Ethikseminar Waldbreitbach 2010

11. Juni 2010

in Chancen in Deutschland, Studium in Deutschland

Rheinland-Pfalz, Waldbreitbach, Bildungshaus Waldbreitbach (12.-13.04.2010/12.05.2010)

Ethikseminar – eine Initiative, die für uns als PJ-Studenten wichtig ist. Es ist höchste Zeit, dass wir geschult werden. Und zwar gründlich. Es ist lobenswert, dass zum Beispiel mit solchen Schulungen, die keinen Profit bringen und Geld kosten, in unsere Ausbildung investiert wird, und zwar gerade bei der aktuellen Situation im Gesundheitswesen.

Ein erstes Fallbeispiel

Ein 76-jähriger Patient wird nach einem Autounfall mit Milzruptur in die Ambulanz eingeliefert. Die Blutung ist gefährlich, der Mann muss sofort operiert werden, sonst wird er sterben. Aber er will nicht. Im absoluten Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten beteuert er, schon lange nicht mehr leben zu wollen. Er sei alt genug, habe keine Familie oder Freunde und das Leben habe keinen Sinn mehr. Er warte schon lange darauf sterben zu dürfen, dies sei die Gelegenheit zu einem guten Tod. Er will definitiv nicht mehr. Er will keine OP.

Darf ein Patient heutzutage selbst entscheiden, ob man ihn operiert? Wie viel Medizin muss man heute mitmachen, ehe man sterben darf? Kann ein Arzt einen Patienten tatenlos sterben lassen? Darf er das?

Ethikseminar – eine wichtige Initiative

Wir sind ca. 20 PJler aus Neuwied und Neustadt im Ethikseminar in Waldbreitbach und sollen entscheiden. Gerade haben wir die theoretischen Grundprinzipien der Ethik gelernt. Patientenautonomie, Nichtschadensprinzip, Gerechtigkeit. Die meisten von uns würden den Willen des Patienten mit innerem Widerstreben achten. Jetzt geht es in die Praxis. Anhand eines standardisierten Arbeitsschemas für Fallanalysen beleuchten wir die Situation. Es wird komplexer. Am Ende ändern 95 Prozent von uns ihre Meinung. Unter dem Blutverlust wird die Entscheidungsfähigkeit des Patienten angezweifelt. Aber wird er sich am nächsten Tag tatsächlich darüber freuen, noch am Leben zu sein? Was wird er ihnen sagen, wenn sie zur Visite kommen?

Es gibt sie wirklich, die komplizierten Situationen ethischer Zwickmühlen im Klinikalltag. Wir haben sie in unseren Abteilungen alle gesehen. Wir sind voll von Beispielen und wir haben keine Ahnung. Über rechtliche Grundlagen, über systematische Herangehensweisen, über Entscheidungshilfen. In ein paar Monaten sind wir Ärzte, die Entscheidungen treffen und verantworten müssen.

Höchste Zeit, dass wir geschult werden. Und zwar gründlich. Zwei volle Tage im schön gelegenen Bildungshaus Waldbreitbach – bei bester Verpflegung und Betreuung – plus einen Tag Aufbaukurs schenkt uns die Marienhaus GmbH, in deren Häusern wir unser Praktisches Jahr absolvieren.

Fragen über Fragen

Was vom Namen her eher nicht spannend und trocken klingt, entpuppt sich als Training mit wirklicher Alltagsrelevanz. Schon bei den Einstiegsthemen wird diskutiert. Eine Definition für Ethik zu finden – schön und gut. Werte zu finden auch. Aber was, wenn man mitbekommt, dass die beste Freundin betrogen wird. Wenn Werte gegeneinander abgewogen werden müssen? Schnell wird die Theorie lebendiger und schwieriger. Wir gestalten die Themen mit, bringen eigene Beispiele ein und kommen aus dem Diskutieren nicht heraus. Herr Beule von der Stabsstelle „Ethik und Werte“ und Dr. Proft begegnen uns kollegial, engagiert und kompetent. Bestens verpflegt, arbeiten wir den ganzen Tag durch. Und es bleibt spannend.

Wann dürfen PEG- Sonden zur künstlichen Ernährung gelegt werden, wenn ein Patient die Nahrungsaufnahme verweigert? Wann darf die Ernährung eingestellt werden, wenn der Patient seine Ablehnung deutlich macht? Wann braucht ein Patient einen Betreuer? Und welche Funktionen hat er, und wo beantragt man ihn? Wie finde ich den mutmaßlichen Willen eines Patienten heraus, wenn dieser durch einen Schlaganfall nichtmehr sprechen kann? Wie gehe ich mit Patientenverfügungen um? Und welche von den 200 bestehenden Modellen ist die sinnvollste? Wie sagt man jemandem, dass er Krebs hat? (Wir üben!)

Wann bin ich von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden und verletze ich sie tatsächlich, wenn ich telefonisch einer Mutter sage, dass ihr erwachsener Sohn operiert wurde? Es gibt viele Fragen. Und sie werden geduldig beantwortet.

