Famulatur in den USA – Neurologie

31. Mai 2012

in Famulatur im Ausland, Neurologie, USA

USA, New York City, Harlem Hospital (14.02-14.03.2012)

Es war eine tolle Zeit, auch wenn ich anfangs hart für ein paar praktische Tätigkeiten auf Station kämpfen musste. Doch dann hieß es endlich: “It’s your job!” Alle diensthabenden Ärzte waren sehr geduldig, haben mir nicht nur das Vorgehen, sondern auch Gefahrenaspekte erklärt, mich sowohl aufmerksam korrigiert, als auch bei kleinsten Erfolgen ein kleines Lob ausgesprochen. So sollte klinische Lehre aussehen!

Mein Wunschziel – die USA

 

An den Piers von Manhattan

Die klinischen Famulaturen – ein immer wiederkehrendes Thema aller Medizinstudenten, wenn es auf die Semesterferien zugeht. Sinnvoll sollen sie geplant, mit Fachinteresse begangen und mit Lernerfolg abgeschlossen werden. Keine einfache Aufgabe, wenn man nicht einfach “irgendwo irgendwas” machen möchte. Nach meiner ersten Famulatur und dem Erlernen der „klinisch-praktischen Basics” drängte sich auch mir die Frage auf, wie ich meine nächste Famulatur gestalten sollte.

Fachlich war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar orientiert, ich wollte aber eben nicht einfach irgendwo famulieren, sondern auf bereits Gelerntes aufbauen und Neues kennen lernen. Im Vordergrund stand für mich vor allem: „Ich muss mal raus!“ und die Lust, einmal etwas anderes zu sehen als den typischen deutschen Klinikalltag, meinen Horizont zu erweitern und etwas von der Welt zu erleben.

Auf den Gedanken „New York, New York“ kam ich durch meine Schwester, die zu dieser Zeit, etwa ein halbes Jahr vor meinem letztendlichen Famulatur Beginn, ein Auslandssemester dort absolvierte. Ihre begeisterten Berichte über diese Stadt, den amerikanischen „Way of Life“, die Fotos, die sie mir hin und wieder schickte, weckten in mir die Lust auf den „Big Apple“ und den Wunsch, mal in einer richtigen Metropole, einer kosmopoliten Weltstadt zu leben.

Die „Bewerbung“

Bibliothek der Columbia University

Also begann ich, mir genauere Gedanken über das „wann“ und „wo“ zu machen und durchforstete allabendlich das Internet auf der Suche nach Möglichkeiten einer Famulatur in dieser Stadt, las Erfahrungsberichte und holte mir Rat und Tipps bei höheren Semestern, die bereits Auslandserfahrung gesammelt hatten.

Zu meiner anfänglichen Enttäuschung bestätigte sich dann leider aber recht schnell, was ich bei einem sehr interessanten Vortrag zum Thema „Famulatur und PJ im Ausland“ von Herrn Peter Karle, Chefredakteur von Medizinernachwuchs.de, bereits gehört hatte: über die „Med Schools“ der New Yorker Universitäten würde es schwierig werden. Ohne offizielle „affiliation“, eine Art Lehr- und Studienabkommen mit meiner Heimatuniversität, ist eine Übernahme ausländischer Studenten an vielen amerikanischen Unis, ich hatte meinen Fokus zwischenzeitlich auf einige amerikanische Großstädte erweitert, meist nicht möglich. Und ein solches Abkommen existierte leider nicht…

Auch die offiziellen Lehrkrankenhäuser der amerikanischen Medical Schools akzeptieren häufig nur „last year medical students“, sprich: die Bewerbung zum PJ-Tertial. Es empfiehlt sich also, sich auf die nicht-akademischen Krankenhäuser zu fokussieren, die nicht in das amerikanische Ausbildungssystem integriert sind, die deutschen Landesprüfungsämter dort absolvierte Famulaturen aber problemlos anerkennen.

