PJ in Südafrika – Chirurgie / Viszeralchirurgie / Traumatologie

2. Juni 2017

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Südafrika, Kapstadt, Tygerberg Academic Hospital (21.11.2016-12.03.2017)

Das Chirurgie Tertial in Südafrika – ein Klassiker für die deutschen Medizinstudierenden? Vielleicht. Es gibt sehr viele Gründe, weswegen es zu jedem Tertial Beginn für viele heißt: „Ab nach Südafrika!“ Es hängt aber schlussendlich nur von jedem persönlich ab, wie man die Zeit in diesem wunderschönen Land verbringt und was man dabei lernt!

Mein Ziel: Südafrika

Sonnenuntergang auf Signal Hill in Kapstadt
Sonnenuntergang auf Signal Hill in Kapstadt

Für mich stand schon seit meinem Praktikum in Ghana vor vier Jahren fest, dass ich zum PJ wieder nach Afrika gehen möchte und aufgrund der Landessprache und der „PJ-Tradition“ hatte ich mich bewusst für Südafrika entschieden. Die Entscheidung, welches Fach ich in Südafrika absolviere, fiel auch relativ leicht, denn der Arbeitsalltag in der Chirurgie wird im Vergleich zu anderen Fächern noch am geringsten durch potentielle Sprachprobleme erschwert. Die ausschlaggebenden Gründe waren dann aber vor allem die Neugier bzw. das Wiederverlangen nach dem Arbeiten in einem nicht unbedingt „first-world-OP“.

In Kapstadt gibt es gleich zwei Universitätsklinika – das Groote Schuur Hospital der University of Cape Town und das Tygerberg Academic Hospital der University of Stellenbosch. Das Letztere liegt zwar am Rande Kapstadts, man braucht ca. 20 Minuten mit dem Auto ins Zentrum, dafür aber werden gerade hier vor allem Patienten von den „Cape Flats“, dicht besiedelte Wohngebiete und Townships, versorgt und dies war ebenfalls meine Priorität.

Als ich dann mit dem 2. Staatsexamen in der Tasche endlich im Flugzeug Richtung „Mama Africa“ saß, habe ich pure (Vor-)Freude gespürt. Dieses Gefühl hat mich bis März dann nicht mehr verlassen…

Bewerbung und anfallende Gebühren

Die Sonnenaufgänge post-Nachtdienst am Tygerberg Academic Hospital der University of Stellenbosch in Südafrika
Die Sonnenaufgänge post-Nachtdienst am Tygerberg Academic Hospital der University of Stellenbosch in Südafrika

Wer sich für ein PJ-Tertial, vor allem in der Chirurgie, an Tygerberg Academic Hospital bewerben will, muss in erster Linie sehr geduldig sein. Die Antworten vom „International Office“ kommen in der Regel sehr spät – wenn überhaupt. Ich hatte mich bereits im Sommer 2014, sprich zweieinhalb Jahre vor dem eigentlichen Tertial Beginn, gemeinsam mit meinen zwei Kommilitonen beworben. Damals mussten wir folgende Unterlagen abschicken:

  • Bewerbungsformular (wird vom „International Office“ zugeschickt), muss u.a. im hiesigen Dekanat abgestempelt werden
  • Registrierungsformular des „Health Professions Council of South Africa“ (HPCSA) (wird ebenfalls zugeschickt)
  • Ein Lebenslauf
  • Eine Kopie des Reisepasses
  • sowie einen Sprachnachweis („TOEFL“ oder „IELTS“), den ich allerdings nicht hatte, war aber nach höflichem Nachfragen auch kein Problem.

Die Zusage kam dann im Januar 2015 und alle offiziellen Dokumente wie „Letter of Acceptance“, Informationen zur Unterkunft und zu den Gebühren kamen dann im März 2015. Danach hieß es, dass wir bereits alles bezahlen sollen, aber dass es voraussichtlich zu jährlichen Preiserhöhungen kommen kann. Alles sehr konfus, aber zusammengefasst haben wir folgende Gebühren an die University of Stellenbosch überweisen müssen:

  • International Registration Fee” = 6.700Rand (ca. 510€)
  • Affiliation Fee“ (= Studiengebühren) für 16 Wochen = 9.600Rand (ca. 720€)

Jährlich werden die Gebühren in der Regel um ca. 10 Prozent erhöht. Es erscheint für uns „verwöhnte“ Europäer auf den ersten Blick vielleicht als ganz schön viel Geld, allerdings müssen die lokalen Studenten noch um einiges mehr bezahlen.

