PJ in Großbritannien – Chirurgie

28. September 2018

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Großbritannien, Land, Praktisches Jahr im Ausland

Großbritannien, Bristol, Southmead Hospital (15.05.-09.07.2017)

Liebe Leserin, lieber Leser, es freut mich, dass Du Dich für ein PJ-Tertial in Großbritannien interessierst und so auf diesen Bericht gestoßen bist. Ich hatte das große Glück jeweils wundervolle acht Wochen in Bristol am Southmead Hospital und in Cardiff am University Hospital of Wales zu verbringen. Dabei konnte ich sehr viele neue Eindrücke sammeln und das eine oder andere kleine Abendteuer erleben, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Krankenhauses. In diesem Bericht möchte ich einige davon mit Dir teilen und Dir so einen Einblick geben, was Dich im Ausland so erwarten könnte. Hoffentlich weckt dies in Dir ebenfalls ein wenig Fernweh.

Außerdem habe ich hier einige allgemeine Überlegungen zum PJ im Ausland einfließen lassen. Diese machen diesen Artikel hoffentlich auch für Studenten lesenswert, die sich nicht nur spezifisch für Großbritannien interessieren.

PJ im Ausland und die vielen Fragen im Vorfeld!

PJ im Ausland: Die Frage nach dem „Wo?“ oder „Warum Großbritannien?“ – in Afrika darf man doch viel mehr machen… Sicherlich ist es in Großbritannien unwahrscheinlich, dass man Schuss- oder Stichwunden behandeln wird und somit viel „Trauma-durch-scharfe-Gewalt“-Erfahrung sammelt. Auch wird man dort eher keine Krankheiten in weit fortgeschrittenen Stadien sehen, welche unter angemessener ärztlicher Behandlung normal nicht erreicht werden. Wenn man also hierauf aus ist und zudem eine vollkommen andere Kultur kennenlernen will, ist man in Großbritannien wohl falsch.

Aber das ist auch der entscheidende Punkt. Es ist essenziell sich vor einem Auslandstertial zu überlegen, was man sich eigentlich davon erwartet. Hier kommen auch diese Auslandsberichte ins Spiel. Mit deren Hilfe kann man besser einschätzen, was man von verschiedenen Ländern/Krankenhäusern erwarten darf. Allerdings wird natürlich kein Auslandsaufenthalt wie der andere sein, schließlich ändern sich die politischen Bedingungen (Was kommt nach Brexit?), Ausbildungsprogramme und betreuenden Ärzte.

Der erste Schritt zum erfolgreichen Auslandstertial ist also gute Recherche zu landestypischen Besonderheiten und die Frage an sich selbst, was genau man im PJ erleben möchte und welche Art des Unterrichts/Lernens einem besser liegt. Braucht man mehr Abenteuer und Hands-On unter teilweise schwierigen Bedingungen oder will man wie in Großbritannien mehr Seminare, viel Zeit für Erklärungen von Spezialisten auf ihrem Gebiet und nimmt es dafür in Kauf, öfters nur Zuschauer zu sein.

Mir liegt diese Art des vielleicht etwas abstrakteren aber dafür druckfreien Lernens deutlich besser, weshalb ich explizit nach Möglichkeiten für ein PJ in Großbritannien gesucht hatte. Auch wollte ich gerne „the british way of life“ und Land und Leute besser kennenlernen. Klar ist England nicht so unterschiedlich zu Deutschland wie Angola oder andere Länder. Aber gerade darin liegt für mich auch der Reiz eines längeren Aufenthalts. Man hat Zeit, die kleinen Unterschiede zu entdecken, die man bei einem kurzen Urlaubsaufenthalt nicht unbedingt bemerkt hätte.

Warum Bristol? Warum das Southmead Hospital?

Castle Bridge und das schöne Stadtviertel rund um den Castle Park in Bristol
Castle Bridge und das schöne Stadtviertel rund um den Castle Park in Bristol

Es gab einige Gründe, warum ich gern nach Bristol wollte. Es ist eine große Studentenstadt mit entspanntem Flair, vielen schönen Pubs und Bars, Parks und Sehenswürdigkeiten. Nach Dienstende wird einem also auf keinen Fall langweilig. Das Southmead Hospital hatte ich dagegen vor allem aus ausbildungstechnischen Gründen gewählt. Es ist ein großes Trauma- und Transplantationszentrum und daher bietet es viele Möglichkeiten, auch seltenere Eingriffe sehen zu können.

Und warum die zweite Tertial Hälfte im University Hospital of Wales in Cardiff? Cardiff ist wie Bristol ebenfalls eine Studentenstadt mit den damit verbundenen Annehmlichkeiten. Außerdem fand ich es sehr spannend, nach acht Wochen in England gleich noch acht Wochen Wales zu erleben. Und über das „UHW“ (University Hospital of Wales) hatte ich in anderen Erfahrungsberichten viel Positives gelesen.

Tipps zur Vorbereitung und Bewerbung

Damit wäre das „Wo?“ geklärt. Nun folgt das „Wie?“ Ein großes Abenteuer bereits vor Beginn meines Auslandsaufenthalts war die Organisation des PJ-Platzes in Großbritannien. Voranstellen möchte ich ein paar allgemeine Informationen. Die allermeisten Universitäten mit Lehrkrankenhäusern bieten für ausländische „Medical Elective Students“ nur maximal acht Wochen Aufenthaltsdauer an. Daher sind gesplittete Tertiale deutlich einfacher zu organisieren als Ganze.

Zudem ist es sehr hilfreich, wenn man einen Oberarzt („Consultant“) kennt, der einen betreuen wird. Dann sind teils auch Ausnahmen bezüglich der acht Wochen Regelung möglich. Wenn man jedoch wie in meinem Fall keine Kontakte hat, ist das noch lange kein Grund, aufzugeben. Allerdings muss man dann um einiges hartnäckiger sein. Insgesamt sind PJ-Plätze in Großbritannien sehr begehrt, daher sollte man sich rechtzeitig, sechs Monate bis ein Jahr, im Voraus bewerben. Hierfür braucht es auch einiges an Zeit und Frustrationstoleranz. Jede Universität hat andere Bewerbungsmodalitäten und eine andere Organisationsstruktur. Deshalb erfordert es oft große Geduld, den richtigen Ansprechpartner für „Visiting Elective Students“ zu finden. Ist dies schließlich gelungen, sollte man unbedingt klären, ob man auch einen Universitäts- und einen Krankenhausstempel für die Bescheinigung bekommt.

Nun zu meinen spezifischen Erfahrungen mit der Bewerbung in Bristol. Dort gibt es eine ausgesprochen liebenswürdige Koordinatorin, die für die „Elective Students“ am Southmead Hospital zuständig ist. An diese schickt man eine Bewerbung per E-Mail und sie findet dann einen betreuenden „Consultant“ für den Bewerber. Das Bewerbungsverfahren an sich ist nicht besonders aufwändig. Man benötigt die Standardunterlagen und eventuell ein Englisch-Sprachzertifikat. Letzteres ist aber nicht unbedingt vonnöten. Sobald man angenommen wurde, muss man einige Unterlagen senden, wie beispielsweise einen ausgefüllten Gesundheitsfragebogen und eine Kopie von Impfpass und Hepatitis Titer Bestimmungen. Wenn gewünscht, wird auch eine Krankenhausunterkunft von der Koordinatorin organisiert.

Und zur Bewerbung in Cardiff. Hier ist das Verfahren etwas aufwändiger. Man benötigt zusätzlich noch ein Motivationsschreiben und ein Empfehlungsschreiben der Heimatuniversität. Auch eine Krankenhausunterkunft wird nicht gestellt. Diese muss man selbst organisieren. Die genauen Bewerbungsmodalitäten findet man auf der Website der University of Cardiff.

Und wo wohnt sich´s gut?

