Krankenpflegepraktikum Tansania – Innere Medizin

31. März 2017

in Chancen im Ausland, Innere Medizin, Krankenpflegepraktikum im Ausland, Tansania

Tansania, Dar es Salaam, Mwananyamala Regional Hospital (10.08.-10.09.2016)

Einen Teil meines Krankenpflegepraktikums im Medizinstudium habe ich in Tansania am Mwananyamala Regional Hospital, einem öffentlichen Krankenhaus, in Dar es Salaam absolviert. Und nach meiner Erfahrung in diesem afrikanischen Land habe ich mich entschieden, auch die letzten 30 Tage des Krankenpflegepraktikums im Ausland zu absolvieren, war es doch eine der spannendsten Zeiten, die ich bis jetzt erlebt habe.

Warum Krankenpflegepraktikum im Ausland?

Wer keine Lust hat, sich im patientenfernen Küchendienst ausbeuten zu lassen, der macht sein Krankenpflegepraktikum im Ausland. Die Vorteile liegen auf Hand. Man hat die Chance, Einblicke in ein neues Land oder sogar einen neuen Kontinent zu gewinnen. Nie wird man den Menschen näher sein, als bei der Arbeit im Krankenhaus. Je näher man Menschen ist, desto eindrucksvoller werden auch die Erfahrungen in einem neuen Land sein. Auch ist im Ausland die Institution Krankenpflegepraktikum unbekannt, daher wird man dort eher als Famulant oder sogar PJler wahrgenommen, was einem die Möglichkeit gibt, während des Pflegepraktikums seine medizinischen Fähigkeiten zu verbessern. Zusätzlich sieht man in medizinisch unterentwickelten Ländern Krankheiten und Krankheitsstadien, die einem in Deutschland nur noch selten unterkommen.

So zogen wir, fünf Medizinstudenten der Charité – Universitätsmedizin Berlin, nach dem 2. Semester für sechs Wochen nach Dar es Salaam an das Mwananyamala Regional Hospital.  Ich hatte bis dahin noch nie etwas von Afrika gesehen und eine leidvolle Erfahrung in einem deutschen Krankenpflegepraktikum gemacht. Von daher war für mich sofort klar, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen würde.

Vorbereitung und wichtige organisatorische Schritte

Gewöhnungsbedürftig - der Linksverkehr in Tansania
Gewöhnungsbedürftig – der Linksverkehr in Tansania

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich vor dem Krankenpflegepraktikum mit Tropen- und Infektionskrankheiten auseinander zu setzen. Insbesondere HIV, Malaria und TBC sollte man sich einmal anschauen. Eine Blutabnahme sollte man beherrschen, auch Zugänge sollte man legen können. An medizinischer Ausrüstung ist folgendes mitzubringen: Stethoskop, Desinfektionsmittel, für den Notfall eine Packung Handschuhe sowie zwei weiße Kittel. Sehr hilfreich ist auch ein Pulsoxymeter.  Für die Arbeit sollte man luftige und dünne Kleidung mitbringen, da es in Tansania häufig schwül und heiß ist. Die Kleidung wird während des Praktikums auch dreckig werden (Blut, Eiter, Povydon-Iod), deshalb sollte man keine teure Kleidung mitnehmen. Wer in den OP will, muss sich eigene Scrubs mitbringen.

  • Einreisevoraussetzungen

Der legale Weg zu einem Krankenpflegepraktikum in Tansania führt über ein Arbeitsvisum, es ist jedoch auch möglich, illegal mit einem Touristenvisum zu arbeiten. Wenn man diesen illegalen Weg geht, muss man das aber auf jeden Fall mit der Klinikleitung absprechen. Ich rate davon ab, diesen illegalen Weg zu gehen!

(Anm.d.Red: Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

  • Impfungen

Man sollte sich weiterhin komplett durchimpfen lassen, dafür würde ich ein Tropeninstitut aufsuchen. Je nach Zwischenstopp auf dem Flug nach Dar es Salaam ist sogar eine Gelbfieberimpfung für die Einreise nach Tansania vorgeschrieben.

Erste Eindrücke in Tansania

Eintauchen in eine andere Welt - der Markt in Kariakoo in Dar es Salaam
Eintauchen in eine andere Welt – der Markt in Kariakoo in Dar es Salaam

Man verlässt das Flughafengebäude in Dar es Salaam, nachdem man zwei Stunden in einer großen Menschenmenge um einen Einreisestempel kämpfen musste. Direkt danach sollte man ein bisschen Geld abheben, um ein paar tansanische Schilling in der Tasche zu haben. Für den Weg in die Stadt muss man sich der ersten wichtigen Entscheidung stellen: Will man nur die europäische „Light Version“ oder will man so viel wie möglich von diesem Land mitnehmen? Ich rate zu Letzterem. Deswegen lässt man die penetranten Taxifahrer durch Nichtbeachtung links liegen, sprichwörtlich, denn in Tansania fahren die Menschen auf der falschen Seite, und steigt in ein Dalla-Dalla, einen großen völlig überfüllten, 30 Jahre alten Bus aus Asien und lässt sich weiter stadteinwärts bringen. Vorteilhaft ist hier auf jeden Fall, wenn man nicht kontaktscheu ist und sich ein paar Adressen aufgeschrieben hat.

Allein über eine Busfahrt in Tansania könnte man einen ganzen Bericht schreiben. Da das aber den Rahmen sprengt, fasse ich mich zu den ersten Eindrücken kurz: Zur Tageszeit sind überall Menschen. Straßenverkäufer bieten einem unentwegt Dinge an. Man ist als „Weißer“ überall die Attraktion, entsprechend muss man erst lernen, sich von den Menschen auch mal loszureißen, wenn man auch mal ankommen möchte. Die Menschen sind sehr freundlich und wollen viel über einen wissen. Häufig steckt dahinter jedoch auch die Absicht, einem etwas zu verkaufen oder einen sogar übers Ohr zu hauen. Zum Ende unserer Reise waren wir deshalb skeptisch Menschen gegenüber, die uns auf offener Straße angesprochen haben.

Das Mwananyamala Regional Hospital

Das Mwananyamala Regional Hospital in Dar es Salaam - eine Ansammlung von Baracken
Das Mwananyamala Regional Hospital in Dar es Salaam – eine Ansammlung von Baracken

Das Krankenhaus besteht aus einer Ansammlung von Baracken. In zwei Baracken ist immer eine Station untergebracht, wobei Stationen noch einmal nach Geschlechtern getrennt sind. In den jeweiligen geschlechterspezifischen Stationen wird dann häufig noch nach infektiösen und nichtinfektiösen Patienten getrennt. Pro Baracke sind 40-50 Patienten untergebracht. Im Regelfall müssen sich auf den Erwachsenenstationen zwei Erwachsene ein Bett teilen. Auf der Kinderstation können es bis zu fünf Kinder in einem Bett sein. Patiententechnisch wird man hier alles an Krankheiten und Schweregraden sehen, was die Natur zu bieten hat. Auch sterben täglich mehrere Patienten auf jeder Station.

Das Mwananyamala Regional Hospital verfügt über folgende rudimentäre Stationsteilung: Innere Medizin, Chirurgie, Geburt, Gynäkologie, OP Bereich, Notaufnahme und ein Labor. Es gibt auch einen Bereich für Drogenabhängige, von dem man sich fernhalten sollte. Da es sich um ein öffentliches Krankenhaus für Leute ohne Versicherungsschutz handelt, ist das Budget des Hospitals klein und die Ausrüstung für europäische Standards mangelhaft. Neben den oben beschriebenen katastrophalen hygienischen Zuständen auf den Stationen gibt es keinen funktionierenden Sono im ganzen Krankenhaus. In der Notaufnahme kann man nicht intubieren.

Anmeldung im Hospital und ein typischer Arbeitstag

Nachdem wir uns von dem langen Flug einen Tag erholt hatten, ging es direkt in das Mwananyamala Regional Hospital. Zu Beginn musste man sich bei der Klinikleitung, dem Clinical Director, vorstellen und eine Gebühr von umgerechnet 100 Euro bezahlen. Danach wird man durch den Clinical Director rumgeführt und auf den Stationen vorgestellt. Hier sollte man am besten darum bitten, dass einen der Clinical Director schon einmal gegenüber der gewünschten Station genauer vorstellt. Das erleichtert den Einstieg enorm.