Visum!

Her Majesty - the Table Mountain in Cape Town
Her Majesty – the Table Mountain in Cape Town

Da ein PJ-Tertial leider länger als 90 Tage dauert, benötigt man als EU-Bürger ein Studentenvisum. Theoretisch gelten für alle EU-Bürger die gleichen Voraussetzungen, praktisch war es natürlich wieder mal anders. Meine zwei Kommilitonen (deutsche und österreichische Staatsbürgerschaft) und ich (tschechische Staatsbürgerschaft) mussten uns auf den Weg jeweils nach München, Wien und Prag machen. Leider ermöglichen die Südafrikanischen Botschaften keinen anderen Weg, das Visum zu beantragen, als bei einem persönlichen Besuch. Es werden außerdem folgende Unterlagen benötigt:

  • Antragsformular (auf der Webseite der jeweiligen Südafrikanischen Botschaft zu finden)
  • Ärztliches Attest
  • Röntgen Thorax mit Befund (explizite Frage nach möglichen tuberkulosebedingten Pathologien)
  • Führungszeugnis
  • Kontoauszug der letzten drei Monate
  • Eine Buchungsbestätigung des Rückflugs
  • Krankenversicherung (die kostengünstigste Alternative war eine Versicherung für Studenten von „Momentum Health“ für ca. 100€/4 Monate)
  • Letter of Acceptance“ der University of Stellenbosch
  • Confirmation of Accommodation“

Genau wie es aussieht, ist es auch tatsächlich eine mühsame Prozedur. Am kulantesten war die Botschaft in Wien, die als „Confirmation of Accommodation“ alleine den E-Mail-Verlauf mit der Unterkunftskoordinatorin anerkannt hat. Nach ein paar Wochen haben sie per Post den Reisepass mit einem ab jetzt (damals August) gültigem Visum zugeschickt. Die Botschaft in München wollte zwar alles „Schwarz auf Weiß“ haben, es war aber sonst ebenfalls nicht problematisch.

Wie fast schon erwartet, hat sich die Botschaft in Prag in jeglicher Hinsicht quergestellt. Ich durfte das Visum erst im Oktober beantragen, damit es frisch ausgestellt wird. Damit hatte ich natürlich auch kaum Puffer aufgrund des kommenden Staatsexamens. Oben drauf wollten sie auch alle Dokumente offiziell auf Englisch übersetzt haben und aus mir unbekanntem Grund benötigten sie auch die Buchungsbestätigungen von meinen Flügen nach Südafrika, was ebenso kompliziert war, weil ich zuerst nach Tansania und Sansibar geflogen bin und von da dann nach Johannesburg bzw. Kapstadt.

Als sie meinen Antrag zum dritten Mal dann angenommen haben, war die „Odyssee“ noch nicht zu Ende. Sie hatten sich netterweise zwar mein Ankunftsdatum in Südafrika gemerkt, nicht aber das Abflugdatum aus Europa und ich habe dann letztendlich mein Visum 24 Stunden vor meinem Abflug erhalten. Jetzt im Nachhinein vermute ich, dass es ein Vorgeschmack für „T.I.A.“ – „This is Africa“ – war.

Reisevorbereitungen

Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt - Reguläre Bettplätze gibt es auch in den Gängen
Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt – Reguläre Bettplätze gibt es auch in den Gängen

Der größte Aufwand bei den Reisevorbereitungen war natürlich das Visum, denn abgesehen davon, hatte ich mich auf meine Reise nicht wirklich vorbereitet. Als der Staatsexamenslernstress noch nicht allzu groß war, hatte ich immer wieder gerne nach günstigen Flügen gesucht, vor allem weil ich „auf dem Weg“ nach Südafrika noch einen tropischen Urlaubs-Abstecher machen wollte. Im Rahmen der „Prokrastination“ habe ich dann Flüge Prag-Dubai-Muscat-Sansibar-Dar Es Salaam-Johannesburg-Kapstadt für insgesamt 450€ und dann einen Rückflug Kapstadt-Zürich (mit Zwischenstopp in Dubai) für 290€ gefunden.

Als ein großer Fan von „Couchsurfing“ hatte ich auch kaum Reiseführer gelesen oder mitgebracht, weil ich die Tipps und das Erkunden vor Ort mit den „Locals“ bevorzuge. Und auch diesmal war ich mit dieser Entscheidung mehr als zufrieden. Ich bin lediglich mit einem „Backpack“ aus Europa los, weil mich meine Eltern sowieso über Weihnachten besuchten und mir so noch einen Koffer mit den restlichen Sachen, vor allem für die nächsten beiden Tertiale in der kalten Schweiz, mitbringen konnten.

Alles lief problemlos, bis auf den Moment, als ich – bereits wartend auf das Boarding für den Flug nach Kapstadt – erfahren musste, dass ich erst am Samstag in die Lodge einziehen durfte. Leider war es Mittwochabend. Zum Glück hatte ich auf Sansibar ein paar „Capetonians“ kennengelernt, bei denen ich dann in Kapstadt in „Sea Point“ mit Ausblick auf „Lion’s Head“ die paar Tage übernachten durfte.

In der Viszeralchirurgie am Tygerberg Academic Hospital

Die permanent überfüllte chirurgische Aufnahmestation C1 DEast am Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt
Die permanent überfüllte chirurgische Aufnahmestation C1 DEast am Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt

Kaum zu fassen, wie schnell die Zeit und das Studium vergeht – der erste PJ-Tag steht an! Wie aufregend!“ An unserem ersten Montag wurden wir alle im „International Office“ begrüßt und kurz über die Organisation informiert. Nachdem wir unsere Namensschilder, Karten und Rotationsunterlagen erhalten hatten, wurden wir noch kurz durch das Krankenhaus geführt und ein paar Ärzten vorgestellt.

Vom 21.11.2016-22.01.2017 arbeitete ich in der Viszeralchirurgie am Tygerberg Academic Hospital in Kapstadt. Der erste eigentliche Arbeitstag war dann mehr als chaotisch – wir wurden total ungleichmäßig in Teams („Firms“) zugeteilt, einige waren total überlaufen, andere hatten kaum „Electives“. Es hat nochmal mindestens zwei Wochen gedauert, bis wir das System verstanden hatten.

Es gab vier „Firms“ (Monday, Tuesday, Wednesday and Thursday), die an den jeweiligen Tagen immer alle Patienten aufgenommen, da hieß es auch 24-Stunden-Dienste, und fast alle auch weiterbetreut haben. An anderen Tagen haben sie ihre elektiven Eingriffe durchgeführt. Jede „Firm“ bestand auf einem „Consultant“, ungefähr unser Oberarzt, zwei „Registrars“ (fortgeschrittene Assistenzärzte) und einem „Intern“ (ein promovierter Arzt, vergleichbar mit einem Arzt im Praktikum bzw. „Turnusarzt“). Da jeder „Consultant“ auch noch über eine weitere Spezialisierung verfügte, wurden oft die Patienten unter den „Firms“ getauscht. Ich war mit zwei weiteren deutschen Medizinstudentinnen in der „Thursday Firm“ und unser „Consultant“ war ein Leber- und Gallenblasenspezialist, von daher hatten die meisten unserer Patienten auch Pathologien aus diesem Bereich.

Die Visite ging zweimal die Woche um 6:00 Uhr los, ansonsten um 8:00 Uhr. Unsere Patienten lagen auf fünf verschiedenen Stationen, die nicht mal nebeneinander waren, daher hat es meistens gleich zwei Stunden gedauert, bis wir alle Patienten visitiert hatten. Danach gab es „Ward Work“ zu erledigen, meistens Blutabnahmen oder Nadeln legen, manchmal gab es auch Aszites- oder Pleurapunktionen. Danach konnte oder musste man in den OP für die elektiven Eingriffe.

