International Medical Tournament 2017 – Ein Wettbewerb von Medizinstudierenden in Russland

3. August 2017

in Land, Medizinstudium, Ratgeber, Russland

Russland, Novosibirsk, Universität Novosibirsk 2017

Auf zum International Medical Tournament in Russland, genauer gesagt nach Novosibirsk – mitten in Sibirien! Die Teilnahme an diesem Turnier für Medizinstudenten, das jedes Jahr in Novosibirsk stattfindet, war das Ziel auch eines Berliner Teams, bestehend aus elf engagierten Medizinstudierenden der Charité. Und los ging es …

Auf nach Sibirien!

Sibirien - im April noch Schnee und zugefrorene Seen
Sibirien – im April noch Schnee und zugefrorene Seen

Sibirien das sind endlose Weiten, kalte Tage und schroffe Menschen. Jedenfalls in meiner Vorstellung. Was es im Endeffekt war, kann ich immer noch nicht mit Sicherheit zusammenzufassen. Kalt waren die Menschen jedenfalls nicht und im April war es sogar wärmer als zur gleichen Zeit in Deutschland. Nur die endlosen Weiten kann ich bestätigen.

So dauerte der Flug alleine von Moskau nach Novosibirsk vier Stunden. Endlich angekommen, waren wir dann weitere zwei Stunden mit dem Bus unterwegs, um uns herum teils karge, teils bewaldete Landschaft mit einzelnen Häusern.

Wir, das waren Medizinstudierende der Charité, die aufgebrochen waren, das 4. International Medical Tournament zu gewinnen, welches jedes Jahr in Novosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands, abgehalten wird. Wir hatten einen Ruf zu verlieren, denn schließlich hatte das Berliner Team schon das Jahr zuvor in der „Englischen“ Liga alles abgeräumt. Wir traten mit zwei Teams an. Eines, welches den Titel auf Englisch verteidigen wollte, und eines, welches sich mutig der Herausforderung der russischen Sprache stellte.

Wie alles begann

Angefangen hatte es wie so oft mit einer Rundmail über den uniinternen Verteiler. In dieser wurden interessierte Medizinstudierende aufgefordert, sich für das diesjährige Team zu bewerben. Fünf bis sechs Studenten pro Team sollten es sein. Ungewöhnlich langsam flatterten die Bewerbungen rein, sowohl fürs „englische“ als auch fürs „russische“ Team. Ob dies an der Entfernung lag? Oder an dem wenig reizvollen Charakter Novosibirsks oder vielleicht daran, dass das Turnier mitten im Semester stattfand. Ich weiß es nicht, am Ende waren dann aber genügend willige und definitiv abenteuerlustige Mediziner zusammengekommen und machten sich ans Werk, die Vorausscheidung zu meistern.

Hierfür bekamen wir zwei komplizierte Patientenfälle zugeschickt, welche es schriftlich und in Form einer Präsentation zu bearbeiten galt. Danach hieß es abzuwarten, bis endlich die Ergebnisse verkündet wurden und „Hurrra!“, wir hatten es geschafft und durften am Turnier teilnehmen.

Die Vorbereitungen konnten beginnen

Die Universität in Novosibirsk
Die Universität in Novosibirsk

Nun mussten die Flüge gebucht und das Visum beantragt werden. Dabei erhielten wir organisatorische Unterstützung vom „Koch-Metschnikow-Forum“ sowie auch finanzielle Unterstützung von der „Fackelmann-Stiftung“. Ein Visum nach Russland zu erhalten, ist nämlich gar keine so leichte Sache. Es bedarf einer extra Einladung und der genauen Angaben, wie lange man wo bleiben möchte. Die Einladung erhielten wir von der Universität Novosibirsk und untergekommen sind wir im eigenen Studentenwohnheim der Universität, ganz klassisch nach alter sowjetischer Bauart und natürlich Jungen und Mädchen getrennt. Dies wussten wir damals aber noch nicht.

Nachdem wir uns nun erfolgreich qualifiziert hatten und auch die reisetechnischen Formalitäten geklärt waren, konnten wir uns den weiteren Vorbereitungen für das International Medical Tournament widmen. Zwei Wochen vor Abflug bekamen wir wieder Patientenfälle zugeschickt. Dieses Mal waren es insgesamt zehn Fälle, die nicht weniger umfangreich als die ersten beiden waren. Das Turnier sollte drei Tage dauern, wovon an zwei Tagen besagte Fälle vorgestellt, besprochen und benotet werden sollten. Es waren dementsprechend fünf Fälle pro Tag angedacht. Unser Team bestand aus elf Studenten – sechs fürs „Englische“ Team und fünf im „Russischen“ Team. Jeder musste also zwei Fälle bearbeiten und ausformuliert in der jeweiligen Sprache am Tag des Turniers abgeben.