In Bristol hatte ich das große Glück, dass ich in der sehr günstigen Krankenhausunterkunft wohnen durfte. Diese befindet sich gerade mal zwei Minuten zu Fuß vom Krankenhaus entfernt. Die Entfernung zur Innenstadt ist deshalb leider etwas weiter – ca. 20 Minuten mit dem Rad. Luxus darf man nicht erwarten. Es ist eine sehr alte Einrichtung, man teilt die Küche mit 15 anderen, es gibt Gemeinschaftsduschen und Klos, bei denen nicht einmal zwischen Damen und Herren unterschieden wird, sowie – für uns fast unvorstellbar – kein WIFI. Aber es ist, wie gesagt, günstig und man lernt schnell andere „Elective Students“ kennen.

In Cardiff habe ich in einem privaten Studentenwohnheim („Liberty House“) gelebt. Das war zwar nicht billiger als eine WG, aber deutlich einfacher aus der Ferne zu organisieren. Es ist nämlich schwierig für einen so kurzen Zeitraum wie acht Wochen eine private Unterkunft zu finden. Die Gruppe „Liberty Living“, zu der dieses Wohnheim gehört, bietet in vielen großen Städten Großbritanniens Wohnheime an.

Die Finanzierung?

Ausflug zu malerischen Landschaften und Küsten in Cornwall
Ausflug zu malerischen Landschaften und Küsten in Cornwall

Ein Auslandstertial ist leider nicht umsonst. Deshalb ein paar allgemeine Tipps zur Finanzierung. Erstens ist es wichtig, sich vorher über die Kosten bewusst zu sein. Wichtige Fragen sind dabei:

  • Ist die Bewerbungsgebühr immer zu bezahlen oder nur, wenn man auch angenommen wird? Gerade bei Bewerbungen in London werden zum Teil mehrere hundert Euro verlangt, nur um seine Unterlagen einzusenden.
  • Kann man vergünstigt in einer Krankenhausunterkunft wohnen oder muss man die deutlich teureren privaten Mietpreise zahlen?
  • Wie hoch sind die Gebühren für „Elective Students“?
  • Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten? In Großbritannien sind diese etwas höher als in Deutschland. Außerdem sollte man noch ein Budget für Ausflüge und andere Unternehmungen einkalkulieren. Schließlich will man ja auch außerhalb des Krankenhauses etwas erleben.

Nachdem man abgeschätzt hat, wie viel der Aufenthalt kosten wird, geht es an die Beschaffung der notwendigen Mittel. Prinzipiell ist es schwierig, im Ausland zu „jobben“. Daher empfiehlt es sich beispielsweise schon zu Hause zu arbeiten und zu sparen. Eine noch bessere Möglichkeit ist ein Stipendium. Alle großen deutschen Begabtenförderungsprogramme bieten Auslandsstipendien an. Es gibt das „SMP“ von Erasmus und auch private Stipendien wie z.B. das Medizinernachwuchs.de Auslandsstipendium, mit Hilfe dessen ich Großbritannien mitfinanzieren konnte.

Eine kleine Sammlung an Begriffen

Nun folgt noch das „Was?“, denn was zum Beispiel ist denn ein „F1“? Zuallererst möchte ich daher einige Begriffe erklären. Ein wenig Hintergrundwissen über das britische Ausbildungssystem für Ärzte ist sehr hilfreich, u. A. zur besseren Verständlichkeit des weiteren Berichts.

  • „Elective Student“

Als PJler in Großbritannien läuft man in der Regel als „Elective Student“. Man hat Studentenstatus und Studenten haben im Gegensatz zu deutschen Krankenhäusern eigentlich keine festen Aufgaben wie Blutentnahmen. Außerdem glauben die meisten betreuenden Ärzte dort, dass man die Erfahrung im Krankenhaus freiwillig sammelt, da britische Studenten, die „Electives“ absolvieren, dies wirklich freiwillig zusätzlich zum normalen Curriculum tun. Daher sind die Erwartungen anders als in Deutschland. Wenn man mal einen Tag frei braucht, bekommt man diesen oft gewährt, ohne am Wochenende nachzuarbeiten.

  • „F1“

„F1“ steht für „Foundation year 1 doctor”. Das „Foundation Programm“ dauert zwei Jahre und muss von jedem jungen Arzt durchlaufen werden. Das „F1“ ist in Großbritannien das PJ-Äquivalent. Nach fünf Jahren Medizinstudium bekommen die Medizinstudenten ihren Abschluss und eine Teil-Approbation und starten in den Klinik-Alltag. Die Aufgaben eines „F1“ sind i.d.R. die Visite („ward round“) mitzugehen und Notizen in die Akten zu schreiben, Untersuchungen anzufordern, Ergebnisse der (Blut-)Untersuchungen zu checken, Vigos zu legen (engl. venflon, canula, tirp), Medikamente anzuordnen und Entlassungsbriefe zu schreiben. Nach Ende des „F1“ bekommen die englischen „Junior Doctors“ die volle Approbation. Alle vier Monate rotieren alle „F1“ und „F2“ in eine andere Abteilung.

  • „F2“

„F2“ sind „Junior Doctor“ im zweiten Jahr des „Foundation Programms“. Die Aufgaben sind ähnlich zu „F1“, aber etwas verantwortungsvoller.

  • Speciality Registrar“

Ein Arzt, der im Facharzttrainingsprogramm ist. Davor hat er das „F1“ und „F2“ absolviert. Es ist nicht immer einfach in Großbritannien, einen Platz im „Speciality Training“ zu bekommen, da Plätze nach einem landesweiten Ranking-System vergeben werden.

  • „Consultant“

Oberarztäquivalent. Einen „Chefarzt“ im deutschen Sinne gibt es in GB nicht. Der „Leading Consultant“ ist lediglich zusätzlich für Verwaltungsaufgaben zuständig, wird aber nicht besser bezahlt. Deswegen wechseln sich die Consultants in vielen Krankenhäusern in diesem nicht übermäßig beliebten Posten ab.

  • „Clinics“

„Clinics“ sollte man nicht fälschlicherweise mit Klinik übersetzen. „Clinics“ sind die Ambulanzen, in denen z.B. Patienten zu Vor- oder Nachgesprächen für OPs kommen, oder in denen evaluiert wird, ob sie einen bestimmten Eingriff überhaupt brauchen. Teilweise sind „Clinics“ recht spezialisiert. Zum Beispiel sind sie nur für Handverletzungen oder nur für Patienten, die auf eine neue Niere warten, zuständig.

Was erwartet einen so im Krankenhaus?

Kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken im PJ in England - mit den Füßen sieht es da schon anders aus.
Kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken im PJ in England – mit den Füßen sieht es da schon anders aus.

Großbritannien hat einen recht guten Ruf, wenn es um die Ausbildung von Medizinstudenten geht, und nach meinem Besuch kann ich dies aus eigener Erfahrung bestätigen. Das Lernen im Krankenhaus ist dort meiner Meinung nach so erfolgreich, weil das Verhältnis zwischen Ärzten und Studenten ausgesprochen gut ist. Kommt man als „Elective Student“ auf eine neue Station, ist es die Regel und nicht die Ausnahme, dass einen alle – vom „F1“ bis zum „Consultant“ – herzlich willkommen heißen, sich für Dich persönlich als auch Deine Wünsche und Ziele während Deines „Placements“ interessieren und versuchen, einen bei der Umsetzung zu unterstützen! Ist man ein motivierter Student und stellt Fragen, nimmt sich wirklich jeder Zeit, diese ausführlich zu beantworten und einem dabei nicht das Gefühl zu geben, dass man gerade eigentlich etwas Besseres zu tun hätte und durch die Fragerei nur gestört wird.

Ein weiterer Vorteil des PJ in Großbritannien ist, dass man als „Elective Student“ immer zusätzlich zum normalen Personal auf einer Station ist und nicht wie so oft in Deutschland Aufgaben hat, die man dringend erledigen muss. Klar freuen sich die Ärzte, wenn man bei Blutabnahmen, Kanülen oder Aufnahmegesprächen hilft. Aber da es meist genug anderes Personal für diese Aufgaben gibt, hat man mehr Freiheit, Sachen zu sehen, die einen besonders interessieren oder die besonders lehrreich sind. Man kann z.B. einfach fragen, ob man mal für einen Nachmittag in eine spezielle „Clinic“ mitgehen, einen gewissen Eingriff sehen oder auch mal ein paar Tage in ein anderes Department hineinschnuppern darf, dem man nicht offiziell zugeteilt ist. Dies ist wahnsinnig wertvoll, wenn man einen breiten Überblick bekommen möchte.

Außerdem ist Großbritanniens Gesundheitssystem besonders spannend, da es sich im Gegensatz zum deutschen aus Steuergeldern finanziert und sich so durch wirtschaftliche Aspekte einige Unterschiede im Krankenhausalltag ergeben. Die Wartezeiten auf Operationen können durch begrenze Kapazitäten für bestimmte Eingriffe länger sein und teilweise werden Indikationen für Operationen strenger gestellt. In Deutschland dagegen kann man bei gewissen Eingriffen schon einen Zusammenhang zwischen Senkung der Vergütung dafür und Rückgang der durchgeführten Eingriffe feststellen.

Auch die Üblichkeiten und Unterschiede der britischen (Krankenhaus-)Kultur kann man aus erster Hand erleben und wird sich dabei über die Sinnhaftigkeit vs. Unsinnigkeit einiger deutschen Regeln bewusst. Als kleines Beispiel: Im Southmead Hospital in Bristol wird weder Dienstkleidung noch Kittel getragen. Auf diese Weise soll ein für die Patienten angenehmes Klima geschaffen werden. Außerdem ist es Vorschrift, dass die Unterarme frei von Kleidung und Schmuck sind, um eine gute Händedesinfektion und Hygiene zu gewährleisten. Das klingt auf den ersten Blick ganz einleuchtend. Allerdings wird dies relativiert dadurch, dass Eheringe erlaubt sind und es meiner Meinung nach nicht genügend Desinfektionsgel-Spender gibt.

Mein PJ-Abschnitt in der Chirurgie am Southmead Hospital

Das Brunel Building des Southmead Hospital in Bristol
Das Brunel Building des Southmead Hospital in Bristol

Nun zu meinen Erfahrungen im Southmead Hospital. Am ersten Tag wird alles Organisatorische geklärt. Man zahlt die Studiengebühren (150£), die Unterkunft (600£) für zwei Monate und bekommt ein Badge mit Foto und Schlüsselfunktion. Dieses sollte man während der Arbeitszeiten immer um den Hals tragen. Zum einen, weil es einem Zugang in alle Personalbereiche gewährt, und zum anderen, weil es als Namensschild fungiert. Danach wird man von seinem betreuenden „Consultant“ abgeholt und bekommt eine kleine Führung durch das Krankenhaus. Die meisten Stationen sind im „Brunel Building“ ansässig, einem sehr neuen und schönen, allerdings manchmal sehr Labyrinth artigen Gebäude.

Ich hatte mich für „General Surgery“ beworben. Diese ist am Southmead Hospital jedoch in viele Unterdisziplinen gegliedert. Meine Subspeciality war „Endocrine and Transplant“. Die Arbeit in diesem Team ist sehr interessant, man lernt sehr viel über Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenerkrankungen und sieht einige Nierentransplantationen sowie die Anlage von Dialyseshunts. Außerdem ist man dort Teil eines kleinen und sehr motivierten Teams. Daher bekommt man sehr viel erklärt und man kann auch Hands-on Erfahrung beim Nähen und Assistieren im OP sammeln. Dies ist in England nicht selbstverständlich, da die englischen „Elective Students“ wegen der Unterschiede in der Ausbildung zum Arzt oft nur zuschauen dürfen.

Als zusätzlicher „Elective Student“ auf einer Station hat man erstmal keine festen Aufgaben und muss selbst herausfinden, wie man sich einbringen kann. Da man selbst und die von einem durchgeführte Arbeit auf der Station nicht essentiell ist, gibt einem das einerseits die Freiheit, viele interessante Operationen etc. zu sehen, was sehr positiv ist. Andererseits muss man eben damit rechnen, den Großteil der Zeit Zuschauer zu sein und aktiv darum bitten zu müssen, z.B. nähen zu lernen. Ich habe es insgesamt als positiv empfunden, da ich einige Tage verschiedene andere Disziplinen besuchen durfte und so einen guten Einblick in ganz verschiedene Bereiche der Chirurgie bekommen konnte. Meine praktischen Fähigkeiten sind trotzdem nicht zu kurz gekommen, da ich immer wieder nachgefragt habe und dann regelmäßig assistierte. So durfte ich im OP die Hautnähte setzen und allerlei Kleinigkeiten durchführen, wie beispielsweise Harndauerkatheter zu legen.

Ein weiterer Vorteil des PJ in England ist das hervorragende Arbeitsklima. Es wird viel Wert auf Teamwork gelegt und die Hierarchien sind deutlich flacher als in Deutschland. Fragen von Studenten werden immer und von jedem gerne beantwortet und alle – von der Krankenschwester bis zum „Consultant“ – versuchen einem etwas beizubringen. Außerdem durfte ich auch an einem fallbasierten Simulationstraining der Medizinstudenten in Bristol teilnehmen, wo ich viel gelernt habe und auch gleich neue Freunde finden konnte. Aber auch hier gilt: Man muss selbst aktiv um solche Möglichkeiten bitten und immer wieder nachfragen!

Noch kurz zu einem typischen Tagesablauf: Gestartet wurde um 8:00 Uhr mit der „Ward Round“ (Visite). Danach war oft noch Zeit für einen kurzen Tee mit dem ganzen Team, bevor die Vormittags-OP-Liste begann. Meist war diese auch so geplant, dass Zeit für das Mittagessen blieb. Danach startete die Nachmittags-OP-Liste und man operierte bis ca. 17:00 Uhr weiter. Nach der letzten OP war Dienstschluss. Wochenend- oder Nachtdienste musste ich nicht machen.

In Cardiff am University Hospital of Wales war es größtenteils recht ähnlich zu Bristol. Allerdings war ich weniger im OP und habe mehr von der Stationsarbeit mitbekommen. Zudem habe ich öfters den „Clinics“ beigewohnt sowie eigene Anamnesegespräche geführt, um den Patienten dann dem betreuenden Arzt vorzustellen. Die Arbeitszeiten waren kürzer als in Bristol. Manchmal gab es auch kurze themenbezogene Seminare für die „F1“, an denen auch die ausländischen „Elective Students“ teilnehmen durften.

Und was machte ich in meiner Freizeit?

Malerische Viertel rund um die King Street in Bristol
Malerische Viertel rund um die King Street in Bristol

So nun möchte ich noch etwas über die Zeit außerhalb des Krankenhauses berichten. Bristol ist eine quirlige Studentenstadt, die einiges an Amüsements zu bieten hat. Im Stadtzentrum kann man gut shoppen gehen, es gibt viele nette Restaurants und Pubs sowie Kinos und schöne lebendige Parkanlagen. Auch an Sehenswürdigkeiten herrscht kein Mangel: die bezaubernde Kathedrale, der Hafen inklusive altem Museumsschiff und natürlich die „Clifton Suspension Bridge“ sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

Um ins Stadtzentrum zu gelangen, empfiehlt sich ein Fahrrad. Also vorausgesetzt, man hat keine Angst vor dem Stadtverkehr. Bristol kann man durchaus als „Fahrradstadt“ bezeichnen, auch wenn es recht hügelig ist. Ansonsten gibt es einige Buslinien, die vom Southmead Hospital in die Innenstadt fahren. An den Wochenenden empfiehlt sich ein Ausflug nach „Bath“ (15min Zugfahrt oder längere Radtour), London (ca. 1h45min Zugfahrt), Cardiff (ca. 45min Zugfahrt), ein kleiner Road Trip mit einem Mietwagen oder man hat sogar Glück und ergattert einen günstigen Flug von Bristol Airport nach Dublin oder Edinburgh.

Cardiff als Hauptstadt von Wales bietet kulturell ähnlich viel wie Bristol. Zudem kann man an den Wochenenden die wirklich beeindruckende walisische Landschaft erkunden. Unter anderem lohnt sich ein Trip auf die „Gowers“. Dies ist eine wunderschöne Halbinsel mit steilen Klippen, langen Sandstränden und fabelhaften Ausblicken. Auch die „Brecon Beacons“ sind ein tolles, nahegelegenes Ausflugsziel für schöne Wald- und Hügelwanderungen – als Bayer kann ich natürlich nicht von Bergen sprechen. Wenn man etwas mehr Zeit hat, bietet sich auch ein kleiner Road Trip nach „Snowdonia“ und in den Norden von Wales an.

Zuletzt noch ein kleiner Sicherheitshinweis!

Prinzipiell ist Großbritannien ein recht sicheres Land. Was man in Deutschland vielleicht besser nicht tut, lässt man besser auch in Großbritannien bleiben, wie zum Beispiel allein mitten in der Nacht durch ein abgelegenes Stadtviertel zu spazieren. Die größte Gefahr für den Zentraleuropäer stellt wohl noch der Linksverkehr dar – und v.a. das in die richtige Richtung schauen, wenn man die Straße überquert.

Hilfreiches und Tipps für Bristol

Die Clifton Suspension Bridge - zurecht ein Wahrzeichen von Bristol
Die Clifton Suspension Bridge – zurecht ein Wahrzeichen von Bristol

Zum Schluss noch einige organisatorische Tipps:

  • Gebrauchte Fahrräder gibt es im Internet bei „Gumtree“ oder beim Gefängnis von Bristol.
  • Günstige Einrichtungsgegenstände; viel braucht man nicht, da das Meiste in der Unterkunft vom Krankenhaus gestellt wird, findet man bei IKEA, 25min mit dem Bus vom Southmead Hospital entfernt, oder bei „Pound Land“, mehrere Filialen in der Innenstadt.
  • Wenn man will, dass ein Bus auch an der Haltestelle anhält, muss man unbedingt winken! Einfach nur offensichtlich dazustehen wie in Deutschland, reicht zumeist nicht, damit der Bus auch anhält. Und das ist bei durchschnittlich 20-30min Wartezeit für den nächsten Bus sehr ärgerlich.
  • Für das Bahn fahren lohnt sich die „16-25 Railcard“ recht schnell.
  • Wenn man gerne Schlösser und Museen anschaut, lohnt es sich eventuell, der „English Heritage“ beizutreten und damit in über 400 Sehenswürdigkeiten für ein Jahr freien oder vergünstigten Eintritt zu bekommen.
  • Mietwagen gibt es sehr günstig bei „Europcar Horfield“. Das ist nur ca. 2km vom Southmead Hospital entfernt.

Hilfreiches und Tipps für Cardiff

  • Einkaufen ist deutlich günstiger, wenn man zum „Lidl“ in „Cathays“ geht – ca. 2km vom Krankenhaus entfernt.
  • Kino ist im „Cineworld“ mit 4,50 £ ist sehr günstig für Studenten.
  • Am Wochenende und feiertags sind alle T-Busse kostenlos – z.B. der Bus zum Flughafen oder einer in die „Brecon Beacons“.
  • „Liberty Living“ bietet insbesondere für kurze Aufenthalte gute Angebote im Studentenwohnheim.
  • Als Student in Cardiff ist man berechtigt für den „Castle Key“, eine deutlich vergünstigte Jahreseintrittskarte für das Schloss in Cardiff.

Fazit zu meinem Auslands-Tertial

Ausflug zu malerischen Landschaften und Küsten in Cornwall
Ausflug zu malerischen Landschaften und Küsten in Cornwall

Ein Auslands-Tertial kostet zwar wegen der Organisation und des zusätzlichen Aufwands viel Zeit, aber es zahlt sich letztendlich mehr als aus. Es ist eine einzigartige Möglichkeit, einen Einblick in eine andere Kultur als auch in ein anderes Gesundheitssystem zu bekommen und bringt jede Menge Abenteuer und Spaß.

Ich hoffe, ich konnte einen guten Eindruck von meiner Zeit in England vermitteln und Lust auf einen eigenen Auslandsaufenthalt machen. Vielleicht hilft dabei sogar der eine oder andere Tipp aus diesem Bericht weiter.

S., C.

München, Dezember 2017

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2016-2017

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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