PJ in Ghana – Allgemeinchirurgie

10. September 2018

in Allgemeinchirurgie, Chirurgie, Fachgebiet, Ghana, Land

Ghana, Accra, Korle Bu Teaching Hospital (15.05.-03.09.2017)

Während meines Chirurgie-Tertials im Korle Bu Hospital in Accra, Ghana, lernte ich ein im Vergleich zum deutschen völlig anderes Gesundheits- und Ausbildungssystem kennen. Außerdem kam ich in Kontakt mit einer vielfältigen Kultur und vielen offenherzigen, interessanten Menschen. In Bereichen wie Sicherheit und Lebensstandard ist Ghana Vorbild für viele seiner Nachbarn. Wer also an einem längeren Aufenthalt in einem englischsprachigen, westafrikanischen Land interessiert ist, wird hier sicher wertvolle Erfahrungen sammeln können und seine Entscheidung vermutlich nicht bereuen.

Motivation

Die Entscheidung für Ghana ging schnell und fiel mir sehr leicht. Ich hatte mich schon früh entschlossen, ein Tertial meines Praktischen Jahres in Westafrika zu absolvieren, da ich nach einer Famulatur und längerem Reisen in Ostafrika eine andere Seite des Kontinents kennenlernen wollte. Da mein Französisch nicht für tiefergehende Gespräche geeignet ist und ich nicht vier Monate oberflächlichen Smalltalk riskieren wollte, schränkte sich meine Auswahl auf englischsprachige Länder ein.

Zudem genießt das ghanaische Gesundheitssystem einen sehr guten Ruf in der Region und es ist ein sehr sicheres als auch stabiles Land, wodurch meine Wahl schnell getroffen war. Innerhalb Ghanas kann man zwischen Krankenhäusern in Accra, der Hauptstadt, Cape Coast, einer kleineren Küstenstadt westlich von Accra, und Kumasi, der ehemaligen Hauptstadt des „Ashanti-Königreichs“ im Landesinneren, wählen. Ich entschied mich für Accra, da ich mir von der größeren Stadt an der Küste mehr Unterhaltung für diese Zeit erhoffte. Im Nachhinein bin ich sehr froh über diesen Entschluss, wie ich später erklären werde. Kumasi bietet aber den Vorteil, dass viele Reiseziele vor allem im nördlichen Teil Ghanas besser erreichbar sind.

Die Bewerbung und anfallende Gebühren

Das historische koloniale Hauptgebäude des Korle Bu Teaching Hospital in Accra - heute Sitz der Verwaltung
Das historische koloniale Hauptgebäude des Korle Bu Teaching Hospital in Accra – heute Sitz der Verwaltung

Über die Liste anerkannter Krankenhäuser für PJ-Abschnitte im Ausland des LaGeSo (LPA) in Berlin stieß ich auf das Korle Bu Teaching Hospital, das größte Krankenhaus in Accra und Lehrkrankenhaus der dortigen Universität. Auf der Internetseite dieser Universität suchte ich eine Kontaktadresse heraus und schickte meine Anfrage ab. Diese wurde direkt an das „Elective Ghana Team“ weitergeleitet, eine private Organisation, die Praktika in ghanaischen Krankenhäusern organisiert. Das Team wird vor allem von Sefa, eigentlich „ITler“ am Korle Bu Teaching Hospital, koordiniert. Er erleichtert einem den ganzen Aufenthalt inklusive Formalia und Start in Ghana ungemein, also würde ich jedem empfehlen, seine Hilfe anzunehmen. Allerdings ist das Team auf Accra und kleinere ländliche Krankenhäuser in den umliegenden Regionen für Famulaturen fokussiert.

Folgende Bewerbungsunterlagen musste ich einreichen:

  • Bewerbungsschreiben mit Motivation
  • Ausgefülltes Bewerbungsformular – mit allgemeinen Angaben zum bisherigen     Studienverlauf etc.
  • Lebenslauf mit Passbild
  • Empfehlungsschreiben des Dekanats

Ich hatte die Bewerbung einige Zeit im Vorfeld abgeschickt, was gut war, denn ich musste vier Monate auf die Bestätigung warten. Allerdings war das wohl ungewöhnlich lang, da es Konflikte zwischen der Verwaltung und der chirurgischen Abteilung gab. Sefa hatte mich während dieser Zeit regelmäßig auf dem Laufenden gehalten, er antwortete meist innerhalb von Stunden auf Emails. Prinzipiell ist es also sicherlich auch möglich, das Ganze kurzfristiger zu gestalten.

