Famulatur in Schweden – Nephrologie

12. April 2017

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Innere Medizin, Nephrologie, Schweden

Schweden, Borås, Södra Älvsborgs Sjukhuset Borås (01.03.-31.03.2017)

Sehr viele Medizinstudierende zieht es zu Famulaturen ins Ausland. Mein Ziel war es, nach Schweden zu gehen, doch wie sich herausstellen sollte, ist es nicht gerade einfach, sich insbesondere in diesem Land auf eine Famulatur zu bewerben. Doch letztlich klappte es doch und es sollte eine sehr eindrucksvolle Famulatur in Borås in Südschweden werden.

Motivation, Bewerbung und Vorbereitung

Das Rathaus von Borås in Schweden
Das Rathaus von Borås in Schweden

Zuerst bestand bei mir der Wunsch danach, eine Famulatur im Ausland zu absolvieren. Auf welches Land meine Wahl später fallen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Im Urlaub war ich schon häufiger in Skandinavien gewesen, eine gute Freundin von mir verbrachte ihr Erasmussemester in Malmö und ich besuchte sie dort. Weiterhin hatte ich schon einiges von dem fortschrittlichen Gesundheitssystem in Schweden gehört und war darauf neugierig geworden. Die Möglichkeit, diese Famulatur mit dem Erkenntniserwerb einer neuen Sprache zu kombinieren, steigerte meinen Entschluss, mich in Schweden zu bewerben.

Deswegen fing ich an, Bewerbungen an schwedische Krankenhäuser zu schreiben – an Universitätskliniken sowie kleinere Häuser. Anfangs kamen jedoch nur Absagen, beziehungsweise gar keine Antworten zurück. Es ist nicht so leicht, sich privat auf eine Famulatur in Schweden zu bewerben, da im dortigen Medizinstudium solche Praktika gar nicht vorgesehen sind. Die schwedischen Medizinstudenten sind von der Universität aus schon mit in den Krankenhausalltag eingegliedert und verbringen so schon einige Zeit auf Station. Aufgrund dieser Tatsache konnten viele Häuser mit dem Begriff „Famulatur“ nichts anfangen, und auch die Erklärung meiner Universität, was genau eine Famulatur darstellt, half da nicht viel weiter.

Schließlich erinnerte ich mich daran, dass ein entfernter Freund meines Vaters Arzt in Schweden ist. Über ihn kam ich an meine Famulatur auf der Nephrologie im Södra Älvsborgs Sjukhuset Borås. So fing ich an, in Berlin Sprachkurse in Schwedisch zu besuchen und mich auf die Famulatur vorzubereiten. Man sollte ferner eine Berufshaftpflicht-, Unfall- sowie Auslandskrankenversicherung vorweisen können. Zudem ließ ich mich gegen FSME impfen, was jedoch unter dem Aspekt, dass ich nie auch nur in die Nähe einer Zecke kam, höchstwahrscheinlich reichlich unnötig war.

Mit dem Bewerbungsschreiben begonnen hatte ich ca. ein Jahr vor meinem geplanten Famulatur Zeitraum, also im Februar 2016. Meine Zusage aus dem Krankenhaus erhielt ich dann im März und hatte so fast ein ganzes Jahr Zeit, die Sprache in ihren Grundzügen zu lernen.

Wohnort und Finanzierung

Mein Freund, der in Göteborg zeitgleich ein Praktikum absolvierte, und ich wohnten in Sävedalen. Das ist ein Vorort von Göteborg, mit dem Auto ca. 10min und mit dem Bus ca. 15min vom Stadtzentrum entfernt. Ich pendelte jeden Tag nach Borås, das war nicht optimal, aber da mein Freund sein Praktikum direkt in Göteborg hatte, ging dies nicht anders.

Wir hatten die Wohnung über „AirBnB“ gefunden und der Preis war für fünf Wochen mit ca. 1.000€ in Ordnung. Wir hatten vorher für unsere Zeit in Schweden gespart und wurden beide durch ein Stipendium unterstützt. Ich erhielt das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de in Höhe von 250€ für meine Famulatur, für das ich sehr dankbar bin.