Im Rahmen meiner Recherche stieß ich zufällig auf ein Internetvideo über ein Public Health-Projekt, im Rahmen dessen versucht wird, Kindern an New Yorker Grundschulen mit Hilfe der HipHop-Musik und ihren Texten ein Verständnis für gesunde Ernährung und aktive Lebensführung zu vermitteln. Koordiniert wurde dies über das Department for Neurology des Columbia University Medical Center New York im Rahmen präventionsorientierter Langzeitstudien, um aufklärend-edukative Ansätze zur Reduktion von Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Schlaganfall zu evaluieren. Ich fand dies sehr interessant, hatte ich doch selbst schon viel mit Kindern gearbeitet und auch eine fachärztliche Spezialisierung in einem pädiatrischen Bereich hin und wieder schon einmal überlegt gehabt. Zusätzlich war der leitende Neurologe auch Arzt an einem New Yorker Krankenhaus…

“Wer nicht wagt…”, dachte ich, und schrieb ihm eine recht motivierte E-Mail, dass mich sein Projekt begeistere, ich zugleich eine deutsche Medizinstudentin auf der Suche nach einer Famulatur in New York sei, hing meinen CV an und stellte einfach ganz direkt die Frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, beides in Form eines Aufenthaltes näher kennen zu lernen. Erstaunlicherweise ging dann alles sehr schnell. Keine zwei Stunden später erhielt ich eine sehr offen gesinnte Antwort von ihm. Einige Tage später folgte ein kurzes Telefonat, ich dem ich ein bisschen von mir, meinem Studium in Deutschland und meiner Motivation, nach New York zu gehen, berichten konnte.

Ich hatte wohl einfach viel Glück, dass sich dieser Arzt spontan so eingesetzt und mir einen so facettenreichen Einblick und ungewöhnlichen Spagat zwischen Klinik, epidemiologischer Forschung und ärztlich-medizinscher Arbeit im Public Health Care-Bereich ermöglicht hat.

Letzte Vorbereitungen

Nachmittags in Downtown

Neben der ausgefüllten „visitor registration form“ als “visiting clinical elective” und “part time research observer” verlangte das Columbia University Medical Center nur einen aktuellen Lebenslauf (CV). Ich hatte zwar noch einen „letter of recommendation“ meiner Dekanin angehängt, dies war aber wohl nicht weiter nötig. Bei einer offiziellen Bewerbung wird laut Website allerdings zusätzlich ein „transcript of records“, eine genaue Auflistung aller bisheriger Scheine und Noten, sowie eine Bewerbungsgebühr verlangt.

Die offizielle Bestätigung der Famulatur in dem von mir angegebenen Wunschzeitraum kam dann allerdings erst recht spät, circa einen Monat vor meinem geplanten Beginn. Ich würde daher dringend dazu raten, bei Buchung der Flüge eine Open-Ticket-Option zu wählen, die eine relativ kostengünstige Storno- und Umbuchungsmöglichkeit der Tickets gewährleistet. Die Flugpreise für die Strecke Berlin – New York und zurück liegen derzeit bei circa 480-500€.

Ich hatte mich zudem um eine Auslandsreisekrankenversicherung gekümmert.

Sehr hilfreich ist überdies das Buch “Medical English”, erschienen im Thieme Verlag. Auch wenn medizinische Fachtermini im Englischen den deutschen häufig ähnlich sind, die Amerikaner sind Abkürzungsfanatiker. So wurde dieses Buch für mich unerlässlich im Stationsalltag!

Des Weiteren musste ich ein „pre-employment drug screening“ sowie eine körperliche Eingangsuntersuchung durch den Betriebsärztlichen Dienst vor Ort „bestehen“. Das “drug screening” kostete 30$ und beinhaltete eine Blutuntersuchung inklusive aktuellem Impftiter-Status – insbesondere Tetanus, Diphterie, HBV/HCV sowie Tuberkulose. Es ist allerdings, so habe ich im Nachhinein erfahren, durchaus möglich, die geforderten Werte bereits über einen deutschen Arzt abnehmen zu lassen und bei Arbeitsantritt mitzubringen. Das spart Zeit und Geld – wie so oft ist man hinterher immer schlauer. Eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs als auch ein Urin-Test wurden ebenfalls durchgeführt. Die körperliche Untersuchung ist bei mir entfallen, wieso habe ich leider nicht erfahren, aber den Stempel gab es aber trotzdem…