Folgende Kosten kommen auf zukünftige Praktikanten am Korle Bu Teaching Hospital zu:

  • 100$ Verwaltungsgebühr für das Krankenhaus/die Universität

    Es kann sein, dass diese Gebühr mittlerweile erhöht wurde.

  • 90$ pro Woche „Mentorship fee“

    Zur Zeit meiner Bewerbung waren es glücklicherweise noch 45$, was ich auch schon als sehr hohen Betrag empfunden habe. Dies ist als eine Art Studiengebühr zu verstehen, da die „Electives“ meist den ghanaischen Medizinstudierenden zugeteilt werden, und diese auch recht viel für ihr Studium bezahlen. Ob die Höhe, und vor allem die jüngste Verdopplung, gerechtfertigt sind, ist aber stark zu bezweifeln. Und ohne, dass ich Einblick in die Finanzen des Krankenhauses hätte, scheint es mir doch zweifelhaft, dass das Geld später in irgendeiner Weise den Patienten oder der Krankenhausausstattung zugutekommt, da es zumindest gerüchteweise auch am Korle Bu Teaching Hospital einige Korruption geben soll.

  • 180$ Organisationsgebühr für das Elective Ghana Team

    In Anbetracht der sehr intensiven Betreuung gerechtfertigt und durch die günstigere Zimmermiete (s.u.) auch schnell kompensiert.

  • 250$/Monat Zimmermiete über Elective Ghana

    Man konnte für damals ca. 300$ auch im „International Student Dorm“ auf dem Campus schlafen, allerdings ist die Zimmerqualität trotz des höheren Preises – was man so hörte – schlechter.

  • 180€ für ein drei-monatiges multiple Entry Visum

Visum

Das mit dem Visum ist etwas kompliziert. Es gibt verschiedene Optionen – zwischenzeitliche Änderungen natürlich nicht ausgeschlossen. Man konnte 110€ für ein 30 Tage „single-entry Visa“, 180€ für ein 90 Tage „multiple-entry Visa“ oder noch mehr für mehr Tage ausgeben. Allerdings wurde das Visum an der Grenze ohnehin auf 30-60 Tage gekürzt, auf wieviel genau hängt wohl von der Laune des Grenzbeamten ab, eine Praxis, auf die auch das Auswärtige Amt hinweist. Also nach dem Einreisen auf jeden Fall nach dem Stempel mit der Anzahl der Tage im Ausweis suchen und dann ggf. verlängern. Bei der Verlängerung kann Sefa helfen und mit 50 „Cedi“ (ca. 10 Euro) pro Monat und ein paar Tagen ohne Reisepass ist man dabei.

Ich hatte das „multiple-entry Visum“ genommen, weil ich mir die Option offen halten wollte, noch andere Länder in der Region zu bereisen. Wenn man sich für die richtige Visums-Option entschieden hat, kommt der Prozess der Beantragung. Ich würde niemandem empfehlen, sich vorher die Google Bewertungen der Botschaft in Berlin anzuschauen, denn dies könnte einen dazu bewegen, den Aufenthalt in Ghana wieder abzublasen. Wenn man in Berlin oder nicht allzu weit entfernt davon wohnt, ist es aber gar nicht so schlimm.

Bei der Zusammenstellung der vielfältigen Dokumente half Sefa bzw. sie waren recht schnell beschafft. Man brauchte u.a. ein Einladungsschreiben, eine Kontaktperson in Ghana etc. und man sollte Wert auf die exakten Maße des online hochzuladenden Passbildes achten. Die Pixelanzahl musste stimmen, auch wenn auf dem Visum am Ende kein Bild war. Um diese übermäßige Bürokratie einzuordnen, sollte man bedenken, wie respektlos und willkürlich Ghanaer u.a. in der Deutschen Botschaft zum Teil behandelt werden. So hörte ich zum Beispiel von einem Professor, der der Einladung zu einem internationalen Kongress in Spanien nicht folgen konnte, weil sein Visumsantrag ohne nähere Begründung abgelehnt wurde.

