PJ in Schottland – Chirurgie, Viszeralchirurgie, Unfallchirurgie, Orthopädie

6. April 2018

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Schottland, Inverness, Raigmore Hospital (08.05.-01.07.2017)

„Slainte mhath!“ –  „Auf gute Gesundheit“, sagen die Schotten, wenn sie mit Whisky oder anderen Getränken anstoßen. Einsamkeit in den Highlands? Davon war keine Spur während meines Chirurgie-Tertials im Raigmore Hospital, dem Maximalversorger der Highlands und Islands in Schottland. Liebenswürdige Ärzte, Krankenhausmitarbeiter und Medizinstudenten aus Großbritannien und Deutschland begleiteten mich sowohl im Krankenhausalltag, als auch in den freien Stunden und zeigten mir dieses mystische Land und seine Kulturen.

Warum Chirurgie in Schottland?

Das Glenfinnan Viadukt in den schottischen Highlands - die berühmte Brücke aus Harry Potter
Das Glenfinnan Viadukt in den schottischen Highlands – die berühmte Brücke aus Harry Potter

Dudelsäcke, Schottenröcke, Whisky Destillen – viel mehr wusste ich nicht von dem mir unbekannten Land im Norden Großbritanniens und das hatte etwas Anziehendes. Zum Abschluss meines Medizinstudiums wollte ich auf jeden Fall noch einmal ins Ausland gehen. Großbritannien als englischsprachiges noch EU-Industrieland mit einem Gesundheitssystem, welches sich kennenzulernen lohnt, kam daher für mich in Frage.

Inverness gilt als die Hauptstadt der Highlands und ist durch das Monster von Loch Ness bekannt geworden. Hier schickt die University of Aberdeen ihre Medizinstudenten hin, um medizinisches Wissen in einem Maximalversorger der Highlands zu erlernen und Fertigkeiten im modernen Health Medical Education Center zu trainieren. Es wurde mir eine preiswerte Unterkunft auf dem Krankenhausgelände angeboten und ich konnte mir Zeit und Geld für die Beantragung eines Visums oder eine teure Studiengebühr sparen.

Ich entschloss mich für ein chirurgisches Tertial im Ausland, da ich hieraus den größten Nutzen für mich zu ziehen erhoffte. Mit guten, auch medizinischen, Englischkenntnissen und dennoch als Nicht-Muttersprachlerin erschien es mir lehrreicher im Operationssaal, wo man schon allein durch Zuschauen und Mitmachen lernt. Außerdem interessierte mich vor allem die chirurgische Versorgung von Notfällen und Unfällen aus zum Teil sehr abgelegenen Regionen und Inseln. So hatte ich zum Beispiel das Glück, bei einer Notfalloperation eines rupturierten Aortenaneurysmas eines Mannes, der  von den Äußeren Hebriden eingeflogen wurde, dabei zu sein.

In meinem Bestätigungsbrief für das Chirurgie-Tertial erfuhr ich, dass ich einen „Supervisor“ zugewiesen bekam, der Viszeralchirurg war und sich auf den oberen Gastrointestinal Trakt spezialisiert hatte. Vor Ort besprach ich mit ihm, dass ich gerne rotieren möchte, was ohne weiteres möglich war. So kam ich von der Viszeralchirurgie zur Gefäßchirurgie, zur Urologie und verbachte die letzten drei Wochen in der Unfallchirurgie und Orthopädie.

Bewerbung und Organisation des „Elective“ – mit nur kleineren Hürden

Traumhafte Landschaften in Schottland - Harris, Äußere Hebriden
Traumhafte Landschaften in Schottland – Harris, Äußere Hebriden

Im Januar 2016 begann ich, mich für mein PJ-Tertial zu bewerben. Auf der Website der University of Aberdeen unter „visiting student electives“ findet man alle relevanten Informationen.

Erst im März bekam ich entsprechend auszufüllende Unterlagen per Email zugesandt, die ich im Juni ausgefüllt nach Inverness schickte. Dazu gehörte ein Fragebogen und ein übersetztes aktuelles Führungszeugnis, das ich leider von einem offiziellen Übersetzer übersetzen lassen musste – Kosten ca. 30€. Hinzu kam ein Nachweis, dass man der englischen Sprache mächtig ist in Form eines „IELTS“ oder „CCE Tests“, aber mit etwas Überzeugungskraft haben auch das Zeugnis meiner Universität für den „Englisch für Mediziner“ Kurs und zwei Beurteilungsschreiben ausgereicht. Zudem war ein Empfehlungsschreiben meiner Universität erforderlich und man musste sich seine gesundheitlichen Auskünfte (Impfungen etc.) vom Betriebsarzt der Universität bescheinigen lassen.

Die Bewerbungsgebühr von 100£ wurde von mir nicht verlangt. Laut meiner Recherche, könnte sich dies allerdings mittlerweile verändert haben.

Die sogenannte „Disclosure Scotland PVG Form“ ( ), hatte ich mir nach Deutschland schicken lassen, ausgefüllt und nach Inverness geschickt. Es hätte ausgereicht, wenn man es ausgefüllt am ersten Tag zur Einführung am Hospital mitbringt, beziehungsweise konnte man es auch noch vor Ort ausfüllen. Der Kostenpunkt beträgt 59£.

Im Nachhinein stellte sich am wichtigsten heraus, das Landesprüfungsamt am besten schon gleichzeitig mit der Bewerbung zu kontaktieren, um zu fragen, ob ein PJ-Tertial an diesem Krankenhaus möglich ist. Ich habe tatsächlich noch drei Monate mit dem LPA Sachsen-Anhalt diskutieren müssen, diverse Nachweise von Professoren der University of Aberdeen einholen müssen, wie zum Beispiel, dass das Raigmore Hospital in Inverness mindestens 60 chirurgische Betten hat, bis ich eine endgültige Genehmigung bekam, dass das Tertial mir anerkannt wird. Zum Glück wurde die Liste, der für das PJ zugelassenen Krankenhäuser im Ausland am 09.01.2018 aktualisiert, worin nun auch das Raigmore Hospital aufgenommen ist. Damit sollte eine Zustimmung des LPA schneller erreicht werden.

(https://www.brd.nrw.de/gesundheit_soziales/LPA-PJ/pdf-PJ/PJ-Ausland-Gesamtliste.pdf)

Dennoch braucht man zusätzlich eine Äquivalenzbescheinigung, die besagt, dass man dieselben Rechte besitzt wie die Medizinstudenten der University of Aberdeen. Diese Bescheinigung konnte ich vor Ort von Mister Duncan, Director of Undergraduate Teaching, unterzeichnen lassen.

Ich würde jedem empfehlen, vor Antritt eines Tertials im Ausland einen „Englisch für Mediziner“ Kurs zu belegen, auch wenn man schon ein Schuljahr oder Famulaturen im englischsprachigen Ausland absolviert hat. Je besser man die Sprache im medizinischen Alltag beherrscht, desto mehr kann man mit- und auch teilnehmen.

Wer Selbstbewusstsein, Erfahrung und Sicherheit für sein Auslandstertial mitbringt, darf auch mehr im OP machen. Meine ersten zwei Monate des Chirurgie Tertials, die ich in Deutschland abgeleistet habe, gaben mir diesen entsprechenden Rückhalt.

Ich kannte zudem schon von meiner Famulatur in Kanada her die Tradition, dass die Ärzte im Krankenhaus keine Funktionskleidung, sondern schicke Kleidung (keine Jeans) tragen und so stand es auch im „Elective Guide“ für Inverness. Man braucht also Stoffhosen, Kleider oder Röcke, Blusen und passende Schuhe. Am besten ist es, wenn die Kleidungsstücke auch noch entsprechend große Taschen für Stift, Buch und Stethoskop haben, denn Kittel werden auch nicht getragen.

Letzte Vorbereitungen

Spezielle Impfungen waren für Schottland nicht nötig. Eine betriebsärztliche Untersuchung bekommt man vor Ort, sowie einen HIV Test. Erst wenn die Ergebnisse dafür da sind (ca. 1 Woche), darf man im OP assistieren.

Es ist nötig eine Berufshaftpflichtversicherung fürs Ausland zu haben.

Flüge gibt es günstig nach Edinburgh oder Glasgow. Von dort kann man mit dem Bus oder Zug nach Inverness fahren. Ein Flug nach Inverness ist dagegen etwas teurer.

Das Raigmore Hospital – Fusion aus Alt und Moderne

Das Krankenhaus wurde in den 70iger Jahren gebaut und scheint auf den ersten Blick nicht das allerschönste Gebäude zu sein. Insgesamt ist es sehr groß und man benötigt einige Zeit, um sich dort zurechtzufinden. Allerdings wurde neben dem Raigmore Hospital ein wirklich schönes Ausbildungszentrum für medizinisches Personal gebaut, das „Health Medical Education Center“.  Dort gibt es eine Bibliothek, das Skills Lab, Seminarräume und einen Bereich, wo man im Sommer draußen sitzen kann.

Entspanntes Aufstehen und ein abwechslungsreicher Alltag

Auf zum Raigmore Hospital in Inverness - Schottland
Auf zum Raigmore Hospital in Inverness – Schottland

Am ersten Tag am Raigmore Hospital wurden wir, das waren ich, zwei weitere deutsche PJ-Studenten und eine Medizinstudentin aus Birmingham, von der „elective officer“ in Empfang genommen. Sie und auch unsere „Supervisor“ sagten uns von Anfang an, dass wir während unseres „elective“ viel Freude haben sollen, uns das anschauen sollen, was uns interessiere und auch die Highlands kennen lernen sollen.

Da mein „Supervisor“ am ersten Tag leider nicht da war, wurde ich zuerst vom kolorektalen Team freundlich aufgenommen. In Großbritannien ist es so, dass jeder „Consultant“ (Oberarzt) eher für sich arbeitet. Er hat seine eigenen Sprechstunden, OP-Tage und ihm zugewiesene Assistenzärzte. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Oberärzte mehr Zeit für Studenten haben.

Da mein Ergebnis der betriebsärztliche Untersuchung noch nicht da war, entschloss ich mich, in der ersten Woche den Ablauf auf den Stationen kennenzulernen und einigen Sprechstunden beizuwohnen. Die erste gute Nachricht war, dass die Chirurgen hier erst um 8:00 Uhr anfangen zu arbeiten. Nachdem ich zwei Monate in Deutschland bereits um 7:00 Uhr zur Röntgenvisite zu erscheinen hatte, war dies eine erfreuliche Nachricht. Dadurch fingen wir erst um 9:30 Uhr im OP an zu operieren und der ganze Tag verschob sich etwas nach hinten hinaus. Offiziell ging unsere Arbeitszeit bis 17:00 Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Ich blieb oft auch länger, wenn noch ein spannender Fall kam oder am Nachmittag eine Weiterbildung stattfand.

Mein „Supervisor“ war sehr daran interessiert, dass ich während meines Aufenthalts etwas lerne. Er fragte mich viele Dinge und sagte mir auch, was ich noch einmal nachlesen sollte. Ich nahm Patienten auf der Station auf und stellte sie ihm nachmittags vor. In den Sprechstunden durfte ich die Patienten mit untersuchen und meist besprachen wir im Anschluss kurz den Fall. Eine nette Schwester brachte uns dann Tee und Cookies – „very british“. Ich habe mehrere digital rektale Untersuchungen durchgeführt, aber auch Leistenhernien oder das Abdomen untersucht.

Auf der Station half ich den knapp besetzten Assistenzärzten bei den Blutentnahmen und Flexülen. Ich habe Arztbriefe unter Anleitung geschrieben und Patienten aufgenommen.

Im OP war es anfangs schwierig, da es neben uns PJ-Studenten, viele junge Assistenzärzte und zusätzlich Medizinstudenten des  4. oder 5. Studienjahres aus Aberdeen gab, die entweder einen Monat oder ein komplettes Jahr in Inverness verbringen. Diese Medizinstudenten rotieren jede Woche, haben viele Seminare in kleinen Gruppen, denen man sich gerne anschließen kann.

Ich war sehr daran interessiert, im OP mitzumachen und am Tisch zu stehen, anstatt nur zuzugucken. Dies war anscheinend für viele Ärzte am Raigmore Hospital ungewöhnlich, weil die Medizinstudenten von Aberdeen kaum Erfahrung im OP haben, geschweige denn nähen können. Ich musste daher zuerst erklären, dass ich die letzten sechs Monate sehr viel im OP gearbeitet habe, häufig auch als erste Assistenz und gewisse Fertigkeiten als Medizinstudentin mitbringe. Anschließend ließen mich die Ärzte subkutan nähen, die Kamera oder auch mal Haken halten, tupfen und auf Anweisung kauterisieren.

Letztendlich ist es wie in deutschen großen Lehrkrankenhäusern immer etwas schwieriger, je mehr Auszubildende da sind. Einmal erklärte ich mich zum Wochenenddienst bereit, was sehr schön war, weil keine Medizinstudenten und nur wenige Assistenzärzte da waren. So durfte ich alleine dem Oberarzt im OP assistieren und somit auch mehr machen.

Mein Tag mit der „Ambulance“ und der Besuch bei der „Coast Guard“

Mein Tag mit der Ambulance am Raigmore Hospital in Inverness.
Mein Tag mit der Ambulance am Raigmore Hospital in Inverness.

Sehr aufregend war auch mein Tag mit der „Ambulance“ – dem Rettungsdienst, der nach Absprache mit den Rettungsassistenten und meinem „Supervisor“ ohne Probleme zu organisieren war. So bin ich früh anstatt ins Krankenhaus zum Aufenthaltsraum der Rettungsstelle gegangen. Dort begrüßten mich alle herzlich und erklärten mir, dass sobald ein Anruf reinkäme, ich mit im Rettungswagen fahren könnte. Von sehr spannenden Fällen wie eine neurologisch auffällige Person im Fitnessstudio, die, wie sich später herausstellte, eine intrazerebrale Blutung erlitt, über Hausbesuche älterer Patienten bis hin zu einer Drogenüberdosis war alles dabei.

Auch hier war es möglich, Anamnesen zu erheben, EKGs zu kleben oder Blutdruck zu messen und einfach überall mit zu helfen, wo es geht. Da am Nachmittag für längere Zeit kein Anruf mehr kam, bekam ich die Möglichkeit, mir die Anrufzentrale anzusehen und die eingehenden Notrufe aus ganz Schottland mitzuhören.

An einem anderen Tag hatte uns die britische Medizinstudentin aus Birmingham eine Führung bei der „Coast Guard“ organisiert. Wir durften uns die Rettungshelikopter und das gesamte Gebäude der „Coast Guard“ anschauen und erfuhren dabei interessante Geschichten verschiedener Rettungseinsätze. Häufig fliegt die „Coast Guard“ in die Berge, weil das Wetter dort schnell umschlagen kann und unerfahrene als auch schlecht ausgerüstete Wanderer in Not geraten.

Von der Hauptstadt Inverness zum Einsatz in die Provinz Wick

Zum Ende meiner Zeit in Inverness habe ich die Möglichkeit bekommen, meinen „Supervisor“ nach Wick, einer sehr kleinen Stadt im Nordosten Schottlands, zu begleiten.  Dort haben die Chirurgen aus Inverness abwechselnde Sprechstunden beziehungsweise operieren sie auch und bleiben dafür ein paar Tage dort.

Genau das, wie Medizin in dieser abgelegenen Region aussieht, hat mich so brennend interessiert. Mein „Supervisor“ konnte sogar eine kostenfreie Unterkunft für mich im Mitarbeiterwohnheim organisieren. Ich lernte einen australischen Medizinstudenten kennen, der hier sechs Wochen Praktikum machte. Es war zwar etwas einsamer für ihn, aber dafür durfte er umso mehr im Krankenhaus machen und war komplett im Team integriert.  Leider ist dieses Krankenhaus in Wick für ein komplettes PJ-Tertial nicht zugelassen. In meinen drei Tagen dort habe ich Patientenaufnahmen in der Notaufnahme gemacht, bin bei Sprechstunden dabei gewesen und habe im OP assistiert.

Unfallchirurgie und Orthopädie mit eindeutigem Lehrauftrag

Besuch bei der Coast Guard
Besuch bei der Coast Guard

Wer sich in der Orthopädie und Unfallchirurgie in Deutschland nicht gut betreut oder gar ausgenutzt fühlt, der wird in Inverness vom kompletten Gegenteil überzeugt. Die Lehre ist hier sehr wichtig. Morgens zur Röntgenvisite sollen die Studenten nacheinander die Bilder vorstellen und sagen, was sie darauf sehen. Nein, es wird keiner bloß gestellt, sondern geübt, wie man ein Röntgenbild korrekt vorstellt. Es gab regelmäßig anschauliche Seminare sowie „bedside teaching“.

In der Unfallchirurgie arbeitet ein Arzt, der, wie sich schnell heraus stellte, ein deutscher Arzt ist, der schon länger in Schottland arbeitet und lebt. Bei ihm sollten wir einmal pro Woche einen kleinen Vortrag über verschiedene Frakturen halten, natürlich auf Englisch.

Auch fand ich es sehr inspirierend, dass die Unfallchirurgen uns zum „Journal Club“ einluden. Das hieß, wir fuhren gemeinsam mit den Assistenzärzten zu einem Oberarzt nach Hause und dieser hatte für Essen als auch Getränke gesorgt. Wir saßen zusammen und nacheinander wurden verschiedene Studien vorgestellt und darüber diskutiert. Dies war eine Art der Weiterbildung, die mir sehr gefallen hat.

Für die Unfallchirurgen war es wichtig, dass immer ein Medizinstudent mit in die Notaufnahme geht. Dort durfte ich Patienten untersuchen, aufnehmen und gipsen. Da Schottland ein beliebtes Touristenziel ist, verwunderte es mich nicht, dass ich deutsche Touristen antraf, die überglücklich waren, dass ich für sie übersetzen konnte.

Skills Lab Erfahrung

Arterielle Punktion üben im Skills Lab
Arterielle Punktion üben im Skills Lab

Spannend war es für mich, das „Skills Lab“ in Inverness zu sehen. Freundlicherweise organisierte eine der Tutorinnen extra für uns zwei Tutorien. Wir übten arterielle Punktionen, das Legen einer Magensonde und eines Harnblasenkatheters. Das sehr moderne und gut mit Puppen, Modellen und Zubehör ausgestatte Übungszentrum lud dazu ein, alles einmal auszuprobieren. Zum Beispiel die Augen und Ohr Modelle, bei denen man die Trommelfelle beziehungsweise Augenhintergründe verschiedener Krankheiten einblenden konnte.

Im Anschluss bot uns diese Tutorin an, am Ende unseres Tertials eine Simulation zu machen, was wir natürlich dankend annahmen. In kleinen Gruppen mussten wir einen Fall im nachgestellten Stationszimmer lösen und bekamen im Anschluss ein Feedback dazu.

Wie lebt man in Inverness?

Meine Unterkunft am Raigmore Hospital
Meine Unterkunft am Raigmore Hospital

Die Unterkunft befindet sich auf dem Krankenhausgelände, von der man in fünf Minuten im Raigmore Hospital ist. Es gab mehrere sogenannte „Courts“ für Assistenzärzte, Medizinstudenten und auch andere Mitarbeiter. Ein Wohnkomplex hatte drei Etagen und pro Etage drei Wohnungen für maximal vier Leute, mit denen man sich eine Küche und das Bad teilte. Außerdem gab es in jedem  Haus einen Aufenthaltsraum. Die Küchen waren unterschiedlich gut ausgestattet. Herd mit Offen, Teller, Besteck und Töpfe waren vorhanden, manchmal auch eine Mikrowelle und ein Toaster. Bettbezüge und Handtücher bekam man kostenfrei. Diese und der Müll wurden einmal pro Woche von einer Reinigungskraft gewechselt, wenn man sie vor sein Zimmer legte.

In meinem Zimmer hatte ich einen Schreibtisch, Schrank, Bett und ein Waschbecken. Alles in allem ziemlich komfortabel. Die Kosten für zwei Monate beliefen sich auf 530 £. Etwas Günstigeres bekommt man in Inverness nicht.  Außerdem ist es toll, dort zu wohnen, weil die anderen Medizinstudenten aus Aberdeen ebenfalls dort sind und man schnell in Kontakt kommt.
Wer nicht auf seinen Fitnessplan während seiner Zeit im Ausland verzichten will, kann sich für das Fitnessstudio, welches sich direkt neben den Unterkünften befindet, eintragen.

„Get to know the Highlands“

Auf dem zweithöchsten Berg Großbritanniens - dem Ben Macdui
Auf dem zweithöchsten Berg Großbritanniens – dem Ben Macdui

Die Schotten habe ich als sehr freundliche Mitmenschen empfunden. Durch die flachen Hierarchien am Hospital und die offenen Menschen kommt man schnell in engeren Kontakt.
Mit einem OP-Pfleger haben wir uns öfter zum Klettern im „Leisure Center“ verabredet. Eine Pädiaterin am Raigmore Hospital lud Medizinstudenten und Assistenzärzte zu einem netten Abend zu sich nach Hause ein. Dort spielten wir mit ihr und ihrem Mann erst Volleyball im Garten, später gab es Essen, zu dem jeder etwas mitbrachte. Ein sehr schöner Abend, um mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Das Beste war, dass die Familie uns zwei Fahrräder für unseren restlichen Aufenthalt auslieh. Das war sehr praktisch, denn in die Innenstadt von Inverness brauchte man zu Fuß 20 bis 30 Minuten. Nun waren wir deutlich flexibler und machten direkt am Wochenende eine Fahrradtour am „Loch Ness“ entlang nach „Fort Augustus“.

Um ein bisschen was zu sehen, ist man in Schottland auf ein Auto angewiesen, da die öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land nur selten fahren, vor allem an Wochenenden. Ich hatte das Glück, die ersten vier Wochen meines Aufenthalts mit der britischen Medizinstudentin, die mit ihrem Auto nach Inverness kam, überall unterwegs zu sein. So fuhren wir in den Nationalpark „Cairngorms“, wo wir den zweithöchsten Berg Großbritanniens, den „Ben Macdui“, bestiegen. Außerdem  machten wir einen großartigen Ausflug nach „Lewis“ und „Harris“, wo wir unseren Augen kaum glaubten, als wir das türkisfarbene Meer und den weißen Sandstrand sahen. In Schottland kann man überall frei campen, es lohnt sich also, Schlafsack und Zelt einzupacken, weil vor allem im Sommer die Hostels sehr voll sind.

In der zweiten Hälfte meines „elective“ liehen wir Autos aus, um am Wochenende wunderschöne Täler, Burgen, Destillen und süße Städte wie „St. Andrews“ zu erkunden. Dies ging zum Beispiel problemlos bei „Arnold Clark“, die sogar für Mitarbeiter des Krankenhauses einen Rabatt haben. Es lohnt sich nicht nur für Harry Potter Fans, das „Glenfinnan Viadukt“ anzugucken, die „Isle of Skye“ zu entdecken und dem „Dunnottar Castle“ einen Besuch abzustatten.

Schottland, vor allem die ländliche Region, ist ein sehr sicheres Land mit wenig Kriminalität. Konsum illegaler Drogen und Alkohol sind zwar ein Problem, welches einem aber im medizinischen Alltag und nicht als Tourist oder in der Freizeit begegnet. Wir fühlten uns so sicher in diesem Land, dass wir sogar einmal per Anhalter zurück nach Inverness fuhren.

Mein Fazit

Ausflug zum berühmten Loch Ness in Schottland
Ausflug zum berühmten Loch Ness in Schottland

Ich hätte mir kein besseres Auslandstertial vorstellen können. Natürlich haben die Leute, die ich kennenlernen durfte, viel dazu beigetragen. Es war einfach die perfekte Mischung aus dem Kennenlernen von medizinischem Wissen und Fertigkeiten als auch einem neuen Stück Erde, seiner Kultur und seinen Menschen. Man kann ein Land viel besser verstehen, über „Brexit“ und den „NHS“ (National Health Service) diskutieren, wenn man vor Ort gelebt hat und nicht nur die touristischen Höhepunkte gezeigt bekommt. Auch wenn das Raigmore Hospital in Inverness groß war, so kannten einen zum Schluss die meisten und nahmen von mir Abschied.

Als Highlight behalte ich den Ausflug auf die „Äußeren Hebriden“, den Tag mit der „Ambulance“ und die Wanderungen in den „Cairngorms“ in Erinnerung.

B., M.

Halle, Januar 2018

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