Insgesamt ist Schweden natürlich deutlich teurer als Deutschland, aber wenn man sich dessen bewusst ist und nicht jeden Tag Essen oder Shoppen geht, kann man hier gut für fünf Wochen leben.

Meine Famulatur am Södra Älvsborgs Sjukhuset Borås

Das Södra Älvsborgs Sjukhuset in Borås - akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göteborg
Das Södra Älvsborgs Sjukhuset in Borås – akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göteborg

Das Södra Älvsborgs Sjukhuset, ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göteborg, liegt in der Kleinstadt Borås, 60km entfernt von Göteborg in Südschweden. Es ist relativ groß, beschäftigt 4.200 Mitarbeiter, hat eine Geburtsstation, eine Intensivstation mit acht Betten, eine Rettungsstelle sowie diverse internistische Stationen („Medicinkliniken“), ein Rehabilitationszentrum und eine Psychiatrie. Ich absolvierte meine Famulatur auf den „Medicinkliniken”, genauer auf der „Njur-avdelning“ (Nephrologie). Anderthalb Wochen verbrachte ich bei der ambulanten Dialyse, zwei auf der Nephrologie Station und eine auf der Rettungsstelle.

An meinem ersten Arbeitstag am Mittwoch, den 01.03.2017, wurde ich von dem für mich zuständigen Arzt im Foyer des Krankenhauses empfangen. Ich erhielt ein Namensschild und einen eigenen Schrank in der Umkleide. Dann ging es zur Frühbesprechung – natürlich alles auf Schwedisch. Anfangs sehr schwer zu verstehen, da ich doch gerade mal auf dem A2 Niveau der Sprache angekommen war.

Den ersten Tag verbrachte ich auf der Dialyse, ging mit dem Arzt mit und untersuchte Patienten. Ich erfuhr viel über die Elektrolytkonzentrationen bei Niereninsuffizienten, wie viel Wasser man wann ziehen darf, wie man eine Hyperkaliämie behandelt und noch Vieles mehr. Ich durfte bei der ambulanten Entfernung eines getunnelten Dialysekatheters zusehen – das dauerte immerhin eine Stunde, hätte ich nicht gedacht, bei so einem oberflächlich in der Subkutis verankerten Katheter.

In den nächsten Tagen stellte sich eine Art Routine ein. Um 8:00 Uhr morgens war Frühbesprechung und danach visitierten wir die anstehenden Dialysepatienten. Jeder ambulante Dialysepatient erhält ca. einmal pro Monat eine ärztliche Visite mit Blutentnahme, Anamnese, körperlicher Untersuchung und Überprüfung der Effektivität der Dialyse. Zudem wurden wir zu akuten Dialyseproblemen gerufen. Ein Katheter hatte eine „Knickbildning”, also einen Knick im Verlauf und war deswegen nicht gut durchlässig. Wie viel Wasser soll bei dem Patienten gezogen werden, wo er doch viel einlagert, aber letztes Mal einen Blutdrucks Abfall unter Dialyse hatte? Der für die Dialyse zuständige Arzt ist häufig zeitgleich auch „Konsult läkare” (Konsultationsarzt), das heißt, die anderen Stationen rufen ihn an, wenn sie nephrologische Fragen haben und wir visitierten dann den betroffenen Patienten.

In meiner zweiten Woche änderte sich meine Wochenstruktur dann etwas. Ich war nun auf der nephrologischen Station der „Medicinkliniken“. Hier findet jeden Tag um 8:30 Uhr morgens die Visite statt, immer auch in Anwesenheit eines Oberarztes, und damit nicht so wie in Deutschland, wo häufig nur einmal pro Woche Oberarztvisite ist und die Patienten sonst jeden Tag nur von den Stationsärzten gesehen werden. Die Visite dauerte häufig bis Mittag, dann gab es Lunch und der Arbeitstag war auch schon fast geschafft. Ich durfte meistens ca. um 15:00 Uhr gehen, war also nicht ganz sieben Stunden pro Tag im Krankenhaus eingespannt.

Ein großer Unterschied zu den Famulaturen in Deutschland besteht darin, dass hier in Schweden das Blutabnehmen und Zugänge legen keine ärztlichen Aufgaben sind. Das übernehmen die Krankenpfleger. So fällt schon ein Großteil der Arbeit eines deutschen Famulus weg. Des Weiteren ist in Schweden der Personalschlüssel für Krankenpfleger sehr viel besser. Die Arbeit, die in Deutschland ein Krankenpfleger stemmen muss, erledigen hier drei Krankenpfleger. Am Anfang war dies sehr verwirrend. So viel Personal und dauernd wird Pause gemacht. Wenn ein Patient an die Dialyse angeschlossen wird, erledigen das gleich zwei Krankenpfleger gemeinsam. Der eine sticht die Nadeln in den Dialyseshunt, der andere reicht die Pflaster an, um das Resultat festzukleben.

Ein weiterer Unterschied zum deutschen Gesundheitssystem besteht darin, dass alle Mitarbeiter im Krankenhaus die gleiche Kleidung anhaben. Kaum ein Arzt trägt einen weißen Kittel. So wird die strenge Hierarchie, die es in Deutschland gibt, deutlich reduziert. Was natürlich auch durch den Aspekt bedingt wird, dass die Krankenpfleger in Schweden viel kompetenter sind. Wie bereits gesagt, nehmen sie das Blut ab, legen Zugänge und visitieren zum Teil auch die Patienten alleine, haben eigene Sprechstunden und kennen sich mit Medikamenten sehr gut aus. Bis vor kurzem war es im Sjukhuset Borås nicht einmal üblich, Namensschilder zu tragen, aus denen hervorgeht, welche Funktion (Arzt, Krankenpfleger) man innehat. Das hat sich nun aber geändert.

Zudem ist das Gesundheitssystem in Schweden anders aufgebaut. Es gibt kaum niedergelassene Fachärzte, denn diese sind fast immer an Krankenhäuser angeschlossen. Insgesamt wartet man in Schweden auf einen Facharzttermin viel länger als in Deutschland. Die Regierung wirbt aktuell damit, dass sie jedem Bürger einen Termin innerhalb von drei Monaten garantiert.

In meiner dritten Woche im Södra Älvsborgs Sjukhuset Borås famulierte ich auf der Rettungsstelle. Hier durfte ich einige arterielle Blutgasanalysen durchführen, Patienten alleine untersuchen und mich an einer englisch-schwedisch gemischten Anamnese versuchen. Besonders die neurologische Untersuchung konnte ich auffrischen, da bestimmt die Hälfte der Patienten mit „Huvudvärk” (Kopfschmerzen) oder „Yrsel” (Schwindel) vorstellig wurde. Insgesamt war es auf der Rettungsstelle sehr spannend. Ich konnte viel sehen, so zum Beispiel das Legen eines intraossären Zugangs, die i.v.- Metroprololgabe bei akutem Vorhofflimmern mit einer Frequenz von 160/min oder das Einsetzen einer Frenzel Brille bei Verdacht auf Nystagmus.

Anschließend ging ich wieder zurück zu den „Medicinkliniken” und verbrachte je noch eine Woche auf der Dialyse und eine auf der Nephrologie Station. Davon durfte ich einen Tag mit auf die Selbstdialysestation, das ist eine ambulante Station, auf der die Dialysepatienten ihre Behandlung komplett selbst organisieren sollen. Sie legen sich selber die Nadeln in ihre Shunts und tragen auch ihre Werte in die Kurven ein. So ist es zumindest gedacht. Einige brauchen aber doch noch etwas Hilfe. Im Schnitt sind dies aber junge und mobile Leute. Auf der Station sind nur sechs dauerhafte Patienten, die jeweils montags, dienstags, donnerstags und freitags zur Dialyse kommen. Aber auch hier gibt es zwei Krankenpfleger für die sechs Patienten. Was für ein Personalschlüssel!