Die ersten fünf Wochen hatten die südafrikanischen Medizinstudenten Ferien und die Ärzte waren teilweise wirklich auf unsere Assistenz im OP angewiesen. Das hieß für uns, dass wir vor allem die Donnerstage abdecken mussten, was wir aber immer unter uns drei ganz gut regeln konnten. Da wir alle drei in der Lodge gewohnt haben, war es auch immer in Ordnung, dass wir nach Hause gehen durften, wenn nicht viel los war. In den Diensten mussten wir aber immer telefonisch erreichbar sein und es gab kaum Dienste, in denen wir nicht in den OP mussten.

OP-Pläne per se kann man am Tygerberg Academic Hospital nicht finden, dafür aber eine sogenannte „push in list“, auf der die Notfalleingriffe nach Dringlichkeit geordnet werden. Und selbst das „Tygerberg“ als zweitgrößtes Krankenhaus Südafrikas konnte nie alle effektiv versorgen. Eine stinknormale akute Appendizitis, die in Deutschland innerhalb von zwei Stunden auf dem Tisch liegen würde, musste hier, teilweise perforiert, mehrere Tage warten, bis sie drankam. Es gab einfach leider noch dringendere Notfälle von der Traumatologie wie z.B. Waffenschuss- und Stichverletzungen, die dann immer vorgezogen wurden. Abends oder nachts waren dann also meistens Laparotomien auf dem Programm, die bereits mit einem Eiter- oder Blutspritzer nach der Bauchdeckenöffnung begonnen haben.

Bei den OPs durfte man abgesehen von Haken halten und saugen meistens nicht allzu viel alleine machen, aber es gab immer wieder Highlights wie Harnblase zunähen oder Ulcusübernaht (teilweise) selber durchführen.

Nach den Weihnachtsferien sind in unsere „Firm“ noch zwei südafrikanische Medizinstudenten, ein Holländer und zwei Belgier dazugekommen. Die südafrikanischen Studenten waren ebenfalls „final year students“, auch „SI“ („student intern“) genannt. Man merkte sofort, dass die Ärzte viel strenger und auch unfairer ihnen gegenüber waren. Das fand ich sehr schade und habe immer wieder versucht, ihnen ein bisschen Arbeit abzunehmen, weil sie im Vergleich zu uns nicht nur viel mehr arbeiten mussten, sondern sie mussten sich auch auf ihre Prüfungen vorbereiten.

Leider muss ich gestehen, dass die Ärzte nicht sonderlich an Lehre oder Mitarbeit, vor allem uns „Electives“ gegenüber, bemüht waren. Man muss diese Tatsache immer von zwei Perspektiven betrachten. Die „Electives“ haben überwiegend einen Ruf als Studenten, die nach Südafrika zum Urlaubmachen kommen, kaum ins Krankenhaus gehen, nicht arbeiten wollen und die größte Mühe, die sie sich hier geben, ist das Holen von Unterschriften für die PJ-Bescheinigungen…

Und leider Gottes war es auch bei den meisten von uns so. Selbst wenn man einigermaßen motiviert kommt, tut man sich schwer, irgendein System bzw. die eigenen Aufgaben in dem Chaos zu finden. So ist es auch verständlich, dass man sich im Krankenhaus im Vergleich zum Strand oder Pool doch ein bisschen fehl am Platz fühlen kann. Ich würde trotzdem jeden ermutigen, nicht nach den ersten Wochen aufzugeben! Wenn man tatsächlich täglich ins Krankenhaus kommt, merken die Ärzte relativ schnell, dass man doch nicht der „klassische faule Elective“ ist und lassen einen auch sehr viel machen oder zeigen und erklären viele Sachen.

Während des Semesters gab es für die südafrikanischen Studenten jeden Tag gleich mehrere „tuts“ (Seminare) mit gezielter Prüfungsvorbereitung, die für uns vielleicht primär nicht allzu relevant waren. Ich habe sie aber gerne besucht, weil da Themen besprochen wurden, die auch in unserem Lernzielkatalog durchaus vorhanden sind.

