PJ in Japan – Chirurgie, Viszeralchirurgie, Herzchirurgie, Thoraxchirurgie

16. August 2018

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Japan, Nagoya, Nagoya University Hospital – Nagoya University Graduate School of Medicine (17.07.-06.10.2017)

Asien hatte mich schon immer sehr interessiert und so wurde schließlich Japan das Zielland für meinen PJ-Abschnitt in der Chirurgie. Die Freude war groß, als es schließlich klappte, einen Teil meines Praktischen Jahres am Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine zu absolvieren. Ich bin unendlich dankbar für die tollen Erfahrungen, die ich in Japan machen konnte.

Mein Ziel: Japan!

Bereits früh im Studium entschied ich mich, einen Teil meines Praktischen Jahres im Ausland zu verbringen. Asien bot sich für mich an, da ich ein großes Interesse an der asiatischen Kultur habe und schon in den Jahren zuvor viel dorthin gereist war, nach China, Korea und Südostasien, und auch meine Doktorarbeit in Kambodscha gemacht hatte. Da mich Japan immer sehr interessiert und ich ein wenig Chinesisch in einem Sprachkurs gelernt hatte, zudem Japanisch dem Chinesischen sehr ähnlich ist bzw. diese neben zwei anderen Alphabeten auch die gleiche Schrift nutzen („Kanji“), dachte ich, dass sich Japan für einen PJ- Aufenthalt anbieten würde.

Das Chirurgie-Tertial fand ich hierbei am Geeignetsten, da mich die Chirurgie erstens sehr interessiert, ich einige Vorerfahrung durch diverse Famulaturen, meine Doktorarbeit und das Studium hatte und man in diesem Fachgebiet mit etwas Vorwissen gut Operationsmethoden vergleichen, verstehen und teilweise anwenden kann. Es ist in einem fremden Land hinsichtlich der Sprachbarriere zudem einfacher, in der Chirurgie zu arbeiten, da man dort nicht so viel Patientenkontakt hat wie in der Inneren Medizin.

Die Bewerbung…

Blick auf das Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine - Japan
Blick auf das Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine – Japan

Ich informierte mich also eingehend und stieß zunächst auf mehrere Universitäten, die zwar Austauschprogramme anboten, aber oft eine nicht unbeträchtliche Summe an Bewerbungsgebühr verlangten. Mehr oder weniger durch Zufall bin ich bei der systematischen Suche nach Universitäten in Japan auf die Nagoya University Graduate School of Medicine gestoßen, wobei ich auf der entsprechenden Webpage erst erfahren habe, dass eine Partnerschaft mit meiner Heimatuniversität besteht und daher Studien- und Bewerbungsgebühren entfallen.

Ich recherchierte weiter und fand leider auf der Webpage meiner Universität keine Informationen zu einem Austauschprogramm im Bereich Medizin, lediglich bei der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Auf der Webpage der Universität von Nagoya  hingegen war alles sehr gut erklärt. Ich nahm also Kontakt zum „International Office“ in Nagoya auf und bekam auch prompt eine freundliche Antwort, welchen Zeitraum ich favorisieren würde und auch welche Fächer. Ich fand es sehr sinnvoll, dass dort erst einmal geklärt wurde, ob generell Möglichkeiten vorhanden sind, bevor man viel Geld ausgibt und Aufwand betreibt für Bewerbungen mit unklarem Ausgang, wie es sonst mit Auslandsbewerbungen meist der Fall ist.

Wenig später erhielt ich die Information, dass ich mich bewerben könne. Ich reichte somit alle Unterlagen inkl. „Application Form“, Lebenslauf, Empfehlungsschreiben, Zertifikat über Impfungen, Motivationsschreiben, Bestätigung über eine vorhandene Haft- sowie Auslandskrankenversicherung, Immatrikulationsbestätigung, Notenliste, Reisepasskopie und Passfotos erst einmal per Email ein. Die Auslandskrankenversicherung für Medizinstudenten schloss ich günstig bei der Barmenia ab.

Bei den Impfungen muss man die Standardimpfungen nachweisen sowie einen TBC-Test. Diesen habe ich beim betriebsärztlichen Dienst machen lassen.

Nach einer vorläufigen Zusage per Email wurde ich gebeten, alle Unterlagen noch einmal postalisch zuzusenden. Bis dahin ging alles sehr einfach vonstatten.

Ein Visum braucht man als deutscher Staatsbürger bei einem Aufenthalt unter 90 Tagen nicht.

(Anm.d.Red. Um auf der ganz sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

…und ihre Hürden!

Die bilaterale Organisation stellte sich dann allerdings etwas schwer dar, da einerseits meine Universität gewisse Vorgaben für Auslandstertiale hat, wie z.B. bei Terminen sowie Zeiten als auch Einschränkungen in der Wahl der Rotationen innerhalb der Chirurgie, als auch die Nagoya University Graduate School of Medicine. Als ich endlich die Zusage für meine Chirurgie-Abschnitte im Zeitraum von Juli bis Oktober 2017 für die Viszeral-, Thorax- und Herzchirurgie erhielt, wollte der Lehrbeauftragte der Chirurgie meiner Universität meine Rotation dort nicht anerkennen, da er der Meinung war, dass die Ausbildung dort gleichwertig sei, jedoch nicht auf der Liste des Landesprüfungsamtes stünde und wenn er bei mir eine Ausnahme mit der Anerkennung machen würde, er es bei vielen anderen Medizinstudenten auch machen müsste. Er riet mir hingegen, mein Medizinstudium zu verlängern, ein Tertial in Deutschland für die Anerkennung zu machen und Nagoya zusätzlich als wichtige Erfahrung wahrzunehmen.

Ich akzeptierte diese Erklärung hingegen nicht und argumentierte über mehrere Monate hinweg, dass die Ausbildung dort gleichwertig sei und auch viele andere Universitäten aus Japan auf der Liste des Landesprüfungsamtes stünden. Weiterhin handele es sich ja sogar um eine Partner-Universität in Nagoya. Schließlich lenkte er ein und die Sekretärin teilte mir per E-Mail mit, dass man das Auslandstertial doch anerkennen würde. Ich freute mich sehr darüber!

Die weitere Organisation konnte beginnen!

Nach der Anerkennung erhielt ich durch das „International Office“ von Nagoya eine offizielle Zusage für die drei oben erwähnten Fachbereiche der Chirurgie. Weiterhin kümmerten sie sich rege um die Organisation meines Aufenthaltes, ohne dass ich nachhaken musste. Wenige Tage später erhielt ich die Zusage vom Studentenwohnheim vor Ort und genauere Infos. Die Sekretärin des „International Office“ aus Nagoya gab mir auch Tipps, welchen Flug ich am besten buchen sollte. Ich buchte daraufhin einen Flug von meiner Heimatstadt Hamburg nach Nagoya und zurück.

Da ich am Wochenende vor dem Beginn meines PJ-Abschnittes ankam, empfahl mir die Sekretärin, zwei Tage in ein Hostel zu gehen, welches ich über „Hostelworld“ buchte. Als ich ihr mitteilte, um welches Hostel es sich handelte, schickte sie mir wenig später genaueste Informationen darüber, wie ich vom Flughafen zum Hostel käme, wie vom Hostel zum Krankenhaus, wie ich die U-Bahn benutze als auch wie und wann ich beim Wohnheim erscheinen sollte.

Da mein erster Tag am Montag ein Feiertag in Japan war und keine Lehre stattfinden konnte, nahm sich sogar ein Professor frei, um eine private Vorlesung für mich zu halten, damit für mich kein Unterricht ausfällt!

Ich fand die gesamte Organisation sehr liebenswürdig und warmherzig!