Wir setzten uns früh zusammen und arbeiteten teils zusammen in kleinen Teams. Trotzdem schaffte es keiner, pünktlich mit all seinen Fällen fertig zu werden, sodass die ersten paar Nächte in Sibirien nicht nur aufgrund des Jetlags sehr kurz ausfielen, sondern auch, weil wir bis lang in die Nacht noch an unseren Texten und Präsentationen feilten. Vor allem nachdem wir gesehen hatten, wie gut die anderen Teams waren, packte uns der Ehrgeiz.

Das International Medical Tournament in Novosibirsk

Mitglieder des Berliner Teams während des International Medical Tournament an der Universität Novosibirsk 2017
Mitglieder des Berliner Teams während des International Medical Tournament an der Universität Novosibirsk 2017

Aber zunächst fing alles noch recht einfach an mit einem Quiz am ersten Tag des Turniers, um die jeweiligen Gruppen einzuteilen. Es gab insgesamt neun Teams in der „englischen“ Liga und 14 in der „russischen“. Den Titel „International“ Medical Tournament verdankt dieser Contest übrigens alleine drei „wirklich“ internationalen Teams – zwei aus Serbien und eines aus Berlin, das unsrige Team. Der Rest kam aus allen Ecken Russlands angereist und manche hatten damit sogar einen noch längeren Anreiseweg als wir.

Mit dem Quiz, welches aus kleinen, teils lustigen Fragen zur Medizin und Medizinhistorik bestand, war der Freitag und damit der 1. Tag auch schon vorbei und wir hatten Zeit, uns Akademgorodok, das Universitäts-Städtchen, welches zu Novosibirsk gehört, etwas genauer anzuschauen. Dabei wurden wir von unglaublich netten sibirischen Studenten herumgeführt, die überhaupt keine Kontakthemmungen zu haben schienen.

Der 2. Tag begann mit einem typisch sibirischen Frühstück in einer der vielen Uni eigenen Mensen. Es gab Klopse, Buchweizenbrei und Zahnplomben erweichenden süßen Tee.

Danach wurden wir in unsere Untergruppen eingeteilt. Je drei Teams waren in einer Gruppe und stellten sich gegenseitig die vorher bearbeiteten Fälle vor. Nach dem Mittagessen, wieder in einer der vielen Uni eigenen Mensen, aber diesmal bedeutend leckerer, wurden die Gruppen neu durchgemischt.

Während einer Fallvorstellung nahmen die Teams jeweils unterschiedliche Rollen an:

  1. Das präsentierende Team – vertreten durch einen Vortragenden
  1. Der Opponent – Hierbei war es die Aufgabe, alles an der Diagnose, dem Behandlungsplan und den Erläuterungen des präsentierenden Teams zu kritisieren. Am Ende sollte eine Diskussion zwischen dem Vortragenden und dem Opponenten entstehen.
  1. Dem Reviewer – Dieser fasste das vom Vortragenden Gesagte und die anschließende Opposition noch einmal zusammen und durfte zudem noch Kritik an der Präsentationsweise üben.

Das Team, welches am vorherigen Tag die meiste Punktzahl beim Quiz erzielen konnte, durfte sich aussuchen, welche Position es gerne zuerst einnehmen möchte – Vortragender, Opponent oder Reviewer. Der Opponent durfte sich zudem immer aussuchen, welcher Fall vorgetragen werden soll. Jeder durfte nur einmal während des gesamten Turniers Vortragender und Opponent sein. Als Reviewer konnte man zweimal eingesetzt werden. Es war also von Vorteil, dass sich mindestens zwei Teammitglieder mit jedem Fall auskannten.

Und so ging es los. Die Fallbeschreibungen, die wir vorher zur Vorbereitung bekamen, waren recht oberflächlich und undurchsichtig verfasst, sodass die Teams während des Turnieres mit Differentialdiagnosen, möglichen Risikofaktoren und „Outcomes“ nur so um sich schmeißen konnten und wehe ein Vortragender hatte auch nur eine mögliche Komplikation vergessen. Dann wurde vom Opponenten gnadenlos darauf herumgeritten und das gesamte Patientenmanagement angezweifelt. Im Großen und Ganzen bis auf ein paar Ausnahmen wurde aber ein sehr respektvoller und bei mangelnden Englischkenntnissen auch nachsichtiger Ton angeschlagen.