Auf der Traumatologie am Tygerberg Academic Hospital

Freiheitserziehende Maßnahmen im Front Room
Freiheitserziehende Maßnahmen im Front Room

Vom 23.01.-12.03.2017 war ich dann auf der Traumatologie am „Tygerberg“. Die Traumatologie ist nicht die Unfallchirurgie, die wir aus Deutschland kennen, sondern viel mehr tatsächlich eine Art Notfallchirurgie, das Patientenspektrum ist in den meisten Fällen auf Verkehrs-, Waffenschuss- oder Stichopfer begrenzt. Das ist für uns natürlich etwas völlig Neues, aber ich habe es stets für extrem spannend gehalten.

Neben einer Station gibt es vor allem den „Front Room“ (chirurgische Notaufnahme), der von den „Emergency“ Ärzten gemeinsam mit den Trauma- und ggf. Neurochirurgen betreut wird. Im Vergleich zur Viszeralchirurgie gibt es in der Traumatologie keinerlei System oder Einteilung für die „Electives“. Es ist nochmal viel verwirrender und man findet sich hier ohne große Eigeninitiative kaum zurecht.

Da ich bereits vor meinem offiziellen Beginn in der Traumatologie öfters mit anderen „Electives“ im „Front Room“ war, wusste ich, was auf mich zukommen würde. Sehr viel Nähen, Blutabnehmen, BGAs und wenn man eben dranbleibt und die Ärzte wissen, dass man etwas draufhat, kann man Thoraxdrainagen oder ZVKs legen und mit etwas Vorerfahrung, war bei mir nicht der Fall, auch intubieren. Es ist natürlich immer wieder Glück, was gerade in den „Front Room“ geliefert wurde, also auch hier hieß es wieder: „Geduld ist mehr als angesagt“.

Ich bin dann meistens morgens auf die Station gegangen, wo wir die Patienten unter uns verteilt haben, die wir dann täglich visitiert haben. Über diese Patienten mussten wir auch immer bei der Visite berichten können. Nach dem Erledigen des „ward works“ hieß es hier ebenfalls meistens Feierabend.

Die Sonntagnächte, ca. 22:00 Uhr bis „open end“, mal bis 5:00 Uhr, mal aber auch bis 9:00 Uhr, habe ich fast immer im „Front Room“ gearbeitet, oft auch die Freitags- oder Samstagsnächte, wenn ich gerade nicht mit dem Rettungsdienst oder einfach mal privat unterwegs war. In diesen Nächten, vor allem am Monatsende nach dem „Pay Day“, war besonders viel los, die Patienten mit Stichwunden oder Schusswunden haben sich oft gestapelt.

Zeitweise haben im „Front Room“ ein paar kanadische Gastärzte gearbeitet, die sich immer sehr viel Zeit für uns genommen haben und die „Teaching Sessions“ um 4:00 Uhr morgens sind irgendwann zur Regel geworden! Prinzipiell gab es immer wieder Versuche, uns „Electives“ in die Studentendienstpläne einzuteilen, aber da keiner den Überblick hatte, wer alles im Moment in der „Trauma“ eingeteilt ist, sind die Versuche meistens sofort gescheitert. Es hat auch keinen wirklich interessiert, wann wir kommen und wann wir gehen, meistens haben sich die Ärzte über Aushilfe jeder Art sehr gefreut! Man musste halt – wie immer – motiviert bleiben und selbst die Chancen ergreifen!

Meine Zeit im Rettungsdienst

Kurz vor einem der wilden Nachtdienste in Südafrika
Kurz vor einem der wilden Nachtdienste in Südafrika

Über die Möglichkeit, mit dem Rettungsdienst mitfahren zu können, habe ich per Zufall von einem der „Emergency Electives“ erfahren, dem es ebenfalls zufällig angeboten wurde. Offiziell dürfen nämlich nur „Emergency Electives“ mitfahren, aber da das „Emergency College“ unabhängig von der University of Stellenbosch läuft, konnte im Endeffekt eh keiner herausfinden, von welcher Abteilung wir eigentlich kommen.

