PJ in Mexiko – Chirurgie

16. September 2016

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Mexiko, Guadalajara, Hospital Civil Viejo (16.11.2015-05.03.2016)

Ja, ich würde immer wieder ein Chirurgie-Tertial in Guadalajara bzw. in Mexiko machen. Es war nicht die einfachste Zeit meines Lebens, aber ich habe medizinisch mit Eigeninitiative, menschlich, sprachlich und kulturell ungemein profitiert als auch unzählige wunderbare Erfahrungen und Erinnerungen mit nach Hause genommen.

Meine Entscheidung für die Chirurgie in Mexiko

Wie so viele PJler wollte ich nicht Gefahr laufen, im Chirurgie-Tertial nur „Haken und Klappe zu halten“, sondern lieber im Ausland etwas praktischere Erfahrungen sammeln. Vor drei Jahren hatte ich ein Auslandssemester in Buenos Aires in Argentinien absolviert, danach eine Famulatur und Reisen in Peru und Mexiko gemacht, sodass ich schon recht gut Spanisch konnte. Außerdem wollte ich gerne in ein mir bekanntes Land zurück, um Freundschaften vor Ort aufrechtzuerhalten, statt mich wieder völlig neu einzuleben und am Ende nur noch mehr Menschen auf der Welt zu kennen, die ich zu selten sehe. Ich entschied mich für Mexiko, da es mir dort 2013 am besten gefallen hatte.

Bewerbung und Visum

Baja California - mexikanischer Bundesstaat und schönste Halbinsel der Welt
Baja California – mexikanischer Bundesstaat und schönste Halbinsel der Welt

Ich hatte mich ca. ein Jahr vorher an die Universitäten in Mexiko gewandt und überwiegend als Antwort bekommen, dass eine Bewerbung möglich sei, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt – ganz grob Januar bis Mai für Beginn im November. Die Adressen hatte ich aus Erfahrungsberichten oder von den Uni-Homepages. Kam keine Antwort habe ich regelmäßig an dieselbe oder eine andere Adresse dieselbe E-Mail geschickt und so am Ende von allen angeschriebenen Universitäten Rückmeldung bekommen. Also nicht gleich aufgeben!

Beworben hatte ich mich sicherheitshalber an mehreren Universitäten. Da die Universitäten überwiegend dieselben Dokumente und keine Bewerbungsgebühr wollen, ist das wenig Mehraufwand. Man sollte sichergehen, dass das entsprechende Krankenhaus auf der LPA-Liste steht bzw. mit dem Auslandsbeauftragten des Fachbereichs an der Heimatuniversität klären, welche Bedingungen für die Anerkennung erfüllt sein müssen.

Mit Abstand am einfachsten hat meine Kommunikation mit Guadalajara geklappt und es gibt dort keine Studiengebühren. Man kann sich dort entweder über die Universität, die Universidad de Guadalajara, und deren zuständigen Ansprechpartner oder das Hospital selbst bewerben und die Verantwortlichen scheinen sich nicht abzusprechen. Die Uni-Bewerbung war weniger aufwendig, deswegen hatte ich mich dafür entschieden. Falls man eine frühe Rückmeldung braucht/will, lohnt es sich, sich selbstständig nach dem Stand zu erkundigen.

Ich hatte kein Visum, sondern bin als <90 Tage Tourist ein- und zwischendurch einmal ausgereist. Im Zweifel sollte man sich aber lieber selber nochmal informieren.

(Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Sicherheitsaspekte!

PJ Mexiko_ET_Dia de los Muertos - Tag der Toten - einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage
PJ Mexiko_ET_Dia de los Muertos – Tag der Toten – einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage

Mexiko ist das schönste Reiseland, das ich kenne. Leider ist das Land jedoch von vielerlei Risiken gebeutelt. Hat man sich mental an eine Gefahr gewöhnt, wird man auf eine neue aufmerksam gemacht – irgendwann gibt man es auf und wird „reckless“ und genusssüchtig (= Lebenseinstellung des Standardmexikaners…).

