Famulatur in Irland – Orthopädie

5. April 2019

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Irland, Land, Orthopädie

Irland, Dublin, St. Vincent’s University Hospital (20.08.-18.09.2018)

Erster Tag, 6:00 Uhr morgens. Ich stehe mit Hemd und Krawatte gekleidet im Arztzimmer der orthopädischen Station des St. Vincent’s University Hospitals in Dublin. Los geht die Visite mit ca. 15 Ärzten und dann auch noch mit irischem Akzent. Altersdurchschnitt der Patienten gefühlte 90 Jahre, Oberschenkelhalsbrüche und Hüft-TEPs, wo man nur hinsieht, dazwischen vereinzelt einige junge Patienten mit Sportverletzungen. Ärzte, die locker 10-12 Stunden am Tag arbeiten. Was sich im ersten Moment vielleicht ein wenig anstrengend anhört, stellte sich dann aber doch als relativ entspannte Famulatur heraus. Der Ruf der guten Lehre des Krankenhauses bestätigte sich auch für mich, dafür gibt es in der praktischen Ausbildung deutliche Unterschiede gegenüber deutschen Kliniken.

Motivation, Bewerbungsverlauf und Unterkunft

Dublin entlang der Liffey
Dublin entlang der Liffey

Da ich meine Englischkenntnisse im medizinischen Bereich aufbessern wollte, suchte ich nach einer Famulatur im englischsprachigen Raum. Nachdem ich einen sehr positiven Erfahrungsbericht auf Medizinernachwuchs.de über das St. Vincent‘s University Hospital in Dublin gelesen hatte, entschloss ich mich für eine Bewerbung dort. Zudem wollte ich den Aufenthalt in Irland nutzen, um die dortige Kultur und Landschaft kennenzulernen, wofür auch ausreichend Zeit war.

Die Bewerbung lief ziemlich unkompliziert ab. Ich bewarb mich ca. drei Monate im Voraus per Mail bei einem „Consultant“ der Orthopädie, der mir daraufhin auch gleich zusagte. Eigentlich werden ausländische Medizinstudenten nur im Zeitraum vom 25. Juli bis 24. August angenommen, zumindest in der Orthopädie, für z.B. die Notaufnahme trifft das wohl nicht zu, da dann die irischen Studenten in die Orthopädie rotieren. Da mir der „Consultant“ schon zugesagt hatte, war meine Famulatur dennoch möglich. Alles Weitere klärte ich dann mit einer Sekretärin ab, von der ich von den notwendigen erforderlichen Unterlagen erfuhr.

Diese umfassten unter anderem Impfungen gegen Hepatitis B, MMR(V) sowie ein Screening auf Tuberkulose und Hepatitis C. Da dies alles schon einmal beim Betriebsarzt getestet worden war, stellte dies kein Problem dar. Auch war ein Nachweis einer Berufshaftpflichtversicherung notwendig und ein „letter of recommendation“ vom Dekan der Medizinischen Fakultät der Heimatuniversität, was sich leicht organisieren ließ.

Leider stellt das St. Vincent’s University Hospital in Dublin keine Unterkunft zur Verfügung. Über Seiten wie www.homestay.com/ , www.daft.ie oder „Airbnb“ kann man Unterkünfte finden. Auch gibt es bei Facebook Erasmus-Gruppen, wo immer wieder Wohnungsangebote inseriert waren. Ich hatte Glück und bekam ein Zimmer über Kommilitonen vermittelt, die Beziehungen nach Dublin hatten. Leider ist Dublin eine teure Stadt zum Wohnen, weshalb die Miete auch vierstellig werden kann. Das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de half mir dabei, die Kosten zu bewältigen.

Lehre, Ausbildung und Visiten

Das St. Vincent`s University Hospital in Dublin
Das St. Vincent`s University Hospital in Dublin

Der Ruf der guten Lehre am St. Vincent’s University Hospital in Dublin bestätigte sich auch für mich. Fast jeden Tag gab es ein ca. einstündiges Teaching. Am Montagmorgen stand ein Tumor-Teaching an, bei dem ein Röntgenbild gezeigt wurde und der komplette Fall inklusive Untersuchung, Bildgebung, Tumor Art, Behandlung und Verlauf durchgesprochen wurde, was sehr interessant war. Dienstags fand ein Journal Club statt, bei dem in kleiner Runde aktuell publizierte Paper kurz präsentiert wurden. Mittwochs lief ein Teaching eines Professors jeweils über ein spezielles Thema wie Achillessehnenentzündung oder den rheumatischen Fuß.

Am Donnerstag wurde zusammen mit Radiologen und anderen Fachrichtungen eine Trauma Konferenz abgehalten, bei der das weitere Vorgehen bei schwierigen Fällen besprochen wurde. Da ich während des laufenden Semesters in Dublin war, gab es auch die Möglichkeit, die dortigen Vorlesungen zu besuchen. Diese sind sehr interaktiv gestaltet, weshalb es sich lohnt, sie zu besuchen. Man sollte aber aufpassen, denn es kann schnell passieren, dass man aufgerufen und befragt wird.

Während der Studienzeit wird den irischen Medizinstudenten vor allem der theoretische Stoff nahegebracht. So waren einige Studenten doch sehr erfreut darüber, dass sie bei einer OP zuschauen können und sich sogar mit an den Tisch stellen dürfen. In den Vorlesungen werden die Studenten dafür mehr mit einbezogen und es wird auch großen Wert auf verschiedene Differentialdiagnosen gelegt.

Nach dem Studium sind die Ärzte für ein Jahr „Interns“, die rein für die Stationsarbeit zuständig sind. Danach wird man normalerweise für zwei Jahre „SHO“ (Senior House Officer). Diese dürfen dann schon die ersten Patienten in der Ambulanz betreuen oder dienen im OP als Hakenhalter/Assistenten.  Als „Registrar“ führt man die ersten kleineren Eingriffe durch, bevor man als „Specialist Registrar“ die Verantwortung für Operationen trägt. Daraufhin folgt der „Consultant“, der eine eigene Ambulanzsprechstunde leitet und einmal pro Woche die Verantwortung für alle Operationen an diesem Tag trägt. Die praktische Ausbildung in Irland erfolgt also relativ spät, was vielleicht auch ein Grund dafür war, weshalb ich leider im OP bzw. der Ambulanz nicht viel machen durfte.

Die Visiten fangen zu ziemlich patientenunfreundlichen Zeiten zwischen 6:30-7:00 Uhr morgens an. Hierbei läuft man mit der Pflege und allen Ärzten durch die Station, sieht sich die Patienten kurz an und wechselt, wenn überhaupt, ein bis zwei Worte mit ihnen. Es war immer ziemlich voll in den Patientenzimmern, wodurch man kaum etwas verstanden hat. Deshalb war ich auch eher selten bei der morgendlichen Visite dabei. Am späten Nachmittag gab es noch eine kurze Besprechung der Geschehnisse und Ergebnisse der am Morgen geplanten Untersuchungen.

Normaler Tagesablauf am St. Vincent’s University Hospital

Das St. Vincent`s University Hospital in Dublin
Das St. Vincent`s University Hospital in Dublin

Meistens begann der Tag mit einem der interessanten Teachings. Danach hatte ich die Möglichkeit, entweder in den OP oder in die Ambulanz zu gehen. Vormittags liefen zwei Operationssäle, weshalb man hin und her springen konnte, um sich die Operationen anzuschauen. Nachmittags stand nur noch ein Operationssaal zur Verfügung, weshalb die Ärzte sich in einem Saal zusammenfanden und man als Famulant nur noch zuschauen konnte.

Je nach „Consultant“ durfte man sich auch einwaschen und bei der Operation assistieren, wobei sich dies auf Haken halten und absaugen beschränkte. Leider durfte ich kein einziges Mal nähen und nur einmal eine Schraube setzen. Nach der ersten Woche im OP wusste ich, bei welchen „Consultants“ ich mit an den Operationstisch durfte und teilte mir die Tage dementsprechend ein.

Die restlichen Tage verbrachte ich daher in der Ambulanz. Hier werden Patienten von „SHOs“ und „Registrars“ untersucht, Bilder befundet und mit dem zuständigen „Consultant“ das weitere Procedere abgesprochen. Hin und wieder durfte ich allein Patienten untersuchen und diese anschließend vorstellen. Meistens lief ich mit einem der Ärzte mit, welche mir die Untersuchungen und die verschiedenen Röntgen-, CT- und MRT-Bilder erklärten. Einige Male assistierte ich bei der Gips- bzw. Schienenanlage. Da die Ambulanz nachmittags teilweise geschlossen und man im OP eher überflüssig war, war es auch kein Problem, schon mal früher nach Hause zu gehen und die Zeit für die Erkundung der Stadt zu nutzen.

Stadt, Land und Leute

Cliffs of Moher - beeindruckende Steilklippen an der Westküste Irlands
Cliffs of Moher – beeindruckende Steilklippen an der Westküste Irlands

Dublin und Irland bieten viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Bei einer Walking Tour durch die Stadt kann man die Sehenswürdigkeiten kennenlernen und entdeckt zahlreiche Pubs. Die Umgebung von Dublin bietet auch Möglichkeiten für kleine Wanderungen entlang der Küste, z.B. in „Howth“ oder „Bray“. In Dublin selbst lohnt sich ein Besuch des „Trinity Colleges“ mit der berühmten Bibliothek, das Whiskey Museum mit Verkostung oder eine Guinness Brauereitour, der große Phoenix Park mit Hirschen oder eine Shoppingtour durch die Altstadt vorbei am Dublin Castle.

In Dublin selbst kann man vergünstigt mit der „Student Leap Card“ Bus und eine Art S-Bahn fahren. Ich hatte mir für die Zeit ein gebrauchtes Fahrrad gekauft, das ich am Ende meiner Famulatur problemlos wieder verkaufen konnte. Mit Bustouren lässt sich die gesamte „Grüne Insel“ erkunden, z.B. nach Galway oder zu den „Cliffs of Moher“, Drehort von „Harry Potter und der Halbblutprinz“, die ich bei schönstem Wetter besichtigen konnte. Auch lohnt sich ein Ausflug nach Belfast, zur „Carrick-a-Rede Rope Bridge“ und zum „Giant`s Causeway“, eine sehr beeindruckende hexagonale Felsformation im Norden Irlands, die oft mit den anderen Sehenswürdigkeiten, z.B. Schauplätze aus „Game of Thrones“, auf einer Bustour besichtigt werden kann. Generell ist die Landschaft in Irland sehr beeindruckend und vielfältig.

Die Studenten in Irland sind sehr freundlich und helfen einem sofort, wenn man sich nicht zurechtgefunden hat. Auch famulierten zu der Zeit eine andere Stipendiatin der Auslandsstipendien von Medizinernachwuchs.de und weitere deutsche als auch italienische Medizinstudenten in der Notaufnahme am St. Vincent’s University Hospital, mit denen ich mich des Öfteren außerhalb der Klinik traf, um Dublin bzw. Irland zu erkunden. Auch die Ärzte fragten einen nach den Plänen fürs Wochenende und gaben Tipps für Ausflüge oder Restaurants. Allgemein sind die Leute in Irland sehr aufgeschlossen und hilfsbereit.

Fazit

FazitTemple Bar - die wohl berühmteste Bar in Dublin
The Temple Bar – die wohl berühmteste Bar in Dublin

Wer Dublin und Irland erkunden möchte und nebenbei eine entspannte Famulatur an einem Krankenhaus mit guter Lehre machen will, ist am St. Vincent`s University Hospital richtig. Wer jedoch viel praktisch arbeiten und z.B. das Nähen oder Versorgen von Wunden üben will, dem kann ich das Krankenhaus leider nicht empfehlen. Insgesamt war es auf jeden Fall eine Erfahrung, den Klinikalltag in einer anderen Sprache in einem anderen Land mitzuerleben, was ich jedem nur empfehlen kann!

G., J.

Regensburg, Dezember 2018

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2018

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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