Physikum – das sagenumwobene Mysterium! Erfahrungen und Tipps aus erster Hand.

23. November 2010

in Physikum, Ratgeber

Physikum! Schon am ersten Tag unseres Medizinstudiums begegnet uns dieses Wort. Den Informationen nach ereilt uns dieses Ereignis nach dem 4. vorklinischen Semester. Es wäre extrem schwer und viele würden es nicht schaffen – wird gemunkelt. Wenn man diese Hürde dennoch geschafft hätte, ginge es in die Klinik… Und wenn nicht? Dann müsse man ein halbes oder an manchen Unis ein ganzes Jahr aussetzen und auf die nächste Chance warten, während alle anderen Kommilitonen, die inzwischen Freunde geworden sind, endlich „ins Leben nach dem Physikum“ starten würden und sagen könnten, sie würden nun endlich richtig Medizin studieren. Physikum… oder sollte man es besser als „das Grauen höchstpersönlich“ bezeichnen? Und Schnitt: Ich hoffe mit meinem nun folgenden Bericht das Mysterium Physikum aufdecken und entschärfen zu können und ich versichere: Es ist zu schaffen!

Das Physikum rückt näher

Ein weiteres Phänomen des Medizinstudiums: Die Zeit rennt. Scheint das Ende der Vorklinik im ersten Semester noch weit entfernt, rauscht nach gefühlt kurzer Zeit das zweite, dritte und vierte Semester vorbei. So fand ich mich schnell am Ende des dritten Semesters wieder.
An der Charité in Berlin wird vor Beginn des vierten Semesters eine Anatomieeingangsklausur geschrieben über alle Themen der vorangegangenen Semester, was sehr sinnvoll ist, da man quasi gezwungen wird, alles zu wiederholen. In den Semesterferien hatte ich also einmal komplett die „Mediskript“ CD Anatomie gekreuzt sowie anhand meiner Notizen und durch Buchlektüre gelernt. Fazit dieser Klausurvorbereitung: Ein beachtlicher Teil des Gelernten blieb bis zum Physikum haften.

Zusammen ist man weniger allein: eine Lerngruppe entsteht

Während der Zeit des eigenständigen Lernens tauchten immer öfter Fragen zu den Themen auf und leider auch erhebliche „Motivationsschwächen“. Das ging zum Glück nicht nur mir so, was dazu führte, dass zwei KommilitonInnen und ich beschlossen, eine dauerhafte Lerngruppe zu gründen. Schon in den Semestern zuvor hatte man sich oft geholfen, bei Fragen telefoniert, geskypt, gesimst oder sich manchmal getroffen. Zu diesem Zeitpunkt nun beschlossen wir, uns regelmäßig ein- oder zweimal wöchentlich zu treffen und dies bis zum Physikum.

Unser Ziel war es, gemeinsam alle Themengebiete der Vorklinik durchzugehen. Wir legten einen Lern-Plan fest und schafften es letztendlich auch, bis zum Beginn des vierten Semesters alle Anatomiethemen, die wir bis dahin behandelt hatten, durchzuarbeiten bzw. zu wiederholen. Jedem Treffen war ein bestimmtes Thema zugeordnet, auf das man sich zuhause eigenständig vorzubereiten hatte. Die Vorbereitung beinhaltete Buchlektüre, Wiederholung der Mitschriften sowie auch das MC-Fragen kreuzen anhand der „Mediskript“ CD. Günstig war in unserem Fall auch, dass jeder von uns unterschiedliche Bücher benutzte, sodass wir das Wissen aus verschiedenen Quellen in der Lerngruppe zusammentragen konnten. Besprochen wurden Fragen, die während der Vorbereitung entstanden waren. Außerdem forderten wir uns gegenseitig auf, Themen zu erklären und stellten uns gegenseitig Fragen, die in der Form möglicherweise in der mündlichen Prüfung auftreten könnten wie z.B. „Erkläre mir die Innervation und Versorgung des Herzens“.

Wir trafen uns im Präpsaal, um die Themen praktisch zu üben und die Strukturen am Körper ausfindig machen zu können oder in den Aufenthaltsräumen der Uni, wobei wir Räume bevorzugten, die mit einer Tafel ausgestattet waren. Wir legten von Beginn an Wert auf Visualisierung, weil es uns half, das Gelernte besser im Gedächtnis zu behalten.