Erste Eindrücke in Nagoya

Blick vom Nagoya Castle auf die Stadt
Blick vom Nagoya Castle auf die Stadt

Als ich dann alles organisiert und gepackt hatte, ging es auf nach Nagoya. Als Literatur hatte ich mir einen kleinen Japanisch-Sprachkurs von „PONS“ und den „DK Vis-à-Vis-Reiseführer“ eingepackt.

Vor Ort fiel mir dann insbesondere die Freundlichkeit der Menschen und die Sauberkeit auf. Ich nahm dann vor Ort einen Zug in die Stadt und fand das Hostel relativ leicht. Im Hostel wurde ich sehr herzlich empfangen, sogar früher in mein Zimmer gelassen und konnte dort erst einmal lange schlafen. Den Sonntag nutzte ich zur Erkundung von Nagoya. Nagoya ist mit 2,2 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt in Japan. Die Stadt ist zwar aus baulicher Sicht nicht so schön, da sie im zweiten Weltkrieg fast komplett zerbombt wurde, hat aber trotzdem kulturell viel zu bieten.

Ich habe an dem Tag erst einmal die Universitätsklinik sowie den angrenzenden „Tsuruma-Park“, das „Nagoya Castle“ mit Garten, den Innenstadt-Bezirk „Sakae“ und den „Hisaya-Odori-Park“ in der Innenstadt erkundet. Mir gefielen insbesondere die nicht so dichte Bebauung sowie die vielen Grünflächen in der Innenstadt, obwohl diese an Größe Berlin in nichts nachstanden. Es gibt riesige Shoppingstraßen und Megastores, soweit das Auge reicht.

Antrittsvorlesung bei Prof. Kasuya am Nagoya University Hospital

Zeichnungen als Teil der OP-Planung
Zeichnungen als Teil der OP-Planung

Am Montagmorgen hatte ich dann meine Antrittsvorlesung bei Prof. Kasuya, einem Chirurgen, der nun für „International Relations“ verantwortlich war. Er referierte über das Gesundheitssystem in Japan, was für mich sehr interessant war. In Japan wird 30 Prozent der Krankenversicherung vom Patienten übernommen, der Rest durch staatliche Mittel. Es finden sehr viel mehr Check-ups statt als in Deutschland und die Liegedauer im Krankenhaus ist je nach OP fast doppelt so lang. Weiterhin werden Patienten fast nie aufgegeben und selbst die kompliziertesten Fälle noch operiert. Das klang alles sehr toll – hatte aber laut Prof. Kasuya auch seine Schattenseiten. Die immer älter werdende Gesellschaft sowie die niedrige Geburtenrate werden es in Zukunft erschweren, das Gesundheitssystem als solches zu erhalten.

Prof. Kasuya war überaus freundlich und ebenso willkommen heißend wie die Menschen, die ich bis dahin getroffen hatte. Er erzählte mir von dem dreijährigen „Joint-Degree-Program“, ein „Postdoctoral Fellowship Program“ der Nagoya University Graduate School of Medicine und bot mir an, dass ich mich bei Interesse jederzeit bewerben könne.

Meine Unterkunft in Nagoya

Mein Zimmer in Nagoya - Myoken-cho Unterkunft
Mein Zimmer in Nagoya – Myoken-cho Unterkunft

Nach der Antrittsvorlesung zog ich in mein Wohnheim, welches etwa 6 km von der Universitätsklinik entfernt lag. Dort bekam ich nach japanischer Tradition ein kleines Zimmer mit Balkon, aber neuester Technik, Klimaanlage, ergonomischem Stuhl und großem Tisch, kleiner neuer Küche, großem Kühlschrank und Badezimmer.

Das Wohnheim folgte strengen Regeln! Man darf keinen Übernachtungsbesuch haben, strenge Mülltrennung, penibles Sauberhalten des Raumes sowie ständige Überwachung des Gebäudes. Wenn man länger wegging, musste man sich abmelden, aus Sicherheit für einen selber.

Japaner sind sehr sicherheitsbewusst und wollen immer gerne wissen, wo man sich befindet. Ich fühlte mich also zu jeder Zeit immer bestens aufgehoben.

Erster Tag und Einstieg am Nagoya University Hospital

Ultraschallsimulator am Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine
Ultraschallsimulator am Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine

Am Dienstag hatte ich dann meinen ersten Tag in der Viszeralchirurgie der Klinik. Erst sollte ich beim „International Office“ erscheinen, wo mich ein sehr freundlicher Mitarbeiter zu meiner Abteilung brachte. Vor Ort wartete der Chef des Departments – Prof. Kodera – schon auf mich in seinem Büro. Er hieß mich herzlich willkommen, hatte meinen CV in der Hand und stellte mir erst einmal ein paar Fragen zu meiner Person. Später erklärte er mir die wichtigsten Details zum Department, dass sie hauptsächlich auf Magen- sowie Bauchspeicheldrüsenkrebs spezialisiert seien, sonst aber alle abdominal chirurgischen OPs durchführen, abgesehen von seltenen Leberkarzinomen, zudem den Ablauf meines PJ-Abschnittes und gab mir einen Stundenplan.

Montag, Mittwoch und Freitag waren OP-Tage. An jenen Tagen gab es morgens eine Konferenz, bei der alle prä- und postoperativen Fälle besprochen wurden. Dies erfolgte auf Japanisch, aber ich hatte an jedem Tag jemanden an meiner Seite, der für mich zuständig war, die „Keypoints“ übersetzte und mir danach mitteilte, wann und wo welche OP stattfinden würde.

Am Dienstag und Donnerstag fand „Teaching“ statt. Morgens jeweils eine Vorlesung und nachmittags praktische Tätigkeiten wie Nahtkurs, Wiederbelebung oder das Legen zentraler Venenkatheter. Am Donnerstagnachmittag sollte dann das Üben von OPs am Simulator stattfinden. Prof. Kodera war, wie alle bisher kennengelernten Japaner, überaus freundlich und ich war erstaunt, dass er sich so viel Zeit für mich nahm. Ich hatte dies bisher nie bei einem Chefarzt erlebt und schon gar nicht an einer Universitätsklinik.

Nach dem Gespräch mit Prof. Kodera wurde ich direkt von dem zuständigen Arzt „an die Hand genommen“ und zu einer auf Englisch gehaltenen Vorlesung über Ultraschall gebracht. Danach gingen wir gemeinsam in die Mensa. Die Mensa bot japanisches Essen bester Qualität zu normalen Mensapreisen an, zudem eine ziemliche Variabilität. Man konnte zwischen Reisschüsseln mit diversen Toppings, Nudelsuppen, Tagesgerichten, „balanced lunch“ und einem reichhaltigen Salatbuffet in allen erdenklichen Größen wählen. Ich hatte zuvor nie so gut in einer Mensa gegessen.

Nach unserem Mittagessen zeigten die jungen Ärzte mir die Klinik mit allen notwendigen Stationen, Convenience Stores, der Post, der Mensa, Cafés, Geldautomaten etc. Jeder gab mir seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse und insistierte, dass ich mich jederzeit melden sollte, sofern ich ein Problem hätte. Ich fühlte mich überaus gut aufgehoben.

Später erhielt ich im Office meine persönliche Zugangskarte, einen freien Schrank für meine Sachen sowie einen Platz.

Dieser perfekte erste Tag schloss ab mit einem Nahtkurs, bei dem jedem Medizinstudenten und Assistenzarzt ein lehrender Arzt zugeordnet war.

Meine Zeit in der Viszeralchirurgie…

Das Simulationslab am Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine
Das Simulationslab am Nagoya University Hospital der Nagoya University Graduate School of Medicine

Am nächsten Tag übersetze einer der „Senior-Doctors“ die Konferenz und war so lieb, mich mit in den OP zu einer Cholezystektomie mitzunehmen. Währenddessen erzählte er mir noch einiges über das japanische Gesundheitssystem sowie die OP an sich, wobei mir auffiel, dass alle Schritte genauestens dokumentiert und die Anatomie kunstvoll aufgezeichnet wurden.

