Krankenpflegepraktikum in Gastroenterologie und Onkologie

2. Februar 2012

in Chancen in Deutschland, Krankenpflegepraktikum in Deutschland

Nordrhein-Westfalen, Recklinghausen, Prosper Hospital Recklinghausen (01.09.-30.09.2010)

Ich werde Medizin studieren! Diese Entscheidung stand schon seit einiger Zeit fest. Und im Nachhinein würde ich die drei Monate des Krankenpflegepraktikums, wenn möglich, jederzeit wieder vor dem Beginn des Studiums absolvieren. Sie helfen bei der sicheren Entscheidungsfindung bezüglich des Medizinstudiums und vermitteln einen ungeheuer großen Einblick, der einem im Studium schnell zugute kommt. Zudem kann ich nur empfehlen, das Krankenpflegepraktikum auf einer pflegeintensiven Station aufzunehmen.

Entscheidung für ein Medizinstudium

Medizin war das Studium meiner Wahl – eine Wahl, die zum Abitur bereits seit einiger Zeit getroffen war und mich nach der Überreichung des Zeugnisses unmittelbar ins Krankenhaus führte. Das Jahr nach dem Abitur wollte ich nutzen, um das pflichtmäßige dreimonatige Krankenpflegepraktikum bereits vor dem Beginn meines Medizinstudiums zu absolvieren und zusätzlich noch einige Erfahrungen im Ausland zu sammeln.

Auf der Suche nach einem Krankenpflegepraktikum

Gesagt, getan. Ich schrieb also eine kurze, formelle Bewerbung an eines der beiden Krankenhäuser meiner Heimatstadt Recklinghausen und wurde nach wenigen Tagen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Im Prosper Hospital Recklinghausen erwartete mich die Pflegedienstleitung hinter dem großen, gefüllten Foyer, stellte einige Fragen und erläuterte die Rahmenbedingungen für Pflegepraktika in ihrem Hause. Der erste Eindruck entsprach einem durchorganisierten System, war aber nicht unangenehm. Neben den allgemeinen Angaben zu meiner Person wurde mir eine Unterschrift bezüglich der Schweigepflicht abgenommen. Das erste Mal offiziell ein Teil des Gesundheitswesens mit entsprechender Verantwortung und Auflagen. Schweigepflicht – das klang für mich ungeheuer bedeutend. Die Pflegedirektorin des Hospitals klärte mit mir die Möglichkeiten der verschiedenen Stationen ab und fragte, wohin ich wolle. Ich hatte mir bereits vorher überlegt, dass ich in jedem Fall eine arbeitsintensive Station einer langweiligen vorziehen würde, und sie teilte mich prompt auf der 8B ein – die Gastroenterologie und Onkologie.

Mein erster Tag

Pünktlich zum 01. September 2010 begann für mich der Arbeitsalltag auf Station. Bereits eine Woche im Voraus konnte ich meinen Schichtplan erfragen. Während meine Freunde im zweiten Krankenhaus der Stadt ausschließlich Frühdienst von Montag bis Freitag leisteten, war ich, abgesehen von Nachtschichten, im ganz gewöhnlichen Schichtplan eingeteilt und arbeitete in einem anstrengenden Wochen-Rhythmus: Jedes zweite Wochenende war frei. In der Woche, in der durchgearbeitet wurde, war ein weiterer Tag unter der Woche frei. Demnach verbrachte ich, abgesehen von sechs Tagen pro Monat, jeden Tag auf der Station. Im Nachhinein gab mir das aber einen wunderbaren Einblick in den Alltag der Schwestern und Pfleger.

Der erste Arbeitstag begann um 7:00 Uhr. Eingekleidet in den neu gekauften Kasack, eine weiße Hose und mit zurück gebundenen Haaren wurde ich nach der Übernahme allen knapp vorgestellt und einer Schwester zugeteilt, die mir in den folgenden Wochen sehr ans Herz wuchs. Das Personal der Station war sehr jung und entsprechend dynamisch und hat mich umgehend an die Hand genommen. Auf der Station befanden sich 46 Betten mit vielen Patienten höheren Alters. Der Pflegeaufwand war, wie mir schnell klar wurde, entsprechend hoch, doch die Fälle auch entsprechend interessant.

Nachdem ich mich zwischen den Reinigungsräumen, dem Magazin, den Lagern und den Zimmern zurecht gefunden hatte, wurden mir die Vorbereitungen der alltäglichen Pflegerunde nahe gelegt und ich richtete die Pflegewagen ein, bekam gleichzeitig die Funktion der verschiedenen Gerätschaften erklärt und begann dann mit der Schwester, der ich zugeteilt war, die Pflege meines ersten Patienten. Das Waschen und Desinfizieren der Hände zu Beginn der Schicht musste – zumindest am ersten Tag – einem bestimmten Ablauf folgen und ging schnell in Fleisch und Blut über.

Der ersten pflegebedürftigen Patientin, der ich begegnete, war eine leicht demente, aber liebevolle alte Dame. Gemeinsam mit der Schwester wusch ich die Dame, wechselte das Bett, kleidete sie neu ein und lagerte sie. Dabei wurden mir alle Handgriffe nicht nur gezeigt, sondern auch erklärt, sodass sich die verschiedenen Abläufe und Vorgänge schnell und sinnvoll einprägten.

Nach der Pflege lernte ich während der Visite die meisten der Stationsärzte kennen und der Chefarzt nahm mich mit auf Visite. Auch er gab sich Mühe, bei den Vorgesprächen zwischen Pflegern und Ärzten die Vielzahl an Fremdwörtern knapp für mich verständlich zu machen, sodass ich neben der Pflege auch oftmals den medizinischen Hintergrund kennen lernen konnte. Dies wiederholte sich leider aufgrund des hohen Personalbedarfs an Pflegekräften auf der Station nur unregelmäßig, aber es war immer wieder interessant.

Die Frühstückspause am ersten Tag kam mir sehr gelegen. Bereits nach wenigen Stunden auf der Station, in denen es partout keine Sitzmöglichkeiten gab, merkte ich die ungewohnte Belastung und war froh über ein Frühstück und einen Stuhl in der Cafeteria. Ich durfte am selben Tag noch Blutzucker, Blutdruck und Temperatur messen, lernte, alle Werte entsprechend in die – chronisch verschwundenen – Kurven einzutragen und war gegen 15:00 Uhr vollkommen erschöpft. Der erste Tag meines Krankenpflegepraktikums war gleich unheimlich interessant und spannend gewesen, aber auch um ein Vielfaches anstrengender als erwartet.

Meine Aufgabengebiete

Nach wenigen Tagen gewöhnte ich mich an den Tagesablauf auf Station, konnte viele Aufgaben selbstständig übernehmen und wurde auch dementsprechend von den Pflegern eingesetzt. Der Umgang mit den Patienten bereitete mir unheimlich Freude – sei es, weil sie unglaublich aufmerksam und freundlich waren oder weil ich den Umgang mit gelegentlich komplizierten Patienten für mich zufriedenstellend meisterte. Ein kleines Erfolgserlebnis stellte sich nahezu jeden Tag ein und mit jedem Tag wuchs ich mehr in den Krankenhausalltag hinein.

Neben der Pflege erledigte ich auch Tätigkeiten wie die Essensausteilung, Essen reichen, Zimmer nach der Entlassung putzen, Botengänge ins Labor, Medikamentenausteilung und weitere anfallende Praktikantenaufgaben, war aber im Großen sehr zufrieden mit den Dingen, die man mir in kürzester Zeit anvertraute und zutraute. Die Rückmeldung von Patienten und Pflegern bezüglich meiner Arbeitsweise korrigierte und bestätigte mich.

Das junge Ärzteteam der Station ermöglichte mir Einblicke in medizinische Bereiche, wann immer die Auslastung auf der Station es zuließ. So bekam ich häufig die Möglichkeit, unsere Patienten zu Gastro- und Koloskopie, Sonographie und in die Radiologie zu begleiten. Die meisten Ärzte schienen erfreut, mir ihr Wissen ganz praktisch während der Untersuchung näher bringen zu können und gingen auf alle Nachfragen ein.

Neben den vielen gastroenterologischen Patienten lagen auf unserer Station viele onkologische Patienten. Neben Isolationszimmern der von Darminfektionen befallenen Patienten lagen also häufig unmittelbar Umkehrisolationszimmer der Chemopatienten, deren Immunsystem stark angegriffen war und daher geschützt werden musste. Dadurch erlernte ich erfreulicherweise den korrekten Umgang mit der entsprechenden Schutzkleidung, die Desinfektionsvorschriften und erneut viel über die vorhandenen Krankheitsbilder.

Aufgrund der Schwere vieler Fälle hatte ich im Laufe der sechs Wochen auf dieser Station häufig mit dem Tod und trauernden Angehörigen zu tun. Das Abbauen eines Menschen bis hin zu seinem Tod mitzuerleben, stellte mich zunächst vor eine Herausforderung, die ich aber unbedingt vor dem Beginn meines Medizinstudiums meistern wollte. Ich setzte mich konkret damit auseinander, begleitete die Leichen in die Obduktion und setzte mich mit den Angehörigen auseinander. Dies war mir immer frei gestellt, doch ich hielt es für eine entscheidende Erfahrung während meines Krankenpflegepraktikums.

Das Primary-Nurse-System

Große Hektik auf der Station kam auf, als ein neues Pflegesystem, das so genannte „Primary-Nurse-System“ eingeführt wurde. Dabei werden einigen wenigen „Primary-Nurses“ konkrete Zimmer und damit die Patienten zugeordnet, die einen festen Ansprechpartner haben und dieser wiederum einen klaren Verantwortungsbereich. Die Visiten wurden immer von den Ärzten und den verantwortlichen Pflegern gemeinsam durchgeführt, sodass eine sehr gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten ermöglicht wurde.

Dieses System führte dazu, dass ich in der ersten Stunde jeden Morgen die ersten Patienten alleine pflegte, bis meine „Primary Nurse“ hinzu kam und wir gemeinsam weiter arbeiteten. Die eventuell vorhandenen Hemmschwellen zum Beginn der Pflegetätigkeiten werden sehr schnell überwunden und man entwickelt schnell eine effektive, aber nicht vernachlässigende Routine in seiner Arbeit. Auch die Kondition nimmt schnell zu und eine normale Schicht ist nicht mehr überdurchschnittlich erschöpfend. Mein Schichtplan beinhaltete sowohl Früh- als auch Spätdienste, wobei sich beide in ihren Abläufen stark unterschieden. Frühschichten begannen vor 7:00Uhr und endeten um 15:15 Uhr, Spätdienste hingegen gingen von 12:00 Uhr bis 20:15 Uhr.

Rückblick und Ausblick

Das Rathaus der Stadt Recklinghausen

Insbesondere der Frühdienst ermöglichte es mir, den Rest des Tages noch sinnvoll zu nutzen. Recklinghausen als überschaubare Stadt, in der es aber alles gibt, was man braucht, hat durchaus einiges zu bieten. Ob in der nahegelegenen Natur, in der Innenstadt, dem Ruhrfestspielhaus, insbesondere während der international bekannten Ruhrfestspiele ein absolutes Muss, oder mit der Familie Zeit zu verbringen – die Tage gingen schnell vorbei. Die Abende wurden zudem merklich kürzer, denn der Frühdienst verlangte frühes Aufstehen und war durchaus anstrengend.

Auf der Station stellte sich schnell eine angenehme Mischung aus eigenständigen, interessanten Tätigkeiten und reinen „Praktikantentätigkeiten“ ein. Da wir eine Stationshelferin hatten, die für gewöhnlich die Essensausgabe organisierte, war jeden Tag mein Einsatz in der Pflege gefragt. Je nach Krankheitsbild und Patient konnte dies eine spannende Herausforderung sein. Abends und sonntags lag es in der Regel an mir als auch den Schülerinnen und Praktikanten, Essen auszuteilen und zu reichen. Dennoch durfte ich regelmäßig Zucker und Blutdruck messen, Patienten zu invasiven Untersuchungen begleiten, Wundern säubern, Verbände wechseln und vor allem viele Fragen stellen, die mir meistens ausführlich und praxisnah beantwortet wurden.

Sowohl die Schwestern als auch die Ärzte der Station haben mich sehr gut aufgenommen. Neben den medizinischen Tätigkeiten bekam ich auch erfreulicherweise einen authentischen Einblick in den organisatorischen Ablauf in einem Krankenhaus und vor welche Probleme sich Krankenhäuser zum Beispiel aufgrund des Gesundheitssystems gestellt sehen. All diese Erfahrungen im Umgang mit den Patienten, dem Krankenhausablauf, den pflegerischen und medizinischen Verfahrensweisen bestärkten mich in meinem Studien- und Berufswunsch.

Mein Resümee

Das Prosper Hospital Recklinghausen

Jetzt im Medizinstudium bin ich zudem froh, bereits über gewisse Basisfähigkeiten zu verfügen, die mir Sicherheit geben im Umgang mit Patienten auf Station. Auch im Nachhinein würde ich die drei Monate des Krankenpflegepraktikums, wenn möglich, jederzeit wieder vor dem Beginn des Studiums absolvieren. Sie helfen bei der sicheren Entscheidungsfindung bezüglich des Medizinstudiums und vermitteln einen ungeheuer großen Einblick, der einem im Studium schnell zugute kommt.

Nach den sechs Wochen Krankenpflegepraktikum im Prosper Hospital in Recklinghausen bekam ich einen Praktikumsplatz in England, wo ich die folgenden sechs Wochen arbeitete. Zu beiden Häusern und den betreffenden Stationen habe ich noch immer Kontakt und möchte mich in diesem Rahmen für die lehrreichen Monate bedanken.

Ich kann nur empfehlen, das Krankenpflegepraktikum auf einer pflegeintensiven Station aufzunehmen. Natürlich ist die Belastung höher, aber man lernt neben seinen Grenzen auch deutlich mehr Krankheitsbilder, Verfahren, Pflegetechniken, Menschen, Untersuchungen und Eingriffe kennen. Und die Zeit vergeht schneller, wenn man nicht gelangweilt in der Ecke stehen muss. Gastroenterologie und Onkologie waren daher genau das Richtige.

Zudem hatte ich ausgesprochenes Glück mit dem Team auf meiner Station. Die Arbeit in lockerer Atmosphäre war nicht weniger anstrengend und durchgeplant, aber unterhaltsamer. Und dass sowohl die Ärzte als auch die Schwestern mir jederzeit viel erklärt haben, empfand ich als ungemein hilfreich. Die Arbeitszeiten für Praktikanten im Prosper Hospital Recklinghausen sind für ein deutsches Krankenhaus eher streng und anstrengend, aber sie entsprechen dem Klinik-Alltag. Je nachdem, was man möchte, sollte man sich durchaus für sechs Wochen damit auseinander setzen. Rückblickend betrachtet, habe ich aus diesen sechs Wochen sowohl inhaltlich als auch persönlich einiges an Erfahrungen mitnehmen können und bin froh, mein Krankenpflegepraktikum in diesem Rahmen absolviert zu haben.

W., L.
Berlin, November 2011

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