Wir sind der zweite Jahrgang von Medizinern im Praktischen Jahr, für die solch ein Ethikseminar veranstaltet wird. Ganz nebenbei gesagt, auch der hungrigste, denn da wir den gesamten Kuchen plus Nachschub verputzen, werden uns noch Brote gerichtet. Die Zeit ist trotz der Länge nicht ausreichend für alle Gebiete. Fragestellungen um Sterbehilfe, Pränataldiagnostik, künstliche Befruchtung und Frühchen intensiv werden gekürzt behandelt oder weggelassen. Auch Gesprächsführung hätten wir gerne intensiver geübt.

Am Abend treffen wir Frau Garvert, Geschäftsführerin des großen Konzerns der „Marienhaus GmbH“, die uns offen und ehrlich begegnet. Sie sucht das Gespräch, will unsere Beobachtungen als Neulinge im Alltagsleben ihrer Krankenhäuser wissen. Sie schätzt unsere Kritik als Potential zur Verbesserung. Und wir konfrontieren sie. Frau Garvert steht uns Rede und Antwort. Vermittelt das Gefühl, uns als „kleine Studenten“ ernst zu nehmen und zu schätzen. Stellt Schwierigkeiten und Prozesse dar. Es ist ein gutes Gespräch. Ein gutes Seminar. Es wird ein sehr schöner Abend in der kleinen Bar im Keller, in der wir eingeladen sind.

Besonders spannend ist die Einheit des Palliativmediziners Dr. Ehscheidt über die Aufgaben des Arztes bei Sterbenden. Hier wird kein reiner Vortrag gehalten, sondern Erfahrungen und Erlebnisse weitergegeben. Sowohl medizinische Maßnahmen, als auch optimaler Umgang mit Patienten können wir von ihm lernen. Und unsere Gruppe fragt ihn begeistert aus. Genauso ergeht es dem Chefarzt der Nephrologie PD Dr. Schneider im Aufbauseminar, den wir fast nichts zu seinem eigentlichen Thema vortragen lassen, weil wir so viele Fragen haben. Wir wollen so vieles wissen, denn morgen schon sind wir mittendrin.

Unser Fazit

Diese Schulungen sind wichtig, für uns als PJ-Studenten und ebenso für Ärzte. Auch wenn sie keinen Profit bringen und Geld kosten, helfen sie enorm, den Krankenhausalltag an vielen Stellen zu verbessern. Sie schärfen den Blick, sie trainieren Fähigkeiten. Sie unterstützen im Umgang mit den Herausforderungen des Arztberufes in der heutigen Zeit. Und das wirkt sich aus. Auf das Arbeitsklima, auf Abläufe, auf unsere Patienten. Auf Qualität. Es ist lobenswert, dass in unsere Ausbildung investiert wird, und zwar gerade bei der aktuellen Situation im Gesundheitswesen. Es ist nur eine der Bemühungen unserer Lehrkrankenhäuser, uns eine gute Ausbildung im Praktischen Jahr zu ermöglichen. Es hat uns nicht nur geschult, sondern auch Spaß gemacht und die Gruppe gestärkt.

Wir gehen mit dem Gefühl, in manchen Situationen bestimmt nicht alles richtig machen zu können, aber ein bisschen mehr gewappnet zu sein.

Von: Nicolai Deresz und Katharina Welski
Neuwied, Juni 2010

Ähnliche Artikel:

  • Assistenzarzt in Bitburg – GastroenterologieAssistenzarzt in Bitburg – Gastroenterologie Rheinland-Pfalz, Bitburg, Marienhausklinik Bitburg (Juni 2010) Bitburg – Das einzig Wahre! Dr. Stefan Hilgers, Assistenzarzt im Marienhaus Klinikum Bitburg-Neuerburg, berichtet über die […]
  • Chance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver NutzenChance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver Nutzen am 31.05.2012, 18:00 Uhr, Ärztefinanzzentrum Berlin Vorklinik und Physikum liegen schon einige Zeit zurück und auch die klinischen Semester sind bald vorbei und plötzlich beginnt er dann, […]
  • Chance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver NutzenChance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver Nutzen am 08.12.2015, 18:00 Uhr, Ärztefinanzzentrum Berlin – Sobe & Partner, Kurfürstendamm 219, 10719 Berlin Nur noch ein, zwei klinische Semester und dann beginnt es – das PJ, der letzte […]
  • Chance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver NutzenChance PJ – rechtzeitige Planung, effektiver Nutzen am 11.06.2015, 18:00 Uhr, Ärztefinanzzentrum Berlin – Sobe & Partner, Kurfürstendamm 219, 10719 Berlin Nur noch ein, zwei klinische Semester und dann beginnt es – das PJ, der letzte […]
  • PJ in Neuwied – Innere MedizinPJ in Neuwied – Innere Medizin Rheinland-Pfalz, Neuwied, Marienhaus Klinikum St. Elisabeth Neuwied (06.04.-24.07.2010) Alle reden vom Ausland. Wie toll es da ist, in Australien zum Beispiel; vormittags im Krankenhaus […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *