PJ in Großbritannien – Chirurgie

6. Oktober 2017

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Großbritannien, Land, Praktisches Jahr im Ausland

Großbritannien, Newcastle upon Tyne, Royal Victoria Infirmary (11.05.-07.07.2017)

Es war rundum fantastisch oder „magic“ – wie man im Englischen sagt. Die verschiedenen Einblicke in das Fach Chirurgie, aber auch in das staatlich organisierte Gesundheitssystem in Großbritannien, waren spannend. Und das Team, in dem ich am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne arbeiten durfte, war durchweg nett, freundlich, geduldig, vor allem, wenn ich subkutane Nähte im Zeitlupentempo genäht habe, und hatte Freude am Lehren!

Motivation – teaching und zurück zu tea & biscuits

Newcastle upon Tyne - die Stadt mit sieben Brücken
Newcastle upon Tyne – die Stadt mit sieben Brücken

Schon während meines sozialen Praktikums nach dem Abitur in einem Vorort von London hatte mich die britische Insel mit all ihren Besonderheiten begeistert: Schwarztee mit dem obligatorischen Schuss Milch, plötzliche Wetterwechsel und ach so kleine „Public Footpaths“. Gerne wollte ich irgendwann zurückkehren, um dort für eine gewisse Zeit zu leben und das Land weiter zu entdecken.

Durch meine Aufenthalte in Paris und London hatte ich gemerkt, wie bereichernd ein Auslandsaufenthalt sein kann und wollte auch die Möglichkeit nutzen, einen Teil des Praktischen Jahres (PJ) im Ausland zu verbringen. Da ich mein medizinisches Vokabular im Englischen verbessern wollte und mich die Idee eines staatlich organisierten Gesundheitssystems reizte, bemühte ich mich um ein sog. „elective“ in England.

Ich bewarb mich erfolgreich an der Newcastle University Medical School, weil ich Nordostengland bisher nicht besucht hatte und Newcastle versprach eine spannende Stadt zu sein. Ich entschied mich dafür, Chirurgie in England zu absolvieren, da ich gehört hatte, dass die klinische Ausbildung dort besonders gut sein soll und der Umgang mit Studierenden im PJ im Durchschnitt wertschätzender als in Deutschland.

Daher war ich flexibel, welche chirurgische Spezialisierung ich in England absolvieren würde. Da es während eines solchen „elective“ üblich ist, von einem „Consultant“ betreut zu werden und ich von Mr Griffiths, einem Chirurgen mit Spezialisierung auf Kolorektale Chirurgie, als erstes eine positive Antwort erhielt, verbrachte ich acht wunderbare Wochen von Mai bis Juli in der Kolorektalen Chirurgie des Royal Victoria Infirmary, einem Universitätsklinikum der Newcastle University Medical School in Newcastle upon Tyne.

Organisation meines „Elective“

Blick auf die altehrwürdige Peacock Hall am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne
Blick auf die altehrwürdige Peacock Hall am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne

Ich hatte mich neun Monate vorher bei der Medizinischen Fakultät der Newcastle University beworben. Alle wichtigen Informationen und Formulare findet man auf der entsprechenden Homepage der Newcastle University. Ich hatte mir eigenständig einen „Consultant“ als Betreuer gesucht, indem ich bei den dortigen Chirurgen per E-Mail angefragt habe. Dies ist wirklich zu empfehlen, da es den gesamten Bewerbungsprozess beschleunigt, weil die Betreuersuche nicht von der Fakultät übernommen werden muss.

In Newcastle upon Tyne gibt es ziemlich viele Angebote für Studierende aus dem Ausland, WG-Zimmer oder kleine Appartements für einen befristeten Zeitraum zu mieten. Ich habe in einer 6er-WG von „Erasmus Living“ im Herzen Newcastles gewohnt. Hier findet man die Angebote von „Erasmus Living“: http://www.erasmusliving.co.uk/property/88.html?lang=en

Meinen Auslandsaufenthalt hatte ich über ein Auslandsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert. Wenn man nicht Mitglied eines Studienförderwerkes ist, gibt es die Möglichkeit, Auslands-Bafög zu beantragen oder sich auf eines der Auslandsstipendien beim DAAD oder bei Medizinernachwuchs.de (Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien) zu bewerben.

Als Vorbereitung für ein „elective“ in der Chirurgie und auch als Nachschlagewerk währenddessen kann ich das „Oxford Handbook of Clinical Surgery“ (ISBN-10: 019969947X) empfehlen.

Wenn man an der Newcastle University Medical School ein Praktikum in chirurgischen Fächern absolviert, ist es üblich, dass zu Beginn eine betriebsärztliche Eingangsuntersuchung stattfindet. Dafür ist es sinnvoll, Impfpass und Ergebnisse vorangegangener betriebsärztlicher Untersuchungen mitzunehmen.

Meine Arbeit in Kolorektaler Chirurgie – zwischen OP, Ambulanz und Station

Der New Victoria Wing am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne
Der New Victoria Wing am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne

Es war eine intensive und abwechslungsreiche Zeit am Royal Victoria Infirmary, in der ich sehr viel über die typischen Krankheitsbilder und chirurgischen Grundtechniken gelernt habe. Das Team der Kolorektalen Chirurgie ist mit sechs Oberärzten, acht Assistentinnen und Assistenten eher groß und durchweg nett, freundlich, geduldig, vor allem, wenn ich subkutane Nähte im Zeitlupentempo genäht habe, und hat Freude am Lehren. Das tägliche Programm ist für eine chirurgische Station abwechslungsreich. Im Vergleich zu englischen Verhältnissen dürfen die Medizinstudierenden in dieser Abteilung viel selber machen.