Insgesamt bestand meine Famulatur eher aus Mitgehen und Zuhören. Alleine arbeiten konnte ich nicht viel – außer in der Rettungsstelle. Dies war natürlich auch durch die Sprachbarriere bedingt, denn nicht viele Krankenhauspatienten konnten Englisch sprechen. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, für eine Famulatur in Schweden gut Schwedisch zu können. Mit meinen Kenntnissen ging es gerade so, aber ich hätte mir schon manchmal gewünscht, mehr auf Schwedisch sagen zu können.

Im Krankenhaus waren alle Mitarbeiter, Ärzte sowie Krankenpfleger sehr nett und immer bemüht, mir etwas Neues beizubringen. Ich hatte zudem die Möglichkeit, an verschiedenen Vorlesungen teilzunehmen. Jeden Donnerstag gab es Unterricht für die sogenannten „AT-läkare“. Das sind „Ärzte im Praktikum“, d.h. praktisch arbeitende Ärzte in Ausbildung nach erfolgreich abgeschlossenem Studium, jedoch vor Erlangung der ärztlichen Approbation. Diese Phase in Schweden dauert fast zwei Jahre. Diese „Ärzte im Praktikum“ haben dabei schon mehr Verantwortung und behandeln eigene Patienten.

Freitags gab es mittags immer eine Vorlesung für alle Ärzte des Krankenhauses, organisiert von verschiedenen Fachbereichen. So hörte ich beispielsweise eine Veranstaltung über die Antibiotikagabe bei Pneumonie aus dem Fachbereich der Infektiologie und eine Woche später eine über die psychiatrische Zwangsbehandlung.

Leben und Freizeit in Schweden

Blick auf die Innenstadt von Borås in Südschweden
Blick auf die Innenstadt von Borås in Südschweden

Den Großteil unserer Freizeit verbrachten wir in Göteborg. Dort erledigten wir natürlich das übliche Sightseeing, gingen abends ins Kino, englisch mit schwedischen Untertiteln, und besichtigten das berühmte Viertel „Haga“ in Göteborg. Unbedingt einplanen sollte man einen Trip zu den Schärendörfern an der Westküste von Schweden. Ein Wochenende verbrachten wir in Stockholm und ein weiteres waren wir am „Isaberg“ zum Skifahren. Das ist ein super Skigebiet mit vielen einfachen Pisten, gut geeignet für Anfänger wie uns! Insgesamt ist die Landschaft in Schweden geprägt von viel Natur, durchsetzt von kleinen Dörfern und Städten. So befand sich beispielsweise direkt neben unserem Vorort „Sävedalen“ ein Wald mit einem kleinen See, um den man gut joggen gehen konnte.

Borås, der Ort, in dem das Södra Älvsborgs Sjukhuset liegt, ist wirklich schön, hat viele ruhige Gassen und einen kleinen Fluss. Besonders gerne ging ich in das Schwimmbad, das, wie in ganz Skandinavien üblich, natürlich auch über eine Sauna verfügte. Des Weiteren verbrachte ich viel Zeit in den kleinen gemütlichen Cafés der Innenstadt oder in der Akademiebuchhandlung, wo es häufig Bücher zum halben Preis gab.

Insgesamt ist Südschweden vielseitig, hat viele Freizeitangebote mit und ist somit immer eine Reise wert.

Mein Fazit

Insgesamt war es eine vielseitige Famulatur in Schweden, bei der ich nicht nur etwas über Nephrologie lernte, sondern auch einen Einblick in das schwedische Gesundheitssystem erhielt. Ich kann jedem empfehlen, über eine Auslandsfamulatur nachzudenken und eventuell auch nach Schweden zu gehen – es war auf jeden Fall sehr eindrucksvoll!

J. Thurau,

Berlin, April 2017

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2016-2017

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *