Famulatur in Estland – Pädiatrie

29. Juli 2013

in Estland, Famulatur im Ausland, Pädiatrie

Estland, Tartu, Universitätsklinikum Tartu/ Tartu Ülikooli Kliinikum (01.03.-31.03.2013)

„Bitte Schuhe aus“! Meine erste Famulatur führte mich auf die allgemeinpädiatrische Station des Universitätsklinikums Tartu ist Estland und ich würde sie jederzeit wieder dort antreten. Die Betreuung war hervorragend, das Personal super nett und Estland ist als Land sowieso immer eine Reise wert. Und meine bei dieser Famulatur gemachte Erfahrung hat mir auch gezeigt, dass meine Reise weiter in Richtung Pädiatrie verlaufen wird.

Meine Entscheidung für Estland

Estland, ein kleines Land, 1,4 Mio Einwohner, eine seltsame Sprache, Natur pur, endlose Weiten, Wälder, Felder, Moore, die Ostsee, unzählige Inseln, freundliche Menschen, Teil des Baltikums, doch eher Nordeuropa, ehemalige UDSSR, Holzhäuser, Plattenbauten, die Tallinner Altstadt, Holperpisten und zweispurige Schnellstraßen, wenige Krankenhäuser und nur eine Universitätsklinik im ganzen Land.

Wegen letzterem trat ich dieses Mal meine Reise nach Estland an, den Rest kannte ich schon aus meinem Austauschjahr 2007/2008 und hatte mich damals schon in die Einzigartigkeit dieses Landes verliebt.

Bewerbung – unkompliziert und ohne großen Aufwand

Die Kinderklinik in Tartu

Die Universitätsklinik befindet sich in Tartu (Dorpat) und trägt den Namen „Tartu Ülikooli Kliinikum“. Die Universität Tartu wurde 1632 von König Gustav II. Adolf von Schweden gegründet und hat, wie auch das ganze Land, eine abwechslungsreiche Geschichte hinter sich, dominiert von Deutschen, Schweden und Russen. Tartu ist bis heute die Studentenstadt Estlands und nach Tallinn die zweitgrößte Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern.

Ich bewarb mich um einen Famulatur-Platz auf der „Üldpediaatria osakond“, der allgemeinpädiatrischen Station des „Lastehaigla“ (Kinderkrankenhaus). Da es sich um meine erste Famulatur handelte, und es gleich eine Famulatur im Ausland war, hielt ich dies für einen guten Start. Meine Bewerbung schrieb ich etwa vier Monate vor Beginn per E-Mail und zwei Wochen später hatte ich die Antwort, dass ich gerne kommen könnte. Dokumente wurden keine von mir verlangt, ich musste noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag oder eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben.

Also flog ich fünf Tage vor Beginn nur mit meinem Personalausweis, Estland ist EU-Mitglied und im Schengener-Abkommen, direkt von Frankfurt/Main nach Tallinn und von dort ging es mit dem Linienbus nach Tartu. Und genauso unkompliziert spazierte ich am 01.03.2013 auf die Station, wo ich einer Ärztin zugeteilt wurde und schon ging der Alltag los.

Erste Eindrücke an der Universitätsklinik in Tartu

Übersichtstafel
Übersichtstafel

Natürlich ist das Gesundheitssystem ein wenig anders als in Deutschland und somit auch das Arbeiten auf Station. Allgemeinpädiatrisch hieß die Station deshalb, weil Kinderärzte mit verschiedenen Spezialisierungsgebieten dort arbeiteten. Vertreten waren folgende Fachgebiete: Rheumatologie, Endokrinologie, Urologie, Nephrologie, Gastroenterologie und Hämatologie, sowie alle Fälle, die man nicht eindeutig einem Fachgebiet zuordnen konnte. Jeder Arzt hatte seine eigenen Patienten auf Station, im Durchschnitt etwa drei pro Tag, sowie etwa zwei- bis dreimal die Woche eine ca. vierstündige Sprechstunde für ambulante Patienten, die entweder zur Kontrolle kamen oder von ihrem Familienarzt – etwa Hausarzt in Deutschland, Kinderärzte mit eigener Praxis gibt es nicht – an die jeweilige fachspezifische Sprechstunde überwiesen wurden. Jedem Facharzt waren zudem immer ein Assistenzarzt zugeteilt.

Für mich hatte diese Form von Organisation sicherlich ihre Vor- und Nachteile. Dadurch dass ich alle zwei- bis drei Tage einem anderen Arzt zugeteilt wurde, bekam ich einen gründlichen Einblick in alle genannten Fachgebiete. Gleichzeitig bekam ich aber auch nicht immer alle Patienten mit, die auf Station verweilten, sondern eben immer nur die zwei oder drei, denen ich gerade zugeteilt war.

Meine Famulatur in der Pädiatrie

Bei der Laborauswertung am Computer

Aber nun ein detaillierter Einblick, wie mein Arbeitstagbei meiner Famulatur im Einzelnen aussah. Um 08:15 Uhr begann der Tag mit der Stationsbesprechung, bei der alle Ärzte, alle Assistenzärzte und Schwestern anwesend waren. Diese Besprechung dauerte etwa 10 min. und war im Wesentlichen einfach nur die Übergabe vom Nachtdienst an den Tagdienst. Danach folgte dann im Hörsaal der Klinik um 08:30 Uhr die Morgenbesprechung mit allen Ärzten, Assistenzärzten und Medizinstudenten der Kinderklinik. Thema waren hierbei vor allem die aufgenommenen Patienten via Notaufnahme, besondere Vorkommnisse während der Nachtwache und die allgemeine Auslastung der Kinderklinik, welche sich im Schnitt auf etwa 50-60 Patienten plus Mütter belief.

Um 09.00 Uhr ging dann der Tag auf Station erst richtig los und zwar mit der Visite durch den jeweiligen Arzt, sowie dessen Assistenzarzt. Die Patienten waren in Zwei- bis Drei-Bettzimmern untergebracht und es gab ein großes Sechsbettzimmer. Bei der Morgenvisite sprach man vor allem mit den Müttern über die Probleme der Kinder und erkundigte sich nach deren Wohlbefinden, Essens- und Trinkverhalten. Die Untersuchung stand eher seltener im Vordergrund. Aber wenn es zur körperlichen Untersuchung kam, durfte auch ich immer palpieren und auskultieren.

Danach wurden die Befunde und der Allgemeinzustand des Patienten im Computer erfasst, ein sehr interessanter Aspekt des estnischen Gesundheitssystems. Seit 2008 gibt es in Estland die Online-Plattform „E-TERVIS“, was so viel wie ,,Elektronische Gesundheit“ bedeutet ( www.e-tervis.ee ). Es handelt sich hierbei um ein Internetportal, auf dem alle Krankendaten aller estnischen Staatsbürger gesammelt werden. Sprich, die in Deutschland gängige kiloschwere Krankenakte entfällt und fast alle Krankendaten werden elektronisch gesammelt und gespeichert. Auf diese Daten hat dann der behandelnde Arzt Zugriff und kann darüber hinaus auch Ergebnisse von vorherigen Untersuchungen durch andere Ärzte und Krankenhäuser abrufen. Alle seit 2008 produzierten Laborergebnisse sowie auch Bilddaten (Röntgen, CT, MRT) sind einsehbar, was unnötige Wiederholungen von teuren Leistungen erspart. Auch Rezepte werden elektronisch verarbeitet. Der Arzt trägt dies in das Netzwerk ein und wenn der Patient dann mit seinem Personalausweis in die Apotheke geht, bekommt er dort das benötigte Rezept ausgehändigt.

So werden eben auch alle Arztberichte, sogar Pflegeberichte, im Netz gespeichert und eben jeden Morgen neue Einträge verfasst. Nach dieser ,,Papierarbeit‘‘, die ja eigentlich keine Papierarbeit mehr ist, ging es meistens mit der ambulanten Sprechstunde weiter.

Während dieser Sprechstunde war meistens auch die Assistenzärztin, die estnische Kindermedizin ist zu 95 Prozent weiblich, dabei, welche synchron zu Anamnesegespräch und Untersuchung den Befund in die besagte Datenbank einschrieb. War die Assistenzärztin nicht vor Wort, war diese meine Aufgabe. Gleichzeitig durfte ich aber auch die körperliche Untersuchung durchführen, wobei jeder Schritt durch die anwesende Ärztin selbst überprüft wurde. In der Nephro- und Urologiesprechstunde durfte ich auch Blase und Nieren schallen, mit einem Ultraschallgerät, wie es in Deutschland eventuell im Rettungsdienst eingesetzt wird, ein sehr kleines Format. Brauchte man Bilder mit höherer Auflösung wurden die Kinder zum Ultraschall geschickt, da es in der ganzen Klinik nur zwei höherwertige Ultraschallgeräte gibt. Eine Organisation die, so glaube ich, in Deutschland nicht existiert. Auch dass für das Ultraschallgerät immer den ganzen Tag eine Radiologin zur Verfügung steht, die alle Untersuchungen durchführt, hat mich überrascht.

Während den Sprechstunden sah ich viele verschiedenen Erkrankungen – von einfachen Obstipationen, über Pyelonephriten, Purpura-Schoenlein-Henoch, Diabetes mellitus bis zu gravierenden Erkrankungen wie die autosomal-rezessive polyzystische Nierenerkrankung. Jederzeit hatte ich die Möglichkeit, Fragen zu stellen und bekam auch immer sehr detaillierte Antworten, die teilweise dazu übergingen, dass mir ganze Power-Point Präsentationen zum jeweiligen Thema erklärt wurden.

Letzteres trifft nicht nur auf die ambulante Sprechstunde zu. Auch während des Stationsbetriebs gaben sich alle viel Mühe, mir medizinische Zusammenhänge zu erklären. Während des Stationsbetriebs war mein persönlicher Höhepunkt jeweils der Mittwoch, an dem eine große Visite stattfand. Das hieß, alle Ärzte, Assistenzärzte und der Leiter der Kinderklinik quetschten sich in die sowieso schon eher kleinen Patientenzimmer, um sich alle Patienten der Station einmal die Woche anzuschauen. Zuvor wurde der Fall auf dem Flur im Detail durchgesprochen. Besonders stolz war ich, als ich einen Patienten mit congenitaler Chlorid-Diarrhöe betreuen und diesen dann auch während besagter Visite vorstellen durfte.

Ein normaler Arbeitstag endete für mich in der Regel damit, dass man sich noch mal die persönlichen Patienten anschaute, ihr Befinden wieder dem Computer anvertraute, bevor ich dann in der Regel gegen 15:30 Uhr mit den Worten verabschiedet wurde, dass heute wohl nichts mehr Interessantes passieren werde. Dies traf auch für die Assistenzärzte zu, die in der Regel ungefähr mit mir das Krankenhaus verließen.

Neben der allgemeinpädiatrischen Station durfte ich auch zwei Tage auf der Infektionsstation hospitieren, sowie zwei Tage in der Notaufnahme. In beiden Fällen konnte ich sehr viele Kinder palpieren und auskultieren.

Insgesamt habe ich sehr viele verschiedene interessante Krankheitsbilder kennen gelernt, sozusagen einen Streifzug durch die Kinderheilkunde gemacht, wobei ich jedoch sagen muss, dass selbstständiges und praktisches Arbeiten in der medizinischen Lehre in Estland kleiner geschrieben wird als die theoretische Ausbildung, was ich vor allem auch in der Assistenzarztweiterbildung gemerkt habe. Die Assistenzärzte im ersten und zweiten Weiterbildungsjahr waren stets, sowie auch ich, mit einem Stationsarzt unterwegs. So ist die Arbeitsbelastung eines estnischen Assistenzarztes doch etwas geringer als die seines deutschen Kollegen. Wenn der deutsche Kollege jedoch das Gehalt des estnischen Assistenzarztes bekäme, würde dieser dafür keinen Finger krumm machen.

Persönliche Tipps – und „Bitte Schuhe aus!“

Warum heißt es: „Bitte Schuhe aus?“. In Estland ist es völlig normal, dass man bei Betreten des Krankenhauses seine Jacke im Eingangsbereich an der Garderobe abgibt und die Straßenschuhe vor Betreten der Station oder spätestens vor dem Behandlungszimmer bzw. dem Patientenzimmer auszieht. So begann die Begrüßung eines Unwissenden oft mit dem Satz: ,,Bitte Schuhe aus!“. Hausschuhe waren Patienten und dem medizinischen Personal jedoch erlaubt.

,,Die Schuhe aus!“ gehört auch zum guten Ton, wenn man bei Esten eingeladen wird, und genauso wenig sollte man bei einem Besuch die Blumen vergessen.

Zusätzlich zu diesem sehr wichtigen Tipp, möchte ich hier noch ein paar praktische Aspekte nennen:

  • Impfungen, Versicherungen, Visa etc. habe ich nicht benötigt
  • Sicherheit: meiner Meinung nach wie in Deutschland
  • Flug: mit Lufthansa oder Ryanair nach Tallinn oder Riga, Kosten ca. 150.- EUR
  • Taschengeld und Verpflegungskosten ca. 300.- EUR
  • Unterkunft im Studentenwohnheim. Möbliertes Zimmer ab 40.- EUR im Monat. Am besten mit der Klinik und dem Studentenwohnheim frühzeitig absprechen, näheres unter http://www.tartucampus.eu/ oder eben versuchen, privat unterzukommen.
  • Sprache: nettes kleines Buch: „Estnisch“, Kauderwelsch-Verlag; Richtiges Lehrbuch: „E nagu Eesti“, Tea-Verlag; Wörterbuch: „Saksa“, Tea-Verlag. Die Esten freuen sich über jedes kleine Wort Estnisch, das ein Ausländer lernt und sind sehr stolz auf ihre Sprache. Man kann aber auch mit Englisch, Russisch oder Deutsch weit kommen.

Rückblick

Winter in Estland

Mein Monat auf der allgemeinpädiatrischen Station im Tartu „Ülikooli Lastehaigla“ war für mich eine sehr lehrreiche Zeit, vor allem, weil mein Vorwissen sehr gering war, was die Kinderheilkunde anging. Diese Erfahrung dort hat mir auch gezeigt, dass meine Reise weiter in Richtung Pädiatrie verlaufen wird und ich würde solch eine Famulatur jedem empfehlen, der einmal gründlich in die Kinderheilkunde hinein schnuppern möchte.

Meine Famulatur würde ich zudem jederzeit wieder in Estland antreten. Die Betreuung war hervorragend, das Personal super nett und Estland ist als Land sowieso immer eine Reise wert.

R. Knoll
Mainz, April 2013

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