr, als dass sie helfen.

Chemie:
Der einzig wahre Zeeck!

Biochemie:
Duale Reihe top für ausführliches Lesen und Verstehen. Für Prüfungen Kurzlehrbuch (Thieme) und Mediskripte (MS). Bloß nicht den Löffler/Petrides, wenn Ihr in diesem Leben noch etwas erleben wollt.

Physik:
Mediskripte (MS) reichen völlig aus! Kein Lehrbuch durchackern.

Psychologie:
Mediskripte (MS) reichen völlig aus! Kein Lehrbuch durchackern.

Physiologie:
Gold: Taschenatlas (Silbernagel,Papa.) ist einfach genial und prägnant, reicht allerdings alleine nicht aus, weil er als Erstlektüre kaum verständlich und gerafft ist. Zu jeder Wiederholung aber klasse. Fürs erste Verstehen kommt die Duale Reihe in Frage, Schmitt/Thews ist sehr physikalisch/ wissenschaftlich geschrieben und macht nur in einigen Bereichen Sinn, so z.B: Herz, Lunge, Niere, Kreislauf – dort vor allem die Diagramme komplett und EEG. MS wie immer toll, aber ab dem Physikums-Lernen etwas zu wenig. Auch das Kurzlehrbuch von Thieme ist o.k.

Obwohl schon vorgegriffen, nochmal zur Verdeutlichung: Es ist längst kein Geheimnis mehr, aber die Mediskripte sind unersetzlich brillant. Man kann nirgendswo sonst so effektiv lernen. Manchmal fehlen zwar Details, aber im Großen und Ganzen entsprechen sie dem Prüfungsniveau. Mir konnte nichts Besseres passieren, als sie in die Hände zu bekommen. Ab jenem Tag war mir das Lernen sehr viel leichter gefallen. Zuvor war ich auf Grund des unprofessionellen und „kinderfreundlichen“ Layouts sehr skeptisch, aber, wie ich später feststellte, zu Unrecht. Hier lohnt es sich wirklich, Geld zu investieren, wenn man diese Hefte nicht gebraucht bekommen sollte, denn sie ersparen es einem von Anfang an, also vom ersten Semester, sämtliche Buchkapitel zu durchforsten und sie – oft jämmerlich und unverständlich – zusammenzufassen. Eigentlich ist es logisch, dass solche Manuskripte kompletter und mehr auf den Punkt gebracht, sprich exakt auf die Anforderungen im Studium gemünzt sind – im Gegensatz zum eigenen Versuch.

All‘ diese Ratschläge schreibe ich nur deshalb so ausdrücklich und rabiat nieder, weil ich Euch geben will, was ich mir oft gewünscht hätte – ein bisschen Führung durch dieses vielseitige und verwirrende Studium! Es ist aber keinesfalls die Ultima Ratio, sondern eine auf Erfahrung basierende Erkenntnisweitergabe.

Welcher Lern-Typ bin ich?

Tausendfach wurden und werden Ratschläge gemacht und im selben Satz doch revidiert bzw. relativiert. Es käme auf den Lern-Typ an. Das müsse man mit der Zeit selber herausfinden. Schon damals haben mich diese Sätze genervt, weil ich mich fragte, wie das gehen solle? Hier also eine Variante, wie es funktionieren kann und wie es meines Wissens auch viele gemacht haben, nachdem sie sich exploriert hatten.

Zum ersten Semester ist man ja fleißig in die Vorlesungen gegangen, bevor es gegen Ende abnahm. Im zweiten war man dann wieder motiviert, nach ein zwei, drei Wochen doch wieder zu Hause und im 3. und im 4. das Gleiche. Was ich damit sagen will, ist, zu Hause nacharbeiten muss sowieso jeder, da führt kein Weg dran vorbei. Da Medizin, zumindest die Vorklinik, aber keine großen Aha-Erlebnisse braucht und man sich getrost selber unterrichten kann, spart man sich viel, viel Zeit und Nerven und kann dazu meistens noch ausschlafen, wenn man sich diszipliniert und zu Hause oder in der Bibliothek mit Büchern eindeckt und Kapitel für Kapitel selbst durchackert.

Mit einer Lerngruppe und den Mediskripten kann man sich auf die Akzente als auch die wichtigen Inhalte einigen und ist danach genauso gut vorbereitet wie mit Vorlesungen. Unklarheiten kann man in den begleitenden Kursen oder mit der Hilfe von Kommilitonen beseitigen. Viele Vorlesungen sind dazu auch ärgerlich, weil die Dozenten teilweise schlecht performen, nuscheln oder sich verrennen in irrelevanten Details verrennen. Hinzu kommt als Zeitfaktor der Fahrweg.

Ausnahmen bestätigen aber die Regel, d.h., wenn Ihr Euch Gehörtes wirklich gut merken könnt oder nur dann behaltet, wenn alles einmal durch Hand und Stift gegangen ist, ist der Gang dorthin vielleicht doch erwägenswert. Außerdem gibt es an jeder Universität und in jedem Fach bestimmte Dozenten und Vorlesungen, die man einfach gehört haben muss, weil sie jedem Buch den Rang ablaufen. Dafür am besten mal in der Fachschaft bzw. bei älteren Semestern nachfragen, denn das spricht sich meistens recht schnell herum. Weil Ihr Euch jetzt wertvolle Lernzeit gespart oder an der richtigen Stelle eingesetzt habt, bleibt mehr Raum für Freunde und Hobbies.

Der Kreuzweg bis zum Physikum

Man könnte auch sagen: „Oh Gott, wie soll ich mir das jemals alles in so kurzer Zeit merken?“
Der volle Stundenplan und die Fülle an mündlichen und schriftlichen Prüfungen lassen so manchen schon mal verzweifeln, vom Physikum ganz zu schweigen. Auch hier kann man mit ein paar Insider- Infos entspannter rangehen. Hierbei beschreibe ich nicht die ideale Form dieser Prüfungen, sondern wie sie in der Realität gehandhabt werden.

  • a) Mündliche Prüfungen: im Praktikum

Diese sind tatsächlich Formsache und auch mit wenig bis schlechtweg keinem Wissen zu bestehen. Allerdings sollte man das begleitende Skript schon ein- bis zweimal gelesen haben, um sich nicht durch die eigene Faulheit die Chance auf ein tolles Praktikum zu nehmen. Denn es macht viel mehr Spaß, die einzelnen Übungen zu verrichten, wenn man einigermaßen weiß, wie und warum man etwas tut. Noch dazu nimmt man sich den Stress, potentiell vom Kursleiter entdeckt und bloßgestellt zu werden. Hierfür vielleicht auch einfach mal am Abend vorher das Themengebiet im Kurzlehrbuch oder Mediskript lesen…

  • b) Mündliche Prüfungen: im Kurs

Diese sind etwas anspruchsvoller, Kurzlehrbuch und Mediskript reichen aber auch hier aus. Dabei bitte wirklich die Basics beherrschen, Grafiken und Zahlen wissen und beschreiben können, denn sie untermauern das Ganze. Die Prüfer stehen immer unter Zeitmangel, und da macht es doch mehr Sinn, essentielle Sachen abzuprüfen, statt auf Spezialwissen rumzuhacken. Dieses wird dann erst am Ende noch aus Euch heraus gekitzelt, um zu gucken, was sie aus Euch herausholen können.

Da in der Vorklinik aber keine Noten vergeben werden, lohnt sich der entsprechende Mehraufwand zumindest nicht für die Prüfungen. Wer mit dem Lernstoff aber unterfordert ist, sollte natürlich nach Herzenslust weiterlesen, denn es macht doch immer am meisten Spaß, dort Wissen anzuhäufen, wo Interesse besteht und kein Druck herrscht. Zur Vorbereitung gehört auch, sich mal über Steckenpferde der Prüfer umzuhören, auch hier läuft viel über Mundpropanda und ist sehr nützlich.

  • c)Schriftliche Prüfungen

Hier gibt es größtenteils MC-Fragen, manchmal auch mit Prosateil (2-3 Klausuren in der Vorklinik). Für MC gilt: unnütz detailliertes Faktenwissen lernen, was meist schnell wieder vergessen wird, aber so ist das nun mal, vermutlich aus administrativ-personellen Gründen. Dafür ist es rühmlich, die kompletten Fragen der Schwarzen Reihen zu kreuzen, teilweise aber überflüssig. Für Semesterklausuren würde ich deshalb empfehlen: Möglichst viele Altklausuren ansammeln – irgendwo kursieren diese immer. Dazu auch mal nicht nur die engsten Freunde fragen, sondern Kommilitonen oder die Fachschaft.