(Anm.d.Red. Um auf der ganz sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Weitere Vorbereitungen

Als weitere Vorbereitungsmaßnahmen sollte man noch rechtzeitig, je nachdem, wie viele Impfungen man noch braucht, zum Tropenmediziner. Da meine Versicherung Malarone nicht finanziert, die Alternativen angesichts des Nebenwirkungsspektrums allerdings nicht für mich in Frage kamen und Ghana ein Malaria tropica Hochrisikogebiet ist, hatte ich auf Facebook Freunde gefragt, ob sie noch Malarone Blister von der letzten Reise übrig hätten und nicht mehr brauchten. Das hat erstaunlich gut geklappt und ich musste das teure Zeug nicht selbst finanzieren. Die Impfungen gehen ja schon genug ins Geld.

Geflogen bin ich mit Turkish Airlines über Istanbul, eine Flugroute, die nicht wirklich Sinn ergibt, aber der Service ist bekanntermaßen gut und der Flug war sehr entspannt. Es gibt aber auch Flüge über die anderen bekannten Drehkreuze, das geht dann vielleicht etwas schneller.

Abschließend kann ich zur Finanzierung noch sagen, dass ich während des Studiums durch verschiedene Jobs recht viel Geld für meine Auslandstertiale gespart hatte. Im Nachhinein habe ich durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de und die insgesamt recht niedrigen Lebenshaltungs- und Reisekosten in Ghana dann wesentlich weniger ausgegeben, als ich vorher kalkuliert hatte.

Meine Ankunft in Accra

Das sogenannte Elective House des Elective Ghana Teams in Accra – Ghana
Das sogenannte Elective House des Elective Ghana Teams in Accra – Ghana

Am Flughafen empfing mich neben vielen etwas aufdringlichen Taxifahrern auch Sefa und brachte mich nach einem kleinen Abendessen in mein Zuhause für die nächsten vier Monate. Und zwar in die untere Hälfte eines Hauses in der Nähe des Korle Bu Teaching Hospitals, mit mehreren Doppelzimmern, einer gut ausgestatteten Küche, zwei Badezimmern mit kaltem Wasser, aber dafür dank Wasserpumpe ordentlichem Duschstrahl, und einem großen Wohnzimmer mit Smart TV, auf dem dank des guten WLANs „Netflix“ meist ruckelfrei lief. Ein Ort zum Wohlfühlen. Am Anfang war das Haus recht leer und nur zwei andere PJler aus Deutschland da, aber im Laufe der Zeit kamen und gingen viele andere Praktikanten und am Ende, zur Zeit der Semesterferien in vielen Ländern, war das Haus voll belegt.

Am Tag nach meiner Ankunft führte mich ein Mitglied des Organisationsteams durch die zentralen Stadtteile von Accra, brachte mir meine ersten Worte in „Twi“, der am häufigsten verwendeten lokalen Sprache, bei und zeigte mir, wie die Fortbewegung mit den lokalen „öffentlichen Verkehrsmitteln“, den „Trotros“, funktioniert. Dies sind meist deutsche, ausgemusterte und umfunktionierte „Mercedes Sprinter“, die nicht mehr für den Warenverkehr auf deutschen Straßen geeignet erscheinen und jetzt 15 oder mehr Menschen in Afrika transportieren. Diese Tour war ein wunderbarer Start und half mir sehr bei der Orientierung in den ersten Tagen.

Erste Eindrücke am Korle Bu Teaching Hospital

Blick auf das Korle Bu Teaching Hospital in Accra – Ghana
Blick auf das Korle Bu Teaching Hospital in Accra – Ghana

An meinem ersten Tag im Korle Bu Teaching Hospital nahm Sefa mich mit zu den unterschiedlichen Büros zur Anmeldung und zum Bezahlen der Gebühren. Dann hatte ich viel Gelegenheit, wartend auf Sofas einzunicken, denn die Sekretärin der Chirurgie brauchte sehr, sehr lange, um mir einen Zettel auszustellen, mit dem ich zur Station gehen konnte, damit diese mich auch betreuen würde.

Sie kam nur manchmal aus ihrem Büro heraus, um mir kritische Fragen zu meinen wahren Motiven zu stellen und für geraume Zeit in anderen Gängen zu verschwinden. Nachdem ich sie durch meine Beharrlichkeit davon überzeugt zu haben schien, dass ich das Praktikum wirklich machen möchte, bekam ich den Zettel und ging ein paar Meter weiter zur Station.

Hier wartete ich, wiederum auf einem sehr gemütlichen Sofa, dann auf die leitende Oberärztin, die, wie ich nach einiger Wartezeit erfuhr, aber an diesem Tag doch nicht mehr zurückkommen würde – es war auch schon gegen Nachmittag. Damit endete dann meine erste Erfahrung am Korle Bu Teaching Hospital.

Am zweiten Tag wurde ich dann einer Gruppe von ghanaischen Medizinstudierenden zugeteilt, welche gerade einen Teil ihres letzten Jahres im Studium absolvierten.

Mein PJ-Tertial in der Chirurgie

Blick auf das Chirurgie Department des Korle Bu Teaching Hospitals in Accra – Ghana
Blick auf das Chirurgie Department des Korle Bu Teaching Hospitals in Accra – Ghana

Gemeinsam mit den ghanaischen Medizinstudierenden ging ich fortan am Korle Bu Teaching Hospital durch viele Kurse am Krankenbett, Seminare, Stunden im OP-Saal und in der „Outpatient Clinic“. Mein Praktisches Jahr war durch diese klassische Studentenrolle weit weniger praktisch, als es ein PJ in Deutschland wahrscheinlich gewesen wäre, aber ich fand es ganz gut, nochmal einige Lehre in der Chirurgie mitzunehmen, vor allem auch, weil ich dieses Fach später möglichst fern von mir halten möchte und deswegen die Praxis nicht sonderlich vermisste.

Man kann aber sicherlich auch versuchen, sich an die „House Officer“ oder andere Ärzte zu hängen und von den Studierenden abzugrenzen, um mehr Praxiserfahrung zu sammeln. Die Dozierenden im Korle Bu Teaching Hospital und anscheinend in Ghana im Allgemeinen sind sehr auf das Auswendiglernen von Fakten fokussiert und fragen diese liebend gerne der Reihe nach ab. Mein größtes Problem am Anfang bestand darin, dass die Ghanaer oft sehr leise mit einem doch recht starken Akzent sprachen, sodass man sich angewöhnen sollte, immer in der ersten Reihe zu stehen. Es ist nämlich viel unangenehmer bei einer Fragerunde zu einer Antwort aufgefordert zu werden, obwohl man seit einigen Minuten noch nicht einmal das grobe Thema mitbekommen hat, als der Nachteil, nah an einem strengen Dozenten zu stehen. Auch an das „Medical English“ musste ich mich erstmal gewöhnen, aber da kam man auch recht schnell rein.

Konkret bestand der Wochenalltag aus zwei großen „Ward Rounds“, bei denen alle Patienten intensiv besprochen wurden. Hierfür wurde jeder Patient einem Medizinstudierenden zugeordnet, welcher den Fall dann bei der Visite präsentieren musste und mit Fragen gelöchert wurde. Oft bekam man die Info über einen neuen Patienten erst am Nachmittag vor der „Ward Round“ und musste dann am Abend noch eine ausführliche Anamnese und Untersuchung durchführen. Aber trotzdem waren diese Visiten oft sehr lehrreich.

Einmal die Woche war „Outpatient Clinic“, also eine Ambulanz für entweder bekannte Patienten, die im Verlauf nach einer chirurgischen Behandlung kamen oder neue Patienten, die von anderen Krankenhäusern oder Stationen an die Chirurgie im Korle Bu Teaching Hospital verwiesen wurden. Die Studierenden bekamen dann meist eine Handvoll Patienten zugewiesen, welche untersucht und anschließend einem Professor vorgestellt wurden.

Ein Tag war für Operationen der Patienten der Station reserviert. Oft war man dabei nur in der Beobachterrolle, denn da die ghanaischen Assistenzärzte für ihre Ausbildung eine hohe Anzahl an OP-Stunden sammeln müssen, hatten diese meist die OP-Assistenz übernommen. Wenn man besonders darauf aus ist zu assistieren, kann man aber vor allem gegen Nachmittag/Abend auch oft mit am Tisch stehen. Ansonsten war die Zeit im OP vor allem durch viel herumstehen geprägt, selten hatten die Dozenten die Studierenden für kleine Lehreinheiten zur Seite genommen. Aber dafür konnte man die Zeit nutzen, um die sozialen Kontakte mit den ghanaischen Medizinstudierenden zu pflegen. Die restliche Zeit im Krankenhaus konnte man mit dem Beobachten und Assistieren von kleineren Eingriffen auf Station und in der Endoskopie verbringen.

Das Krankheitsspektrum in der Allgemeinchirurgie besteht vor allem aus verschiedenen Formen von Darmverschlüssen, gastrointestinalen Ulcera, Hämorrhoiden, Strumen, Brustkrebs und vielen anderen Karzinomen, Hernien und dem diabetischem Fußsyndrom. Während übrigens Diabetes mellitus und Bluthochdruck sehr häufige Leiden in der Bevölkerung sind und die Diagnostik bzw. Behandlung oft nicht ausreichend, sind Rauchen und zum geringeren Maß regelmäßiges Trinken von Alkohol sozial geächtet und deswegen selten, was noch mehr für Frauen als für Männer gilt. Die Sichelzellanämie ist ein häufiges Problem. Abdominale oder spinale Tuberkulose, Typhus oder parasitäre Erkrankungen dagegen sah ich gar nicht.

Morgens gab es fast immer Versammlungen der gesamten Chirurgie mit Case Reports, Journal Clubs, Mortality Meetings oder auch nur Lectures für die Studierenden. Oft waren diese Treffen sehr interessant und lehrreich. Insgesamt ist die Ausbildung der ghanaischen Medizinstudierenden sehr anspruchsvoll und das Wissen der Ärzte und Ärztinnen in ihrem Fachgebiet umfangreich.

Auch neue Studienergebnisse werden schnell in die tägliche Arbeit übertragen, sofern die Umstände dies zulassen. Allerdings ist die Umsetzung durch die limitierten Ressourcen und die beschränkten Mittel der Patienten, welche die Behandlung selbst bezahlen müssen, meist schwierig. Angeordnete Diagnostik oder Therapien können nicht finanziert werden oder es fehlt die Erfahrung der Ärzte mit deren Umgang, da zu wenige Patienten sie sich leisten können. Strategien, um den Patienten trotzdem eine bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen, sind deswegen ein wichtiger Inhalt der täglichen Arbeit und der Ausbildung, und sehr interessant, wenn man bisher vor allem das deutsche Gesundheitssystem kennengelernt hat.

Nichtsdestotrotz muss man sich darauf einstellen, dass Patienten oftmals nicht optimal behandelt werden können, und auch mit einer anderen Einstellung der Ärzte und Pflegekräfte zur symptomatischen Behandlung von Beschwerden umgehen lernen. Schmerzmittel werden oft sehr sparsam eingesetzt und müssen zuerst von Angehörigen in der Apotheke besorgt werden, was zum Teil sehr lange dauern kann.

Bedrückt hatte mich auch ein mir zugeteilter junger Patient aus Nigeria, welcher nach einer Appendektomie mehrere Monate bei völligem Wohlbefinden im Krankenhaus lag, da er die Rechnung für die Behandlung nicht begleichen konnte. Eigentlich wollte er nur seinen Onkel in Ghana besuchen. Am Ende konnte er dank einer Übernahme der Kosten durch den „Social Service“ und seine Verwandten das Krankenhaus verlassen. Eine Krankenversicherung existiert zwar und ist auch sehr günstig, trotzdem sparen sich viele Menschen das Geld und versichern sich erst im Krankheitsfall, woraufhin die Versicherung nach drei Monaten in Kraft tritt, was dann oft die Behandlung verzögert. Dadurch ist das System unterfinanziert und kommt nur für einige wenige Laborwerte und Behandlungen auf, ein Großteil muss weiter von den Patienten und ihren Familien finanziert werden.

