PJ in Brasilien – Chirurgie

29. Juli 2016

in Brasilien, Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Land, Praktisches Jahr im Ausland

Brasilien, João Pessoa, Hospital Universitário Lauro Wanderley (01.09.-31.12.2015)

Ich hatte mich entschlossen, für mein komplettes Chirurgie-Tertial an das Hospital Universitário Lauro Wanderley in João Pessoa in den Nordosten Brasiliens zu gehen. Es sollte ein sehr lehrreicher PJ-Abschnitt werden. Und dies nicht nur fachlich, denn ich habe auch viel über das Gesundheitssystem in einem Schwellenland gelernt. Ich war beeindruckt von dem Ehrgeiz der brasilianischen Medizinstudenten, der guten Lehre der Dozenten und dem Optimismus, das Beste für den Patienten zu geben und die Ressourcen so gut es geht zu nutzen.

Meine Entscheidung für ein PJ-Tertial in Brasilien!

Schon vor meinem Medizinstudium war ich während eines Freiwilligendienstes zehn Monate in Südamerika. In Brasilien war ich nur einen kleinen Teil dieser Zeit. Dennoch haben mich Land und Leute schon damals fasziniert, sodass ich Mitte des Studiums angefangen hatte, Portugiesisch zu lernen, um dann, nach sechs Jahren endlich wieder brasilianischen Boden zu betreten.

Meine deutsche Universität hat mehrere brasilianische Partneruniversitäten. Der Nordosten Brasiliens gehört zu den ärmeren Gegenden des Landes und ich wollte die Möglichkeit nutzen, eine andere Realität in der Krankenversorgung kennenzulernen, als wir sie in Deutschland kennen.

Chirurgie im Ausland bietet sich an, da es am Anfang doch eine Umstellung ist, alles in einer anderen Sprache zu lernen. Außerdem darf man in Brasilien als PJler in der Chirurgie oft viel praktisch machen.

Ich habe diese Entscheidung niemals bereut und hoffe, dieser Erfahrungsbericht hilft ein wenig weiter…

Erste Hürde – das Visum!

Man braucht zahlreiche Unterlagen von deutschen Behörden. Die Beschaffung dieser Dokumente kann Wochen dauern, daher sollte man am besten sehr früh anfragen.

Das Wichtigste ist, dass man für die Beantragung ein offizielles Einladungsschreiben der brasilianischen Universität benötigt. Man muss also an der Universität eingeschrieben sein – die Zulassung des Krankenhauses selbst reicht nicht aus.

Als Medizinstudent im Praktischen Jahr muss man Portugiesisch Kenntnisse nachweisen können. Außerdem sind eine Haftpflicht- und eine Auslandskrankenversicherung, eine Meldebescheinigung, ein polizeiliches Führungszeugnis und ein biometrisches Passfoto erforderlich.

Dies alles gilt für das brasilianische Konsulat in München. Wie es in anderen deutschen Konsulaten aussieht, kann ich leider nicht sagen.

Anreise und Unterkunft

Blick auf João Pessoa - die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Paraíba
Blick auf João Pessoa – die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Paraíba

Flüge nach Brasilien gibt es von zahlreichen Fluggesellschaften. Ich bin von München nach Salvador da Bahia geflogen und von dort dann via Inlandsflug weiter nach João Pessoa. Dies ist manchmal billiger, allerdings darf man bei Inlandsflügen in Brasilien nur 23 kg plus 5 kg Handgepäck mitnehmen. Eine Alternative sind die, meiner Meinung nach, sicheren Fernbusse. Zum Beispiel kann man einen Flug nach Recife buchen und von dort aus dann mit dem Fern Bus weiter nach João Pessoa fahren.

An den Flughäfen und Bahnhöfen stehen immer genügend Taxis zur Verfügung. Es lohnt sich, bei mehreren nach den Preisen zu fragen!

Am besten sucht man sich zunächst etwas Provisorisches, ein Hostel o.ä., um dann nach ein paar Tagen am Schwarzen Brett oder bei Kommilitonen nach WGs bzw. Zimmern zu suchen. In Brasilien ist es typisch, dass Studenten in WGs, sogenannten „Republicas“, wohnen. Auch manche Familien vermieten Zimmer an Studenten und dies oft inklusive Verpflegung.

Die Mieten variieren. Man lebt aber insgesamt im Nordosten Brasiliens um einiges günstiger als in Deutschland – und auch günstiger als im Süden Brasiliens oder in anderen Bundesstaaten.