Wohnen in New York City

Blick vom Central Park auf Midtown Manhattan

Ein Dach über dem Kopf habe ich glücklicherweise bei meiner Schwester gefunden. Sie hatte ein kleines Zimmer in einer 2-Zimmer Wohnung in Bushwick, Brooklyn gemietet. Brooklyn liegt durch den East River getrennt von Manhattan und fasst als größter New Yorker Verwaltungsbezirk knapp drei Millionen Einwohner unterschiedlichster Ethnien und Einkommensniveaus. Hier finden sich sowohl bitterarme Wohnblocksiedlungen als auch stark gentrifizierte Viertel luxuriöser Loft-Wohnungen mit Blick auf den Fluss und die Skyline Manhattans.

Generell sollte man an New Yorker Wohnungen bei einem studentischen Budgetrahmen allerdings keine allzu hohen Erwartungen stellen, wenn man auch noch ein bisschen Geld zum Leben in der Tasche behalten möchte. Der Mietpreis liegt ungefähr dreimal höher als in Deutschland, der Standard ist häufig eher mittelmäßig. Das Medical Center bietet zwar die Möglichkeit, in relativ teuren Studentenwohnhäusern in Campusnähe unterzukommen (800-1.000$ pro Monat), allerdings wohnen dort meist nur die „first year students“ und ich fand es netter, nach der Arbeit den Uni-/Krankenhaustrott hinter mir zu lassen und neue Bekanntschaften zu machen.

Über craigslist, AirBnB und andere Wohnungsportale lässt sich relativ unkompliziert und auch recht kurzfristig noch eine „shared flat for sublet“, also ein Zimmer zur Untermiete, finden. Dabei am besten den Bereich um Midtown Manhattan meiden und sich an den “kostengünstigeren” Vierteln orientieren: Brooklyn und seine günstigeren Unterbezirke, Queens, das Univiertel Morningside Heights und umliegende “Uptown”-Stadtteile. Auch Harlem ist mittlerweile eine recht sichere Gegend. Es macht Sinn, sich an der Subway-Map zu orientieren. Dabei lässt sich über den “trip-planner” der Verkehrsbetriebe (www.mta.info ) die jeweilige Fahrzeit herausfinden, denn aus dem südlichen Brooklyn braucht es dann doch circa zwei Stunden, um nach Uptown Manhattan zu fahren. Morgens um 6:00 Uhr…

Das U-Bahn-System übrigens ist gewaltig. Vor dem Hintergrund, dass man täglich mindestens eine Stunde in diesen Katakomben verbringt, tut man gut daran, sich am Einreiseflughafen bereits eine „unlimited ride-Metro Card“ zu kaufen. Diese gilt unbegrenzt für 30 Tage und kostet 104$, die bequem per Kreditkarte am Automaten bezahlbar ist. Ansonsten kostet eine Fahrt 2,25$, die Anschaffung einer unbegrenzten Fahrkarte rentiert sich allemal. Bei längeren Fahrten durch New York sollte man sich am besten an den “express trains” orientieren; diese halten nur alle 3-4 Stationen und sind somit deutlich schneller unterwegs als die “locals”.

Das Krankenhaus, die Arbeit auf Station und persönliche Eindrücke

Das Hauptgebäude des Harlem Hospital
Das Hauptgebäude des Harlem Hospital

Das Harlem Hospital ist kein akademisches Lehrkrankenhaus, jedoch mit 272 Betten das größte Hospital in Central Harlem. Es wird hauptsächlich von der in Harlem und der angrenzenden “Bronx” lebenden schwarzen und hispanischen Bevölkerung frequentiert und hat sich seit 1927 besonders der Ausbildung und Förderung afroamerikanischen Personals verdient gemacht. Martin Luther King wurde hier 1958 nach einem Attentat bei einer seiner Reden chirurgisch versorgt. Nach ihm wurde im Jahre 1960 das aktuelle Hauptgebäude, der Martin Luther King Jr. Pavillion, benannt.

“Good morning, lovely german girl!” Vier Wochen lang begrüßte mich Roseanne, die liebenswerte Reinigungs-Lady des Foyers, jeden Morgen so herzlich, dass mir der frühe Arbeitsbeginn um 7:00 Uhr auf der Neurologie des Harlem Hospital Center ein Stück weit leichter fiel.

