PJ in Sambia – Pädiatrie

18. August 2016

in Chancen im Ausland, Pädiatrie, Praktisches Jahr im Ausland, Sambia

Sambia, Lusaka, University Teaching Hospital – University of Zambia (07.03.-01.05.2016)

Im Frühjahr 2016 absolvierte ich acht Wochen meines PJ-Wahlfachs Pädiatrie am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka. Im Krankenhaus habe ich sowohl theoretisch als auch insbesondere praktisch sehr viel mitnehmen können, wobei die Möglichkeit, selbst eine Geburt zu leiten, sicherlich ein Highlight darstellt. Die Fälle, denen ich im Krankenhaus begegnet bin und der allgegenwärtige Mangel an Personal und Ressourcen haben mir gezeigt, mit welchen Problemen Medizin in sog. „Entwicklungsländern“ konfrontiert ist. Gleichzeitig war es beeindruckend zu sehen, wie es den Ärzten dennoch gelingt, ihren Patienten die im Rahmen des Möglichen optimale medizinische Versorgung zukommen zu lassen.

Entscheidung für die Pädiatrie in Sambia

Arbeitsplatz eines Assistenzarztes am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
Arbeitsplatz eines Assistenzarztes am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

Ich sehe in einem Auslandspraktikum, zum Beispiel im Rahmen des PJ, eine sehr gute Gelegenheit, ein anderes Land und sein Gesundheitssystem kennenzulernen und dabei viel tiefere Einblicke zu erhalten, als dies aus der Touristen-Perspektive möglich wäre. Insbesondere das Spektrum, in dem moderne Medizin funktionieren kann, interessiert mich. Nachdem ich bereits eine Zusage für einen achtwöchigen PJ-Aufenthalt an einer der bestausgestatteten Kliniken der USA in Chicago erhalten hatte, stellte es für mich einen besonderen Reiz dar, dem eine Arbeitserfahrung in einem deutlich weniger gut ausgestatteten Krankenhaus gegenüber zu stellen.

Da ich trotz großem Interesse bisher kaum die Gelegenheit hatte, afrikanische Länder zu bereisen, entschloss ich mich, nach einer Universitätsklinik in einem englischsprachigen afrikanischen Land Ausschau zu halten. Nachdem ich mir Erfahrungsberichte aus Ländern wie Kenia, Tansania, Ghana und Sambia angesehen hatte, kam ich unter anderem durch die sehr positiven Erfahrungsberichte aus Lusaka zu dem Schluss, mich an der University of Zambia zu bewerben.

Die Bewerbung

Der Bewerbungsprozess verlief recht unkompliziert. Über eine Internetrecherche wurde ich auf eine Seite zum University Teaching Hospital in Sambia aufmerksam und fand dort eine Kontaktadresse, an die ich meinen Lebenslauf und ein kurzes Motivationsschreiben schickte. Drei Wochen später erhielt ich eine Antwort mit einem Dokument im Anhang, das von meiner Universität ausgefüllt werden sollte. Nachdem ich das ausgefüllte Dokument eingescannt und abgeschickt hatte, erhielt ich bereits am selben Tag die Zusage.

Weitere organisatorische Schritte

  • Ausflug an den Zambezi-River - viertlängster Fluss in Afrika
    Ausflug an den Zambezi-River – viertlängster Fluss in Afrika

    Zeitspanne

Die gewünschten Anfangs- und Enddaten des PJ-Aufenthaltes in Sambia können flexibel eingeteilt und auch kurzfristig noch geändert werden.

  • Impfungen und Malariaprophylaxe

Dies ist sicherlich der größte organisatorische Aufwand für einen PJ-Abschnitt in Sambia und sollte mindestens drei Monate vor Abreise in Angriff genommen werden. Ich benötigte insgesamt sieben Auffrischungen bzw. neue Impfungen gegen: Gelbfieber, Tetanus, Typhus, Hepatitis A, Tollwut, Meningokokken-Meningitis und Influenza. Außerdem wird eine Malariaprophylaxe empfohlen. Ich persönlich entschied mich für die Atovaquon-Proguanil-Kombination („Malarone“, tgl. 1 Tablette) und hatte während der ganzen Zeit keine spürbaren Nebenwirkungen.

  • Krankenversicherung

Es ist wichtig, vorher mit der eigenen Krankenversicherung abzuklären, ob und wie Sambia abgedeckt ist. Die Preise in sambischen Krankenhäusern sind zwar sehr niedrig, allerdings können bestimmte Gesundheitsleistungen nicht im ganzen Land angeboten werden, weshalb es ratsam ist, vorher abzuklären, ob Krankentransporte in andere Länder abgedeckt sind.

  • Visum

Der Visumsprozess für Sambia ist der „kundenfreundlichste“, den ich je erlebt habe. Man beantragt einfach ein elektronisches Visum auf https://evisa.zambiaimmigration.gov.zm/#/ . Nach wenigen Tagen Bearbeitungszeit erhält man ein Dokument zum Ausdrucken, welches man bei der Einreise vorzeigt und daraufhin gegen eine Gebühr von ca. 80 USD ein Visum ausgestellt bekommt. Einen Monat nach der Einreise muss man sich für einen Stempel nochmals beim Immigration Office in Lusaka vorstellen. Dies dauert aber wortwörtlich nur 30 Sekunden und kostet keine Extra-Gebühren.

