Famulatur in Sri Lanka – Chirurgie und Innere Medizin

18. Mai 2016

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Famulatur im Ausland, Innere Medizin, Sri Lanka

Sri Lanka, Galle, Karapitiya Teaching Hospital

(26.02.-25.03.2016)

Wenn man seine Famulatur doch auch in deutschen Krankenhäusern ableisten kann, warum dann der Weg ins Ausland? Meine persönliche Motivation dabei war, unsere Arbeit als Mediziner von einer anderen Seite kennen zu lernen. Und dies in einem Land, das nicht den medizinischen Standard Europas aufweist und in dem man so unglaublich viel lernen kann. Mein Ziel hieß: Sri Lanka!

Auf geht’s nach Sri Lanka!

Stadttrubel - eine Straßenszene auf Sri Lanka
Stadttrubel – eine Straßenszene auf Sri Lanka

Hätte man mir noch vor dem ersten Semester meines Medizinstudiums eine Weltkarte vorgelegt und ich hätte mit dem Zeigefinger auf Sri Lanka zeigen sollen, so muss ich gestehen, dass ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit weder richtig wusste, wo genau Sri Lanka geografisch auf einer Landkarte zu finden ist, noch wie ich mir Kultur, Land und Leute so vorstellen würde.

Eine Freundin erzählte immer wieder von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in ihrem Krankenhaus in diesem Land, ihrer  Gastfamilie und dem so ganz anderen Leben, sodass ich langsam neugierig auf diese kleine beschauliche Insel an der Südostküste Indiens wurde. Auf „Kleinindien“, wie es auch genannt wird.

Die Armut Sri Lankas ist wahrscheinlich nicht mit der Indiens oder mit der von Ländern Zentralafrikas zu vergleichen, obwohl ich da noch nie gewesen bin. Das durchschnittliche Einkommen beträgt – wie man mir sagte – ca. 250 Euro/Monat. Dies reicht für ein einfaches Leben. Natürlich gibt es neben den Hauptbeschäftigungen im Tourismus, der Fischerei oder im Edelstein-Business auch die bekannten Teepflückerinnen in den Bergen, die beispielsweise nicht einmal 2 Euro pro Tag verdienen. Und dennoch sind die Menschen erstaunlich zufrieden mit dem, was sie haben. Vor allem die Kinder sind so unglaublich friedlich – ganz anders als quengelnde Kinder in Deutschland, die keine Schokolade bekommen.

Gerade nach dem Tsunami 2006, der große Teile der Küste und nahezu den kompletten Reise-Magneten zerstörte, hatte das Land eine schwere Zeit durchgemacht und v.a. im Tourismus große Verluste erlitten und rappelt sich – immer noch – wieder auf. Auch wegen der Wiederaufbauhilfe und den zahlreichen deutschen Hilfsorganisationen sowie deren Helfern tragen die Einwohner Sri Lankas noch immer eine tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit vor allem gegenüber uns Deutschen mit sich. Selten wurde ich in einem fremden Land so herzlich und hilfsbereit empfangen wie hier.

Bewerbung und viel Geduld

Aber der Reihe nach. In Deutschland gingen die Vorbereitungen, nachdem die Entscheidung gefallen war, recht langsam voran. Viele Wochen bis Monate vergingen, bis ich eine Antwort auf meine Email mit der Bewerbung am Karapitiya Teaching Hospital in Galle hatte. Sri Lankas Geschwindigkeit – an diese musste ich mich erst einmal gewöhnen. Das Visum erhält man problemlos online, allerdings nur für 30 Tage, was bedeutete, für einen weiteren Tag nach Colombo zur Botschaft zu reisen, um dort wieder einige für dieses Land typische Stunden auf die Verlängerung des Visums zu warten. Aber ganz sicher: Jede einzelne Sekunde, welche ich mit Organisieren, Warten und wieder Warten verbrachte, waren es wert.

Alle Infos zu einer möglichen Famulatur am Karapitiya Teaching Hospital in Galle findet Ihr übrigens auf der Homepage der Faculty of Medicine der University of Ruhuna. Hier findet man auch alle Bewerbungsunterlagen, die für Euch wichtig sind. Ratsam ist es, sich recht früh – vielleicht ca. ein halbes Jahr im Voraus – via Email zu bewerben, um sicher einen Platz zu bekommen.

Eintauchen in eine andere Welt

Mein erster Eindruck von Sri Lanka war atemberaubend, nachdem ich schon einige Länder Südostasiens gesehen habe, würde ich sagen, fast heimisch. Der Lärm, die Farben, der Trubel, der Dreck. Und dennoch ist dieses Land den asiatischen Ländern, die ich bisher bereisen durfte, auch nicht so ähnlich, wie gedacht. Es gibt Ähnlichkeiten, ja. Der Verkehr ist so chaotisch wie in Thailand, die Strände so schön wie in Indonesien, das Essen so gut wie in Malaysia und die Menschen noch so viel herzlicher und freundlicher als irgendwo sonst.