Mein Dienst begann also, wie gesagt, morgens um 7:00 Uhr und endete offiziell gegen 16:00 Uhr. Ich wurde jedoch meist früher nach Hause geschickt, da nachmittags meist weniger zu tun war. Spät- und Nachtdienste standen nicht auf meinem Plan, jedoch ist dies laut der Ärzte normalerweise durchaus Usus für Medizinstudenten in den Lehrkrankenhäusern.

Am ersten Tag wurde ein kleines Teammeeting einberufen, im Rahmen dessen sich sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal mir kurz vorgestellt haben. Im Anschluss daran wurde mir eine Art Rotationsplan vorgelegt, der vorsah, dass ich jeden Tag von einem anderen Arzt, „supervisor“ genannt, betreut werden sollte. Mir wurden die Operationssäle gezeigt, eine Schwester erklärte mir die Organisation der neurologischen Station und führte mich anschließend durch das gesamte Krankenhaus.

Sehr angenehm fand ich, dass ich nicht nur meinen eigenen Schrank zugewiesen bekam. Man erhielt zudem jeden Morgen frische Arbeitskleidung sowie zwei Flaschen Sprudelwasser.
Einen Kittel habe ich nur hin und wieder bei der Chefarztvisite getragen, üblich waren auf meiner Station die blauen oder grünen “Scrubs”. Bei den Internisten allerdings wird dort Hemd, Krawatte oder Kostüm getragen. Reflexhammer, eine Leuchte als auch ein Stethoskop sollte man ebenfalls mitbringen.

Morgens nach der ersten Kurzvisite mit den Schwestern aus dem Nachtdienst wurde zunächst eine kurze Fallkonferenz mit zwei Radiologen abgehalten, in der im Team die Patienten und deren am Vortag gelaufene Bildgebung und sonstige Diagnostik besprochen wurden. Dabei herrschte eine recht lockere Atmosphäre: es gab Kaffee, manch einer frühstückte seinen “Bagel”, man scherzte und unterhielt sich nebenher über Privates und tagesaktuelle Dinge. “Teambuilding” pur und sehr amerikanisch!

Im Anschluss an die „case conference“ ging es für die insgesamt acht Ärzte zurück auf Station in die ausführliche Patientenvisite – die “morning round”. Einer der Stationsärzte hatte stets die Aufgabe, eventuelle Notfälle zu koordinieren und war Ansprechpartner bei neurologischen Eingängen im “Emergency Room”.

Ich hatte also einen guten Überblick, war mit ID, Pieper und Computerzugang ausgestattet und fühlte mich sehr motiviert, am nächsten Tag dann endlich “loszulegen” – um dann zu feststellen zu müssen, dass praktische Tätigkeiten für mich prinzipiell eher nicht vorgesehen waren. Enttäuschung pur! Vier Tage vergingen, ohne dass ich ein einziges Mal mein Stethoskop oder meine Leuchte benutzt hatte, nicht mal eine Blutentnahme durfte ich durchführen.

Dies lag auf der einen Seite daran, dass die Patienten unserer Station meist schon von ihren Hausärzten (“primary care physicians”) eine gesicherte Diagnose mitbrachten und dann zur optimalen Einstellung der Medikation kurzzeitig stationär aufgenommen wurden. Andererseits ist ein eher passiver Einsatz amerikanischer Medizinstudenten auf Station scheinbar gängig, wie ich später erfahren sollte. Es handele sich bei den “elective rotations”, dem Famulatur-Äquivalent des amerikanischen Lehrsystems, anders als in Deutschland, doch tendenziell eher um ein „observership“, wie mir einer der Assistenzärzte erzählte, als wir uns über die unterschiedlichen Studien- und Ausbildungssysteme unserer Länder unterhielten.