  • Kleidung

Medizinstudenten in Sambia tragen ähnliche Kittel wie die Studenten in Deutschland. Unter den Kitteln sind sowohl Ärzte als auch Medizinstudenten sehr formell gekleidet. Männer tragen meist Anzugshose, Hemd und Krawatte, Frauen Bluse und Rock oder feinere Hosen. Jeans und Turnschuhe werden als unangemessen angesehen.

Das Krankenhaus

Das University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
Das University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

Das University Teaching Hospital (UTH) der University of Zambia in Lusaka ist das größte Krankenhaus Sambias und beherbergt offiziell 2.200 Betten. Bis 2005 war es das einzige Krankenhaus des Landes, in dem Ärzte ausgebildet werden konnten. Noch heute können viele Therapien (z.B. ALL-Therapie) ausschließlich im UTH durchgeführt werden, weshalb Patienten aus allen Teilen des Landes kommen.

Ansprechpartnerin für organisatorische Fragen ist Lucy M Phiri, die Sekretärin des „Assistant Dean“.

  • Der erste Tag in der Klinik

Am ersten Tag stellt man sich im Büro des „Assistant Dean“ vor. Von dort wird man zum Kassenbüro geschickt, um 320 USD Studiengebühren zum tagesaktuellen Kurs in der Landeswährung „Kwacha“ zu bezahlen. Nachdem man dann die Quittung für die Zahlung im Assistant-Dean-Büro vorzeigt, bekommt man ein weiteres Dokument ausgehändigt, mit dem man sich im Büro des jeweiligen Bereichsleiters, in meinem Fall Pädiatrie, vorstellt. Je nach Fachgebiet wird man dann entweder direkt bei den Ärzten eingeteilt oder kommt – wie in meinem Fall – in eine Rotation mit den sambischen Medizinstudenten im letzten Jahr.

  • Generelle Info zur ärztlichen Ausbildung in Zambia

Die ärztliche Ausbildung in Sambia orientiert sich am britischen System und dauert insgesamt sechs Jahre. Im University Teaching Hospital beginnen jedes Jahr 300 Medizinstudenten, die i.d.R. Jahrgangsbeste an ihren Schulen waren. Nach einem Jahr erfolgt eine Prüfung und lediglich die 110 besten der ursprünglich 300 Studenten dürfen weiter studieren. Nach dem Abschluss des Medizinstudiums folgt das eineinhalb-jährige sog. „Internship“, an das sich für jeden Arzt ein verpflichtendes zweijähriges sog. „Rural Posting“, ein Einsatz im ländlichen Sambia anschließt, bei dem man häufig der einzige Arzt für bis zu 20.000 Menschen ist. Nach Abschluss des „Rural Posting“ kann mit der gewünschten bis zu vierjährigen Facharztausbildung begonnen werden.

Die klinische Ausbildung im Medizinstudium erfolgt im Blockunterricht. Der Zeitraum für den Pädiatrie-Block beträgt neun Wochen. Diese neun Wochen gliedern sich wiederum in eine Woche Neonatologie, eine Woche Pädiatrische Hämatologie/Onkologie, eine Woche Mangelernährungsstation, vier Wochen Allgemeine Pädiatrie, eine Woche Pädiatrische Infektiologie und eine Prüfungswoche.

Jede Woche des Blockunterrichts ist exakt durchgeplant. Ein typischer Tagesablauf gestaltet sich wie folgt:

– 8:00 – 9:00 Uhr: Lecture (Vorlesung)

– 9:00 – 11:00 Uhr: Clinic

– 11:00 – 13:00 Uhr: Tutorial (Patientenvorstellung)

– 13:00 – 14:00 Uhr: Mittagspause

– 14:00 – 16:00 Uhr: Clinic/Admission

– 16:00 -18:00 Uhr: Seminar

In einem Block gibt es ca. 50 Medizinstudenten, die wiederum in Gruppen à 6-7 Studenten aufgeteilt werden. Während „Lecture“, Tutorial und Seminar mit allen 50 Studenten stattfinden, erfolgen die Clinic-Einsätze in besagten Kleingruppen. In den morgendlichen Clinic-Einsätzen ist es die Aufgabe jedes einzelnen Medizinstudenten, ein bis zwei Patienten zu untersuchen, um diese dann in den Clinic-Einsätzen am Nachmittag vorzustellen.

Meine acht Wochen in der Pädiatrie in Sambia

  • Auf der Allgemeinpädiatrie am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
    Auf der Allgemeinpädiatrie am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

    1. Woche: Neonatology

Auf der Neonatologie des University Teaching Hospital begegnet man vielen Fällen von Neugeborenen Sepsis, Neugeborenen Ikterus, Asphyxie oder geringem Geburtsgewicht. Inkubatoren gibt es zwar, diese haben sich in der Vergangenheit aber als zu infektionsbelastet erwiesen. Da auch Intubation aufgrund fehlender Beatmungsmaschinen nicht möglich ist und verschiedene Standardpräparate (wie z.B. Fresh Frozen Plasma) nicht vorhanden sind, liegt das minimale Geburtsgewicht, mit dem Frühgeborene noch eine realistische Überlebenschance haben, bei deutlich über 1.250 Gramm.