Danach durfte ich an einer Leberteilresektion teilnehmen. Während der OP wurde mir alles bis ins Detail erklärt und der für mich zuständige Arzt kam zusätzlich noch in den OP, um mir mitzuteilen, dass ich mich nicht verpflichtet fühlen sollte und dass er mich zum Mittagessen abholen würde. Ich wollte gerne noch bei der OP bis zum Ende dabei sein und so holte er mich danach ab und wir gingen gemeinsam mit einem anderen Arzt in ein Restaurant, das zur Klinik gehörte. Beide wollten mich einladen und mir die japanische, besser gesagt, die Küche Nagoyas näherbringen: „Misokatsu“. Eine Art Schnitzel mit konzentrierter Sauce aus „Miso“ und natürlich Reis.

Wir saßen Stunden im Restaurant, redeten über Gott und die Welt, die Arbeit als Arzt in Japan und Deutschland, Unterschiede etc. Dr. Iwata lieh mir dann sogar noch Geschirr und Kochutensilien sowie einen Ventilator aus, damit ich dies nicht kaufen musste. Ich war überwältigt von der Aufmerksamkeit und wie jeder sich um mich kümmerte.

Im Laufe der nächsten Wochen fand ich schnell viele neue Freunde, fühlte mich sehr wohl im Office, und wurde weiterhin bestens betreut. Bei jeder OP wurden mir das Vorgehen genauestens erklärt, ebenso bei den Visiten. Oft war ich auch in der „Outpatient Clinic“ und konnte bei Gastroskopien und Durchleuchtungen zusehen. Nie fiel Unterricht aus und ich lernte sehr viel.

Am besten gefielen mir die Donnerstage im Simulationslabor. Dort konnten wir computersimulierte minimalinvasive Naht- und OP-Techniken üben. Weiterhin konnte man perkutane Koronarinterventionen, am Simulator für roboterassistierte Chirurgie, Thoraxdrainagen legen, die Untersuchung von diversen Gelenken üben etc. Ich fand dieses Labor äußerst hilfreich, da angehende Ärzte dort erst einmal üben können, bevor sie, wie sonst üblich, direkt mit dem Patienten konfrontiert werden. Mir wurde sehr schnell klar, dass Japan technisch gleichwertig oder teilweise noch wesentlich fortschrittlicher ist als andere westliche Länder. Einmal konnte ich bei einer durch den „Da Vinci-Roboter“ durchgeführten Magenteilresektion zusehen.

Meistens begann mein Tag zwischen 7:00 Uhr und 9:00 Uhr und ging bis zum Nachmittag oder frühen Abend, je nach anstehender OP. Ich durfte im OP recht viel assistieren und auch nähen, wie auch während der Visiten Patienten kurz selber unter Aufsicht untersuchen.

Während meines Aufenthaltes wurde ich immer von den Ärzten privat zu „Farewell-Parties“ oder zum Essen eingeladen, bei denen ich die Teammitglieder noch genauer kennenlernen konnte. Der Professor war so großzügig, mich mehrfach zu exquisiten traditionellen Sushi Restaurants in Nagoya einzuladen, wie er es immer mit Gästen macht, um diesen die japanische Kultur näherzubringen.

Weiterhin freundete ich mich mit der Sekretärin privat sehr gut an, sodass wir häufiger abends Essen gingen oder auch einmal zum Tanzen. Die Japaner waren alle überaus großzügig und ließen mich als Studentin niemals bezahlen, sodass ich mich mit der Zeit richtig schlecht fühlte und dies in Form kleiner Geschenke zurückgab.