Auf meiner Station wurden neben neurosonologischer und neurophysiologischer Diagnostik auch neuropsychologische Sprechstunden abgehalten, denen ich allerdings aus Patientenschutzgründen nicht beisitzen durfte. Bei EMG, EEG und der Dopplerdiagnostik durfte ich allerdings zuschauen – aber eben (zunächst) auch nur zuschauen…

Etwas frustriert, aber willentlich, die aufkommende Langeweile zu bekämpfen, begann ich also, tagtäglich immer wieder nachzufragen und musste wirklich sehr hartnäckig bleiben, um der „blood sampling nurse“, sie macht einzig und allein Blutabnahmen und legt Braunülen, ein, zwei Handgriffe abnehmen zu dürfen. Bei der neurologischen Statuserhebung oder körperlichen Eingangsuntersuchungen neuer Patienten durch den für mich an diesem Tag verantwortlichen Arzt habe ich ganz einfach gefragt „May I?“ und mir so allmählich meine Tätigkeiten zusammengesucht.

Anfangs hat man mich für mein forsches Auftreten ein wenig belächelt und jede meiner Handgriffe recht penibel überprüft, aber ich kann nur dazu raten, sich davon bestenfalls einfach nicht beirren zu lassen, immer wieder zu fragen, lernmotiviert aufzutreten und sich theoretisch etwas vorzubereiten, um bei Nachfrage sicher erklären zu können, was man da tut.
Und tatsächlich: nach zwei Wochen unter penibler Kontrolle, kam eines Morgens mein “supervisor” auf mich zu, drückte mir ein paar Anamnesebögen in die Hand und sagte, dass heute einige Patienten aufgenommen werden sollten… – “It’s your job!”

In Absprache mit ihm durfte ich dann auch eigenverantwortlich mein diagnostisches Vorgehen planen und zusammen mit ihm selbstständig durchführen. Nach ein paar Tagen und einigen Anamnesen und Eingangsuntersuchungen wurde ich zudem langsam an komplexere Tätigkeiten wie Hautnähte im OP, Liquorpunktionen, Dopplersonografien, Anlage und Messung von EEG und EMG und sogar eine Plexusanästhesie im OP unter Anleitung und Aufsicht herangeführt. Dabei waren alle diensthabenden Ärzte sehr geduldig, haben mir nicht nur das Vorgehen, sondern auch Gefahrenaspekte erklärt, mich sowohl aufmerksam korrigiert, als auch bei kleinsten Erfolgen ein kleines Lob ausgesprochen. So sollte klinische Lehre aussehen! Mein Fazit an dieser Stelle: “Der stete Tropfen…”.

Die mit Abstand lehrreichsten Momente meiner Famulatur hatte ich jedoch im angegliederten neurochirurgischen OP. Hier gab es zwar selten etwas zu tun für mich, aber ich habe mich an die Mikroskope oder Bildschirme gesetzt, hin und wieder einen Taschenatlas zur Hand genommen und dem Operateur über die Schulter geschaut. Dieser war glücklicherweise von der recht redefreudigen Sorte und hat mir, neben seiner gesamten Lebensgeschichte, jeden kleinsten Schritt ausführlich erklärt, mich hin und wieder mit einem „Can you identify this structure here?“ zum Schwitzen gebracht, wenn er auf ein entweder rötlich oder gelbliches Etwas irgendwo im Gehirn oder an Muskeln und Nerven zeigte, aber durch seine gesprächige Art hat er die Antwort sowieso meist direkt selbst gegeben und es so geschafft, sechsstündige OPs im Fluge vorbeigehen zu lassen.

Wie auch in deutschen Krankenhäusern üblich, gab es keine offizielle Mittagspause. Man isst entweder sein mitgebrachtes Sandwich im Aufenthaltsraum oder geht zu einem der unzähligen Deli’s, eine Art Tante Emma-Laden inklusive take away-food, an der nächsten Straßenecke.
Da ich ja parallel in den Public Health Projekten mitgearbeitet habe und wir an einigen Tagen vormittags zu Vorträgen und Workshops in die Primary Schools New Yorks gefahren sind, kam ich hin und wieder erst spät auf Station. Da nachmittags auf Station recht wenig zu tun war, habe ich mich dann entweder dem ärztlichen Schreibkram, sogenannte “patient progression notes”, gewidmet oder gefragt, ob ich zu einem der vielen Vorträge oder einem Seminar der „3rd und 4th year students“ am College of Physicians and Surgeons gehen könne. Dies war jedes Mal “Absolutely no problem!” und eine wirklich bereichernde Erfahrung, da dort hochkarätige Wissenschaftler mit Medizinstudenten aus aller Welt interessante Diskussionen führen und sich, so schien es mir, die doch recht hierarchischen Strukturen im Arztberuf, die ich sowohl in Deutschland als auch in den USA erlebt habe, in der Lehre dort völlig auflösen und eine angenehme und sehr anschauliche Studienatmosphäre geschaffen wird.

Besuch in der Notaufnahme

Emergency Cars

Aus medizinischer Sicht spannend war ein Besuch in der Notaufnahme, besonders die vielen Polytrauma-Patienten nach Verkehrsunfällen sowie die, für NY wohl nicht untypisch, relativ vielen Gewaltverletzten mit Schuss- oder Messerstichwunden. Leider musste ich auch erfahren, dass das amerikanische Gesundheitssystem an dieser Stelle anders als das deutsche funktioniert.

Die einzige dort arbeitende “seeing nurse” schien mit ihrer Aufgabe, die Wartenden nach Ihrer Behandlungsbedürftigkeit einzuschätzen, hoffnungslos überfordert. Wie ich lernen musste, spielt dabei neben der “Klinik”, also dem Symptombild, auch der Versicherungsstatus eine entscheidende Rolle. Sofern diese Patienten nicht mit dem Rettungswagen eingeliefert wurden, wurden “nicht ausreichend versicherte” oder nicht akut behandlungsbedürftige Patienten teils nur notdürftig versorgt und mussten, auch mit starken Schmerzen, meist stundenlang in dem überfüllten Warteraum ausharren. Schockierend und zugleich exemplarisch für die Situation dort war ein recht lapidar daher gesagter Satz eben dieser Nurse am Morgen nach den “Mardi-Gras-Feiern”: „As long as they’re still crying, they’re still alive.“ (“So lange sie noch weinen, sind sie noch am Leben”).

Auffällig waren für mich ansonsten die allgemeinen, ständigen Sicherheitsvorkehrungen. Ohne Ausweis der eigenen Institution oder vorübergehendem „visitor pass“ wird einem dort kein Eintritt in offizielle Gebäude gewährt. Die Sicherheitsbeamten am Eingang notieren sowohl Name und Datum als auch den Grund des Besuchs und legen eine recht willkürliche, maximale Aufenthaltsdauer in dem Gebäude fest. Ich hatte mit meiner Columbia-ID keine Probleme, allerdings gilt ansonsten: die ID-Card oder den Reisepass bestenfalls immer mitführen, die europäischen Führerscheine werden meist etwas skeptisch beäugt…

New York City & Umland

Brooklyn Bridge by night

New York City ist ein großer, pulsierender, niemals schlafender Schmelztiegel mit einer rasanten Dynamik. Diese Stadt bietet ein schier nicht enden wollendes Angebot an Kunst, Kultur, Kulinarik als auch an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und übertrifft sich stets immer wieder selbst – frei nach dem Motto „Go big or go home!“ – und alles in freundlichster amerikanischer Servicequalität.

Dabei klafft aber, so mein Eindruck, eine große Lücke zwischen denen, die sich diesen Lifestyle leisten können und jenen, die tagtäglich für Ihren „American Dream“ kämpfen müssen. Und trotz ihres harten Jobs packt die Kassiererin im Supermarkt ganz selbstverständlich auch den Einkauf in die Tasche und der Busfahrer begrüßt jeden Fahrgast einzeln, geleitet die ältere Lady hinaus und entlässt sie mit einem „Watch your step, mam!“ in den Großstadtlärm.

Das typisch amerikanische „the bigger, the better“ spiegelt sich nicht nur in der Architektur der Metropole, sondern auch im alltäglichen Leben dort wieder. So sind viele Grundlebensmittel doch recht teuer und die Preisrelationen zueinander anfangs etwas verwirrend. So kostet beispielsweise ein Apfel 1,50$, so viel wie 2l Cola oder ein Pfund Rindersteaks, 5 Äpfel kosten jedoch nur 20 Cent mehr… Ein Becher Joghurt schlägt jedoch mit unverhältnismäßig hohen 7$ zu Buche, kauft man vier Becher zum Preis von 10$ bekommt man den fünften geschenkt – und eine kleine Packung “Cereals” oben drauf.

Es empfiehlt sich also, für den Einkauf im Supermarkt anfangs ein bisschen mehr Zeit einzuplanen, die vielen “Sonderangebote” ein bisschen genauer zu studieren und seine Einkäufe ein bisschen vorauszuplanen.

Wenn man auswärts essen geht, sollte man nicht nur die überdimensionalen Portionsgrößen im Hinterkopf behalten, sondern auch beachten, dass das Trinkgeld für die Bedienung in den Staaten häufig deren Arbeitslohn darstellt und somit nicht nur ein kleines “Dankeschön” bedeutet. Sprich, man addiert im Restaurant grundsätzlich circa 20 Prozent “Tip” auf den Rechungspreis. Geht man nur etwas trinken, ist es üblich, das Trinkgeld in bar auf die Theke zu legen.

Shopping lohnt sich im Prinzip nur für amerikanische Sneakermarken und Multimediaprodukte, wobei man die Einfuhrgrenze von circa 400€ des Deutschen Zolls beachten sollte.

Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten und Museen, nachzulesen in jedem gut sortierten Reiseführer, sind insbesondere die einzelnen New Yorker Viertel “abseits” der Touristen-Hotspots sehr sehenswert und alle auf ihre Weise einzigartig. Man muss einfach nur einmal zwei, drei Blocks um die Ecke laufen, um in die Vielfältigkeit einzutauchen, die New York zu einem kulturellen Schmelztiegel macht.

Zwischen dem Geruch kross-gebratener Ente, Kids wie aus den Manga-Comics und lauter schrillem Kram im Schaufenster fühlt man sich in Chinatown wirklich nicht wie in Amerika. In Harlem spielt sich das Leben der schwarzen Bevölkerung hauptsächlich lautstark auf der Straße ab, in “El Barrio” nördlich der Upper-East Side findet man die wohl besten “Tacos” der Stadt und in Brooklyn sind Künstler und Flohmarktverliebte am richtigen Platz.

Empfehlenswert ist weiterhin eine Fahrt mit dem G-Train nach Coney Island. Sie führt zu einem langen Sandstrand und einem verlassenen, wenn auch sehr sehenswerten Vergnügungsstrip mit heruntergekommenen Schießbuden, Riesenrad und Zuckerwatteständen entlang der Strandpromenade. Eine etwas unheimliche Atmosphäre, die noch eine leise Ahnung von dem bunten Treiben dort im New York der achtziger Jahre erahnen lässt.

Veranstaltungshinweise, Bar- und Restaurantempfehlungen und Shoppingtipps zu New York City finden sich unter http://www.timeoutnewyork.com.

Und falls dann noch Zeit bleibt, sollte man auf alle Fälle mal eine Tour in die unberührte Natur “upstate” New Yorks oder Vermonts mit ihren riesigen Seen, Wäldern, und Tierschutzreservaten unternehmen. Dort tickt die Uhr noch ein bisschen langsamer und ein Wochenendtrip bietet einen herrlichen Kontrast zu der Hektik des New Yorker Straßenlebens. Nicht ohne Grund sind dies beliebte Wander- und Skigebiete vieler New Yorker. Man kann dort richtig gut entspannen, die Seele baumeln lassen und Energie tanken.

Fazit

Famulatur in New York City – Amazing!

Mein Fazit? Amazing! Auch wenn ich anfangs hart für ein paar praktische Tätigkeiten auf Station kämpfen musste, kann ich zusammenfassend nur sagen: es war eine tolle Zeit! Ich habe so viele fachliche und persönliche Erfahrungen sammeln können, inspirierende Projekte und Persönlichkeiten gelernt, neue Freunde gefunden, Kontraste erlebt und bin mit einer noch größeren Lust auf weitere Auslandserfahrungen zurückgekehrt.

New York fordert viel Eigeninitiative, Mut und Energie – aber es belohnt mit einer Fülle von inspirierenden Momenten, herzlichen Bewohnern und einer mitreißenden Dynamik. Eine tolle und absolut sehenswerte Stadt!

M., H.
Berlin, Mai 2012
Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2011-2012

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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