Und nicht nur die Busse, die Bürokratie und die Zeit laufen eben typisch für Sri Lanka ab, sondern eben auch das Geschehen am Krankenhaus. Es war spannend zu bemerken und hautnah zu erfahren, wie ganz anders auch Medizin sein und helfen kann. In Galle,  an einem großen Lehrkrankenhaus der Universität of Ruhuna hatte ich die Möglichkeit, unglaublich tolle Einblicke in diese ganz andere Krankenhauskultur und Krankenhauswelt zu bekommen. „Lanki Style“.

Meine Famulatur am Karapitiya Teaching Hospital

Morgendliche Visite - dicht gedrängt hinter den anderen Medizinstudenten
Morgendliche Visite – dicht gedrängt hinter den anderen Medizinstudenten

Die Bürokratie war erstmal nicht so einfach, Professoren waren meist schwer anzutreffen und alle Unterlagen, Bestätigungen und Genehmigungen brauchten eben ihre Zeit. Vieles läuft anders, aber es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass es eben trotzdem klappt. Auch fernab von deutschen Standards und Hygienevorschriften schaffen es die Menschen im Hospital, dass es funktioniert. Auch bei 30 Grad trotz Ventilator, mit tausenden Patienten, Bett an Bett, auch ohne Desinfektionsmittel und ohne große Labor- und Bildgebungsdiagnostik. Wieviel mit den Grundlagen, einer einfachen gründlichen körperlichen Untersuchung, möglich ist, wurde mir erst dort klar. Wenn kein CT verfügbar ist, gibt es eben auch kein CT.

Irgendwo läuft vielleicht mal eine Katze oder ein Straßenköter mitten durch die Visite. Irgendwo bricht vielleicht auch ein Gefangener aus und alles was von ihm übrig bleibt, sind die Handschellen auf dem Krankenhausfeldbett. Aber dies alles scheint dazu zu gehören im Krankenhausalltag – oder vielleicht eher Krankenhausirrsinn?

  • Chirurgie

Der normale Tag am Karapitiya Teaching Hospital in Galle begann etwa um 9:00 Uhr, manchmal auch schon gegen 8:00 Uhr. Ich kann die Chirurgie im Karapitiya nur empfehlen. Fast jeden Tag laufen hier mehrere OPs zeitgleich, in denen man wahlweise hospitieren kann. Ratsam ist es, morgens aber lieber etwas früher aufzustehen, gerade mittwochs, wenn großer OP Tag ist und noch zehn weitere Medizinstudenten auf die begrenzten Scrubs anstürmen. Das war tatsächlich ein bisschen schade. Teilweise zählte man knapp 15 Leute in einem Operationssaal! Undenkbar für deutsche Oberschwestern.

Die Operationen an sich waren für mich persönlich dennoch unheimlich interessant – absolutes Neuland für mich, für die Ärzte Routine. Der mir zugeteilte Chirurg kümmerte sich wirklich gut um mich und die anderen internationalen Studenten, als die wir alle, dicht mit den einheimischen  Medizinstudenten zusammengepresst, über den OP Tisch lugten. In kleineren Operationen durften wir als Famulanten auch teilweise mal eine kleine Wunde zunähen oder assistieren – sofern man sich gegenüber den anderen Studenten durchsetzen konnte.

Freitags war in der Chirurgie ein besonders wichtiger Tag, da hier alle Neuaufnahmen zunächst von den Medizinstudenten aufgenommen und dann zusammen mit den drei Oberärzten körperlich untersucht und danach entschieden wurde, wie das weitere Vorgehen und die chirurgische Versorgung aussehen sollte. Dieser Tag ist eine wunderbare Gelegenheit für die Studenten und Famulanten, direkt am Patienten im ersten Kontakt ihr Wissen anzuwenden und ich finde fast, so etwas könnte auch in deutschen Krankenhäusern übernommen werden. Die Vorstellung der bereits „voruntersuchten“ Patienten ist nicht nur für den Chirurgen zeitsparend, sondern war vor allem für uns als Studenten eine so gute praxisnahe Übung und Vorbereitung auf die Assistenzzeit.

  •        Innere Medizin

Auch die „Innere“ in Sri Lanka war sehr interessant. Von kardiologischen, pulmologischen und sehr vielen neurologischen Fällen bis hin zu ganz tropischen Krankheitsbildern, Infektionen und seltenen immunologischen Erkrankungen wurden auf den Visiten spannende Fälle besprochen. Am Vormittag laufen hier die Medizinstudenten mit einem leitenden Oberarzt durch die Station, Patienten werden beispielhaft für ihre Erkrankung behandelt, Untersuchungstechniken besprochen und gezeigt. Nachmittags finden für die einheimischen Studenten Vorlesungen statt, die man auch als Famulant elektiv besuchen darf, um zudem einen Eindruck von der Lehre zu bekommen.

Auch wenn man hier relativ wenig selbst tun darf, lernt man ungemein viel. Der Stellenwert von Palpation und Perkussion sowie der Fokus auf eine genaue Anamnese und den Wert einer „Blickdiagnose“ – alles dies bekommt man hier anschaulich vermittelt.