Mit Beginn des vierten Semesters legten wir unseren Schwerpunkt auf das Fach Physiologie, weil es anders als in den Fächern Anatomie und Biochemie hier insbesondere auf Verständnis und Logik ankommt und man mit sturem Auswendiglernen nicht weiterkommt. Auch ist es gerade für die mündliche Prüfung wichtig, das Erklären der physiologischen Aspekte, das oftmals nicht ganz einfach ist, zu üben.

Unser Vorgehen blieb gleich. Wir ordneten jedem Termin ein Thema zu, bereiteten uns zuhause einzeln darauf vor – durch Bücher, Notizen und „Mediskript“ CD. Wir behandelten die aktuellen Vorlesungs-und Seminarthemen und wiederholten wöchentlich bestimmte Themen der früheren Semester. Auch die Anatomiethemen des vierten Semesters besprachen wir parallel. Kalkuliert hatten wir unseren Lern-Plan so, dass wir es rechtzeitig schaffen würden, alle Themen bis zum Beginn der mündlichen Prüfung durchzugehen. An der Charité ist es, anders als an anderen Universitäten, üblich, dass die mündliche Prüfung vor der schriftlichen stattfindet. Vorteil: Man geht mit positivem Feedback in die schriftliche Prüfung und hat schneller Semesterferien. Nachteil: Bei Nichtbestehen braucht man starke Nerven, um überhaupt noch zur schriftlichen anzutreten.

Wir trafen uns von nun an immer abwechselnd bei einem von uns zuhause, legten uns jeweils ein Whiteboard zu. Visualisieren! Denn was ich höre vergesse ich, was ich sehe behalte ich besser. Gelegentlich kochten wir auch zusammen. Es herrschte in unserer Lerngruppe eine sehr gute Atmosphäre, die den Stress zu dieser Zeit und auch die Anspannung in Erwartung auf die Prüfungen etwas senkte.

Mit Beginn des Selbststudiums, also in der Zeit nach dem vierten Semester bis zu den mündlichen Prüfungen, begann jeder Einzelne für sich nochmal explizit die Biochemie zu wiederholen und wir besprachen in der Lerngruppe die wichtigsten Themen wie Blut, Immunsystem als auch einige Stoffwechselwege und diskutierten gemeinsam die Fragen, die während des Lernens aufgetreten waren.

Buchempfehlungen

Hier nun zusammengetragen die Buchempfehlungen:

Anatomie:

  1. Duale Reihe Anatomie, G.Aumüller…., Springer Verlag, 1. Auflage 2007
  2. Prometheus Lernatlas der Anatomie, 3 Bände
  3. Taschenbuch Anatomie, Benninghoff, Drenckhahn, Verlag Urban u. Fischer, 2008

Embryologie:

  1. Kurzlehrbuch Embryologie, N.Ulfig, Thieme Verlag, 2005

Histologie:

  1. Taschenlehrbuch Histologie, Renate Lüllmann-Rauch, Thieme Verlag, 2.Auflage, 2006

(meines Erachtens das beste Buch der Vorklinik)

Physiologie:

  1. Für das Fach Physiologie benutzte ich mehrere Bücher, weil es bis zu diesem Zeitpunkt kein Buch gab, das alle Themen ausreichend gut und verständlich erklärte:
  2. Physiologie, Klinke, Pape, Silbernagel, Thieme Verlag, 5. Auflage2005 (inzwischen gibt es eine 6.Auflage, eine sehr gute Überarbeitung, fabelhaft strukturiert)
  3. Duale Reihe Physiologie, Jan C. Behrends, Thieme Verlag, 1. Auflage 2010
  4. Kurzlehrbuch Physiologie, J.Huppelsberg, Kerstin Walter, Thieme Verlag, 3.Auflage 2009
  5. Für eine wenige Themen las ich das Buch Physiologie des Menschen, Schmidt, Lang, Springer Verlag, 30.Auflage, 2007
  6. Medi-learn Skriptenreihe „Physiologie“

Biochemie:

Für die Biochemie kenne ich kein besseres Buch als die Duale Reihe, mein ständiger Begleiter, sehr gutes Buch.

  1. Duale Reihe Biochemie, J.Rassow, K.Hauser…, Thieme Verlag, 2.Auflage, 2008
  2. Medi-learn Skriptenreihe „Biochemie“
  3. Biochemie und Pathobiochemie, Löffler, Petrides, Springer Verlag, 8.Auflage, 2006 (Nur für einzelne Themen, wenn Detailaussagen gesucht werden. Ich habe es z.B. verwendet für das Thema „Extrazelluläre Matrix“)

Die mündliche Prüfung

Ich werde es wohl nie vergessen, wie ich mit schlotternden Knien vor dem Präpsaal stand, in meinem sorgfältig gebügelten Kittel, mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen. Dann bat uns die Prüfungsvorsitzende in den Saal. Wir waren vier Studenten und uns gegenüber saßen drei Prüfer, die jeweils die Fächer Anatomie, Physiologie und Biochemie vertraten. Wir zogen eine Nummer, die die Reihenfolge festlegte und erhielten jeweils ein Histologie Präparat, welches wir uns in den Zeiträumen, in denen unsere KommilitonInnen geprüft wurden, zu Gemüte ziehen sollten.