Damit waren meine Aufgaben ähnlich zu denen, die man im PJ in Deutschland hat: Zugänge legen, im OP assistieren und in der Ambulanz Patienten untersuchen. Der angenehme Unterschied war allerdings, dass nichts von mir erwartet wurde, sondern ich mich auf das konzentrieren konnte, was mich am meisten interessierte. Es gab keinen festen Tagesablauf bis auf die Visite, die um 8:00 Uhr beginnt. Jeder Wochentag war etwas unterschiedlich, je nachdem, was auf dem abwechslungsreichen Wochenplan stand. Dabei richtete ich mich meistens nach dem Wochenplan meines Betreuers, konnte aber auch bei anderen „Consultants“ der Abteilung mit dabei sein, wenn ich das spannender fand.

Montags und freitags war ich meistens bei großen operativen Eingriffen dabei, hauptsächlich Kolektomien, und durfte assistieren, nähen und bei laparoskopischen Eingriffen die Kamera führen. Die Atmosphäre im OP war stets angenehm und die Operateure haben sich Zeit genommen, mir den Situs, Operationsschritte und Nahttechniken zu erklären.

Dienstags und donnerstagnachmittags war ich in der Ambulanz, was mir am besten gefallen hat. Dort durfte ich relativ schnell PatientInnen eigenständig untersuchen und die Fälle mit dem zuständigen „Consultant“ besprechen. Am Mittwoch war ich vormittags in der Endoskopie, denn diese Untersuchung wird in England auch von den Chirurgen durchgeführt. Am Nachmittag fand Unterricht für die Assistenzärztinnen und Assistenzärzte der gesamten Viszeralchirurgie und die interdisziplinäre Tumorkonferenz statt.

Donnerstagvormittags war ich meistens bei kleineren Eingriffen wie Fistulektomien und Hämorrhoiden dabei. Außerdem fand dienstags um 8:00 Uhr eine große Teambesprechung statt – natürlich bei Tee und Keksen. Wenn ich Leerlauf hatte, war ich in der Visite dabei, untersuchte spannende Patienten auf Station, übte Nahttechniken an Modellen oder genoss eine Pause im nahegelegenen „Leazes‘ Park“. Die Arbeitszeit war in der Regel von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr; für einen Termin frei zu bekommen, war aber stets möglich.

Ein paar Tage verbrachte ich in der chirurgischen Notfallambulanz, wenn jemand aus unserem Team dort Dienst hatte, und in der Radiologie, was ich über meinen Betreuer organisieren konnte.

Da Mr Griffiths ein sehr guter Lehrer ist, sowohl fachlich als pädagogisch, konnte ich während meines „elective“ besonders viel lernen und möchte ihm an dieser Stelle dafür danken! Besonders genossen habe ich die Atmosphäre im Team! Zum Abschied wurde ich mit einem „Guinness-Cake-Frühstück“ überrascht; ich bin noch immer gerührt!

Jolly good times in Newcastle upon Tyne

Ausflug nach Dunstanburgh Castle - einer Festung aus dem 14. Jahrhundert an der englischen Küste
Ausflug nach Dunstanburgh Castle – einer Festung aus dem 14. Jahrhundert an der englischen Küste

In Newcastle upon Tyne ist immer etwas los! An jeder Ecke gibt es Live-Musik, am Wochenende Farmer-Märkte und viele gute Pubs. Nur 20 Minuten mit der Metro entfernt liegt „Tynemouth“, ein kleiner Küstenort, in dem man wunderbar am Strand entlang spazieren kann und die besten „Fish ’n Chips“ bekommt.

Um die Stadt herum ist es wunderbar ländlich – perfekt für einen Ausflug am Wochenende. Endlos scheinende, einsame Sandstrände zwischen „Craster“ und „Bamburgh“, beeindruckende Burgen wie z.B. „Alnwick Castle“, „Dunstanburgh Castle“ oder „Bamburgh Castle“, typische englische Kleinstädte mit Kathedralen und Tearoom, so zum Beispiel „Hexham“ und „Corbridge“, und auch die Überreste von römischen Verteidigungsanlagen am „Hadrian’s Wall“ sollte man sich nicht entgehen lassen.

“The tearoom lady called me love. All the shop ladies called me love and most of the men called me mate. I hadn’t been here twelve hours and already they loved me”. – Bill Bryson, Notes from a Small Island

Bill Bryson fasst hier wunderbar in Worte, was das Besondere am britischen Umgangston ist: Höflichkeit und Nähe gleichzeitig! Und dann sind da noch dieser Optimismus und die stärkere Wertschätzung! Dies ist, gerade wenn man nur für einen kurzen Zeitraum im Land ist, wunderbar, um sich schnell einzuleben und Kontakte zu knüpfen.

Mein Fazit

Wandern am berühmten Hadrian's Wall in Großbritannien
Wandern am berühmten Hadrian’s Wall in Großbritannien

Es war rundum fantastisch oder „magic“ – wie man im Englischen sagt. Die verschiedenen
Einblicke in das Fach Chirurgie, aber auch in das staatlich organisierte Gesundheitssystem, waren spannend. Die Arbeitsatmosphäre in meinem Team am Royal Victoria Infirmary in Newcastle upon Tyne war stets angenehm!

Und die Wochenendausflüge waren top – vor allem der „Hadrian’s Wall“ Halbmarathon und die Wanderung entlang des „Bewick Coastal Path“ wird mir in wunderbarer Erinnerung bleiben.

P., A.
Tübingen, August 2017

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