Auf Station gilt Eigeninitiative! Die Ärzte und „Intern Doctors“ (PJler) sprechen alle Englisch. Bei den Krankenschwestern und Patienten wird es mit Englisch häufig schwieriger; dort muss man sich aber besonders bemühen, um persönlichen Zugang zu seiner Station zu finden. Überhaupt gilt es, sich für alle Tätigkeiten anzubieten, viele Fragen zu stellen, Interesse zu zeigen und den Menschen zuzuhören.

Der Tag beginnt mit der Visite um 8:00 Uhr und endet nach eigener Motivation, feste Arbeitszeiten oder eine Anwesenheitskontrolle gibt es nicht. Die Visite führt täglich der leitende Stationsarzt durch. In der Regel ist dies ein Facharzt („Specialist“), der dann umringt von „Intern Doctors“ die Runde geht. Dieser Gruppe sollte man sich anschließen. Der Facharzt lässt die „Intern Doctors“  die Fälle vorstellen und fragt sie zu Therapie und Behandlung ab.

Tansanische Schüler und Medizinstudenten sind auf Gehorsam gedrillt und haben Angst vor diesen Runden. Sie sprechen leise und es ist schwierig, die Mischung aus Englisch und „Swahili“ zu verstehen. Hier sollte man durch Fragen auf sich aufmerksam machen und dem Facharzt zu verstehen geben, dass man bereits Medizin studiert und Interesse hat. Man sollte auf jeden Fall ein paar Lernstunden in „Swahili“ in Dar es Salaam nehmen, um wenigstens angemessen die Leute begrüßen zu können. Begrüßungen spielen in der tansanischen Gesellschaft eine große Rolle und sind je nach Alter und sozialem Status unterschiedlich. Wenn man Patienten und auch medizinisches Personal angemessen begrüßt, bringt das zwischenmenschlich einen großen Vorteil.

Die tansanischen Ärzte haben ein schlechtes Bild von „weißen“ Medizinstudenten, da häufig Europäer kommen, die noch nicht angefangen haben zu studieren („PredMeds“). Viele haben eine gewisse Urlaubsmentalität, welche die Ärzte sehr schnell wahrnehmen und ablehnen. Soweit es deshalb möglich ist, sollte man die Gruppenbildung mit anderen „Weißen“ vermeiden, um diese Wahrnehmung bei den Ärzten nicht aufkommen zu lassen.

Nach der Visite verlässt der „Specialist“ häufig die Station und die „Intern Doctors“ übernehmen das Kommando. Man sollte sich mit ihnen unterhalten und fragen, ob man ihnen assistieren darf. Früher oder später darf man dann auch Dinge alleine machen. Tritt man den Ärzten gegenüber bemüht auf und gewinnt ihr Vertrauen, kann man zudem in den OP gehen und den Chirurgen Fragen stellen oder sogar assistieren.

Zu meinen Aufgaben gehörten: Bestimmung der Vitalparameter, Blutabnahme, das Legen von Zugängen und Kathetern, Desinfektion infizierter und großflächiger Wunden, Débridement von nekrotischem Gewebe, Eröffnung von großflächigen Abszessen und Eiterdrainage, Ligaturen von oberflächlichen Verletzungen und eine Aszitispunktion. Außerdem wurde ich häufig in die Beurteilung von Röntgenbildern und EKGs mit einbezogen.

Weiterhin habe ich noch den Schwestern geholfen, was auf Station sehr gut aufgenommen wurde. Gerade unangenehme Arbeiten, wie das Einpacken von Leichen bringen große Sympathiepunkte. Eine gute Beziehung zum Pflegepersonal vereinfacht einem den Alltag und überbrückt die Wartezeiten, in denen auch mal nichts zu tun ist.

Therapie

In Tansania herrscht eine sehr paternalistische Arzt-Patientenbeziehung. Die Ärzte behandeln meist, ohne den Patienten mit einzubeziehen und aufzuklären. Die Patienten sind in öffentlichen Krankenhäusern häufig ungebildet und haben keine Möglichkeit, sich gegen die Entscheidungen der Ärzte zur Wehr zu setzen oder im Fall eines Behandlungsfehlers Regress zu nehmen. Viele Menschen wehren sich körperlich und verbal gegen die mit starken Schmerzen verbundene Behandlung. Da es sich um ein öffentliches Krankenhaus handelt und viele Menschen nicht krankenversichert sind, können sich viele die notwendigen Schmerzmittel nicht leisten. Hinzu kommt noch, dass durch die gesellschaftliche Ablehnung von Opiaten, der Einsatz von systemisch wirkenden Schmerzmitteln erschwert wird. Häufig wird deswegen nur lokal Lidocain angewandt, da dieses Schmerzmittel gut verfügbar ist.

Nachdenklich haben mich auch einige Behandlungen gemacht, bei denen ich „Intern Doctors“ assistiert habe. An meinem 5. Tag musste ich eine Wunddesinfektion bei einem 14Jährigen durchführen, der sich das Weichteilgewebe großflächig in der Fersenregion bis auf den Knochen abgerissen hatte. Da keine Angehörigen ermittelt werden konnten und deshalb auch niemand die Schmerzmittel bezahlen konnten, mussten wir diese Wunddesinfektion ohne Narkose durchführen.

Ein anderes Ereignis ist mir deshalb in Erinnerung geblieben, weil es die Gewaltbereitschaft und das mangelnde rechtsstaatliche Verständnis der tansanischen Gesellschaft verdeutlicht. In die Notaufnahme kam ein Patient, der von einem wütenden Mob bei einem Diebstahl erwischt worden war. In der Regel schaut die Polizei dem Mob so lange zu, bis der Ertappte fast totgeprügelt ist. Erst dann bringen sie den Bezichtigten in ein Hospital. Dem Patienten wurden mit einer Machete die Zehen abgehackt, sein Schädel war schwer deformiert. Fast alle, auch die gut gebildeten Ärzte, befürworten eine solche Lynchjustiz gegenüber vermeintlichen Kriminellen.

Leben in Dar es Salaam und reisen in Tansania

In der Altstadt von Stone Town in Sansibar-Stadt
In der Altstadt von Stone Town in Sansibar-Stadt

Wir haben bei dem Freund einer Kommilitonin gewohnt, daher kann ich über die Übernachtungsmöglichkeiten wenig sagen. In Dar es Salaam sollte man auf jeden Fall den Markt in „Kariakoo“ und die verschiedenen Strände besuchen. Generell sollte man sich nach Einbruch der Dunkelheit nur noch mit Einheimischen durch die Stadt bewegen. Dar es Salaam hat uns als Stadt nicht gefallen. Es ist sehr dreckig und staubig, der Verkehr ist extrem und es gibt kein wirkliches Zentrum. Schön sind nur die farbenfrohe Kleidung der Menschen und der tansanische Hip-Hop in den „Dalla-Dallas“.

Wir haben uns für unsere Zeit nach den 30 Tagen Krankenpflegepraktikum noch eine Reise nach Sansibar gegönnt. Erwähnen möchte ich, dass „Stone Town“, ein Teil der Hauptstadt Sansibar-Stadt, eine wirklich schöne Altstadt hat und auch wegen seines muslimischen Charakters, das Festland ist überwiegend christlich, ganz anders wirkt und deswegen einen Besuch wert ist.

Wer einen günstigen paradiesischen Strandurlaub auf Sansibar machen möchte, dem sei das „Mango Beach House“ in „Jambiani“ empfohlen. Wir sind nie herzlicher in einem Hotel behandelt worden.

Fazit

Sonnenaufgangsstimmung in Jambiani auf Sansibar
Sonnenaufgangsstimmung in Jambiani auf Sansibar

Das Krankenpflegepraktikum in Tansania war eine der spannendsten Reise, die ich bis jetzt unternommen habe. Ich möchte auf jeden Fall weitere afrikanische Länder bereisen und diesen in den deutschen Medien doch häufig undifferenziert dargestellten Kontinent besser kennen lernen. Eine Erfahrung wie diese kann man in einem deutschen Krankenpflegepraktikum nicht machen.

Man hat während des Medizinstudiums in Deutschland kaum wieder die Chance, so ungestört ein fremdes Land kennen zu lernen. Tansania wird bei jedem Medizinstudenten den eigenen Blick für das Wesentliche schärfen. Nach meiner Erfahrung in Tansania habe ich mich entschieden, auch die letzten 30 Tage des Krankenpflegepraktikums im Ausland zu absolvieren.

L., C.

Berlin, Dezember 2016

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