Outreach – ein Präventions- und Screening-Programm!

Beim sogenannten Outreach - einem Präventionsprogramm unter Koordination des Elective Ghana Teams
Beim sogenannten Outreach – einem Präventionsprogramm unter Koordination des Elective Ghana Teams

Ein medizinisches Highlight meiner Zeit in Accra war der vom „Elective Ghana Team“ um Sefa organisierte „Outreach“, ein Präventions- und Screening-Programm. Dazu reisten die über das Land verteilten Medizinstudierenden, welche ein vom „Elective Ghana Team“ organisiertes Praktikum machten, sowie einige junge Ärzte des Korle Bu Teaching Hospital an.

Wir bauten auf einer freien Fläche direkt neben unserem Haus Zelte auf und boten den Anwohnern unseres Stadtteils basale Diagnostik wie Blutdruck-, Puls- und Blutzuckermessung an, führten kurze Anamnesegespräche und gaben, von einem Apotheker koordiniert, einfache Medikamente sowie Empfehlungen zur Weiterbehandlung aus. Das Programm wurde sehr gut genutzt, bot vielen eine niedrigschwellige Möglichkeit zum

Kontakt mit medizinischem Fachpersonal und war eine gute Möglichkeit für uns, mehr mit den Nachbarn in Kontakt zu treten.

Leben in Accra

Ich habe meinen Alltag in Accra sehr genossen. Die Stadt fühlte sich sehr entspannt an, auch wenn der Verkehr zum Teil anstrengend war und die Händler in touristischen Gegenden etwas aufdringlich sein konnten. Aber meistens begegneten einem die Menschen sehr offen zugewandt und man wurde gerade als „Weißer“ oft auf der Straße angesprochen, ohne dass sich das vielleicht anfänglich aufdrängende Vorurteil, dass die Person einem etwas verkaufen oder sonst wie an Geld gelangen wollte, bestätigte. Meist waren sie tatsächlich nur an einer Konversation mit einem offensichtlichen Ausländer interessiert. Diese und ähnliche Situationen des Herausgehoben Seins durch die Hautfarbe wird man als „Weiße Person“ öfter erleben, und die Auseinandersetzung damit ist sicher eine weitere wichtige Erfahrung, die man in Ghana machen kann.

In anderen Landesteilen Ghanas, zum Beispiel in Kumasi, ist der Umgang mit „Weißen“ übrigens meiner Erfahrung nach etwas neutraler bis ablehnender, was im Kontrast mit Accra schnell den Eindruck hinterlassen kann, die Leute seien weniger offen und freundlich.

Durch das stark beanspruchende Studium gehen viele Medizinstudierende selten aus, vor allem, weil die nächste Prüfung nie fern zu sein scheint. Da die Erziehung sowohl in der Familie als auch in der Schule wohl oft sehr streng ist, folgen viele Ghanaer den Vorgaben von Autoritäten ohne großes Hinterfragen. Dies macht das Land sehr sicher und stabil, hat aber natürlich auch viele Nachteile.

Der wichtigste Ort für soziale Kontakte ist für viele die Kirche oder die Moschee, wobei im Süden Ghanas Christen in der Mehrheit sind. Die Rate an praktizierenden Gläubigen ist eine der Höchsten der Welt und daher Religion ein häufiges Gesprächsthema. Die verschiedenen Denominationen des Christentums sind sehr vielfältig vertreten und viele Gläubige besuchen charismatische Kirchen, deren Gottesdienst und Predigten sehr viel lauter, emotionaler und spiritueller sind als jene in der evangelisch-lutherischen oder katholischen Kirche Deutschlands. Weiterhin gibt es, wie erwähnt, viele Muslime und Anhänger traditioneller Religionen, und obwohl ihr Glauben den Menschen so wichtig ist, gibt es keine offenen Vorurteile zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen. Der Umgang wirkte auf mich viel entspannter und natürlicher, als es in Deutschland meist der Fall ist.

Unverständnis und Vorurteile gibt es dagegen gegenüber Atheisten und sexuellen Minoritäten, und die Evolutionstheorie wird von vielen abgelehnt und auch nicht wirklich verstanden.