Und schon begann die Prüfung. In der ersten Runde wurden wir vier nacheinander in makroskopischer Anatomie geprüft, danach folgte jeweils eine Runde Physiologie, Biochemie, Histologie sowie nochmals Physiologie und Biochemie. Anfangs dachte ich, die Zeit würde nie vergehen. Besonders anstrengend war der stetige Wechsel zwischen Anspannung in den Zeiten, in denen man geprüft wurde und Entspannung, während die KommilitonInnen an der Reihe waren.

In den Zwischenzeiten versuchte ich tief durchzuatmen und mich zu entspannen, was auch einigermaßen gut gelang. Insgesamt herrschte während meiner Prüfung eine recht angenehme Atmosphäre. Jeder von uns wurde letzten Endes etwa eine Stunde lang geprüft und als ich nach vier Stunden aus dem Prüfungssaal trat, war ich sehr erschöpft, aber auch überglücklich, dass es vorbei war und ich alles im wahrsten Sinne des Wortes gut überstanden hatte.

Ich wiederhole also gerne, was ich schon anfangs erwähnte: Es ist zu schaffen!

Das neue Motto: Kreuzen, kreuzen, kreuzen!

Die erste Hürde war geschafft, das neue Motto lautete: Kreuzen, kreuzen, kreuzen für die schriftliche Prüfung. Meine Empfehlung hier: „Mediskript“ CD und für unterwegs die Schwarze Reihe. Endlich hatte das lange Sitzen in der Bibliothek und das Wälzen der großen Bücherstapel ein Ende.

Da es in meinem Fall die Spätsommerzeit 2010 war und es nur noch CD, Laptop und Schwarze Reihe bedurfte, verlagerte ich meinen Lernstandort. Ich fuhr ins Ländliche zu meiner Familie, setzte mich unter den Sonnenschirm oder nahm eine Schwarze Reihe mit an den See. Das war ein sehr entspanntes Lernen. Ich hatte zwischen der mündlichen und der schriftlichen Prüfung etwa vier Wochen Zeit und schaffte es sehr gut, die CD einmal durchzukreuzen und schwierige Fragen zu wiederholen. Die CD reichte bis in die 90’er Jahre zurück. Ich habe damals alle Fragen gekreuzt, würde es aber nicht weiterempfehlen, weil die ganz alten Fragen nicht mehr in den aktuellen Physika auftauchen. Heute würde ich allerfrühestens ab 2000 aufwärts anfangen zu kreuzen und das mehrmals.

Die schriftliche Prüfung

Die schriftliche Prüfung findet an zwei Tagen statt. Sie besteht am ersten Tag aus 160 Fragen der Themengebiete Physik, Chemie, Biochemie und Physiologie. Am zweiten Tag folgt dann Anatomie, Histologie, Biologie sowie Psychologie/ Soziologie.

Und was folgt nach der schriftlichen Prüfung? Richtig: Semesterferien.

Mein Resümee

Bis zum Physikum ist es oftmals ein schwerer und anstrengender Weg. Ich hatte während der Lernphasen sehr viele Höhen und Tiefen, aber man lernt während dieser Zeit auch viel über sich selbst, über seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen. Während der Zeit des Lernens muss man auf viele Sachen verzichten und sehr diszipliniert sein, aber ich habe auch oft schöne Erlebnisse beim Lernen gehabt.

Es ist ein fabelhaftes Gefühl, wenn man mit der Zeit feststellt, wie sich das Wissen der einzelnen Fächer verbindet, wie man mehr und mehr versteht, wieso der Organismus entsprechend aufgebaut ist. Letztendlich ist das Physikum kein Zuckerschlecken, aber wenn man sich in der Vorklinik kontinuierlich Mühe gibt, kann man diese Prüfung gut schaffen und mit ruhigem Gewissen sagen, dass man für sich den Grundstein zum eigentlichen Ziel, Arzt oder Ärztin zu werden, gelegt hat.

G., A.-K.
Berlin, Oktober 2010

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