Ich glaube, ich gehöre eher zu den vorsichtigen Reisenden. Ich habe zwar auch sehr abgelegene Teile Mexikos bereist, von denen eigentlich eher abgeraten wird, aber abgesehen davon stets versucht, alle mir bekannten Sicherheitsregeln zu beachten. Außerdem bin ich gegen fast alles geimpft, wogegen man sich impfen lassen kann und überdurchschnittlich gut mit Reisemedikamenten ausgestattet. Letztere habe ich zum Glück nie selber benötigt, aber häufiger verteilt. In meinem Bekanntenkreis gab es einige Fälle von sehr fiesem Magen-Darm sowie Dengue und Chikungunya.

Grundsätzlich gilt: Von Europa aus erscheint einem alles viel bedrohlicher, als wenn man vor Ort ist. Und ist man erst einmal wohlbehalten wieder daheim, mir ist zum Glück nie etwas geschehen, neigt man  dazu, das Risiko herunterzuspielen. Ich persönlich und alle anderen Deutschen, die ich kennengelernt habe, würde(n) immer wieder nach Mexiko reisen. In den europäischen Schlagzeilen liest man ja hauptsächlich von den Drogenkriegen, von „Desaparecidos“ (Verschwundenen) und Morden. Als Tourist kriegt man hiervon aber fast nie etwas  mit.

Ein sehr viel präsenteres Problem ist die Kriminalität, die aus der riesengroßen Schere zwischen arm und reich entsteht: Taschendiebstahl, Überfälle, (vorgetäuschte) Entführungen, etc. Man sollte in jedem Fall immer etwas Geld, aber nicht zu viel dabei haben und bereit sein, bei einem Überfall alles abzugeben, ohne den Anschein zu erwecken, man wolle Widerstand leisten. Nachts sollte man nicht alleine auf die Straße gehen. „Nachts“ richtet sich nach der Anzahl der Menschen auf der Straße, morgens um 7:00 Uhr ist es manchmal gefährlicher als abends um 21:00 Uhr! Sehr hilfreich ist die App „Uber“, mit der man kostengünstig und über GPS/Facebook abgesichert private Taxen bestellen kann.

Abgesehen davon gibt es noch gelegentliche Erdbeben oder Tornados, stechende Skorpione, beißende Spinnen und Verkehrsunfälle. Der Standard im Rettungsdienst und in den öffentlichen Krankenhäusern ist NICHT mit Europa vergleichbar! Eine Rotation in die Notaufnahme öffnet einem diesbezüglich die Augen und man passt danach doppelt auf, wenn man sich im Straßenverkehr bewegt.

Fazit: Ja, es gibt Regeln, die man beachten muss. War es die Erfahrung wert? Meiner Meinung nach ganz klar: Ja.

Unterkunft in Guadalajara

Enchiladas - Mexikos einfach köstliche Küche
Enchiladas – Mexikos einfach köstliche Küche

Die Wohnungssuche in Guadalajara ist einfach und unkompliziert. Meist gibt es keine Verträge und man kann kurzfristig einziehen, sodass es empfehlenswert ist, sich erst nach Ankunft etwas zu suchen. In den „Intercambio“-Gruppen auf Facebook werden zwar regelmäßig Zimmer angeboten, diese sind mit 4.000-5.000 Pesos aber meist überteuert. Auf z.B. www.compartodepa.com.mx  findet sich schnell ein Zimmer zwischen 1.000 und 3.000 Pesos. In jedem Fall und mietpreisunabhängig muss man sich auf einen niedrigeren Lebensstandard einstellen. Die Wände sind dünner, Badezimmer und Küchen weniger sauber und vor Allem in den Wintermonaten wird es empfindlich kalt.

Wo aber wohnen?  Die Krankenhäuser sind im Zentrum. Mir wurde gesagt, dort sei es nachts zu unsicher zum Wohnen. Als Daumenregel hieß es, man solle den Bereich westlich der „Calle Federalismo“ vermeiden. Die anderen vier PJler haben aber dort gewohnt und ihnen persönlich ist zum Glück nichts passiert. Die allermeisten Ärzte wohnen in „Zapopan“ (Westen) oder „Providencia“ (Norden) und nehmen in Kauf, jeden Tag ca. eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit zu fahren.

Das Nachtleben – Bars, Restaurants, etc. – zentriert sich um und auf der „Avenida Chapultepec“. Ich habe dort in der Nähe in einem Studentenwohnheim in der „Colonia Americana“ für 2.700 Pesos/Monat gewohnt („Casa Belgíca“, ). Die Lage hat mir gefallen, da es in einer als sicher geltenden, schönen Gegend ist und trotzdem noch vergleichsweise nah am Krankenhaus liegt.

Fachliche Eindrücke in Mexiko

Die Schlafmöglichkeiten der Residentes in der Klinik
Die Schlafmöglichkeiten der Residentes in der Klinik

Am ersten Tag wurden vier andere PJler aus Deutschland und ich von Juan José am Krankenhauseingang abgeholt, durch das wuselige Hospital Civil Viejo geführt und mit folgenden Worten begrüßt: „Die Universidad de Guadalajara sagt uns nie Bescheid, wenn PJler kommen. Wir wussten bis Freitag nicht, dass Ihr existiert.“ Dann lächelte er sehr herzlich-mexikanisch: „Aber macht Euch keine Sorgen, wir kriegen das schon hin. In welche Bereiche wollt Ihr denn? Wenn Ihr wechseln wollt, schreibt mir einfach eine E-Mail, dann könnt Ihr am nächsten Tag in den anderen Bereich.“  Und so ging es los.

Ich kannte vor meinem Aufenthalt in Mexiko zahlreiche Vorurteile, positive und negative, was Medizin in Lateinamerika vs. Medizin in Europa angeht. Ich versuche mal darauf  einzugehen, welche ich bestätigt gefunden habe. Dies spiegelt natürlich nur meine eigene subjektive Meinung wider.

•    Vorurteil 1: Die Medizin ist weniger technisch, aber dafür näher am Menschen.
Wer noch nie in so einem Land famuliert hat, für den ist es augenöffnend, wie schlecht die vor allem hygienischen Bedingungen sind und wie abgrundtief schlecht die Patienten oft behandelt werden – in jeglicher Hinsicht. Sehr häufig fehlte es an grundlegenden Dingen wie OP-Material oder EKG-Papier. Oder die Materialien sind vorhanden, aber die organisatorischen Strukturen verhindern, dass rechtzeitig operiert wird.

Es stimmt meiner Meinung nach nicht, dass der Mangel an verfügbarer Technik durch bessere Untersuchungstechniken oder Theoriekenntnisse kompensiert wird. Stattdessen scheint den Ärzten, Medizinstudenten und „Enfermeras“ (Krankenschwestern) vieles einfach egal zu sein.

•    Vorurteil 2: Medizinstudenten dürfen mehr machen.
Es stimmt, dass die Schwelle, einen Studenten etwas machen zu lassen, sehr viel niedrigerer ist als in Europa. Dies bedeutet aber irgendwie trotzdem nicht, dass man automatisch viel mehr praktisch machen kann. Es gibt grundsätzlich immer sehr viel Personal; es fehlt Material, nicht Menschen.