  • 2. Woche: Hematology/Oncology

Da das University Teaching Hospital in Lusaka die einzige Klinik in Sambia ist, die Blutkrebs bei Kindern behandeln kann, in ganz Sambia gibt es lediglich 15 Onkologen, also ein Onkologe pro eine Million Einwohner, finden sich hier besonders viele Fälle von ALL und Burkitt-Lymphomen. Generell mangelt es an vielen Medikamenten, weshalb Medikamentenpläne aufgrund von Versorgungsengpässen angepasst werden müssen. Stammzelltransplantation ist generell nicht möglich. Interessanterweise haben die Ärzte vor Ort festgestellt, dass die europäischen ALL-Therapie-Protokolle bei nahezu allen Kindern wirkungslos blieben und haben daraufhin eigene, stärkere Protokolle entwickelt, wodurch sich die Überlebensrate deutlich verbessert hat.

  • 3. Woche: Malnutrition

Fünf Prozent aller Kinder in Sambia sind schwer unterernährt. Das entspricht 150.000 Kindern. Über ganz Sambia verteilt, gibt es 30.000 Krankenhausbetten. Selbst wenn man also alle bestehenden Krankenhausressourcen dazu einsetzen würde, ausschließlich unterernährte Kinder zu behandeln, blieben immer noch 4 von 5 Kindern unbehandelt.

Die Mangelernährungsstation ist sicherlich die eindrucksvollste und mir am stärksten in Erinnerung gebliebene Station meiner Zeit in Sambia. Hier werden die Medizinstudenten sehr ausführlich in WHO-Protokollen zur Behandlung von Mangelernährung unterrichtet. Aufgrund der räumlich begrenzten Ausstattung und damit einhergehenden Infektionen, sowie einem Mangel an bestimmten Antibiotika liegt die Mortalitätsrate auf Station bei ca. 30 Prozent. Laut WHO angestrebte Rate: <15 Prozent. Die Patienten sind meist nicht nur unterernährt, sondern bringen HIV-, Tuberkulose- oder enterale Infektionen mit. Fast täglich sieht man auf Station Kinder sterben.

Ein Zustand hat mich zu Beginn sehr verwundert. Obwohl die Kinder teilweise dem klassischen Bild unterernährter Kinder entsprechen wie z.B. Proteinmangelödeme, sich abzeichnender Brustkorb, ulzerierte Haut etc., sind die Mütter vom Aussehen her wohlgenährt, teilweise leicht übergewichtig. Dieser Zustand wurde uns dann im Seminar vom Stationsoberarzt erklärt. Die Unterernährung der meisten Kinder liegt NICHT daran, dass sich die Eltern keine Nahrung leisten könnten – die allermeisten können das. Sie sind unterernährt, weil die Eltern den Kindern die falsche Nahrung verabreichen.

Es besteht ein Trend dazu, dass Mütter, aus verschiedenen Gründen, das Stillen einstellen und den Kindern ausschließlich sog. „Super Shake“ oder „Maheu“ füttern. Diese Getränke enthalten lediglich Milchpulver, Zucker, Süßstoff und Stärke –  nahezu KEIN Protein und KEIN Fett. Ohne dass es die Eltern ahnen, enthalten sie ihrem Kind wertvolle Nährstoffe vor. In den Momenten, ab denen die Kinder so schwach sind, dass die Eltern sie doch ins Krankenhaus bringen, ist es häufig bereits zu spät. Ich fand diese Situation sehr eindrucksvoll, da sie die enorme Bedeutung von Gesundheitsausbildung in der Bevölkerung verdeutlicht und zeigt, dass „Universal Healthcare“ über die Bereitstellung von Krankenhausressourcen hinausgehen muss.

  • 4. – 7. Woche: General Pediatrics

In der allgemeinen Pädiatrie begegnet man insbesondere Fällen von Malaria, Sichelzellkrankheit, Durchfallerkrankungen, Pneumonien und Anämien.

  • 8. Woche: Infectious Disease

Im Jahr 2005 wurde ein eigenes Haus für infektiöse Erkrankungen wie Tuberkulose, Masern und Cholera eingerichtet. Bei meinem Innere-PJ-Tertial in Deutschland wurden Tuberkulose-Patienten sehr gründlich isoliert und jeder, der das Zimmer betrat, musste schwere Schutzmasken und Einwegkittel anziehen. Im University Teaching Hospital in Lusaka läuft dies anders: Unterricht passiert ungeschützt am Patientenbett. Den Ärzten ist das Problem durchaus bewusst, allerdings ist TBC auch auf den anderen Stationen, z.B. Malnutrition oder General Pediatrics, so alltäglich, dass ausgeprägte Infektionsschutzmaßnahmen ressourcenmäßig schlicht nicht zu bewerkstelligen sind. Einer der Medizinstudenten meinte zu mir, dass sie so häufig ungeschützt mit TBC-Patienten arbeiten, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als auf ihr eigenes Immunsystem zu vertrauen.

Nachtschichten in der Geburtshilfe

Geburtsstation am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
Geburtsstation am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

In den vier Wochen Allgemeinpädiatrie bietet sich – in Rücksprache mit den verantwortlichen Ärzten – eine besondere Option an: zwei bis drei Nachtdienste in der Geburtshilfe.

In einer Nacht passieren bis zu 70 (!) Geburten und es zeigt sich besonders deutlich der Mangel an Ressourcen:

– Im OP der Geburtsstation gibt es exakt zwei Kaiserschnitt-OP-Besteck-Sets, welche nach Gebrauch erst wieder sterilisiert werden müssen, was ca. eineinhalb Stunden dauert. Wenn also innerhalb von eineinhalb Stunden mehr als zwei Kaiserschnitte notwendig werden, heißt es für die dritte Patientin erst mal warten, bis wieder ein Set zur Verfügung steht.

– Teilweise ist so starker Betrieb auf Station, dass die Betten nicht ausreichen und Frauen ihre Kinder wortwörtlich im Krankenhausflur auf dem Boden zur Welt bringen müssen, was wiederum enorm zum Problem der Neugeborenen Sepsis beiträgt.

– Jede Frau, die im University Teaching Hospital in Lusaka gebären möchte, muss ein eigenes „Geburtsset“ mit sterilen Handschuhen, Nabelschnurklemmen, Babykleidung, Windeln, Decken und einem Eimer für die Notdurft der Mutter mitbringen.

Neben dem offensichtlichen Mangel gibt es aber auch wirklich viele schöne Momente und man kann sowohl viel sehen wie z.B. Kaiserschnitte, Beckenendlagengeburt, Episiotomien etc. als auch praktische Erfahrungen sammeln. Die meiste Arbeit auf Station wird von den Hebammen übernommen, die einen bereitwillig in den Geburtsprozess einbeziehen, sodass man nach einem Tag bereits eigenständig Kinder auf die Welt bringen darf. Ich hatte das enorme Privileg, selbst fünf Kinder, vier Mädchen und ein Junge, auf die Welt zu bringen.

Gesamteindruck der medizinischen Ausbildung in Lusaka

Meine Seminargruppe am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
Meine Seminargruppe am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

Gerade weil ich in den vorherigen Zeilen vor allem vom Ressourcenmangel auf Station berichtet habe, soll an dieser Stelle die hohe akademische Qualität der Ausbildung nicht unerwähnt bleiben. Die Ärzte am University Teaching Hospital in Lusaka sind ziemlich up-to-date, was aktuelle Behandlungsleitlinien angeht und die sambischen Medizinstudenten sind vom medizinischen Wissen her auf einem vergleichbaren Level wie deutsche oder amerikanische Medizinstudenten, auch wenn es selbstverständlich landesspezifische Schwerpunkte wie z.B. Malaria, Mangelernährung, Sichelzellkrankheit etc. gibt.

Zusätzlich zum ausgiebigen akademischen Programm, jeden Tag gibt es eine „Lecture“, ein Tutorial und ein Seminar, erhalten die sambischen Medizinstudenten eine Praxisexposition, wie ich es so bisher in noch keinem Land erlebt habe. Die meisten Studenten aus meiner Gruppe hatten im Laufe ihres Medizinstudiums bereits eigenständig mindestens 20 Kinder zur Welt gebracht, waren bei mehreren Reanimationen eingebunden und sehen sowie untersuchen in einem Jahr sicherlich mehr Patienten als viele deutsche Medizinstudenten im ganzen Medizinstudium.

Was ich außerdem hervorheben möchte, ist die wirklich offene und freundliche Art, mit der ich als ausländischer Student in die Gruppe aufgenommen wurde.

Krankenhausalltag und Gesundheitssystem in Sambia

Super-Shake-Babykiller
Super-Shake-Babykiller

Die Zeit im University Teaching Hospital in Lusaka hat bei mir im Positiven wie im Negativen bleibende Eindrücke hinterlassen. Ich konnte sehen, wie moderne Medizin auch mit einem Bruchteil der in westlichen Ländern vorhandenen Mittel funktionieren kann, gewann Einblicke in die Tropenmedizin und sah Krankheiten sowie Krankheitsstadien, die man bei uns nur noch in Büchern findet. Mir ist viel Leid begegnet und ich habe mehr Patienten, insbesondere Kinder, sterben sehen, als in meiner gesamten vorherigen medizinischen Ausbildung. Gleichzeitig war es enorm beeindruckend zu sehen, was die Ärzte vor Ort trotz der begrenzten Mittel leisten können.

Was das Gesundheitssystem in Sambia angeht, besteht eine subventioniertes Gesundheitsleistungsangebot. Das bedeutet, dass die meisten notwendigen Diagnostiken, Therapien und Krankenhausaufenthalte selbst für sambische Verhältnisse zu verschwindend geringen Preisen angeboten werden. HIV-Medikamente sind beispielsweise für jeden Sambier komplett kostenlos. Allerdings gibt es einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der sich selbst die stark subventionierten Preise nicht leisten kann. Diesen Menschen steht dann die Möglichkeit offen, soziale Unterstützung vom Staat zu beantragen, was wiederum sehr lange dauern kann.

Wie materiell schlecht gestellt viele der Patienten am University Teaching Hospital in Lusaka sind, zeigt sich einerseits in den Anamnesegesprächen. Eine Familie mit sechs Kindern, die alle in einer Hütte ohne fließend Wasser leben und ein Erdloch als Toilette benutzen müssen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und es zeigt sich ferner darin, dass viele Patientenangehörige unter freiem Himmel auf den Grasflächen im Krankenhausgelände übernachten müssen, da sie sich keine Unterkunft in Lusaka leisten können. Die wenigen Gutverdiener, die es im Land gibt, sind zusätzlich privat versichert, um sich in einem der privaten Krankenhäuser oder in den Privatstationen des University Teaching Hospitals behandeln zu lassen. Selbst dort sind aber die Mittel begrenzt und wer es sich leisten kann, fliegt für komplizierte Behandlungen nach Südafrika, um sich dort therapieren zu lassen.

Neben den begrenzten diagnostischen und therapeutischen Mitteln in Sambia sind sicherlich der eklatante Mangel an medizinischem Personal – auf einen Arzt kommen im Sambia im Durchschnitt 12.000 Patienten, in Deutschland ein Arzt pro 300 Patienten – und die mehr als unzureichende Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung auffällig. Zur Verdeutlichung dessen hier ein paar wenige Beispiele aus dem Krankenhausalltag:

– Mütter füttern ihren Kindern bunte Zucker-Milchpulver-Drinks anstatt sie zu stillen (beschrieben unter „3. Woche: Malnutrition“).

– Eltern denken bei epileptischen Anfällen, dass ihr Kind verhext wurde.

– Eine Mutter dachte, ihr Kind atme „wie ein Schwein“, da sie in der Schwangerschaft Schweinefleisch gegessen hatte. Letztendlich hatte das Kind dann Tuberkulose.

– In einigen Dörfern werden die kostenlos ausgeteilten Moskitonetze dazu benutzt, Brautkleider daraus zu schneidern.

– in den Compounds/Slums von Lusaka denken viele, z.B. „Jolly Juice“, rot eingefärbtes Zuckerwasser, wäre gut fürs Blut; für die Kosten einer solchen Flasche könnten die Leute sich eine ganze Kiste Bananen oder Avocados leisten, was aber als „Arme-Leute-Essen“ schlechter angesehen ist.

– Es geht das Gerücht in Sambia um, dass Lumbalpunktionen für Patienten tödlich sind, weshalb alle Ärzte und Medizinstudenten angehalten sind, das Wort „Lumbalpunktion“ zu vermeiden und stattdessen z.B. von „spinaler Anästhesie“ zu reden.

– In einigen Regionen werden Tierfäkalien oder traditionelle Medizin auf den Nabelschnurstumpf bei Neugeborenen aufgetragen.

– usw.

Diese Liste könnte endlos fortgeführt werden und soll nicht dazu dienen, die Patienten vorzuführen, sondern vor allen Dingen zeigen, wie essentiell wichtig grundlegende Gesundheitsaufklärung in der Bevölkerung ist und was es für Auswirkungen haben kann, wenn diese unterbleibt.

Sambia und seine Hauptstadt Lusaka

Bevor ich mit meiner Recherche für einen PJ-Abschnitt in Afrika begann, hatte ich wenig bis gar keine Ahnung von Sambia. Es ist ein Binnenstaat im südlichen Afrika mit ca. 15 Millionen Einwohnern. Im „Human Development Index“ liegt Sambia auf Platz 141 von 187, die HIV-Infektionsrate in der Bevölkerung liegt bei 14Prozent (Stand: 2015). Gleichzeitig ist es seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1964 eine stabile Demokratie mit deutlich weniger Sicherheits- und Gewaltproblemen als einige der umliegenden Staaten wie z.B. die Demokratische Republik Kongo, Angola, Simbabwe.

Lusaka ist das wirtschaftliche und politische Zentrum des Landes. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt vor allen Dingen schmutzig und laut. Auch wenn ich nach wie vor nicht finde, dass Lusaka eine besonders schöne Metropole wäre, muss ich sagen, dass man sich mit der Zeit an den Charakter der Stadt gewöhnt und auch einige angenehme Orte findet. Definitiv sehenswerter und teilweise atemberaubend schön ist die Natur in Sambia und dabei insbesondere die Viktoriafälle, die für sich allein genommen schon eine Reise rechtfertigen.

Die meisten persönlichen Kontakte, die ich in Sambia hatte, waren getragen von großer Gastfreundschaft, Offenheit und positiver Neugier.

  • Sprache in Zambia

Offizielle Landessprache ist Englisch. Allerdings existieren über 70 verschiedene Stämme in Sambia mit entsprechend vielen verschiedenen Stammessprachen. Gebildete Sambier, mindestens High School, sprechen durchweg sehr gutes Englisch. Auch unter den sambischen Ärzten und Krankenschwestern ist Englisch Verkehrssprache. Viele der Patienten am University Teaching Hospital stammen aus sehr einfachen Verhältnissen und sprechen ausschließlich ihre jeweilige Stammessprache. In solchen Fällen muss man entweder darauf hoffen, dass wenigsten ein Patient auf Station Englisch beherrscht oder Krankenschwestern bzw. andere Medizinstudenten um Hilfe bei der Übersetzung bitten.

Die in Lusaka am häufigsten gesprochenen Sprachen sind „Nyanja“, „Bemba“ und „Tonga“. Insbesondere für den Alltag in Lusaka bietet es sich an, wenigstens einige Sätze „Nyanja“ zu lernen (Buchempfehlung: https://www.amazon.com/Town-Nyanja-learners-emerging-national/dp/1300756004 )

Wohnen und leben in Lusaka

  • Unterkunft

Direkt in der Nähe des Krankenhaues gibt es das „Birdnest-Hostel“ (http://www.birdnestbackpackers.co.zm/ ). Obwohl ich ursprünglich nur die ersten Tage hier übernachten und dann nach einer privaten Unterkunft Ausschau halten wollte, entschied ich mich bereits nach wenigen Tagen, auch den Rest meines Aufenthaltes dort zu verbringen. Die Lage ist ideal. Weniger als 10 Minuten Fußweg zum Krankenhaus. Das Gelände liegt im Botschaftsviertel und wird tagsüber von den Mitarbeitern und nachts von einem Sicherheitsdienst bewacht. Wie der ganze Rest der Stadt, inklusive des Krankenhauses, blieb auch das „Birdnest-Hostel“ in meiner Zeit dort nicht von regelmäßigen Strom- und Wasserausfällen verschont. Mit der der Zeit gewöhnt man sich aber auch daran.

Im März und April ist man fast allein im Hostel und Nkole, der Manager, macht einem einen guten Preis für die Zeit. Ich hatte ein eigenes Doppelbettzimmer zum Dormitory-Preis von 11 USD pro Tag, also 330 USD pro Monat. Überhaupt ist der Manager Nkole, selbst erst 25 Jahre alt mit abgeschlossenem Studium in Computer Science, ein sehr angenehmer Zeitgenosse und nimmt einen an viele Orte in Lusaka mit, sei es zum Essen, zu Konzerten oder zu Partys.

  • Mobilität

Ohne Auto geht in Lusaka fast nichts. Tagsüber fahren Sammelbusse vom Krankenhaus ins Stadtzentrum und umgekehrt. Eine Fahrt kostet zwischen 3-5 Kwacha (ca. 0,30-0,50 €). Am Abend und falls man zu spezifischen Orten fahren möchte, bieten sich die offiziellen und inoffiziellen Taxis an. Innerhalb der Stadt kostet eine Fahrt ca. 50 Kwacha (ca. 5 €). Am besten sucht man sich einen Fahrer des Vertrauens und lässt sich dessen Nummer geben. Insbesondere am Abend, wenn alle feiern gehen, ist es, auch unter den Taxifahrern, Gang und Gäbe, betrunken Auto zu fahren.

  • Kommunikation

Das Mobilfunknetz in Sambia ist überraschend gut ausgebaut. Das mobile Internet ist relativ günstig und sehr zuverlässig und selbst bei Stromausfällen funktionierte es noch. Insbesondere, da die meisten Wi-Fi-Verbindungen, sowohl im Hostel als auch im Krankenhaus, recht störanfällig sind, würde ich jedem einen solchen mobilen Internetzugang empfehlen.

  • Das Thema Sicherheit!

Hier sind zwei Punkte von Bedeutung: Kriminalität und Ansteckungsgefahr!

– Kriminalität:

Wie weiter oben bereits beschrieben, ist Sambia für die Region ein relativ stabiles und sicheres Land. Dennoch gibt es einiges zu beachten. Unabhängig voneinander haben mir alle Sambier, mit denen ich darüber geredet habe, empfohlen, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein in Lusaka unterwegs zu sein und im Zweifelsfall selbst für die acht Minuten Fußweg vom Krankenhaus zum Hostel ein Taxi zu nehmen. Als „Muzungo“ („Weißer“) fällt man auf und speziell am Abend kann einen das in unangenehme Situationen bringen.

Tagsüber kann man sich in den meisten Gebieten der Stadt frei bewegen, sollte sich aber vor allen Dingen an belebten Plätzen vor Taschendieben in Acht nehmen.

– Ansteckungsgefahr:

Wie weiter oben ebenfalls bereits beschrieben, erlauben die begrenzten Mittel in Sambia keine idealen hygienischen Bedingungen. Viele Patienten haben offene Tuberkulose, sind HIV-positiv oder haben ansteckende Durchfallerkrankungen. Gleichzeitig stellt das Krankenhaus KEIN Desinfektionsmittel oder Masken und Handschuhe nur in vielleicht 80 Prozent der Fälle bereit. Es bietet sich daher definitiv an, eigenes Desinfektionsmittel, Handschuhe, Masken und Augenschutz für blutige OPs oder Geburten mitzubringen. Handschuhe und Masken kann man auch günstig in der Krankenhausapotheke erwerben. Ich persönlich hatte mich außerdem damit zurückgehalten, freiwillig Blutentnahmen oder OP-Nähte zu übernehmen.

Vorsicht ist auch bei „Street-Food“ geboten. “Cook it, boil it, peel it or forget it” ist daher sicherlich eine gute Daumenregel. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass in Sambia mit den Händen gegessen wird, weshalb es sich anbietet, ein Händedesinfektionsmittel dabei zu haben.

Wenn man sich an diese einfachen Regeln hält, ist man auf der relativ sicheren Seite. Ich selbst habe in den zwei Monaten in Sambia sowohl was Kriminalität als auch Infektionen angeht, keine negativen Erfahrungen gemacht.

  • Kosten und Finanzierung

– Studiengebühren: 40 USD/Woche à 320 USD für 2 Monate

– Malaria-Prophylaxe: ca. 200 € für 2 Monate

– Flug (one-way): ca. 500 €

– Die Impfungen wurden von meiner Versicherung übernommen, summieren sich sonst aber auf bis zu 300 €.

– Unterkunft: 660 USD für 2 Monate

– Scrubs für den OP-Bereich: 100 Kwacha (ca. 10 €)

Die Lebenshaltungskosten sind deutlich günstiger als in Berlin. In der Krankenhausmensa bekommt man ein vollwertiges Gericht für weniger als 10 Kwacha (ca. 1 €), wenn man noch einen kompletten Fisch dazu möchte, für 20 Kwacha (2 €). In einer günstigen Kneipe kostet z.B. ein Bier 8 Kwacha (0,80 €), sonst 10 bis 15 Kwacha (1-1,5 €).

Als Förderungsmöglichkeiten seien an dieser Stelle für PJ-Abschnitte im Ausland die Auslandsstipendien von Medizinernachwuchs.de (einmalig 500 Euro) sowie Auslandszuschläge bei evtl. bereits bestehenden Stipendien genannt.

Things to do in Sambia

Sonnenuntergang am Sambesi
Sonnenuntergang am Sambesi

Ein „Must See“ in Sambia ist definitiv Livingston mit den dort gelegenen Nationalparks und den Viktoriafällen. Von Lusaka aus fahren Überlandbusse für 100 Kwacha (ca. 10€) innerhalb von acht Stunden nach Livingston. Dort gibt es dann neben den bereits genannten Viktoriafällen, einem UNESCO-Weltnaturerbe, auch die Möglichkeit zu einer „Elephant Back Safary“, einem „Sunset River Cruise“ auf dem Zambezi River, einer „Traditional Village Tour“, ist weniger „fake“, als man erwarten würde und zu vielen weiteren Aktivitäten.

In der Gegend um Lusaka sind zudem die „Kalimba Crocodile Farm“ und der „Lusaka National Park“ mit seinen Nashörnern zu empfehlen. In der Stadt Lusaka selbst kann man sich evtl. das „National History Museum“ anschauen.

Mein Fazit

Zambian-Kids
Zambian-Kids

Die Zeit im University Teaching Hospital in Lusaka war intensiv und einprägsam!

Im Krankenhaus habe ich sowohl theoretisch als auch insbesondere praktisch sehr viel mitnehmen können, wobei die Möglichkeit, selbst eine Geburt zu leiten, sicherlich ein Highlight darstellt. Die Fälle, denen ich im Krankenhaus begegnet bin und der allgegenwärtige Mangel an Personal und Ressourcen haben mir gezeigt, mit welchen Problemen Medizin in sog. „Entwicklungsländern“ konfrontiert ist. Gleichzeitig war es beeindruckend zu sehen, wie es den Ärzten dennoch gelingt, ihren Patienten die im Rahmen des Möglichen optimale medizinische Versorgung zukommen zu lassen.

Sowohl fachlich, als auch um die Arbeit unter solchen Bedingungen kennenzulernen, lohnt sich meiner Meinung nach ein Famulatur- oder PJ-Aufenthalt in Sambia. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden.

Extra-Fazit: PJ-Kombination Sambia-USA

Auf der Mangelernährungsstation am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka
Auf der Mangelernährungsstation am University Teaching Hospital der University of Zambia in Lusaka

Innerhalb meines Wahlfachs Pädiatrie habe ich je zwei Monate in Sambia und in den USA verbracht. Mein Ziel war es, einen Einblick in das weite Spektrum moderner Medizin zu erhalten – von einer der bestausgestatteten Universitätskliniken der USA zu einer ressourcenmäßig deutlich schlechter gestellten Universitätsklinik in einem Binnenstaat im südlichen Afrika. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide PJ-Aufenthalte für sich bereits zu empfehlen sind und durch die spezifische Kombination für mich persönlich noch einen zusätzlichen Erfahrungswert gebracht haben.

Mir sind viele Unterschiede zwischen den beiden Universitätskliniken in Sambia und in den USA, die jede für sich genommen, zu den besten des Landes gehören, begegnet. Der Großteil der Unterschiede ließ sich vor allem auf die unterschiedliche Ressourcenausstattung zurückführen. Es war beeindruckend zu sehen,  wie viel in den jeweiligen Gesellschaften jeweils für einen Patienten aufgebracht bzw. auch nicht aufgebracht werden kann.

Hierzu nur beispielhaft:

  • Gerätschaften und Medikamente

In Sambia habe ich Reanimationen erlebt, bei denen der Patient auch nach zehn Minuten nicht intubiert wurde, weil es sowieso kein passendes Beatmungsgerät auf Station gab. Im Gegensatz dazu hatten wir in der Kindernephrologie in Chicago Patienten, die im Rahmen eines atypischen HUS ein Medikament (Eculizumab) erhielten, dessen Jahreskosten sich auf 430.000 USD belaufen – zusätzlich zu den laufenden Kosten des Krankenhausaufenthaltes, die auch bei unkomplizierten Erkrankungen und ohne weitere Diagnostik einzurechnen, zwischen 1.000-5.000 USD pro Tag (!) liegen.

  • Räumlichkeiten und Personalausstattung

Während ein bis zwei Stationsärzte in Lusaka für bis zu 50 Patienten auf Station und zusätzlich für die Notaufnahme, bis zu 100 Patienten am Tag, zuständig sind, waren in der Kinderkardiologie am Ann & Robert H. Lurie Children’s Hospital in Chicago vier Ärzte für sechs bis zehn Patienten zuständig – plus eventuelle Konsultationen auf anderen Stationen.

In Lusaka waren bis zu fünfzig Patienten in einem Saal untergebracht, teilweise mit doppelt belegten Betten – ein Kind am Kopfende und ein Kind am Fußende, während es im Krankenhaus in Chicago ausschließlich Einzelzimmer für die Patienten gab. Die Eltern der Kinder im Universitätsklinikum in Lusaka haben, wenn sie es sich nicht anders leisten konnten, auf einem Stuhl neben dem Krankenbett ihrer Kinder oder direkt unter freiem Himmel auf dem Krankenhausrasen übernachtet. Im Gegensatz dazu gab es in Chicago mehrere sog. „Ronald McDonald-Häuser“, in denen die Eltern schwer-kranker Kinder kostenlos in Krankenhausnähe übernachten konnten. Alternativ war außerdem jedes Krankenzimmer mit einem zusätzlichen Bett für die Eltern ausgestattet.

  • Konfrontation mit schwierigen Situationen

Während ich in Chicago keinen einzigen Patienten habe sterben sehen, obwohl natürlich auch dort Patienten umkommen, war es in Lusaka ein nahezu alltäglicher Anblick, in der Notaufnahme oder in der Mangelernährungsstation Kinder direkt sterben zu sehen, inklusive der meist erfolglosen Reanimationsversuche, bzw. aus Nebenräumen oder vom Krankenhausflur die vor Trauer um ihre Kinder weinenden Mütter zu hören.

  • Gesundheitsaufklärung und hygienische Situation

In Sambia hat sich für mich eindrucksvoll gezeigt, dass die Gesundheit der Menschen in der Bevölkerung nicht nur vom Zugang zu medizinischen Einrichtungen abhängt, sondern viele weitere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. So waren viele der im Universitätsklinikum Lusaka auftretenden Krankheitsbilder insbesondere auf mangelnde Gesundheitsaufklärung in der Bevölkerung, v.a. Mangelernährung, teilweise HIV, oder schlechte hygienische Zustände (Cholera, Tuberkulose) zurückzuführen.

In den USA zeigte sich mir das Verbesserungspotential bei der Gesundheitsaufklärung auf einem deutlich „weniger schwerwiegenden“ Level, z.B. hohe Teenager-Schwangerschaftsraten in bestimmten Bevölkerungsschichten, und die hygienischen Standards im Krankenhaus waren größtenteils vorbildlich.

Neben den vielen Unterschieden, insbesondere in der materiellen Ausstattung, sind mir aber auch viele Gemeinsamkeiten – insbesondere bei „persönlichen/ideellen“ Faktoren – begegnet.  Letztendlich gilt: „People are people“!

  • Ausbildung/Lehre

Ich kann auch im Nachhinein schlecht sagen, ob ich fachlich mehr in Sambia oder in den USA gelernt habe. In beiden Universitätskliniken waren die lehrenden Ärzte auf dem aktuellsten Stand, was die für PJ-Studenten wichtigsten Krankheitsbilder angeht. Während die Ärzte in Chicago zwar deutlich mehr Zeit für jeden einzelnen Medizinstudenten aufbringen konnten, in meiner Kardiologie-Rotation war ich der einzige Student unter vier Ärzten, hat man als PJ-Student in Lusaka die Möglichkeit, deutlich mehr praktische Erfahrung zu sammeln, wie z.B. eine Geburt zu leiten, was in Chicago schlicht undenkbar wäre.

Auch was den Ausbildungsstand von Kommilitonen in Sambia und in den USA angeht, konnte ich keine besonders hervorstechenden Unterschiede feststellen. Natürlich gab es in den jeweiligen Ausbildungen besondere Schwerpunkte. Sambische Medizinstudenten haben z.B. mehr praktische Erfahrungen, während US-Studenten z.B. häufiger in der Forschung aktiv sind. Insgesamt hatte ich jedoch den Eindruck, dass die Medizinstudenten beider Länder grundsätzlich die Eignung mitbringen, um in dem jeweils anderen Land tätig zu werden.

  • Arbeitsbedingungen und Stellung der Ärzte in der Gesellschaft

Sowohl in Sambia als auch in den USA sind Ärzte in der Gesellschaft hoch angesehen und zählen zu den Spitzenverdienern. Gleichzeitig sind die Arbeitsbedingungen speziell für junge Ärzte sehr angespannt. So werden die in den USA offiziell vorgesehenen(!) maximal 80 Arbeitsstunden pro Woche, zum Vergleich in der EU 48 Stunden/Woche, häufig überschritten und auch in Sambia verbringen speziell junge Ärzte den absoluten Großteil der Woche im Krankenhaus und werden zusätzlich zu einem zweijährigem „Rural Posting“ verpflichtet.

  • Generelle Atmosphäre für PJ-Studenten

Sowohl in Lusaka als auch in Chicago bin ich im Krankenhaus, wie auch im sonstigen Alltag, vor allen Dingen offenen und interessierten Menschen begegnet. In Lusaka hatte ich durch die Struktur meiner Rotationen dabei deutlich mehr Gelegenheit, mit sambischen Kommilitonen in Kontakt zu treten als in Chicago, wo ich häufig der einzige Medizinstudent auf Station war. In beiden Universitätskliniken habe ich mich schnell und vollwertig integriert gefühlt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl die Zeit in Sambia als auch die Erlebnisse in Chicago – insbesondere in der Kombination miteinander- enorm bereichernd für mich waren. Sie haben mein Verständnis dafür geschärft, unter welch unterschiedlichen Bedingungen moderne Medizin funktionieren kann und mich fachlich wie menschlich weiter gebracht. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden!

 

H., L.

Izmir, Juli 2016

 

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2015-2016

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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2 Kommentare

  • Hey ihr,

    bei mir hat die Mailadresse auch nicht funktioniert und ich habe auch im Netz keine gefunden bei der die Mails ankommen.

    Hast du mittlerweile Glück gehabt Anna? Falls ja könntest du die Mailadresse hier teilen? Das wäre supernett.

    Liebe Grüße,

    Timo

  • Hallo,

    ich habe auch versucht das Krankenhaus anzuschreiben, konnte aber keine funktionierende E-Mail finden. Hast du noch eine Kontaktadresse? Das wäre super.

    Viele Grüße
    Anna

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