16 Wochen in der Chirurgie

Ich habe mein komplettes Chirurgie-Tertial am Hospital Universitário Lauro Wanderley der Universidade Federal da Paraíba (UFPB) in João Pessoa absolviert.

Ich hatte die gleichen Aufgaben wie die brasilianischen PJ-Studenten („Internos“). Eine Woche waren wir auf Station eingeteilt oder waren in der Ambulanz, die Woche darauf waren wir im OP.

Auf Station untersuchten wir jeden Morgen die Patienten. Meist mussten wir gegen 7:00 Uhr auf Station sein. Die brasilianischen „Internos“ und ich teilten unter uns die Patienten auf und jeder untersuchte ein oder zwei Patienten, welche wir dann in der täglichen Visite dem Assistenz- und Oberarzt vorstellten. Die körperliche Untersuchung der brasilianischen Ärzte ist sehr gründlich und ausführlicher als bei uns, da nicht sofort Ultraschall, MRT oder Röntgen zur Verfügung stehen. Nach der Visite meldeten wir Untersuchungen, Blutabnahmen etc. an oder bereiteten Entlassungen bzw. Neuaufnahmen vor. Die Blutabnahme selbst wird in Brasilien meist vom Pflegepersonal durchgeführt.

Von 12:00 Uhr bis 13:00 Uhr hatten wir eine Pause. Meist haben wir etwas in der Krankenhauskantine oder auf dem Unigelände gegessen. Das Krankenhaus liegt direkt neben dem Campus der UFPB. Somit war es einfach, auch Studenten anderer Fachrichtungen kennenzulernen. Am Campus selbst gibt es Banken, eine Post, Copyshops und auch Sport- und Sprachkurse für Austauschstudenten.

Nachmittags waren wir an einigen Tagen der Woche im Ambulanzdienst (prä- oder postoperative Patienten). Auch dort untersuchten wir die Patienten vor. Danach kam immer ein Oberarzt, der dann die weiteren Schritte mit uns und dem Patienten durchging.

Im OP konnten wir ab und zu mit an den Operationstisch oder hatten die Möglichkeit zu nähen. Es lohnt sich, schon in Deutschland Nahtkurse zu besuchen!

Auch Vorlesungen, Case-Studies und andere Präsentationen fanden regelmäßig statt.

Die Ärzte nahmen sich sehr viel Zeit für die Lehre. Immer wieder gab es Teachings und vor allem auch im Ambulanzdienst lernte man viel über Diagnose und das weitere Prozedere der Patienten. Man konnte stets nachfragen und die brasilianischen Ärzte und Medizinstudenten erklärten alles sehr geduldig.

Gegen 17:00 Uhr hatten wir meist frei. Es bestand aber natürlich immer die Möglichkeit, noch länger dazubleiben, wenn es interessante Operationen o.ä. gab.

Hervorheben möchte ich auch noch die gute Betreuung der Austauschstudenten an der Partneruniversität in João Pessoa. Die Verantwortlichen hatten immer ein offenes Ohr und halfen mir sehr bei all den Unterlagen, die ich für die Behörden in João Pessoa sowie für meine Universität in München brauchte.

Leben in Brasilien und Freizeit

Die malerische Altstadt von João Pessoa in Brasilien
Die malerische Altstadt von João Pessoa in Brasilien

João Pessoa ist die Hauptstadt des Bundesstaats Paraíba im Nordosten Brasiliens. Die Stadt ist mit ca. 800.000 Einwohnern – für brasilianische Verhältnisse – eine der kleineren Hauptstädte des Landes. Alles ist relativ gut mit dem Bus zu erreichen. Die Stadt hat traumhafte Strände, nette Bars, Shoppingzentren, eine Altstadt, oft Live-Bands und auch sehr gute Busverbindungen zu den nächstgrößeren Städten wie Recife oder Natal.

Im Vergleich zu den größeren Städten wie Recife, Natal oder Fortaleza sei João Pessoa sicherer. Ganz ungefährlich ist es in Brasilien jedoch nirgends und man sollte immer aufpassen, da Überfälle – auch tagsüber – leider nichts Ungewöhnliches sind. Vor allem nachts sind Taxis unbedingt zu bevorzugen! Man sollte sich an die allgemeinen Regeln halten, d.h. vor allem nachts nicht alleine unterwegs sein, gewisse Gegenden meiden, nicht durch teure Kleidung, Schmuck etc. auffallen.