Am Anfang musste man einen „Kurs“ absolvieren, in dem einem eigentlich nur die Gefahr nochmal deutlicher klargemacht wurde und danach musste man sehr viele Dokumente unterschreiben, dass der Rettungsdienst keinerlei Verantwortung für alle möglichen Sachen übernimmt, die uns passieren könnten.

Mein erster Dienst hätte ein Tagesdienst sein sollen, es wurde aber kurzfristig geändert und es war doch ein Nachtdienst und zwar gleich in der „Eerste River/Delft“ Nachbarschaft, die für ihre notorisch hohe Kriminalitätsrate bekannt ist. Es war einfach nur heftig, aber ich habe es geliebt. Es war unglaublich interessant, die Lebenssituation in den Townships und Communities ein bisschen näher kennenzulernen, zu sehen, wie die „Day Hospitals“ aussehen, und sich natürlich auch das präklinische „Trauma Management“ gut aneignen zu können. Es gab durchaus gefährliche Situationen, in denen wir uns als Crew befanden, aber es ist Gott sei Dank nie etwas passiert. Es ist aber keine Seltenheit, dass Krankenwagen angeschossen oder ausgeraubt werden…

Ich habe jeden Dienst sehr genossen und hätte mir gewünscht, öfters mitgefahren zu sein.

Weitere Chance: Neurochirurgie am Tygerberg Academic Hospital

Wenn die Blutgasanalyse zu sehr wehtut...
Wenn die Blutgasanalyse zu sehr wehtut…

Abgesehen von den beschriebenen Abteilungen habe ich auch immer wieder mit den Neurochirurgen mitgearbeitet. Einmal bin ich nach einem viszeral chirurgischen Eingriff länger im OP geblieben und wurde beim Anschauen eines Schädel-MRIs von einem der Neurochirurgen angesprochen. Ich möchte später gerne Neurochirurgie machen, daher wollte ich die Chance natürlich ausnutzen und bin auch für seine OPs geblieben. Und da eh die Kommunikation im Tygerberg Academic Hospital überwiegend über WhatsApp läuft, konnte ich ihn und später auch seine Kollegen dann immer beliebig anschreiben, ob sie etwas Interessantes auf dem Programm hätten und durfte auch jedes Mal assistieren oder mir bestimmte Eingriffe ansehen.

Die Unterkunft

Bereits oben hatte ich erwähnt, dass man bei der Bewerbung geduldig sein muss. Was die Unterkunftsfrage angeht, fällt mir nur noch folgender Spruch ein: „Die Geduld ist die Kunst zu hoffen“. Wenn alle „Tygerberg Electives“ eine Statistik ausarbeiten würden, wäre die Erfolgsrate ungefähr bei 20 Emails/1 Antwort. Die Unterkunftskoordinatorin lässt sich extrem viel Zeit und die „Electives“ in ewiger Unsicherheit, ob es klappt oder ob man doch obdachlos in Kapstadt landen wird. Wie immer funktioniert es aber doch irgendwie und ich wurde für „günstige“ 20.660Rand (ca. 1.560€) in der „International Elective Lodge“ in einem ca. 7 m2 großen Einzelzimmer unterbracht. Im Vergleich zu den Studiengebühren wird man hier als „International Elective“ tatsächlich über den Tisch gezogen.

Die Lodge ist quasi ein Wohnheim, das aus acht „Units“ (A, B, D, E, F, G, H und K) und einem großen „Common Room“ besteht. In jeder „Unit“ können bis zu 12 „Electives“ in Einzel- und Doppelzimmern unterbracht werden. Bei mir in der „D-Unit“ gab es fünf Doppelzimmer und ein Einzelzimmer, eine große Küche und drei Badezimmer mit insgesamt drei Toiletten, zwei Duschen und einer Badewanne. Wenn die „Unit“ vollbesetzt war, war es schon manchmal knapp, aber es gab auch Zeiten, in denen wir nur zu zweit dort gewohnt haben.

Der „Common Room“ war ein sehr großer Raum mit Couches, Tischen, Stühlen, Toiletten, zwei Fernsehern und draußen mit einer Grillecke, wo wöchentlich mittwochs in Form eines „Braai“, südafrikanischer Ausdruck für Barbecue, gegrillt wurde. Im „Common Room“ war eigentlich immer irgendetwas los, vom gemütlichen Chillen bis zu nächtelangen Partys, die dann für diejenigen mit Zimmerfenster zum „Common Room“ nur mit Ohropax überlebt werden konnten. Die Lodge war die meiste Zeit mehr oder weniger sehr international – Deutsche, Österreicher, Schweizer, Holländer, Belgier, Australier, Kanadier, Amerikaner, Briten und meine tschechische Wenigkeit.

Als wir damals als eine große Gruppe von ca. 20 deutschen PJlern und noch ca. 10 australischen „Electives“ angefangen haben, war das „Social Life“ in der Lodge noch sehr ruhig. Daher habe ich es nie verstanden, warum wir von den Ärzten und teilweise anderen Studenten verarscht wurden, dass unsere Lodge „Temptation Island“ genannt wird. Ich lasse diese Aussage absichtlich ohne weitere Erklärung, da sich jeder sein eigenes Bild machen muss. Ich sage nur: „In „Temptation Island“ wird es nie langweilig“.

Finanzierung des PJ-Aufenthaltes in Südafrika

Ein Muss bei einem Aufenthalt in Südafrika - die wundervolle Garden Route
Ein Muss bei einem Aufenthalt in Südafrika – die wundervolle Garden Route

Glücklicherweise wurde ich bei meinem PJ-Abschnitt in Südafrika durch Medizinernachwuchs.de als Stipendiatin eines der Auslandsstipendien unterstützt, wofür ich sehr dankbar war! Südafrika ist nämlich per se für uns schon ein preiswertes Land, allerdings ist das Leben der „Electives“ alles andere als günstig. Es geht schon mit der Mobilität los – ohne Auto ist man hier leicht verloren. Meistens teilen sich zwei bis vier „Electives“ ein Auto. Wir waren zu dritt und haben pro Kopf ca. 100€ Miete pro Monat bezahlt. Der Sprit ist in Südafrika zwar preiswert, aber die zu überbrückenden Entfernungen sind auch viel länger. Und zum Weggehen oder zu „Wine Tastings“ muss man dann sowieso „Uber“ nehmen.

Im Großen und Ganzen würde ich die Ausgaben so begründen: Südafrika ist ein wunderbares Land und man sollte die vier Monate hier so gut wie möglich ausnutzen, aber es muss jedem auch klar sein, dass man unter dem Strich locker dreimal so viel ausgibt wie in Deutschland – Reisen exklusive.

Das Leben in Südafrika

Ein unglaubliches Erlebnis - Up the Creek River Music Festival in Cape Town
Ein unglaubliches Erlebnis – Up the Creek River Music Festival in Cape Town

Ich glaube, dass jedem, der bis hierher alles durchgelesen hat, klar sein muss, wie sehr ich das Leben in Südafrika geliebt habe! Das Land hat mich von Anfang an fasziniert – sowohl positiv als auch negativ. Es gibt wahrscheinlich kein anderes Land, in dem so viele Kulturvölker mehr nebeneinander als miteinander leben würden. Es sind zwar offiziell mehr als 20 Jahre post-Apartheid, aber der manchmal mehr, manchmal weniger unterschwellige Rassismus ist stets präsent.

Um die Situation kurz zu erläutern: ca. 80 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung machen Afrikaner bzw. Farbige aus, gefolgt von ca. 10 Prozent Weißen und ca. 9 Prozent „Coloured“. Die Situation in „Western Cape“ ist anders: ca. 50 Prozent hier sind die „Coloureds“, ca. 35 Prozent Farbige und ca. 17 Prozent sind Weiße. Die führende Partei (ANC), welche die meisten Wähler unter der farbigen Bevölkerung hat, hat im Jahr 2003 mit dem sogenannten „BEE (Black Economic Empowerment) Programm“ begonnen, das die Chancengleichheit in der Arbeitswelt und bei der Ausbildungsförderung gewährleisten, zur Schaffung von Eigentum von bisher Benachteiligten beitragen und Vorrang für bestimmte Gruppen bei der Besetzung von Führungspositionen bewirken soll.