Die zu bearbeitenden Krankheitsbilder am ersten Tag beinhalteten unter anderem das Evan’s Syndrom, eine HIV-Erstmanifestation, eine kardiale Tuberkulose und Multiple Sklerose.

Am Ende einer jeden Präsentation mit dazugehöriger Opposition und Zusammenfassung, vergab die Jury offen ihre Punkte (1-10) und äußerte weitere Kritik oder auch Anerkennung. Die Jury des International Medical Tournament in Novosibirsk bestand zum Teil aus englischsprechenden russischen Ärzten und aus in Amerika praktizierenden russischsprachigen Ärzten.

Nach dem 2. Tag des Turniers waren alle ziemlich geschafft. Manche von uns hatten allerdings noch die Energie, ins Staatsballett in Novosibirsk zu gehen, welches sehr empfehlenswert ist.

Der 3. Tag des International Medical Tournament verlief genauso wie der vorherige, nur die Fälle änderten sich. Diesmal hatten wir es mit einer chronischen Salpingo-Oophoritis mit Kinderwunsch, einem Kolonkarzinom mit akuter Peritonitis, einem Kind mit Kurzdarmsyndrom und einer zerebralen Dissektion zu tun.

Wir schlugen uns nicht schlecht. Es machte Spaß, die eigene Mannschaft voller Kraft anzufeuern und mit zu fiebern. Und es war spannend zu sehen, wie andere Teams aus anderen Ländern dieselben Fälle versuchten zu lösen. Unterschiede in der Herangehensweise und in der Verwendung von Quellen und „Evidence Based Medicine“ zwischen den einzelnen Teams fielen uns auf. Russlands medizinisches Bildungssystem scheint noch ein anderes zu sein, denn man neigt dazu, zu eilig zum Skalpell zu greifen. Oder international anerkannte Leitlinien werden nicht beachtet, weil sie auf Englisch verfasst wurden und es bis heute keine Selbstverständlichkeit ist, dass Mediziner die englische Sprache beherrschen.

Dafür haben wir aber auch gelernt, dass man bei Patienten, wenn sie auch anderweitige Symptome zeigen sollten, niemals Tuberkulose oder HIV außer Acht lässt und diese, wenn möglich beim geringsten Verdacht sofort darauf testen sollte, denn diese Krankheiten sind in Russland weit verbreitet.

Und das Ergebnis!

Fast das ganze Berliner Team beim International Medical Tournament in Novosibirsk 2017
Fast das ganze Berliner Team beim International Medical Tournament in Novosibirsk 2017

Wir konnten leider auch Zeuge größter Ungerechtigkeiten werden, indem Teams von bestimmten Juroren massiv bevorteilt wurden. Für uns war es Spaß und eine neue Erfahrung, an diesem Turnier teilzunehmen. Für die russischen Studenten ging es allerdings um so viel mehr. Als Arzt im öffentlichen Gesundheitssystem in Russland kann man nur mit Mühe und Not die Miete bezahlen und damit auf eigenen Beinen stehen. Man ist auf die Privatpatienten und Krankenhäuser angewiesen, um sich etwas dazu zu verdienen. Doch an eine Stelle in einer Privatklinik kommen nur die Wenigsten und meistens nur durch Verbindungen.

Ein Preis in unserem Wettkampf in Novosibirsk bestand aus einem heiß begehrten Praktikum an einer der renommiertesten Privatkliniken der Region und wenn ich Region sage, meine ich ein riesengroßes, für uns Deutsche nicht ganz fassbares Areal in Sibirien. Mit einem Praktikum erhöhen sich folglich auch die Chancen auf eine Übernahme und damit ein finanziell nicht ganz so sorgenvolles Leben. Für uns verwöhnte Medizinstudenten in Deutschland mag dies absurd klingen, aber für unsere russischen Kommilitonen ging es damit um viel mehr als nur um den ersten Platz. Für manche ging es um ihre Zukunft!

Wir wurden natürlich nicht in die Vergabe dieser „Sonderpreise“ miteinbezogen. Diese galten nur in Russland lebenden russischen Studenten.

Zum Glück! Denn sonst hätten wir noch ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn wir zusätzlich zum 1. Preis noch alle Sonderpreise abgeräumt hätten. So zogen wir „nur“ mit dem Siegerpokal in den Händen davon und freuten uns über all die Eindrücke, die wir sammeln konnten und die Kontakte, die wir geknüpft haben.

Zum Abschluss, als Ausklang angedacht, wurden wir noch ganz typisch nach sibirischer Art auf eine Saunaparty mit Privatpool, Privatsauna, ganz viel Essen und Unmengen an Wodka eingeladen. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

Nadja Kutschke

Berlin, Juli 2017

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