Ansonsten aber ist João Pessoa unbedingt zu empfehlen und ich würde mein Tertial immer wieder dort machen.

Interkulturelle Erfahrungen

Traumhafte Strände in der Nähe von João Pessoa
Traumhafte Strände in der Nähe von João Pessoa

Die Menschen im Nordosten Brasiliens sind sehr herzlich und unglaublich hilfsbereit. João Pessoa ist eher ein Reiseziel für brasilianische Touristen und somit wird man oft neugierig über Europa und Deutschland ausgefragt und überall sehr herzlich willkommen geheißen.

Ich wurde von Ärzten, Kommilitonen, Nachbarn äußerst herzlich aufgenommen und man knüpft schnell Freundschaften.

Die Arbeit in einem öffentlichen Krankenhaus in Brasilien ist eine besondere Erfahrung. In das öffentliche Gesundheitssystem Brasiliens wird leider immer noch zu wenig investiert und oft fehlt es an Material, Medikamenten, notwendiger technischer Ausrüstung.

Patienten, die oft eine lange Anfahrtszeit haben und teilweise aus dem gesamten Bundesstaat Paraiba kommen, können trotz aller Anstrengung der Ärzte oft nicht adäquat behandelt werden, da es an finanziellen Mitteln fehlt. Dies ist natürlich eine Herausforderung und oft nicht einfach zu akzeptieren – und dies alles n einem Land, in dem auf der anderen Seite Unmengen Geld für die Olympiade, die dieses Jahr stattfinden wird, oder Anderes ausgegeben wird.

Ein Fazit

Allabendliches Spektakel in João Pessoa- ein Saxophonist spielt in einem Kanu auf dem Fluss Maurice Ravels Boléro
Allabendliches Spektakel in João Pessoa- ein Saxophonist spielt in einem Kanu auf dem Fluss Maurice Ravels Boléro

Ich hatte ein sehr lehrreiches PJ-Tertial am Hospital Universitário Lauro Wanderley in João Pessoa. Nicht nur fachlich, sondern ich habe auch viel über das Gesundheitssystem in einem Schwellenland gelernt.

Auf der einen Seite sind die sozialen Unterschiede in dem von Korruptionsskandalen gebeutelten Land beinahe unerträglich und eben vor allem auch in der Krankenversorgung erkennbar. Auf der anderen Seite bin ich beeindruckt von dem Ehrgeiz der brasilianischen Medizinstudenten, der guten Lehre der Dozenten und dem Optimismus, das Beste für den Patienten zu geben und die Ressourcen so gut es geht zu nutzen.

Sonstiges und persönliche Tipps

  • Torta Alemã - die deutsche Torte, die überall in Brasilien und auch in João Pessoa verkauft wird
    Torta Alemã – die deutsche Torte, die überall in Brasilien und auch in João Pessoa verkauft wird

    Impfausweis frühzeitig (!) checken und ggf. impfen lassen.

  • Auf Mückenschutz achten! Dengue etc. gehören leider zur Tagesordnung.
  • In den Krankenhäusern wird Arbeitskleidung nicht gestellt. Die PJler tragen meist lange Hosen und T-Shirt/Hemd/Bluse und einen eigenen Kittel.
  • Stethoskop nicht vergessen!
  • Viele Brasilianer sprechen kein Englisch. In den Krankenhäusern läuft alles auf Portugiesisch ab. Es lohnt sich wirklich, Portugiesisch vorher zu beherrschen und einige Kurse zu besuchen. An manchen Universitäten gibt es extra Portugiesisch Kurse für Mediziner.
  • Meist bieten die brasilianischen Universitäten nur Plätze für Medizinstudenten von Partneruniversitäten an. Um anderweitig einen Platz zu bekommen, braucht man sicherlich ein wenig Hartnäckigkeit und viel Vorlaufzeit. Wichtig ist auch, an der eigenen Universität die Anerkennung des PJ-Tertials abzuklären.
  • Allgemein gilt: Früh damit anfangen, sich Informationen zu beschaffen, Portugiesisch Kurse zu buchen und unbedingt auch die Fristen der Austauschprogramme der Universitäten zu beachten!
  • Zur Finanzierung: Auch hier ist es wichtig, sich frühzeitig zu informieren. Bei den meisten Stipendienprogrammen muss man sich früh bewerben und verschiedene Unterlagen einreichen. Ich bin sehr dankbar über das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de und kann nur empfehlen, sich auf alle Fälle zu bewerben. Viel Erfolg Euch allen!

P., A.

München, Juni 2016

 

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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