Es ist leider mittlerweile so weit gegangen, dass es bei nahezu jeder Stellenausschreibung ein „Ranking“ gibt: farbige Frau, farbiger Mann, coloured Frau, coloured Mann, weiße Frau, weißer Mann. Selbst die Noten- und Bestehensgrenzen an den Schulen sind für farbige Kinder oft viel niedriger als für die weißen. Es erinnert viel zu sehr an das frühere System, nur umgekehrt… Im Endeffekt ist es aber immer noch so, dass die Meisten der weißen Bevölkerung nach wie vor wohlhabend sind, weil sie sich und ihren Kindern die Prestigeschulen und Prestigeuniversitäten leisten können. In beiden Systemen kommen dann eben die „Coloured“ zu kurz. Nun stellt sich natürlich die Frage, inwiefern diese Gesamtkonstellation mit der ständig wachsenden Kriminalitätsrate und dem weit verbreiteten Gangsterism in „Western Cape“ zusammenhängt… Ob diese Frage jemand beantworten kann und eine Lösung findet, ist mindestens genauso fraglich.

Es hat mich wahnsinnig gefreut, dass beim „Braai“ oder beim Weggehen immer wieder auch südafrikanische Medizinstudenten mit dabei waren, durch die wir noch näher die südafrikanische Kultur kennenlernen durften. Für uns als Europäer war es natürlich total egal, welche Hautfarbe sie haben, was von ihnen wiederum oft als nahezu unglaublich oder als mindestens sehr erfreulich empfunden wurde. Ich habe sehr viele gute Freundschaften geknüpft, die ich auch in Zukunft sicher weiterpflegen werde.

Nun kurz zu Freizeit- und Reisemöglichkeiten in Kapstadt und Umgebung:

  • Tafelberg
  • Lion’s Head“ und „Signal Hill“
  • Old Biscuit Mill“ am Samstagvormittag
  • Strände: „Camps Bay“ und „Clifton“
  • Surfen in „Muizenberg“
  • Reiten in „Nordhoek“
  • Kap der Guten Hoffnung
  • Robben Island“
  • Aquila Private Game Reserve“ (Safari in der Nähe von Kapstadt)
  • Kitesurfen in „Langebaan“
  • Wine Tasting in „Paarl“, Stellenbosch und „Franschhoek“
  • Whale Watching“ in „Hermanus“
  • Cederberg Mountains“
  • Garden Route“ (der wunderschöne Küstenstreifen zwischen „Mossel Bay“ und „Port Elizabeth“)
  • Township Tours“ jeder Art
  • Ostrich Farms“
  • Drakensberge“ und „Lesotho“
  • Musikfestivals – Ich war auf einem Flussfestival und es war definitiv eines der schönsten Erlebnisse überhaupt!

Mein Fazit

In ewiger Liebe...
In ewiger Liebe…

Im Moment habe ich bereits die erste Woche meines nächsten Tertials in der Schweiz hinter mir und kann nur noch stauen, wie schnell die Zeit vergeht. Und das ist jetzt tatsächlich nicht nur eine Phrase…

Ich hoffe, ich konnte klar genug darstellen, dass ein PJ-Abschnitt in Südafrika wahrscheinlich nicht für jeden das Wahre ist. Ich persönlich könnte es aber nicht genug weiterempfehlen! Die Zeit war für mich aus diversen und nicht nur medizinischen Aspekten extrem lernreich. Ich habe sehr viel auch über mich selber gelernt und insgesamt war es vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Ich kann nur hoffen, dass ich ein bisschen von diesem „Spirit“ für immer behalten werde.

Mother City, I’ll be back“.

Markéta S.

Lachen/Schweiz, März 2017

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2016

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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