…und in der Herzchirurgie

Den nächsten Monat verbrachte ich in der Herzchirurgie. Auch hier waren alle äußerst freundlich und willkommen heißend. Ich bekam wieder meinen eigenen Platz und einen Tisch. Die Sekretärin dort war ebenfalls sehr nett und stellte mich gleich Prof. Usui vor. Dieser wollte auch einige Dinge über mich erfahren und erklärte mir das Vorgehen auf seiner Abteilung. Montags, mittwochs und freitags hatten wir morgens eine Konferenz und danach die OPs. Am Dienstag und Donnerstag waren morgens die Visiten und danach folgten die OPs. Auch hier wurde mir alles übersetzt und der Professor zeigte mir das Vorgehen oder die Patienten oft persönlich. Nach der Visite auf der Intensivstation und nach jeder OP erklärte er mir sehr viel. Ich war wirklich erstaunt, wie viel Zeit sich selbst die am meisten  beschäftigten Personen nahmen, damit ich von meinem PJ-Abschnitt profitierte. Während der OPs erklärten mir die jungen Ärzte einiges – ebenfalls viel anhand von Bildern. Ein paar Mal fanden auch sehr interessante Vorlesungen über angeborene Herzfehler statt. In der Herzchirurgie waren die Ärzte etwas distanzierter bzw. zu beschäftigt, was private Unternehmungen anging, aber das war für mich völlig in Ordnung.

Einladung zum kardiovaskulären Kongress in Sapporo!

Free Bento als Stärkung nach der Konferenz
Free Bento als Stärkung nach der Konferenz

Was mich absolut erstaunt hat, war, dass Prof. Usui mich persönlich zu dem kardiovaskulären Kongress nach Sapporo auf der Nordinsel Japans – Hokkaido – einlud und den Flug übernahm. Ich war überaus dankbar und wusste gar nicht, wie ich dies am besten zeigen soll.

Der Kongress fand über vier Tage während meines letzten Monats in der Thoraxchirurgie statt. Dort wurden neue neueste Innovationen im Bereich der Herz- und Thoraxchirurgie vorgestellt, Nähte, Instrumente, Prothesen, Modelle, Kameras, Brillen, Simulatoren etc. Man konnte an jedem Stand viele Fragen stellen und es war immer jemand vor Ort, der gut Englisch konnte.

Die Vorträge waren größtenteils über kardiovaskuläre Erkrankungen und die operativen Eingriffe und wurden meist simultan übersetzt. Nachmittags fanden sogenannte Workshops statt, bei denen man selber Methoden üben konnte. Für das leibliche Wohl war letztendlich auch gesorgt: Beste regionale „Bentos“ (Lunchboxen), Kaffee und Süßigkeiten aus Hokkaido.

Ich traf auf dem Kongress Prof. Usui, der sich vergewisserte, ob auch alles für mich in Ordnung sei und ob ich profitiere. Ich lernte auf dem Kongress unheimlich viel und lernte zudem viele interessante Menschen kennen. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit bekam, daran teilzunehmen.

Freizeit kam dort übrigens auch nicht zu kurz. Da Hokkaido sehr weit nördlich liegt, ist das Klima sehr rau und kalt. Dementsprechend unterscheidet sich die Küche sehr von der in Zentraljapan (Schafsfleisch und Eintöpfe). Hokkaido ist eine sehr fruchtbare Region, in der Weizen, Mais, Kartoffeln, Kürbisse und diverse andere Nutzpflanzen angebaut werden. Aber auch viele andere Produkte werden dort hergestellt oder verarbeitet wie etwa Bier, Schokolade, Kaffee, Süßigkeiten, Gebäck, Fleisch, Fisch und dies alles von einmaliger Qualität. Ich habe dort fast ausschließlich regionale Produkte gegessen und war begeistert.

Weiterhin habe ich die wunderschöne Natur in und um Sapporo genossen mit all den Ginkgo Bäumen im Herbstlaub, habe die alte Universität und die Bierfabrik des ältesten Bieres Japans besichtigt, war in der Küstenstadt „Otaru“, habe dort Seafood gegessen und war in den Bergen Hokkaidos in einer heißen Quelle (sog. „Onsen“).