„Lanki Style“

Die für Sri Lanka typische Zeitrechnung im Krankenhaus ließ uns auch die Möglichkeit, über Wochenenden oder Feiertage Trips in alle Ecken des Landes zu unternehmen. Von dem Land, das nicht einmal so groß ist wie Bayern, habe ich eine Menge gesehen und nicht nur das Land, sondern auch die Leute kennengelernt. Eine buddhistische Beerdigung, zwei Hochzeiten, ein Ausflug mit den Fischern, Edelsteinsuche in den Minen und vieles mehr. Die Menschen nahmen uns so bedingungslos auf und zeigten uns alles mit größter Freude.

Ich bin so dankbar für all die Erfahrungen und Eindrücke, die ich in der Zeit meines Praktikums auf diese Weise machen durfte, sowohl im Krankenhaus, als auch einfach inmitten von Land und Leuten. Eben „Lanki Style“.

Finanzielles

Die Krankenhaus-Cafeteria - und Treffpunkt der Medizinstudenten in der Mittagspause
Die Krankenhaus-Cafeteria – und Treffpunkt der Medizinstudenten in der Mittagspause

Es ist unglaublich, wenn ich so zurück schaue. Wann immer ich sah, dass Kommilitonen Praktika im Ausland absolvierten, hörte ich mir alles bewundernd an, staunte und redete mir in meinem Kopf insgeheim immer ein, dass ich mir das nie leisten können würde.  Wenn man im Studium eh schon dem Staat und seinen Eltern auf der Tasche liegt, wie kann man da auch noch eine Reise durch die halbe Welt finanzieren und vor sich und all denen rechtfertigen?

Ich kann aus Erfahrung nun sagen, dass es immer einen Weg gibt und dieser Weg gar nicht mal so schwer ist – manchmal. Ich zum Beispiel konnte meine Wohnung untervermieten, was zumindest den Flug beglich. Für die Famulatur musste ich 50$ pro Woche an das Krankenhaus zahlen, allerdings waren die Lebensunterhaltungskosten in Sri Lanka verschwindend gering. Die Mensa des Karapitiya Teaching Hospitals in Galle ist übrigens an dieser Stelle sehr zu empfehlen! Für umgerechnet 30Cent ist ein Curry dort der Wahnsinn.

Do it!

Mit dem Tuk-Tuk durch das Land
Mit dem Tuk-Tuk durch das Land

Wenn man seine Famulatur doch auch in deutschen Krankenhäusern ableisten kann, warum dann der Weg ins Ausland? Meine persönliche Motivation dabei war, unsere Arbeit als Mediziner von einer anderen Seite kennen zu lernen. In einem Land, das nicht den medizinischen Standard Europas aufweist, kann man so unglaublich viel lernen. Unterm Strich lohnt sich jeder einzelne Cent. Nicht nur die 30 Cent für ein Mensa-Curry sind in diesem Land gut investiert, glaubt mir.  Selbst die 50$ pro Woche habe ich im Nachhinein fast gern gezahlt. Einheimische Medizinstudenten studieren an der Faculty of Medicine der University of Ruhuna, dieser größten Universität Sri Lankas, kostenlos, was es den besten der besten ermöglicht, unabhängig von sozialer Herkunft und finanziellem Status der Familie hier zu studieren. Die teils hohen Ansprüche der Professoren an ihre Studenten habe ich auf Visiten oft mitbekommen und in Visiten nicht selten gemerkt, wie viel ich hier selbst von den Studenten lernen und erfahren kann.

Von der Wortbedeutung her ist  „Famulant“  eng verwandt mit dem Wort „familia“ und kann so im ursprünglichen Sinn auch die Bedeutung „Familienangehöriger“ haben. Sri Lanka ist für die Zeit meiner Famulatur zu einem richtigen Heim geworden und die herzlichen Menschen dort zu „familia“. Die anderen Medizinstudenten im Hospital haben uns so gerne aufgenommen und bei allen Schwierigkeiten weitergeholfen, die eine fremde Kultur und fremde Abläufe manchmal eben doch mit sich bringen können.

Für mich war diese Auslandsfamulatur ein unglaublicher Weg, auf dem ich so viel erfahren und lernen durfte, sodass ich es jedem empfehlen würde.

Natürlich hatte ich zudem unglaubliches Glück. Aufgrund der zusätzlichen Unterstützung durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de wurde mir der erste Schritt finanziell erleichtert und ich kann jedem da draußen nur raten, diesen Schritt auch zu gehen. Es lohnt sich. Bewerbt Euch für diese zusätzliche Förderung und macht Eure eigenen wertvollen Erfahrungen im Ausland. Ich drücke Euch die Daumen.

 

G., F.

Berlin, April 2016

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2015-2016

 

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

 

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2 Kommentare

  • Hey,
    danke für den tollen Erfahrungsbericht 🙂 kannst du mir den Kontakt zu kommen lassen, wo ich meine Bewerbung hinschicken kann?

    Grüße
    Lina

  • Hey!

    Ich wollte mal fragen, wo du denn dort gewohnt hast 🙂 fliege im März auch nach Sri Lanka und überleg grad wo ich denn am besten unter kommen!

    Viele liebe Grüße

    Julia

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