Famulatur in der Schweiz – Neurochirurgie

27. Oktober 2017

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Land, Neurochirurgie, Schweiz

Schweiz, St. Gallen, Kantonsspital St. Gallen (01.08.-31.08.2017)

Wer Lust darauf hat, eine Menge zu lernen und persönlich gefordert zu werden, der ist in einer Famulatur auf der Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen in der Schweiz goldrichtig aufgehoben! Die Lernkurve während meines Aufenthaltes an dieser Klinik gestaltete sich für mich entsprechend steil.

Meine Entscheidung für das Kantonsspital St. Gallen

Vorab möchte ich klar betonen, dass ich vier sehr lehrreiche, spannende und angenehme Wochen am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) in der Schweiz verbringen durfte und eine solche Famulatur nur allen wärmstens empfehlen kann. Das Aufgabenspektrum ist vielfältig und umfasst Dinge, die man einem Famulanten in einer deutschen Klinik in den allerwenigsten Fällen überlassen würde.

Hinzu kommt die Arbeitskultur in der Schweiz, welche mehr Augenhöhe und flachere Hierarchien bedingt. Zu guter Letzt sei natürlich auch erwähnt, dass man vor dem Hintergrund deutscher Verhältnisse nahezu fürstlich entlohnt wird und auch eine kostengünstige Möglichkeit der Unterkunft existiert. Im Folgenden nun einige Details hierzu.

Die Bewerbung

Blick aus dem Kantonsspital St. Gallen gen Bodensee
Blick aus dem Kantonsspital St. Gallen gen Bodensee

Ich hatte mich bereits gut acht Monate vor Beginn der Famulatur um einen vierwöchigen Platz als „Unterassistent“ in der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen bemüht. Auf eine erste Schwierigkeit hinsichtlich Famulaturen in der Schweiz im Generellen sei gleich zu Beginn hingewiesen: Das deutsche System von Famulaturen existiert in dieser Form in der Schweiz nicht. Die Arbeitsbezeichnung „Unterassistent“ in der Schweiz beschreibt denn auch im Grunde nicht den Famulanten, sondern den PJler! Ergattert man sich also einen Famulatur Platz in der Schweiz, so kann man sich berechtigte Hoffnungen darauf machen, vor Ort quasi auch wie ein PJler behandelt zu werden – auf diesbezügliche Vorteile gehe ich in Puncto Aufgabenspektrum noch ein.

Ich organisierte die Famulatur über einen persönlichen Kontakt in der Klinik. Die Bewerbung umfasste ein Motivationsschreiben, einen tabellarischen CV sowie das Physikums Zeugnis. Ich könnte mir aber sehr gut vorstellen, dass eine gute und durchdachte Initiativbewerbung für eine Famulatur auch ohne einen vorherigen Kontakt in der Klinik erfolgreich wäre.

Einstieg und erste Eindrücke an der Klinik

Die Aussicht aus den Patientenzimmern am Kantonsspital St. Gallen
Die Aussicht aus den Patientenzimmern am Kantonsspital St. Gallen

Insgesamt waren wir drei „Unterassistenten“ in der Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen, allesamt Medizinstudierende im siebten Semester an einer nicht schweizerischen Universität. Der Beginn der Famulatur geriet für uns alle ein wenig konfus, was meiner Meinung nach in drei Umständen begründet lag. Zum einen befindet sich die Klinik der Neurochirurgie in einem über zwanzig Stockwerke umfassenden Hochhaus auf dem Campus des Kantonsspitals St. Gallen und ist in diesem über mehrere, nicht direkt aufeinander folgende, Etagen verteilt. So findet sich beispielsweise das Sekretariat sowie das Büro der Chefärztin in der 19. Etage, der OP-Trakt in der 18., die Privatstation in der 12. sowie zwei weitere Bettenstationen in der 5. und 6. Etage. Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Aufgliederung Neuankömmlingen wenig intuitiv erscheint und erst verinnerlicht werden muss, was aber rasch gelingt.