Für die Anatomieeingangsklausur zu Beginn des 4. Semesters, die so zumindest in Berlin geschrieben wird, kann man bequem die Physika der letzten zwei, drei Jahre machen – z.B. auf der Thieme Homepage zu finden, zusammen mit deren Lösungen, oder mit der ML-CD. Meistens sind die Fragen dort nämlich fast identisch. Zusätzlich kann man auch die Mediskripte lesen und lernen. Diese sind, wie bereits erwähnt, auf die MC-Fragen gemünzt und machen viel Mut, weil man nach deren Durcharbeiten auch >70 Prozent richtig hat. Außerdem lernt Ihr dabei nicht nur auswendig, sondern versteht auch mehr. Alles in allem solltet Ihr mit ein wenig Fleiß und der richtigen Lernstrategie keine großen Probleme haben.

Frage und Herausforderung zugleich: Wie bereite ich mich aufs Physikum vor?

Sich aufs Physikum vorzubereiten, ist dann wirklich so hart, wie man es immer hört, da gibt es wohl kein Entrinnen bzw. Geheimtipps oder kleinen Kniffe. Es geht an die Substanz. Allerdings ist der Zeitraum überschaubar und die Klinik in Sicht. Dazu müsst Ihr Euch immer eins vor Augen halten: Ihr müsst nicht alles wissen, was je ein Lehrbuch offenbart hat, sondern Ihr sollt lediglich zeigen, dass Ihr die letzten zwei Jahre so genutzt habt, dass Ihr jetzt die wichtigen Prinzipien und Vorgänge im menschlichen Körper beherrscht. Zum eigenen Management hier ein paar Tipps:

  • a) Auf jeden Fall eine Lerngruppe bilden

Auch der größte Einzelkämpfer à la „Rocky“ oder „Chuck“ tut gut daran, dieses Angebot zu nutzen, denn ein Einzelner blickt nie in der Fülle an Stoff vollkommen durch. Während der vier vorklinischen Semester habe ich selbst nie eine Lerngruppe gebraucht und immer gut abgeschnitten. Im Physikum allerdings hat sie mir den A**** gerettet, denn noch in unseren letzen Einheiten wurde ich von meinem „Team“ an Themen und Sachverhalte als auch wichtige Diagramme erinnert, die bei mir genauso im Mündlichen drankommen sollten. Was ich damit sagen will: Auch wenn Ihr keine Verständnisprobleme haben solltet, lohnt es sich trotzdem, mit ein paar anderen die Themen so aufzuarbeiten, dass jeder dazu beiträgt und an Dinge erinnern kann, die ein anderer wiederum einfach überlesen hat. Ein weiterer Vorteil ist die eigene Kontrolle über Verständnis und Redegewandtheit. Oft merken erst die anderen, dass Deine Erklärung unverständlich, unvollständig, unstrukturiert usw. ist oder Dir bleibt im wahrsten Sinne das Wort im Halse stecken, denn Du hast Dir noch nie wirklich Gedanken gemacht, wie man überhaupt anfangen soll, etwas zu erklären. Auch können Dich die Fragen der anderen ziemlich schnell aus der Bahn werfen und Du kannst nochmal überprüfen, wie gut und tief Du das Kapitel lernen solltest.

  • b) Genügend Zeit einplanen

Mein persönlicher Tipp wäre, mindestens sechs Wochen vor der Mündlichen anzufangen. Diese findet an der Charité z.B. vor dem Schriftlichen statt – für Eure Situation müsst Ihr das dann so übertragen, dass es Sinn macht. Eigentlich wären aber acht Wochen besser, denn beim Lernen reicht oft ein Durchgang nicht, damit es sitzt. Die ungefähre Aufteilung wäre also jeweils zwei Wochen Physiologie, Biochemie, Anatomie – davon 3-5 mal Histosaal, mindestens dreimal Präpsaal à 5-6-Std. Und dies ist wirklich knapp bemessen. Zwei Wochen als Puffer und Wiederholung von Vergessenem, denn Ihr werdet merken, dass Ihr eh nicht zu Rande kommt, was aber angesichts der Prüfung völlig normal und in Ordnung ist. Letztendlich kommt es sowieso immer auch ein bisschen auf Eure Tagesform an und den guten Willen der Prüfer.

  • c) Nicht zu tief lernen

Als ich mit der gezielten Vorbereitung anfing, begann ich zuerst mit den Dualen Reihen, die mir bis dato immer einen guten Dienst erwiesen hatten. Dadurch habe ich aber viel Zeit verloren und mich angesichts der dicken Schinken auch gefragt, wie ich das jemals in der kurzen Zeit bewältigen soll. Letztendlich ist es wohl zu schaffen, alles zu lesen, was dort geschrieben steht – mit effektivem und gewinnbringendem Lernen hat es trotzdem eher wenig zu tun.

Deshalb wäre meine Herangehensweise fürs nächste Mal wie folgt: Von Anfang an Kurzlehrbücher und Mediskripte halten. Nur bei wichtigen Themen der Physiologie sollte man auf jeden Fall mehr wissen (Herz, Lunge, Kreislauf und evtl. Niere und EEG) und dazu den Schmidt/Thews oder die Duale Reihe aufschlagen. Dann lässt sich leichter wiederholen und man kann allen Themen gleichermaßen gerecht werden, ohne ständig den Schweiß von der Stirn wischen zu müssen, weil man so unter Druck steht. Danach einander vortragen, Fragen stellen, Grafiken zeichnen – denn jede Frage in der Mündlichen will erst mal auf ein Diagramm hinaus, anhand dessen Ihr dann einen schwierigeren Umstand erklären sollt. Dabei sind vor allem die Achsenbeschriftungen ganz wichtig sowie zwei Schlüsselwerte. Ihr solltet die Kurve nämlich nur quantitativ zeichnen können, für alles andere ist sowieso keine Zeit.

Fürs Schriftliche könnt Ihr dann zurück zu Eurem Egotrip, denn dort muss einfach sinnlos gekreuzt werden. D.h. Medilearn-CD bearbeiten für ca. 6-8 Std/Tag und das ca. 10-14 Tage und Ihr solltet optimal vorbereitet sein und das Euch Bestmögliche erzielen. Es geht bei Zeitmangel auch mit weniger, denn wie ich von vielen gehört habe, war dort der Lernfortschritt nicht mehr all zu groß. Das, was man wusste, wurde richtig gekreuzt. Für viel Neues war aber einfach kein Platz mehr. Die Prüfung selbst besteht ja sowieso immer aus relativ einfachen Fragen, die man aus dem Stegreif beantworten kann, und eben ein paar Hammerfragen, die keiner wissen kann. Wie gesagt, mit gutem Gewissen und optimaler Vorbereitung kommt Ihr nach dem oben genannten Zeitplan raus, aber es geht auch mit weniger…

  • d) Zwei kleine Tipps noch aus meiner eigenen Erfahrung

Bitte unterschätzt mir Histologie, aber vor allem Psychologie nicht. Histologie ist für die Mündliche unheimlich aufwendig zu lernen, obwohl man eigentlich denkt, dass man sich alles gemerkt hat. Drei bis fünf Tage müsst Ihr aber schon einplanen. Und der „Super Gau“ ist Psychologie, denn obwohl viel „Wischi Waschi“ ist und aus dem Allgemeinwissen beantwortet werden kann, hat es uns allen das Genick zu einer besseren Note gebrochen. Es reicht also einfach nicht, zwei Tage die SR durchzukreuzen, zudem, weil man sich für das Mündliche nicht darauf hat vorbereiten müssen.

Die 60 Fragen müsst Ihr Euch mal auf der Zunge zergehen lassen, das sind ca. 80 Prozent der Anatomiefragen, obwohl man darin viel, viel mehr Zeit investiert hat, während der Vorklinik an sich und vor der Mündlichen. Also bitte dieses Fach mit dem Respekt behandeln, den es sich selbst verdient hat, denn meiner Meinung nach ist diese Gewichtung schlichtweg unfair und die Fragen manchmal wirklich zum Totlachen. Naja, lernt aus meinen Fehlern und unterschätzt es nicht, ich weiß, Ihr könnt das besser!

Meine persönlichen Erlebnisse zum Physikum

Nachdem ich vier Wochen vor meinem „Due-Date“ endlich den Termin für die Mündliche erfahren hatte, war ich erleichtert. Zum Glück doch erst in der 2. Prüfungswoche ranzumüssen, aber vorher wäre irgendwie sowieso nicht möglich gewesen. Denn es gab ja noch so viel zu tun. Trotz sorgsam ausgetüfteltem Zeitplan jagte ich diesem schon vom ersten Tag an hinterher. Wie will man Herz und Kreislauf in ca. drei Tage so lernen, dass es vorzeigbar gewesen wäre. Also täglich wieder einen Tag dranhängen und die Puffer schrumpfen sehen, als wenn ein kleines, fieses, unheimliches Männchen mir tagsüber die Uhr vordrehen würde und nachts so agiert, dass ich mit chronischem Schlafmangel aufwache und mangels der REM-Phasen zwischen Tobsucht und Weinerlichkeit hin und her schaukele.

Schnell fielen die Kalenderblätter zu Boden und so sehe ich mich noch am Nachmittag vor der Prüfung bis 17.00 Uhr mit zittrigen Händen im Histosaal sitzen, um die letzten Präparate wenigstens einmal gesehen zu haben. Abends dann noch schnell bis 23:00 Uhr Physio gebüffelt, bevor ich tot ins Bett falle. Immerhin hatte ich die letzten zehn Tage kaum gegessen und geschlafen, als mir plötzlich dämmerte, dass es doch ein wenig eng werden würde und ich mich dazu entschloss, meine täglichen Lerneinheiten auf 10-12 Std. auszudehnen, obwohl ich vorher gedacht hatte, dass dies dem Menschen überhaupt nicht möglich wäre.

Der Wecker will um 6:30 Uhr des Schicksalstages bimmeln, aber natürlich bin ich schon ein Stunde früher wach und blättere noch mal kurz in meinem Taschenatlas, um mir die Leitfähigkeiten aller Ionenkanäle beim AP merken zu können. Um 6:30 Uhr dann freudiges Erbrechen in der Dusche, um 9:00 Uhr nochmal ein Meter vor dem Anatomiegebäude, in dem die Prüfung stattfinden soll. Zur Prüfung an sich bin ich dann aber seltsam ruhig und konzentriert, wahrscheinlich weil meine Adrenalinrezeptoren schon alle desensibilisiert sind.

Nach Art der Briefwahl, in der Nummern und Histopräparate verlost werden, werde ich als Starter ausgemacht und habe trotz dieser Position von Anfang an ein gutes Gefühl. Nach nicht nur gefühlten vier Stunden mit Anatomie, Biochemie und Physiologie habe ich meine „Zwei“ in der Tasche, wie übrigens 90 Prozent meiner Freunde, und kann gelassen dem schriftlichem Teil entgegensehen.

Denn wie ich kurz zuvor in Erfahrung gebracht hatte, zählen schriftlich und mündlich 1:1, wobei bei „ ,5“ immer abgerundet, sprich aufgewertet wird. Verbesserung kommt für mich also nur mit einer „Eins“, Verschlechterung nur mit einer „Vier“ in Frage. Beides ist ziemlich unwahrscheinlich und so bin ich zwar emsig am Kreuzen, kann aber wieder toll schlafen und unternehme auch während dieser Zeit jeden Abend etwas mit Freunden. Die letzten 3-4 Tage vorher mache ich sogar nur noch ein Physikum pro Tag, alles ist irgendwie schon im Kasten und eine abgekartete Sache.

Im Schriftlichen kann ich dann wie erwartet meine Note bestätigen und auch der Ablauf an sich ist sehr ruhig und entspannt. Keiner ist mehr sonderlich aufgeregt. Die meisten können auch Ihr Potential abrufen, da bei 320 Fragen große Missgeschicke eigentlich nicht mehr auftreten, außer wenn man die Antworten falsch auf seinen Antwortbogen überträgt.

Danach „raste“ ich völlig aus, wie man uns bei der Einladung zur „post Physikums-Party“ geraten hatte und entspanne drei Wochen, bevor das 5. Semester, das 1. klinische Semester, anfängt, in dem ich mich gerade befinde und genauso entspannt ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Physikum geschafft! Mein Resümee

Wenn Ihr also auch „ausrasten“ und „durchdrehen“ wollt, dann bitte nur danach und vor Freude durch das bestandene Physikum. Denn egal wie hart Euch das Physikum und der vorklinische Abschnitt erscheinen mögen, solltet Ihr Euch vor Augen halten, dass erstens die Bestehens-Quote bei 80 Prozent liegt und zweitens die Note einen geringen Stellenwert in der späteren Bewerbung oder Tätigkeit als Arzt hat. Also bitte schiebt die Prüfung nicht nach hinten, in einem halben Jahr seid Ihr mit Sicherheit auch nicht besser als jetzt und außerdem brauchen sie uns – es herrscht ja Ärztemangel!

Deshalb lest vor allem das, was Euch interessiert, lasst Euch von der Vielfalt und der Wunderhaftigkeit der Medizin inspirieren und faszinieren, pflegt Eure Hobbies und Freundschaften, aber lasst Euch den Start in Euer neues Leben nicht durch übermäßige Paukerei verderben, denn es gibt auch noch andere schöne und wichtige Dinge auf dieser Welt neben der Medizin…

In diesem Sinne alles Gute für Euch und viel Glück! Ich bin mir sicher, dass Ihr diese Herausforderungen mit Bravour schaffen könnt und werdet!

B., C.
Berlin, Mai 2011

Ähnliche Artikel:

1 Kommentar

  • Danke Danke Danke!!!:) Mega der beruhigende Text! Bin im 4 Semester, aber in Köln und es ist toll, so etwas zu lesen! Lg Lena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *