Niedergelassene Hausärztin in Berlin – Allgemeinmedizin

11. Februar 2011

in Arzt Niederlassung in Deutschland, Chancen in Deutschland

Berlin (Februar 2011)

Unternehmen Arztpraxis. Seit nunmehr 23 Jahren betreibe ich eine allgemeinmedizinische Praxis in Berlin-Tiergarten. Ich habe es nie bereut, diesen Weg gegangen zu sein. Wann immer ich mich am Ende eines 12-Stunden-Arbeitstages entnervt frage, warum zum Teufel ich diesen anstrengenden, zeitintensiven und verantwortungsvollen Beruf gewählt habe, kommt die Antwort von den Patienten. Sie lautet: „Gott sei Dank, sind Sie da, Frau Doktor. Ich war schon ganz verzweifelt.“

Wie alles begann

Während des Studiums hatte ich mich mehr für die Pädiatrie interessiert. Die Allgemeinmedizin wurde uns auch nicht wirklich nahe gebracht. Nach dem Studium konnte ich im geteilten Berlin keine Assistentenstelle in der Pädiatrie bekommen und Berlin wollte ich aus persönlichen Gründen nicht verlassen. So landete ich in der Orthopädie, dann ein bisschen Gynäkologie und Innere Medizin in Praxis und Klinik. Schließlich ging es mir wie vielen Kollegen: es wurde ein Facharzt für Allgemeinmedizin daraus.

Da ich die Niederlassung bereits im Studium als Ziel ansah und die gesamte Ausbildung für mich der Weg dahin war, ließ ich mich so früh nieder, wie es nur ging. Mit dem damals noch unbefristeten (!) Arbeitsvertrag der Klinik in der Tasche, sah ich mich nach geeigneten Praxen um. Ein Praxismakler bot mir die Praxis in Tiergarten an. Die Kollegin, der die Praxis gehört hatte, war überraschend und noch recht jung verstorben. Kurioserweise hatte ich im Jahr zuvor eine Praxisvertretung für sie machen wollen, die aber nicht zustande kam, weil ich in der Klinik nicht frei bekam.

Ich kannte also die Räumlichkeiten und die Helferin bereits und mir gefiel die „Kiez-Lage“ der Praxis. Auch das Mobiliar, welches die verstorbene Kollegin auf Berliner Trödelmärkten zusammen gekauft hatte, passte zu meiner Vorstellung einer gemütlichen Hausarztpraxis, in der sich Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen wohl fühlen können. Meine Familienplanung sah außerdem vor, Kinder erst nach der Niederlassung zu bekommen. Die Räume der Praxis eigneten sich hervorragend für diesen Plan, weil neben den Praxisräumen private Räume angeschlossen waren.

„Unternehmen Arztpraxis“

Jeder junge Kollege, der eine Praxis sucht, sollte auch solche gerade genannten persönlichen Überlegungen mit einbeziehen. Wenn ich meinen ehemaligen Weiterbildungsassistentinnen bei der Suche nach einer geeigneten Arztpraxis behilflich war, habe ich immer darauf geachtet, dass die Praxis insgesamt zu ihnen passt. Dazu gehört auch die Stadtlage der Praxis, denn diese bestimmt ganz entscheidend die Patientenklientel der Arztpraxis. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die Praxis in Zehlendorf, am Kurfürstendamm oder im „Beussel-Kiez“ liegt, wie die meine. Auch die Entfernung zum Wohnort ist nicht unbedeutend, denn wer will schon im Berufsverkehr täglich zweimal eine Stunde unterwegs sein? Diese Zeit hat ein Praxisinhaber auch gar nicht!

Als ich meine Arztpraxis gekauft habe, habe ich zunächst ein eingehendes Gespräch mit der Arzthelferin meiner Vorgängerin geführt. Sie war mir in den ersten Jahren meiner Praxiszeit eine unschätzbare Hilfe bei Organisation und Management der Praxis. Geblieben ist sie bis zu ihrer Berentung. Die Mitarbeiter der Praxis sind von enormer Bedeutung für den Erfolg des „Unternehmens Arztpraxis“ und ein gutes Verhältnis von Praxisinhaber und Mitarbeitern trägt zum persönlichen Wohlbefinden aller Teammitglieder bei, was auch von Patienten wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.

Natürlich sind die „Zahlen“ der angebotenen Praxis ausschlaggebend, ob ein wirtschaftlicher Erfolg nach Übernahme wahrscheinlich ist. Das sind in erster Linie die „Scheinzahl“, also die Fallzahl pro Quartal und die KV Abrechnungen. Hier sollte man sich immer mindestens die letzten acht Quartale zeigen lassen. Ging es mit der Praxis schon stark bergab, weil der Inhaber bereits krank war, oder handelt es sich noch um eine stabile durchschnittliche Patientenzahl?

Bei den KV Abrechnungen sollte auch darauf geachtet werden, ob der Vorbesitzer eventuell viel Umsatz mit Leistungen erwirtschaftet hat, die der Käufer gar nicht erbringen kann, weil ihm die notwendigen Qualifikationen fehlen. So verfüge ich beispielsweise über die Zusatzbezeichnung Psychotherapie, führe Ergometrien durch und darf unter anderem gynäkologische und pädiatrische Leistungen abrechnen, die antragspflichtig sind.

Zusatzbezeichnungen und Qualifikationen

Dr. Omankowsky mit einem ihrer Famuli

Nicht alle Zusatzbezeichnungen und Qualifikationen muss man schon vor der Niederlassung erwerben. Gerade die Allgemeinmedizin macht es möglich, sich auf jedem denkbaren Gebiet fortzubilden. Da auch eine Fortbildungspflicht besteht, der aber nicht schwer nachzukommen ist, weil die nachzuweisenden 500 „Punkte“ mühelos innerhalb von fünf Jahren gesammelt werden können, kann jeder Allgemeinmediziner aus dem reichen Angebot der Fortbildungsmöglichkeiten die wählen, die ihm zugleich Qualifikationen verschaffen. Wenn man, wie ich, an den DMP (Disease Management Programmen) und den Hausarztprogrammen der Krankenkassen teilnimmt, müssen gegenüber der KV auch bestimmte im Programm vorgeschriebene Fortbildungen absolviert werden.

Die Allgemeinmedizin erscheint vielen Kollegen zu umfangreich, zu unübersichtlich und die Angst besteht, eigentlich alles wissen und können zu müssen. Das ist aber nicht der Fall. Die Vielfalt ist eine Vielfalt der Möglichkeiten. Das macht die Allgemeinmedizin so spannend und es wird nie langweilig. Der Allgemeinmediziner kann sein Leben lang neue Medizinbereiche für sich erschließen, nichts ist wirklich „fachfremd“. Die große Kunst des Allgemeinmediziners besteht darin, die eigenen Grenzen zu kennen und gute Adressen und Ansprechpartner für die Fragen vermitteln zu können, die selbst nicht beantwortet werden können.

Auch wenn der Patient, was oft genug vorkommt, bittet, „nicht weggeschickt“ zu werden, muss im Interesse einer qualifizierten Medizin die Zusammenarbeit mit Spezialisten gesucht werden. Eine oft von mir verwendete Redensart in diesem Zusammenhang ist: „ Ich bin nicht „Mütterchen Allwissend“. Da gehen Sie jetzt zu Dr. XYZ, der macht dann die und die Untersuchung und dann kommen sie zurück und wir besprechen das dann.“ Damit ist in der Regel jeder Patient zufrieden und im Laufe der Jahre wächst die eigene medizinische Kompetenz mit jeder Überweisung ein bisschen mehr.

Der einfachste und schnellste Weg, die eigene medizinische Inkompetenz in Detailfragen zu überwinden, besteht darin, einen spezialisierten Kollegen anzurufen und um Hilfe zu bitten. Das kann sogar im Beisein des Patienten geschehen, der sich meiner Erfahrung nach dadurch besonders ernst genommen fühlt und vertrauensvoll in der Arzt-Patienten-Beziehung verbleibt, weil er auf zweierlei vertrauen kann: Erstens, dass ich als Arzt nicht trotz Unwissenheit ins Blaue hinein therapiere und zweitens, dass ich ihm eine adäquate Diagnostik und Therapie verschaffen kann.

Mein persönlicher Tipp: Zusatzbezeichnung Psychotherapie

Von allen Zusatzbezeichnungen finde ich persönlich die Zusatzbezeichnung Psychotherapie für die Tätigkeit des Hausarztes enorm gewinnbringend. Das ist nicht in pekuniärer Hinsicht gemeint, sondern bezieht sich mehr auf die Arbeit mit den Patienten. Das Anliegen des Patienten schnell zu erfassen, darauf einzugehen und ggf. zusätzliche wichtige medizinische Aspekte zu berücksichtigen, macht den Allgemeinmediziner zum guten Hausarzt. Zwar ist die Ausbildung langwierig und nicht preiswert, aber lohnend auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. So kommt sie nicht nur den Patienten, sondern auch dem Weitergebildeten zugute.

Der erste Ansprechpartner

Ich bin für viele Menschen im Umfeld meiner Praxis und auch für die, die in andere Bezirke gezogen sind, aber mir und meiner Arztpraxis die Treue halten, der erste Ansprechpartner, wenn eine Erkrankung eintritt, egal, welches Fachgebiet der Medizin betroffen ist. Außerdem bin ich aber auch der erste Ansprechpartner, wenn es Probleme im Job, in der Beziehung oder bei der Ausbildung gibt. Die Patienten betrauern Verwandte, Haustiere, den Verlust des Arbeitsplatzes oder leiden unter finanziellen Problemen. All das kann sie mehr oder weniger krank machen und sie erwarten die Hilfe ihres vertrauten Hausarztes.

Genau das ist es, was ich am meisten an meiner Arbeit liebe. Es gibt keinen intensiveren Kontakt zu Patienten als in der hausärztlichen Praxis. Ich betreue Familien seit 23 Jahren, habe Kinder und Enkel aufwachsen sehen und damit auch die enorme Befähigung auf spezielle Problematiken eingehen zu können, die jedem noch so guten Diagnostiker verborgen bleiben müssen, weil er die Familiengeschichte, auch die Familienkrankengeschichte, nicht kennt.

Studenten, die in meiner Praxis eine Famulatur oder im Reformstudiengang Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin die zwei Semester „Praxistag“ absolvieren, staunen meist, wie viele Patienten ich duze, was schlicht daran liegt, dass ich sie seit ihrer Kindheit kenne und gerade die daraus entstehende Vertrautheit ist für das Gelingen diagnostischer und therapeutischer Gespräche wesentlich. Oft reichen die berühmt berüchtigten fünf Minuten für den Patienten, weil das Problem bereits x-mal behandelt wurde. Da kommen unzählige Stunden über die Jahre zusammen, die ich mit diesem Patienten verbracht habe.

Mein Fazit: „Es lohnt sich!“

Dr. Sabine Omankowsky

Wann immer ich mich am Ende eines 12-Stunden-Arbeitstages entnervt frage, warum zum Teufel ich diesen anstrengenden, zeitintensiven und verantwortungsvollen Beruf gewählt habe, kommt die Antwort von den Patienten. Sie lautet: „Gott sei Dank, sind Sie da, Frau Doktor. Ich war schon ganz verzweifelt.“ Oder: „Wir sind ins Umland gezogen, aber wir brauchen nur 45 Minuten zu Ihnen.“ Oder: „Meine Freundin schickt mich, sie kommt schon seit Jahren zu ihnen und meint, Sie können mir bestimmt helfen.“

Dieses Vertrauen, das Menschen in mich als Hausärztin setzen, die Dankbarkeit, die sie mir täglich entgegenbringen, baut mich immer wieder auf. Das gibt meiner Arbeit einen Sinn und verschafft mir die Befriedigung, mit meinem Beruf die richtige Wahl getroffen zu haben.

Ich will nicht verschweigen, dass es schwieriger geworden ist, eine Arztpraxis erfolgreich zu führen. Die wirtschaftliche Situation ist gerade für junge Kollegen, die sich mit dem Kauf einer Praxis verschulden müssen, nicht risikolos. Der heute niederlassungswillige Arzt muss Computerfachmann, Betriebswirtschaftler und oft auch Jurist in Personalunion sein. Er muss das Praxispersonal führen und motivieren, die Arbeitsplätze sichern und sich mit allen Vorgaben und Verordnungen zur Hygiene, Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsschutzverordnung usw. auskennen. Hinzu kommen ständig neue Gebührenordnungen und Vorschriften zur Abrechnung der Kassenpatienten, Vorschriften, was verordnungsfähig ist oder nicht und welche Kassenverordnung unweigerlich zum Regress führt. Dies kann verunsichern und zu dem Gefühl führen, ständig von Insolvenz durch Regress und finanzielle Planungsfehler oder Gefängnisstrafe wegen versehentlich falscher Abrechnung und Behandlungsfehlern bedroht zu sein.

Davon sollte sich aber kein angehender Allgemeinmediziner schrecken lassen. Am besten bleibt der Neuling mit seinen Sorgen nicht allein, sondern lässt sich von erfahrenen Kollegen beraten. So lange wie nur irgend möglich sollte ein niederlassungswilliger Hausarzt in einer bestehenden Praxis arbeiten und von den Erfahrungen des Weiterbildenden profitieren. Übrigens, auch aus Fehlern – sogar aus fremden – kann man lernen…

Ich wünsche mir für die Zukunft der Hausärzte in Deutschland, dass die düsteren Prognosen zum Hausärztemangel in den nächsten 10 Jahren nicht eintreten werden, dass, die sich heute im Studium befindlichen Mediziner nicht nach der Approbation fluchtartig das Land verlassen und sich viele von ihnen der Allgemeinmedizin in Deutschland zuwenden.

Auch nach 23 Jahren Praxis der Allgemeinmedizin in Deutschland kann ich sagen: „Es lohnt sich!“

Dr.med. Sabine Omankowsky
Berlin, Februar 2011

www.doktor-omankowsky.de

Hinweis: Interessierte Medizinstudierende finden hier einen Ratgeber von Frau Dr. Omankowsky zum Thema "Praxisfamulatur in der Allgemeinmedizin": weiter

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