Die Teilnahme am Kongress war eine einmalige und  großartige Erfahrung in Japan.

Abschluss des PJ-Tertials Chirurgie in der Thoraxchirurgie

Meinen letzten Monat verbrachte ich in der Thoraxchirurgie. Dort wurden primär Lobektomien aufgrund von Bronchialkarzinomen durchgeführt. Die Abteilung war im Vergleich zu den zwei vorherigen sehr klein. Hier bekam ich zwei Mentoren, die auch sehr freundlich waren und mir persönlich alles übersetzten, was in der Konferenz gesagt wurde, so auch auf den Visiten. Bei den OPs durfte ich oft teilnehmen und da diese nicht so lange dauerten, konnte ich mehrere am Tag mit ansehen und die Proben mit in die Pathologie nehmen und begutachten. Da der Unterricht in der Thoraxchirurgie nur an drei Tagen stattfand, wechselte ich die anderen Tage in die Viszeralchirurgie. Auch in der Thoraxchirurgie hatte ich einen sehr interessanten Monat.

Leben in Japan

Das Mensa-Essen am Nagoya University Hospital
Das Mensa-Essen am Nagoya University Hospital

An den Wochenenden unternahm ich immer etwas, besichtigte Tokio und Osaka sowie Kyoto, die alte kaiserliche Hauptstadt mit dem unendlichen kulturellen Reichtum. Des Weiteren fuhr ich in „die Stadt“ der heißen Quellen „Gero“, die gut erhaltene traditionelle Stadt des Kunsthandwerks „Takayama“ und das „Okuhida Onsen“ in den Bergen, wanderte einen Teil des japanischen „Jakobswegs“ namens „Nakasendo“ von „Nakatsugawa“ nach „Nagiso“, was wunderschön war, fuhr an den Strand in der Nähe von Nagoya, auf eine kleine Insel bei Nagoya und besichtigte Nagoya mit dem Hafen und dem großen Aquarium dort, dem „Icebreaker-Museum“ (Polarexpeditionsschiff Fuji), dem Museum für moderne Kunst, dem Science- wie dem Automobilmuseum, dem Universitätsmuseum und dem bekannten „Osu Kannon Tempel“. Mir gefiel Nagoya sehr, da es zwar groß, aber weniger hektisch als Tokio oder Osaka war. Zudem ist es wesentlich günstiger.

Japan ist ein einmaliges Land! Ich kann nichts Negatives sagen, außer dem Fakt, dass es kaum Mülleimer auf den Straßen, aber sehr viel Verpackungsmüll gibt. Die Landschaft ist wunderschön und extrem vielfältig, die Menschen sind die nettesten und herzlichsten, die ich je kennengelernt habe. Ich habe sehr tiefgründige Gespräche geführt, fachlich sehr viel gelernt, bin tief, in die meiner Ansicht nach, beste Küche der Welt eingedrungen, habe in jeglicher Hinsicht erlebt, dass alles einwandfrei funktioniert, von höchster Qualität ist und pünktlich und dass Zuverlässigkeit mit eine der höchsten Tugenden ist, gefolgt von Gründlichkeit.

Ich habe viel über mich selbst gelernt und die westliche Lebensweise, in der alles so schnelllebig und Egozentrik an der Tagesordnung ist, gründlich überdacht. „Harahachibu“, den Schlüssel zu einer langen Gesundheit, „Iss’, bis Du 80 Prozent gesättigt bist!“, habe ich mir auch zu Eigen gemacht.

Hinsichtlich meiner Freizeit kümmerte sich das „International Office“ der Nagoya University Graduate School of Medicine liebevoll um mich. Es fing an bei der Organisation des Monatstickets für die U-Bahn bis hin zum Herausfinden von Informationen zu Freizeitaktivitäten der Universität, die nur auf Japanisch zu finden waren. Letztendlich ging ich dreimal die Woche zum „Aikido“ bei meinem Wohnheim an der Hauptuniversität, welches von einem alten Meister („Sensei“ = Lehrer) geleitet wurde.