Eine zweite Erschwernis ergab sich aus ersterem Grund. Das Personal der Station verteilt sich nach dem morgendlichen Rapport sogleich über alle neurochirurgischen Etagen sowie andere Einrichtungen wie etwa die chirurgische Intensivstation, sodass es zu Beginn etwas schwer fiel, einen festen Ansprechpartner zwecks Einarbeitung zu identifizieren. Wir lösten das Problem, indem wir uns an verschiedene Assistenzärzte hefteten, was gut funktionierte.

Schließlich sei erwähnt, dass das IT-System der Klinik vor allem zu Beginn durchaus sperrig ist. Verschiedene Funktionen wie das Verfassen von Eintrittsberichten, Bildgebung, OP-Planung und pathologische Befunde sind in voneinander getrennten Programmen angelegt, sodass es einige Zeit kostet, hierüber den Überblick und die Sicherheit im Umgang zu gewinnen, denn dieses ist essentiell für die Erfüllung der täglichen Arbeit als „Unterassistent“. Optimal wäre eine kompakte und umfassende IT-Schulung in Anlehnung an unser Aufgabenspektrum gleich zu Beginn gewesen. Jedoch hat man als Studierender der Humanmedizin in der Regel seine fünf Sinne ja beisammen und bewältigt auch derartige Herausforderungen.

Meine Famulatur in der Neurochirurgie

Der Klinik Tower des Kantonsspitals St. Gallen in der Schweiz
Der Klinik Tower des Kantonsspitals St. Gallen in der Schweiz

Ein typischer Tag auf der Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen startete für mich mit dem morgendlichen Rapport in der 19. Etage, an welchem alle anwesenden Ärzte samt der Chefin der Neurochirurgie teilnahmen. Hier wurden die Fälle der zurückliegenden Nacht sowie das anstehende OP-Programm des jeweiligen Tages besprochen.

Danach begaben wir uns auf Station, in der Regel in das Zimmer der Assistenzärzte in der 5. Etage, um unter uns „Unterassistenten“ die Eintritte des Tages „aufzuteilen“ respektive zu besprechen, wer diesmal in den OP geht – entspannt, denn als erste Assistenz bei einer OP war mindestens einer von uns so gut wie jeden Tag eingeteilt. Nachdem dies geschehen war, ging man entweder in den OP oder las sich in seine jeweiligen Fälle ein.

Danach starteten dann die Untersuchungen neuer Patienten, welche für einen chirurgischen Eingriff, in der Regel am Folgetag, zu uns in die Klinik eintraten. Diese Untersuchungen bildeten im Grunde eine grobe Erfassung des Neurostatus, das Erfassen von Medikamenten sowie eine relativ ausführliche Gesprächsanamnese ab. Die Eintrittsuntersuchungen fanden in aller Regel im Patientenzimmer statt. Auf Grundlage der so zum Patienten erlangten Informationen ließ sich zum einen das Arzneimittelverordnungsblatt für die Station ausfüllen, welches durch einen Assistenzarzt gegengelesen und signiert werden musste, sowie der Eintrittsbericht verfassen, welcher als Basis für den Austrittsbericht an den Hausarzt sowie andere weiterbehandelnde Ärzte diente und im System abgelegt wurde.

Nach bzw. entlang der Verrichtung dieser Aufgaben liefen wir immer wieder mit den Assistenzärzten mit und gingen bei kleineren Aufgaben zur Hand. Im Gegenzug bekamen wir sehr viel erklärt und durften unter Anleitung das eine oder andere auch selbst machen wie zum Beispiel Nähen von Notfallpatienten, Assistenz im Schockraum, Lumbalpunktionen und weiteres.

Hinzu kamen tägliche Stationsvisiten, auf welchen wir unsere aufgenommenen Patienten vor der Chefärztin oder einem der Oberärzte vorstellen mussten, als auch der ebenfalls tägliche Röntgenrapport am Nachmittag, auf welchem anhand vorliegender Bildgebung ebenfalls die aufgenommenen Patienten kurz vorgestellt werden mussten. Beides sind sehr gute Übungen, vor einer versammelten Ärzteschaft präzise und kompakt die relevanten Informationen zu einem Fall schlüssig darzulegen. Nicht selten kamen hier konkrete Rückfragen, sodass man gut daran tat, seine Patienten gründlich zu kennen.

An den Röntgenrapport schloss sich stets die Visite auf der chirurgischen Intensivstation an, auf welcher der eine oder andere neurochirurgische Patient befindlich war.

Der Tag endete in der Regel zwischen 18:00 Uhr und 19:00 Uhr am Abend, wenn allmählich Ruhe auf den Stationen einkehrte. Die Arbeitszeiten waren somit moderat und angesichts der Unterkunft in Fußnähe in meinen Augen keine Belastung.

Zu den erwähnten „Programmpunkten“ im Tagesablauf kommen wöchentlich stattfindende, interdisziplinäre Tumorboards sowie sogenannte „Journal Clubs“ hinzu, bei welchen eine wissenschaftliche Besprechung relevanter Fälle und Studien stattfindet.

Beinahe tägliches Operieren in erster Assistenz, selbstständige Eintrittsuntersuchungen von mitunter komplexen Patienten auf Station, das Verfassen von Arzneimittelverordnungen sowie Eintrittsberichten, das Vorstellen von Patienten auf Visiten und in Rapporten, die Erprobung mitunter anspruchsvoller Techniken wie z.B. einer Lumbalpunktion – das Aufgabenspektrum eines „Unterassistenten“ auf der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen geht meiner Meinung nach weit über das hinaus, was man als Famulant üblicherweise in Deutschland erwarten darf. Entsprechend steil gestaltet sich die Lernkurve entlang des Aufenthalts. Wer also Lust darauf hat, eine Menge zu lernen, aber auch durchaus intellektuell und persönlich gefordert zu werden, der ist in dieser Famulatur goldrichtig aufgehoben!

Das Kantonsspital in St. Gallen – ein wirklich zu empfehlendes Ziel!

Ein Eindruck von unserem Wandertag im Alpstein - einem Bergmassiv der Appenzeller Alpen
Ein Eindruck von unserem Wandertag im Alpstein – einem Bergmassiv der Appenzeller Alpen

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf einige etwas „banalere“ Aspekte eingehen, welche in meinen Augen aber entscheidend zum angenehmen Charakter der Famulatur auf der Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen in der Schweiz beigetragen haben. Zuvorderst sei hier natürlich der Umstand der Bezahlung genannt. Etwas über 1.000 CHF verdient man in den vier Wochen, wovon nochmal gut 370 CHF für die Unterkunft abgezogen werden, sodass man in Summe auch trotz etwas höherer Lebenshaltungskosten in der Schweiz definitiv nicht mit einem Minus aus der Famulatur geht.

Des Weiteren versteht sich das Kantonsspital St. Gallen wirklich als Unternehmen, welches seinen Angestellten regelmäßig etwas bieten möchte. So kam ich beispielsweise in den Genuss eines Wandertags im Alpstein, einem Bergmassiv der Appenzeller Alpen, an welchem ein großer Teil des neurochirurgischen Personals teilnahm. Und nicht zuletzt sei auf die hervorragende Qualität des Essens in der Kantine der Klinik verwiesen.

Mein Fazit

Blick auf St. Gallen in der Schweiz
Blick auf St. Gallen in der Schweiz

Im Fazit kann ich eine Famulatur in der Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen angesichts der geschilderten didaktischen, organisatorischen und finanziellen Aspekte nur empfehlen und wünsche allen viel Erfolg bei ihrer Bewerbung!

O., R.

Freiburg, September 2017

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