Ein ähnlich großes Thema wie die Religion ist die Musik, welche oft in aberwitziger Lautstärke aus kleinen Bars durch die Straßen rauscht. Das Gute dabei ist, dass die meist ghanaische und nigerianische Musik ohne die oft übersteuerten Effekte moderner westlicher Popmusik auskommt und sich eher auf eingängige tanzbare Rhythmen und humorvolle Texte verlässt.

Besonders „gehyped“ wurden zu meiner Zeit der lokale Dance Hall-Musiker „Shatta Wale“ – z.B. „Taking over“ oder „Ayoo“; eine gute Kenntnis seines Oeuvres zahlt sich übrigens besonders aus, wenn man in der Nähe des Korle Bu Teaching Hospital wohnt, denn „Shatta“ identifiziert sich besonders mit dieser nicht besonders herausgeputzten Gegend und ist daher sehr, sehr populär dort. Dann der Nigerianer „Davido“ – „If“ und „Fall“ konnte jeder mitsingen und man hörte es auch völlig unfreiwillig mindestens dreimal am Tag, und „Tekno“, z.B. „Pana“ oder zusammen mit „Bracket Panya“, mein Favorit. Sehr witzig ist auch die ghanaische Sängerin „Ebony“, die in „Sponsor“ z.B. die sexuelle Untätigkeit ihres „Sugar Daddys“ beklagt. Falls Ihr Euch die Musik jetzt gleich bei YouTube angehört habt und sie nicht so mögt, nach ein paar Wochen in Ghana seid Ihr sicher auch begeistert am Mitsummen und -tanzen.

Ansonsten kann man seine freie Zeit natürlich auch z.B. mit dem Erwerb von oft farbintensiven Stoffen und, in Zusammenarbeit mit einem guten Schneider oder einer Schneiderin, dem Designen einer neuen Garderobe verbringen. Die Stücke probiert man dann am besten freitags aus, denn dann ist „African-Print-Day“ und auch im Krankenhaus sind viele in lokaler Mode gekleidet.

Ein paar Tage lag ich auch fieberbedingt im Bett und war schon fest der Überzeugung, mich trotz Prophylaxe mit Malaria infiziert zu haben, aber das hatte sich nach einem Schnelltest aus der Apotheke und einem nur sehr kurzfristigen Verlauf immer als falsche Besorgnis herausgestellt.

An den Wochenenden bin ich oft mit anderen internationalen Studierenden verreist. Es gab je nach Reiseziel häufig recht komfortable Reisebusse. Man musste sich meist etwas durchfragen, um den richtigen Abfahrtsort herauszubekommen, aber die Leute an den großen Busstationen waren sehr hilfsbereit. Die Reise selbst war wegen der schlechten Straßen und des Verkehrschaos um Accra oft enervierend lang und man wurde ziemlich durgeschüttelt, aber wenn man sich darauf einstellte, war das schnell vergessen.

Die klassischen Ziele wie „Cape Coast“, als ehemaliger wichtiger Punkt des Sklavenhandels, Kumasi und die „Volta Region“ mit „Akosombo“ und den „Wli Falls“ sind definitiv eine Reise wert. Es gibt außerdem noch viele sicher sehenswerte Regionen weiter im Norden, die ich aber wegen der längeren Anfahrtszeit von Accra aus nicht besucht habe. Dafür war ich zwei Wochen in der Elfenbeinküste, einem Land mit vielen Gemeinsamkeiten, aber auch sehr vielen Unterschieden zu Ghana.

Fazit

Ich hoffe, dass Euch der Bericht einen kleinen Einblick gegeben hat, was einen so bei einem PJ-Abschnitt in Accra erwartet. Ghana bietet natürlich noch sehr viele andere Möglichkeiten, mit denen man seine Zeit verbringen kann, und es wird einem definitiv nicht langweilig.

Ich habe eine sehr intensive und wunderbare Zeit gehabt, und kann Ghana nur jedem/jeder empfehlen, der/die ein sehr sicheres, englischsprachiges westafrikanisches Land für ein Praktikum sucht.

Constantin Thieme

Berlin, Mai 2018

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2016-2017

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.