Darüber hinaus lernte ich Japanisch mithilfe einer App, da der Sprachkurs während meiner Zeit in Japan, es waren Semesterferien, nicht stattfand. Es ist durchaus hilfreich, etwas Japanisch (lesen) zu lernen, da vieles nicht auf Englisch angeschrieben ist und Locals oft kein oder kaum Englisch sprechen.

Ab und an nutzte ich das kostenlose Fitnessstudio der Universität. Ein paar Mal besuchte ich auch den Teezeremonie sowie den Fotografie Club. In Japan ist es so, dass die meisten Studenten einen sogenannten Club besuchen. Mehrfach besuchte ich ferner eine interessante Ausstellung über Nobelpreisträger an der Universität in Nagoya, da diese auch einige hervorgebracht hat.

Japan hat zwei weitere große Vorteile: Umweltschutz und Sauberkeit auf den Straßen werden groß geschrieben. Die Mülltrennung ist strikt, es wird viel recycled und man sieht überwiegend Elektroautos auf den Straßen. Im Gegensatz dazu steht jedoch die „Convenience Store“-Mentalität, bei der extrem viel Verpackungsmüll anfällt und man überall eine Plastiktüte erhält. Das hat mich ziemlich gestört. Allerdings wird in Supermärkten alles in kleinen Portionen/Beuteln für den ein- oder zweimaligen Gebrauch verkauft, damit generell sehr wenig Essen verschwendet oder weggeworfen wird – weder vom Supermarkt noch vom Endverbraucher.

Außerdem ist Japan sehr sicher. Die Kriminalitätsrate ist unvergleichbar gering und selbst wenn man etwas Wertvolles wie sein Handy oder Portemonnaie mit Inhalt verliert, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man es wiedererhält. Ich habe dies selber und auch bei anderen erlebt. In der japanischen Kultur wird es verachtet, sich etwas Fremdes einfach zu eigen zu machen, außerdem spielen Scham und Gruppenzugehörigkeit immer noch eine große Rolle, was verhindert, dass Grenzen überschritten werden.

Aus finanzieller Hinsicht hatte ich mir schon im Studium privat einiges für meinen Auslandsaufenthalt während des PJs angespart. Glücklicherweise hatte ich zudem ein Stipendium vom DAAD erhalten. Die Lebenshaltungskosten sind mit denen in Deutschland vergleichbar – die Miete war sogar etwas günstiger, umgerechnet ca. 210 € plus Strom und Wasser (http://en.nagoya-u.ac.jp/academics/campus_life/housing/index.html ).

Ich habe hingegen im Endeffekt mehr ausgegeben, da ich alles Mögliche ausprobieren wollte und natürlich auch mehr unternommen habe.

Mein Fazit

Am Ende meines Aufenthaltes organisierte das viszeral chirurgische Department eine Abschiedsparty in einer „Izakaya“, einem Restaurant mit japanischen Tapas, für mich, schenkte mir viele Andenken mit dem Logo der Nagoya University Graduate School of Medicine, und später zogen wir weiter mit dem Professor in eine exquisite Wein Bar, in der der Besitzer selber bayrische Würste hergestellt hatte, um mich als Deutsche die Qualität testen zu lassen, da Japaner deutsche Würste lieben! Sie waren exzellent!

Japan war für mich ein Phänomen, bei welchem Fortschrittlichkeit, westlicher Lebensstil mit uralter japanischer Tradition Hand in Hand gehen. Auch die jungen Menschen übernehmen Traditionen in weit größerem Umfang als hierzulande in Hinsicht auf Essen, Verhalten, Kleidung etc.

Ich war sehr traurig, dass das interessanteste Praktikum meines Lebens so schnell zu Ende ging und bin unendlich dankbar für die tollen Erfahrungen, die ich in Japan machen konnte.

H., V.

Hamburg, November 2017

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