Zum Beispiel konnte ich manchmal nicht mit an den OP-Tisch, weil es einfach nicht genügend sterile Kittel gab. Als deutscher PJler ist man an Universitätskliniken, welche bürokratisch-unsinnigerweise die einzigen sind, die von den LPAs offiziell anerkannt werden, ganz hinten in der Reihe der Leute, die etwas machen wollen – also nach den Assistenzärzten und mexikanischen Medizinstudenten. Wird man „vorgelassen“, was durchaus vorkommen kann, weil man als Europäer einen riesigen Sympathievorschuss hat und ein bisschen außerhalb der sonst sehr strengen Hierarchie steht, hat das immer ein bisschen einen faden Beigeschmack, denn es geht meist auf Kosten von jemandem, der deutlich härter arbeitet als man selbst.

•    Vorurteil 3: Die Krankheitsbilder sind extremer ausgeprägt.
Es stimmt, dass man sehr viel krassere Verletzungen und weiter fortgeschrittene Krankheiten als in Deutschland sieht. Wer einfach nur viel sehen will, kann im Hospital Civil Viejo durch alle Abteilungen, theoretisch auch nicht chirurgische, rotieren und jeden Tag von Ekel und Mitgefühl geschüttelt werden. Besonders empfehlenswert sind „Cirurgia Legal“ (Schuss- und Stichverletzungen), „Plastica“ (Wunden) und Infektiologie (Tbc Schutzmasken aus Deutschland mitbringen!). Aber, mal ehrlich: Wer will schon im PJ nur zuschauen?

•    Vorurteil 4: Die Arbeitszeiten sind länger.
Die mexikanischen Medizinstudenten, PJler („Internos“) und Assistenzärzte („Residentes“) sind wirklich unmenschliche Arbeitszeiten gewöhnt. So sind z.B. 36 Stunden Schichten ohne Kompensation, keine freien Wochenenden und „Castigos“ (Strafen) in Form von noch mehr unbezahlten Überstunden völlig normal. Überstunden aufschreiben kommt ohnehin überhaupt nicht infrage, da es keine festen Endzeiten gibt. Es wird eben gearbeitet, bis es keine Arbeit mehr gibt. Es gibt im Krankenhaus Betten und dreimal am Tag kostenloses Essen, übrigens auch für ausländische „Internos“, und es ist einfach selbstverständlich, dass man zwischen dem 3. Studienjahr des Medizinstudiums und dem Ende der Assistenzarztzeit das Hospital nur in Ausnahmefällen länger als 12 Stunden verlässt. Vielleicht ein Grund, warum es nie Personalmangel gibt.

•    Vorurteil 5: Eigentlich kann man als europäischer PJler auch PJ am Strand machen.
Im Hospital Civil Viejo in Guadalajara ist es normal, dass ständig irgendwelche ausländischen Medizinstudenten, sehr oft Deutsche, auftauchen, die meist wenig Spanisch können, nicht an diese Arbeitszeiten gebunden sind und nach Lust und Laune wieder verschwinden – die also zunächst eher ignoriert werden. Die Klinik ist riesig, wuselig und A weiß eigentlich nie, was B tut oder tun sollte.

Kurz: Der Einsatz und die Anwesenheit des deutschen PJlers sind ziemlich stark von der eigenen Motivation und dem eigenen Gewissen abhängig. Ich wollte zwar nicht den ganzen Tag Haken halten, aber ich wollte unbedingt etwas lernen – und zwar nicht nur Spanisch und Tequila trinken. Den meisten anderen Deutschen ging es ähnlich.

Tätigkeitsbeschreibung & Was kann man an einer Klinik in Mexiko lernen?

Ein chirurgischer Servicio im Hospital Civil Viejo - ein Flur mit ca. 25 Patienten
Ein chirurgischer Servicio im Hospital Civil Viejo – ein Flur mit ca. 25 Patienten

Tatsächlich fragt man sich schnell: Was kann man dort überhaupt lernen? Während dieser langen Arbeitszeiten wird erschreckend viel Zeit mit Rumstehen, Warten, Material organisieren, um OP-Säle streiten, Kaffee trinken und mit sehr viel sinnfreier Bürokratie verbracht. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass gerade, weil es keine festen Arbeitszeiten gibt und man irgendwie „eh immer da ist“, der Wert einer Stunde noch geringer ist als ohnehin in Lateinamerika.

Um ehrlich zu sein, ist es, wenn man deutsche Effizienz gewohnt ist, schwierig, nicht verrückt zu werden. Meistens geht man dann eben doch einfach irgendwann und guckt sich lieber noch ein Museum an – egal, wie motiviert man frühmorgens noch war. Und mit etwas Pech verpasst man gerade dann den spannendsten Fall. Viel Geduld zu haben, ist sicherlich hilfreich.

Ich habe die ersten Wochen im Hospital Civil Viejo verbracht und bin dann auf Eigeninitiative in kleinere Häuser rotiert, in denen ich sehr viel machen durfte und mehr gelernt habe. Im Folgenden ein detaillierter Überblick über die Fachbereiche, die ich kennengelernt habe.

•    1. Rotation in die „Cirurgia General“ (Allgemeinchirurgie) im Hospital Civil Viejo (vier Wochen)
Die Ärzte sind in vier Teams („Equipos“) aufgeteilt. Als Deutscher ist man zusätzlich zu den Mexikanischen „Internos“ da. Jedes „Equipo“ hat seine eigenen Patienten, ist jeden 3. Tag für Elektiv-OPs eingeteilt, jede 3. Nacht auf „Guardia“ (Notfall-OPs) und kümmert sich sonst um Papierkram. Insbesondere die „Internos“ machen den gesamten (handschriftlichen) Papierkram, alle Aufnahmen und mehr oder weniger sinnvolle, aber stets zeitaufwendige Botengänge. Wer gut Spanisch kann, kann dort eingearbeitet werden und helfen. Die Frage ist nur: Will man lernen, mit welchen Formularen man in Mexiko eine Blutabnahme oder einen Blasenkatheter beantragt?

OP: Falls nachts operiert wird, instrumentieren die „Internos“, tagsüber gibt es dafür OP-Schwestern. Hakenhalten, erste, zweite, dritte und vierte Assistenz am Tisch, es ist erstaunlich, wie viele Ärzte an einen OP-Tisch passen, geht vor allem tagsüber, aber meist auch nachts, an die jüngeren Assistenzärzte. Im Dezember 2015 kam erschwerend hinzu, dass viele OP-Säle wegen Umbau geschlossen waren und dass es am Jahresende anscheinend oft kein Material gibt. Es ist wirklich frustrierend, die Nacht im Krankenhaus zu verbringen, einen Patienten mit akuter Appendizitis vor sich zu haben und nicht operieren zu können, weil Material fehlt.

Zu Beginn unseres PJ-Abschnitts im Hospital Civil Viejo wurde jeder deutsche PJler einem „Equipo“ der Allgemeinchirurgie zugeteilt, danach haben wir uns, was das Krankenhaus angeht, aus den Augen verloren. Ich hatte das Glück, mich mit den Ärzten meines Teams sehr gut zu verstehen. Es hilft auf jeden Fall sehr, wenn man auf Spanisch ein bisschen „smalltalken“ kann und man sollte gerade zu Beginn die Nachtschichten mitmachen. Nachts ist außerdem die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass man, falls es denn mal was zu tun gibt, auch irgendwas machen darf.

Es wird grundsätzlich offen operiert, sodass es mehr zu sehen gibt als in Deutschland. Immer wenn ich wollte, durfte ich mit in den OP und zuschauen. Gelegentlich, abhängig von der Gunst des Arztes und der Anzahl verfügbarer steriler Kittel, stand ich hakenhaltend am Tisch und durfte eventuell 1-2 Stiche der Bauchnaht machen. Wer in der Allgemeinchirurgie im Hospital Civil Viejo etwas lernen will, sollte den ganzen Monat, Wechsel ist immer am 1. eines Monats, im selben „Equipo“ bleiben oder sehr früh wechseln, falls einem die Leute unsympathisch sind, viel Geduld haben und gerade zu Beginn die Arbeitszeiten inkl. „Guardias“ weitestgehend mitmachen.

Das Gefühl, nach 36 Stunden das Krankenhaus zu verlassen und zu wissen, dass man in der Zeit maximal eine Blutabnahme und zwei Stiche gemacht, sowie bei zwei Appendektomien zugesehen hat, ist aber schon nervenaufreibend. Jedenfalls habe ich einen Überblick erhalten, was es für allgemeinchirurgische Krankheitsbilder gibt und am eigenen Leib gespürt, dass Haken halten nie mein Hobby sein wird.

Eine Untergruppe der Allgemeinchirurgie, ist die „Medicina Legal“, welche nach demselben Prinzip rotiert und für Unfälle, Stich- und Schussverletzungen zuständig ist. Mit denselben Regeln wie in der Allgemeinchirurgie, den „Guardias“ kommt aber noch mehr Bedeutung zu, kann man hier wohl ähnlich „viel“ machen und spektakuläre Notfälle sehen. Selber ausprobiert, habe ich das aber nicht.

•    2. „Urgencias“ – Notaufnahme im Hospital Cruz Verde (8 Wochen)
Das „Cruz Verde“ ist ein Verbund zahlreicher deutlich kleinerer Krankenhäuser, die über Guadalajara verteilt sind und die ganz Armen behandeln. Hier gibt es keine „Internos“, die Ärzte haben weniger krasse Arbeitszeiten und die Atmosphäre ist deutlich angenehmer und familiärer als im Hospital Civil Viejo. Als Deutscher darf man hier alles machen, „was man will“ (Originalzitat). Da jedoch oft deutsche Freiwillige und Pflegepraktikanten dort zu sein scheinen, lohnt es sich immer wieder zu betonen, dass man schon im PJ ist.

Ich habe hier richtig nähen gelernt, und zwar alle möglichen Wunden, Wundversorgung insgesamt, Blasenkatheter, arteriell punktieren und mit etwas Glück darf man auch mal intubieren. Patienten aufnehmen und untersuchen ist sowieso kein Problem. Blutabnahmen und Zugänge legen sind eigentlich Pflegetätigkeiten, kann man aber machen, wenn man möchte und schnell genug fragt. Im Gegenzug muss man ertragen, dass die Patienten noch schlechter behandelt werden und es mal zwei Wochen lang keine EKGs gibt, weil das Papier fehlt.

Theoretisch kann man sicherlich einfach vorbeigehen, sagen, dass man Medizin studiert, von jetzt an dort rotiert und anfangen und am Ende den Stempel vom Hospital Civil Viejo kriegen. Ich habe den etwas komplizierten, aber legaleren Weg gewählt. Ohne Voranmeldung habe ich den „Jefe de Ensenanza“ im „Hospital Delgadillo Araujo“ aufgesucht. Einfach durchfragen, er ist immer vormittags dort, E-Mail gibt es nicht. Man braucht vom Hospital Civil Viejo ein Dokument, das bestätigt, dass man „Interna“ im Hospital Civil Viejo ist und „Ningun inconveniente“ vonseiten des Hospital Civil Viejo besteht, wenn man eine Weile ins Hospital Cruz Verde rotiert.

Dieses Dokument erhält man von der „Jefe der Ensenanza“ im Hospital Civil Viejo. Eigentlich wird es einem unproblematisch ausgestellt, aber es ist schwierig, den Zuständigen zu erwischen. Ich war ca. sieben Mal dort, bevor ich den Brief bekommen habe. Geduld und Durchhaltevermögen führt wie so oft schließlich zum (Lern)Erfolg. Die Krankenhäuser vom „Cruz Verde“ hängen alle zusammen, die Ärzte rotieren, sodass ein Wechsel zwischen den Krankenhäusern sehr unbürokratisch möglich ist. Empfehlenswert ist das Krankenhaus „Ruiz Sanchez“, das in einer sehr armen Zone liegt.

•    3. Cirurgia Plastica im Hospital Civil Viejo (2 Wochen)
Hier habe ich vor allem bei der Wundversorgung zugesehen und war schockiert von den Verletzungen. Explosionen, Fournier-Gangrän, Diabetische Füße mit Miasis …

Mexiko als Reiseland

Der Copper Canyon in Nordmexiko - viermal so groß wie der Grand Canyon in den USA
Der Copper Canyon in Nordmexiko – viermal so groß wie der Grand Canyon in den USA

Wer nachgezählt hat, dem wird auffallen, dass ich nicht ganz auf vier Monate Rotationen komme. Was Reisen angeht, gibt es quasi nichts, das Mexiko nicht bietet. Strände, Berge, Städte, Ruinen, leckeres Essen, überall herzliche, gastfreundliche und sehr zugewandte Menschen, Tauchen, Schluchten, den „Copper Canyon“, welcher größer ist als der Grand Canyon in den USA, etc. – und die Preise sind sehr erschwinglich. Ein Kaffee kostet 50 Cent, ein mehrgängiges Mittagessen in einem mittelguten Restaurant ca. 5€, eine Flasche guter Tequila oder ein Kasten Bier ca. 7€, fünf Stunden Busfahrt ca. 10€.

Das Langstreckenbussystem ist günstig, sicher und relativ bequem. Man kann die Tickets theoretisch im Internet kaufen, jedoch wurde meine deutsche Kreditkarte von den Webseiten leider nie akzeptiert, oder an den Busbahnhöfen und teilweise an Verkaufsstellen in Supermärkten/„Oxxos“. Vor Wochenenden lohnt es sich auf jeden Fall, vorher zu kaufen! Es gibt verschiedene Firmen, die verschiedene Strecken anbieten. „Reserbus“ (http://www.reserbus.mx) liefert eine gute Übersicht, welche Firmen wann wo fahren. Nicht von dieser Suchmaschine abgedeckt, ist „ADO“ (http://www.ado.com.mx), die vor allem im Südosten des Landes fährt.

Gerade für längere Strecken kann es sich lohnen zu fliegen. Die Seite www.despegar.com gibt eine Übersicht über die mexikanischen Billigflieger, zu dem angezeigten Preis kommt jedoch meist beim tatsächlichen Kauf nochmal ca. derselbe Preis für Gebühren und Ähnliches hinzu. Die billigste Fluglinie ist „Vivaaerobus“, die aber dafür das Handgepäck genauestens abwiegt, oft mehrere Stunden Verspätung hat und eine Stunde vor Abflug alle Schalter schließt. Eine Freundin hat so ihren Flug verpasst. Der einzige mexikanische Passagierzug ist eine Touristenattraktion für sich: http://www.chepe.com.mx

Mein Fazit

Ja, ich würde immer wieder ein Chirurgie-Tertial in Guadalajara bzw. in Mexiko machen. Es war nicht die einfachste Zeit meines Lebens, aber ich habe medizinisch (mit Eigeninitiative, s. oben), menschlich, sprachlich und kulturell ungemein profitiert als auch unzählige wunderbare Erfahrungen und Erinnerungen mit nach Hause genommen. So irgend möglich, werde ich auf jeden Fall noch oft in dieses Land zurückkehren, um meine Freunde zu besuchen und die anderen Landesteile kennenzulernen.

Ich kann mir auf keinen Fall vorstellen, in Mexiko Assistenzärztin zu sein und auch nicht, als Oberärztin in einem öffentlichen Hospital zu arbeiten. Abgesehen davon, könnte ich mir aber vielleicht vorstellen, einmal  in Mexiko zu leben – zu einem späteren Zeitpunkt, mit eigener Praxis oder in einem Hilfsprojekt.

T., E.
Freiburg, Juni 2016

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