PJ in den USA – Innere Medizin

8. April 2016

in Chancen im Ausland, Innere Medizin, Praktisches Jahr im Ausland, USA

USA, Cleveland, MetroHealth Medical Center

(07.09.-27.12.2015)

Meine Erwartungen an mein PJ-Tertial am MetroHealth Medical Center der Case Western Reserve University in Cleveland waren hoch. Die Ausbildung der jungen Mediziner wird hier an die erste Stelle gesetzt. Man wird im Team akzeptiert und gehört. Als Medizinstudent bekommt man eine eins zu eins Betreuung und der entstehende Lerneffekt ist enorm. Nie hat man das Gefühl, dass eine Frage nicht ausreichend beantwortet oder Zweifel nicht geklärt werden. Insgesamt hat die Ausbildung eine hervorragende Qualität, man lernt selbständiges Arbeiten und die Betreuung von Patienten. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen.

Meine Gründe für ein PJ-Tertial in den USA

Blick aus Tremont, einem Viertel in Cleveland, auf Downtown - alt trifft neu
Blick aus Tremont, einem Viertel in Cleveland, auf Downtown – alt trifft neu

Bereits zum Ende der Vorklinik wurde mir bewusst, dass ich gern eine Zeit lang einen Einblick in die medizinische Versorgung der Vereinigten Staaten bekommen möchte. Mich interessierte enorm, wie eine so leistungsfähige und differenzierte Gesellschaft ihr Gesundheitssystem aufgebaut hat und stetig weiterentwickelt.

Meinen Recherchen, den Gesprächen mit Kommilitonen und Fachärzten zu Folge, bietet das MetroHealth Medical Center, major affiliate of Case Western Reserve University School of Medicine, die Möglichkeit einer Patientenbetreuung auf hohem nationalen Niveau. Die Gegebenheit eines Teaching Hospitals, welches die Entwicklung ärztlicher Fähigkeiten, entsprechend einer an aktueller wissenschaftlicher Evidenz orientierten Arbeitsweise, in den Fokus der Ausbildung legt, sagte mir sehr zu. Zudem steht hier die Fähigkeiten Entwicklung des eigenen, wissenschaftlich-basierten Arbeitens im Fokus der Ausbildung.

Besonderes Merkmal dieses Hauses ist der Versorgungscharakter i. S. eines Community-Hospitals, welches sich in der Diversität der zu behandelnden Krankheiten widerspiegelt. In einem eher armen Stadtteil von Cleveland gelegen, bietet es Patienten aller Einkommenskategorien die Möglichkeit hochwertiger medizinischer Versorgung, was in den Vereinigten Staaten längst nicht Standard ist. Darüber hinaus ermöglicht ein „Teaching Hospital“ eine optimale Betreuung für den angehenden Arzt.

Aus verschiedenen Gründen hatte ich bisher nicht die Gelegenheit, ärztliche Fertigkeiten und neue Denkmuster auf einem anderen Kontinent zu erwerben. Somit bewarb ich mich über das uniinterne Auswahlverfahren meiner Universität und bekam die Chance zu eruieren, wie meine eigene ärztliche Zukunft aussehen könnte. Speziell wollte ich erfahren, ob ich geeignet bin, neben dem klinischen Alltag auch in der Forschung tätig werden zu können.

Organisatorisches

Meine Wohnumgebung in Cleveland
Meine Wohnumgebung in Cleveland

Um als Medizinstudent in die USA einreisen zu dürfen, braucht man ein B1/B2-Visum, welches man spätestens drei Monate vor Einreise bei einem amerikanischen Konsulat beantragen muss (www.us-embassy.de ). Dazu benötigt man einen gültigen Reisepass und eine offizielle Einladung aus dem Department für Medizin in dem zuständigen Krankenhaus.

(Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich immer rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Die Kosten der Bewerbung lagen z.B. am MetroHealth Medical Center bei ca. 150 $ pro Elective, B1/B2 Visum ca. 150 €, Hin- und Rückflug zwischen 600 – 1.200 €, Unterkunft ca. 400 $ p. M., hinzukommen Dienstkleidung, Essen, Lebenshaltung, ÖPNV bzw. Mobilität, Berufshaftpflichtversicherung, Auslandskrankenversicherung, wodurch man individuell mindestens 1.000 € pro Monat kalkulieren sollte, den man in den Staaten verbringt.

Was das Wohnen betrifft, so habe ich habe in der Zeit meines PJ-Tertials in den USA in einer WG gewohnt, wobei jeder von uns drei ca. 400 $ pro Monat gezahlt hat. Von anderen Case-Studenten habe ich gehört, dass dies recht günstig sei und man in Cleveland im Durchschnitt mehr bezahlen müsste. Allgemein empfehle ich, dass man im Vorfeld bei den jeweiligen Sekretariaten im angefragten Krankenhaus Erkundigungen einholt. Dort hat man oft Tipps zur Unterkunftssuche, da ja viele Medizinstudenten auch innerhalb der USA rotieren und somit auch kurzfristig Unterkünfte benötigen.

PJ-Tertial in der Inneren Medizin am MetroHealth Medical Center

Das „Metro“, wie das MetroHealth Medical Center der Case Western Reserve University   von „Clevelandern“ genannt wird, verschreibt sich voll und ganz seiner Mission: Forschung, Ausbildung und Patientenwohl. Schon am ersten Tag merkte man, dass dieses Credo eine zentrale Rolle spielt. Die School of Medicine der Case Western Reserve University hat insgesamt sehr große „Classes“, so dass sich neben dem Universitätsklinikum mehrere Kliniken im Stadtgebiet an der Ausbildung der Medizinstudenten beteiligen.

Am MetroHealth Medical Center findet u. a. ein „Core clerkship internal medicine“ statt. Zusammen mit 15 Case-Studenten wurden die Medizinstudenten auf verschiedene Stationen entweder in die „In“- bzw. „Outpatient“-Betreuung, verteilt. Die Klinik ist ein „Full Service Referral Center“ und „Level 1 Trauma Center“, so dass man dieses Haus in Deutschland mit einem Maximalversorger vergleichen könnte.

Meine Arbeit an der Klinik

Mittagsvorlesung am MetroHealth Medical Center in Cleveland
Mittagsvorlesung am MetroHealth Medical Center in Cleveland

Auf einer Station des „Metro“ arbeiten vier bis sechs „Interns“ (Ärzte im 1. Jahr der Weiterbildung), zwei „Seniors“ (Ärzte im 2./3. Jahr der Weiterbildung) und zwei „Attendings“ (verantwortliche(r) Ärztin/ Arzt). Man ist ein vollwertiges Teammitglied mit allen Rechten und Pflichten und betreut unter Supervision eines „Interns“ selbstständig Patienten. Grundsätzlich arbeitet das Teammitglied mit der geringsten Erfahrung am nächsten am Patienten. Die erfahrenen Ärztinnen und Ärzte stehen im Team als „Backup“ bei Fragen und Problemen zur Verfügung.

Der Arbeitstag beginnt je nach Station zwischen 6:30 und 7:30 Uhr damit, dass man seine Patienten vorvisitiert und die morgendlichen Laborwerte und Konsil-Ergebnisse zusammenträgt. Um 07:45 Uhr beginnt der „Morning Report“, bei dem ein „Intern“ oder „Senior“ mit Dr. M. McFarlane (Director – Internal Medicine Residency Training Programm) einen klinischen Fall diskutiert und anschließend ein Kurzreferat über ein, dem Fall zugehöriges, Thema hält. Danach macht man gemeinsam mit den „Interns“, dem „Senior“ und dem „Attending“ eine Visite, bei der man seine Patienten vorstellt und sie im Team diskutiert. Anschließend gibt es i. d. R. bis zu einer Stunde Unterricht durch den „Attending“. Danach widmet man sich der Stationsarbeit. In der Mittagspause (12:00-13:00 Uhr) findet eine Vorlesung oder eine Lehrkonferenz statt. Anschließend nimmt man neue Patienten auf oder arbeitet weiter auf Station.

Die „Interns“ einer Station teilen sich die Nachtdienste, d. h. etwa jede sechste Nacht ist man mit seinem „Intern“ „on call“. Dafür helfen die anderen Teammitglieder einem dann am nächsten Morgen nach der Nachtschicht, so dass man möglichst bald nach Hause gehen kann – in der Regel spätestens vor der Mittagspause. Die „on call“-Schicht ist nicht verpflichtend, wird aber sehr gern gesehen und man lernt sehr intensiv in dieser Zeit. Am Wochenende ist man i. d. R. morgens einen halben Tag auf Station und betreut dabei auch einen oder zwei Patienten einer Kollegin, die frei hat. Insgesamt hat die Ausbildung eine hervorragende Qualität, man lernt selbständiges Arbeiten und die Betreuung von Patienten, was einem in weiteren PJ-Tertialen sehr hilft.

Meist arbeitet man an ca. 10 von 16 Wochen auf allgemeinen Inneren Stationen. Die allgemeinen Inneren Stationen unterscheiden sich vom Spektrum her deutlich von unseren deutschen Stationen, denn Patienten verschiedenster Fachrichtungen werden dort behandelt. Es kann gut sein, dass man neurologische oder orthopädische Patienten primär betreut und diese Fachrichtungen „ihre“ Patienten meist nur konsiliarisch sehen. Die anderen sechs Wochen teilen sich beispielsweise in Emergency Department, kardiologische Monitor- oder Intensivstation, Nephrologie und/oder eine Station nach Wahl, z. B. Hämatologie/ Onkologie oder „Outpatient Department“, auf.

Sehr positiv war die personelle Besetzung in dieser Klinik. Die Arzt/Patienten-Ratio lag im Schnitt bei 1:4 (max. 1:5). Pro Station wurden zwei Teams à vier „Interns“ und jeweils einem „Senior“ und „Attending“ eingesetzt. Auch der pflegerische Bereich war im Vergleich zu Deutschland weitaus besser besetzt. Hier gab es bis zu vier verschiedene Teams mit jeweils spezifischer Ausbildung, wobei die „Registered Nurse“ die Weisungsbefugte innerhalb der pflegerischen Berufe und der Hauptansprechpartner der Ärzte ist.

Im MetroHealth Medical Center wird die Ausbildung der jungen Mediziner an die erste Stelle gesetzt. Die begrenzte Anzahl Patienten pro Arzt erlaubt es, sich ausreichend und wiederholt Gedanken zu einem spezifischen Problem zu machen. Als Student bekommt man eine eins zu eins Betreuung und der entstehende Lerneffekt ist enorm. Nie hat man das Gefühl, dass eine Frage nicht ausreichend beantwortet oder Zweifel nicht geklärt werden, weil schlicht und einfach die Zeit fehlt.

Auch wird man dort im Team akzeptiert und gehört. Sofort bei Ankunft im neuen Team, fragte mich ein „Attending“, wie meine Mailadresse lautet, damit er mich in den Teamverteiler bezüglich der aktuellen Literatur zu den Patientenfällen mit aufnehmen kann. Auch als ich eine spezifische Frage im „Rounding“ ans Team stellte, bat der „Attending“ mich, bis am Mittag des nächsten Tages ein Kurzreferat über das Thema an Hand der aktuellen Literatur vorzubereiten. Er war der Meinung, dass das gesamte Team von dieser Fortbildung profitieren könne.

Zudem ist es am „Metro“ Standard, dass man immer nach den aktuellen nationalen Guidelines arbeitet. Assistenzärzte finden die Zeit, sich zu belesen und die Behandlungen entsprechend anzupassen. Sämtliche „Attendings“, die ich kennenlernen durfte, waren sehr gewandt und immer mit der aktuellen Literatur und den Verfahren, auch außerhalb seines primären Fachgebiets, vertraut. Oftmals glich die Art der Kommunikation und Denkweisen, die den Nachwuchsmedizinern seitens der „Attendings“ entgegengebracht wurde, einander. Spezielle Programme strukturieren auch die Ausbildung der „Teaching Attendings“, so dass möglichst ein gleichbleibend hohes Niveau in der Ausbildung der jungen Ärzte garantiert wird.

In den gesamten 16 Wochen hatte man eine Woche Urlaub, um lohnende Ziele in der Umgebung wie etwa die „Appalachian Mountains“ in Western Pennsylvania, Toronto und die Niagarafälle, Einreise nach Kanada ohne weiteres Visum möglich, und natürlich Chicago zu besuchen.

Cleveland und Region

Downtown von Cleveland by night
Downtown von Cleveland by night

Cleveland hat ca. 390.000 Einwohner und ist in der Summe ein sehr lohnenswertes Reiseziel. Jenseits der USA weit bekannten „Hall of Rock“ gibt es eine Menge zu entdecken. Die Stadt hat eine blühende Kunst- und Theaterszene und bietet z.B. nach dem Lincoln Center in New York das zweitgrößte US-amerikanische Darstellende-Künste Zentrum, das sog. „Playhouse Square Center“. Einige Museen wie das „Cleveland Museum of Art“ oder „Museum of Contemporary Art“ lassen bei Liebhabern Herzen höher schlagen. Die Küche von Cleveland bot einige positive Überraschungen.

Besonders erwähnenswert ist das Gebiet rund um den „Westside Market“, „Little Italy“ und „Tremont“. In letzterem Stadtteil habe ich gewohnt, was klasse war. Ein junges Publikum verändert gerade das ehemalige Arbeiterviertel unweit der City in ein Zentrum der Kreativität und Urbanität, in dem Kunsthallen, Coffee Shops und Startups sowie – selten auffindbar in den Staaten – sogar Fahrradwege und zugehörige Fahrräder das Straßenbild prägen. Direkt am „Lake Erie“ gelegen, pflegt man ein Leben am und für das Wasser. Es gibt mehrere Häfen, Marinas und einen Strand, dessen weißer Sand und Ausmaße man wohl nicht zu allererst an einem Binnensee vermuten würde, denn mehr an der pazifischen Küste von Kalifornien. Als bekennender Jogger profitierte ich von unzählig vielen Routen.

Überhaupt zieht Cleveland wieder viele junge Familien und Rückkehrer an. Dies liegt besonders am, von der Stadtverwaltung massiv vorangetriebenen, Strukturwandel der vergangenen Jahre. Die Wirtschaftsstruktur hat sich von einer durch die Schwerindustrie geprägten Stadt hin zu einer breit diversifizierten Tertiärsektor geprägten Wirtschaft mit vielen Headquarters gewandelt. Daneben existieren viele Startups im Biotech- und zugehörigem Forschungssektor.

Begeistert und geradezu frenetisch werden in der Stadt die drei Profisportmannschaften der „Browns“ (US-Football), der „Indians“ (Baseball) und der „Cavaliers“ (Basketball) verehrt. Man wird an den Spieltagen in den Sog der Begeisterung für diese Sportarten gezogen und hat mit seinen Patienten immer ein Thema am „Tag danach“. Apropos Patienten und Bewohner der Stadt: Ich habe stets herzliche „Clevelander“ kennengelernt, die, sei es bei einer Uber-Taxifahrt oder am Strandkiosk, stets freundlich, interessiert und hilfsbereit waren.

Mein Fazit

Der Lake Erie mit Blick auf Cleveland
Der Lake Erie mit Blick auf Cleveland

Nach dieser sehr schönen und besonders lehrreichen Zeit kann ich sagen, dass ich jedem angehenden Arzt einen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten empfehlen möchte. Auch denke ich, dass es sich generell lohnt, an einem „Teaching Hospital“ zu arbeiten, wenn die Bedingungen dort mit denen am MetroHealth Medical Center in Cleveland vergleichbar sind. Die Ausbildung der Medizinstudenten und angehenden Fachärzte am MetroHealth sagte mir sehr zu.

Meine Erwartungen an Land und Leute sowie der Zuwachs an praktischen, besonders internistischen Problemlösungsstrategien, haben meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Durch die Ausbildung am MetroHealth konnte ich neue Denkmuster erlernen und bekam eine intensive und einem Medizinstudenten im Praktischen Jahr angemessene Ausbildung. Hierbei habe ich hochinteressante und bemerkenswerte Menschen kennengelernt.

 

Sven Ohle

Witten, April 2016

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

 

 

 

 

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