Ärztekammer – ihre Aufgaben, ihre Vorteile

16. November 2010

in Ärztekammer, Ratgeber

Ein Interview mit Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin

Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, stellt sich den Fragen zu den Aufgaben und Vorteilen einer Ärztekammer. Sein besonderes Engagement gilt der nachrückenden jungen Ärztegeneration, wie seine Rede vor Medizinstudenten und Assistenzärzten auf dem 4. bundesweiten Kongress „Perspektiven und Karriere“ des Deutschen Ärzteverlages im Oktober 2010 belegte. Zitat Dr. Jonitz: „Schön, dass Sie da sind. Sie werden gebraucht!“ Seit Jahren engagiert er sich zudem in einem Stipendienbeirat bei der Förderung von Medizinstudenten. Seine jüngste Initiative gilt der gezielten Vorbereitung von Medizinstudenten auf die letzte Phase des Medizinstudiums – das Praktische Jahr.

Dr. Günther Jonitz - Präsident der Ärztekammer
Dr. Günther Jonitz – Präsident der Ärztekammer

Die Ärztekammer ist eine wichtige und entscheidende Anlaufstelle für alle Ärzte. Kann es nicht trotzdem sein, dass insbesondere junge Mediziner, die gerade ihr Medizinstudium beendet und ihre Assistenzarztstelle angetreten haben, sagen: „Meine Ärztekammer – das unbekannte Wesen“?

Es ist leider völlig normal, dass die meisten frischapprobierten Ärzte ihre ‚Kammer‘ kaum kennen. Dafür sind die jüngeren KollegInnen zu sehr mit anderen Problemen befasst als mit der Frage der politischen Interessensvertretung oder den Inhalten der Weiterbildungsordnung. Dies zeigt sich auch dadurch, dass die Wahlbeteiligung bei der Kammerwahl bei jungen Ärztinnen und Ärzten immer niedrig ist, im Vergleich zu Kassenärzten und Rentnern. In Berlin laden wir deshalb alle neuen Kammermitglieder zu einem Begrüßungsgespräch ein, wo man in entspannter Runde mit den Aufgaben und Möglichkeiten der Ärztekammer bekannt gemacht wird und sich austauscht

Warum brauchen Ärzte die Ärztekammer als Institution? Wofür steht die Ärztekammer, worin liegt ihre Bedeutung?

Die Ärztekammern haben die Aufgabe, die ärztlichen Angelegenheiten und Inhalte ihrer Berufsausübung so zu ordnen, dass das Wohl der Allgemeinheit, also der Bürgerinnen und Bürger, größtmöglich gefördert wird. Dazu geben wir uns eine Berufsordnung, die die ethischen Prinzipien, aber auch das Miteinander zwischen Ärzten und Patienten regelt. Ebenso regelt die Weiterbildungsordnung die Qualifikation des Facharztes und damit das Niveau der Patientenversorgung. Wir bewerten und organisieren Fortbildungsveranstaltungen und betreiben die Ärzteversorgung, die unsere Rente sichert. Außerdem vertritt die Ärztekammer per Gesetz die Interessen der Ärzteschaft. So beteiligen wir uns an zentralen Fragen der Gesundheitspolitik, von der Rationierung über die Sterbehilfe bis hin zu grundsätzlichen Angelegenheiten wie „Patientensicherheit“ und „Wissenschaftlichkeit“. Die Ärztekammer ist die Führungseinrichtung der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.

… und können Sie uns einige Vorteile der Arbeit einer Kammer nennen?

Wir haben die Aufgabe und die Chance, unsere Angelegenheiten selber zu regeln, das heißt jeder Arzt, jede Ärztin ist dazu eingeladen, sich zu beteiligen, mit zu diskutieren oder aktiv Themen voranzubringen. Dies ist ein wesentlicher Vorteil im Vergleich zu den Berufen, die ihre Vorgaben und Regeln von ministerialen Schreibtischen und ohne Einflussmöglichkeit vorgesetzt bekommen. Wir wählen unsere Interessensvertreter selber und ziemlich unmittelbar. Damit wird die politische Arbeit basisnah. Die Ansprechpartner sind in der Regel bekannt, die Wege kurz. Durch die aktive Politikgestaltung können wir unsere eigene Zukunft beeinflussen. Wie sollen die Arbeitsbedingungen der ÄrztInnen künftig aussehen? Freiberufler oder angestellter Arzt? Welche Vor- und Nachteile gibt es? Wie sehen familienfreundliche Arbeitsbedingungen im Krankenhaus aus? Was soll der Arzt tun, was die Krankenschwester? Wer die Regeln des politischen Spiels definiert, definiert das Spiel selbst. Und Ärztinnen und Ärzte sollten keine ‚Opfer‘ der Politik sein, sondern selber aktiv Politik gestalten.

Ärzte sind Pflichtmitglied einer Ärztekammer. Welche speziellen Vorteile bringt sie einem Assistenzarzt im 1. Jahr seiner Tätigkeit?

Der Berufsanfänger darf sich freuen, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. Der Arztausweis, den jede Ärztin und jeder Arzt von seiner Ärztekammer bekommt, ermöglicht den direkten Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten aus der Apotheke. Spätestens nach der Approbation bitten Nachbarn und Freunde schon malum Hilfe. Als Mitglied der Ärzteversorgung steht ihm/ihr von Beginn an eine höhere Rente zu – was zum Glück nicht oft genutzt werden muss. Und – zumindest in einigen Kammern – gibt es spezielle Ansprechpartner für Fragen jedweder Art von Berufsanfängern, in Berlin der „Arbeitskreis junge Ärzte“.

Welche Bedeutung kommt ehrenamtlichen Mitgliedern in den einzelnen Ausschüssen einer Ärztekammer zu?

Die ehrenamtlichen Mitgliedern in den Ausschüssen, in der Delegiertenversammlung („Ärzteparlament“) und im Vorstand prägen die Arbeit der Kammer. Mit ihrem persönlichen Einsatz befördern sie Themen und Umgangsstile. Sie gewährleisten die Bodenhaftung der Arbeit und die persönliche Bearbeitung von Anfragen und Anträgen.

„Junge Ärzte in die Kammer!“ Warum ist dies gerade Ihnen als Präsident der Ärztekammer Berlin so wichtig?

„Die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Methoden gelöst werden, die sie erzeugt haben“ wusste schon Albert Einstein. Als ich mich in der Mitte meiner Weiterbildungszeit Anfang der 90er Jahre als junger Assistenzarzt in Weiterbildung in die Berufs- und Standespolitik einmischte, waren die von mir erlebten Probleme mit der Hierarchie im Krankenhaus, unfähigen Krankenhausleitungen, arroganter Politik und fehlsteuernden Gesetzen nirgends auf der agenda. Also bin ich selbst aktiv geworden. Inzwischen sind meine damaligen Themen wie „Arzt im Krankenhaus“ auf dem Deutschen Ärztetag 1998 als allgemeines Problem erkannt und langsam in Arbeit. An diesem Grundproblem hat sich wenig geändert. Gerade die jungen Ärztinnen und Ärzte müssen höchstpersönlich alle die Probleme ausbaden, die an anderer Stelle verursacht wurden. Und diejenigen, die die Probleme verursachen, sind von der Ebene der unmittelbaren Patientenversorgung in der Regel sehr weit weg. Damit wenigstens keiner sagen kann, er habe nichts gewusst, sollten von den jungen Ärztinnen und Ärzten zumindest die alltäglichen Herausforderungen und Probleme in die Diskussion gebracht werden. Das ist nicht immer leicht und zumindest mit etwas Aufwand verbunden. Wer 60 bis 80 Stunden in der Woche arbeitet, hat wenig Elan, sich dann noch in Gremienarbeit zu engagieren. Allerdings kann man einige nette und engagierte Leute kennenlernen und zumindest per mail mitmachen. Herzlich willkommen!

Gerne können Sie Ihre Fragen zum Interview „Ärztekammer – ihre Aufgaben, ihre Vorteile“ direkt stellen an:
Dr. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin

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