PJ auf den Philippinen – Chirurgie

18. März 2016

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Philippinen, Praktisches Jahr im Ausland

Philippinen, Cebu City, Cebu Doctors’ University Hospital

(07.09.-01.11.2015)

Das PJ stand an und ich wollte auf jeden Fall ein Tertial im Ausland absolvieren. Meiner Meinung nach ist das Praktische Jahr im Medizinstudium eine der besten Gelegenheiten, Auslandserfahrungen zu sammeln. Deshalb machte ich mich auf die Suche, welches der knapp 200 Länder der Erde das richtige für mich ist. Ich entschied mich schließlich für ein asiatisches Land und zwar für die Philippinen.

Meine Wahl: Die Philippinen

Bei der Suche nach dem richtigen Land für meinen PJ-Abschnitt in der Chirurgie im Ausland gab es von vornherein schon viele Einschränkungen. Ich hielt mich an die Liste der schon anerkannten Krankenhäuser im Ausland meiner Universität. Dazu kam, dass ich neben Deutsch prinzipiell nur Englisch fließend spreche. Schlussendlich fiel meine Wahl auf die Philippinen. Dort hatte ich definitiv eine andere Kultur zu erwarten sowie ganz andere Mittel und Möglichkeiten der Medizin.

Ich erhoffte mir, viel selbst machen zu dürfen, sehr fortgeschrittene Stadien von Krankheiten, improvisierende Medizin und, da ich dort Chirurgie machte, auch viele offene Bauchoperationen zu sehen. Da auf den Philippinen jedoch zwei Monate PJ umgerechnet 800.- Euro kosteten, bin ich auch nur für zwei Monate hin. Die anderen zwei Monate meines Chirurgie-Tertials absolvierte ich in Herisau in der Schweiz.

Bewerbung, organisatorische Schritte und Sicherheitsaspekte

Mit dem Tricycle war jeder Ort zu erreichen
Mit dem Tricycle war jeder Ort zu erreichen

Ich hatte mich ein halbes Jahr im Voraus beworben und der Bewerbungsvorlauf war sehr einfach. Man schickt einfach eine Anfrage per Mail an Dr. Gruet, der immer extrem schnell antwortet. Danach schickt man die nötigen Unterlagen per E-Mail.

Bewerbungsunterlagen sind:

  • Dean’s certificate of current enrollment during the time that you will have your elective rotation
  • one copy of your Transcript of Records
  • one letter of recommendation from one of your current professors
  • one 2″ x 2″ colored identification photograph (if sent as attachment to email, at least 200 dpi resolution, JPEG format)

Außerdem muss man noch ein Visum beantragen, am besten das Touristenvisum mit einmaliger Einreise für drei Monate. Dieses kostet 27.- Euro und kann vier bis fünf Wochen vor Einreise per Post beantragt werden. Mehr Infos dazu auf www.philippine-embassy.de.

(Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Es besteht zwar keine Impfpflicht, wenn man aus Europa einfliegt, folgende Impfungen sind jedoch sinnvoll: Hepatitis A, Hepatitis B, Tollwut nur, wenn man mit Tieren zu tun hat, Cholera, Typhus und Meningokokken. Das Ganze kann aber auch auf der Seite des „Auswärtigen Amtes“ nachgelesen werden. Als Versicherung hatte ich nur eine zusätzliche Auslandsreisekrankenversicherung und die Haftpflichtversicherung, die man sowieso fürs PJ benötigt.

Noch zu erwähnen ist, dass im Süden des Landes, insbesondere in „Mindanao“, immer wieder von islamistischen Anschlägen und Entführungen berichtet wird. Wenn man jedoch dieses Reiseziel einfach auslässt, sieht man sich höchstens mit der allgemeinen Kriminalität eines Entwicklungslandes konfrontiert. Ich habe jedenfalls nichts Negatives erlebt. Was das Wetter angeht, macht es Sinn, in der Trockenzeit zu fahren. Erstens umgeht man die gehäuften Taifune und das Wetter ist deutlich besser.

Ankunft, erste Eindrücke und Unterkunft

Das Transportmittel des normalen Mannes auf den Philippinen
Das Transportmittel des normalen Mannes auf den Philippinen

So ging es also zuerst vom 07.09.-01.11.2015 zum PJ in der Chirurgie auf die Philippinen. Um genauer zu sein, nach Cebu City in den Central Visayas. Wie waren zu zweit, ich und meine Freundin Géraldine. Die Stadt selbst war sehr groß, ein Meer aus Beton, viel Verkehr, Schmutz und Lärm. Die Stadt an sich war echt nicht schön, aber die Einwohner sind extrem nett und hilfsbereit! Als wir auf dem Flughafen landeten, erlebten wir zum ersten Mal die unglaubliche Freundlichkeit der Philippinos. Eine Security Dame half uns sofort mit unserem Gepäck und zeigte uns die billigeren Taxis, sodass wir nicht gleich abgezockt wurden.

Da es kein Wohnheim gab, wohnten wir ein Stück weit weg vom Krankenhaus im „Le Village Guesthouse“ (Gorordo Ave, Cebu, Cebu City, 6000 Cebu, Philippinen; Telefon: +63 32 420 3405). Dies war ein Hostel, was ganz angenehm war, da man ständig Kontakt zu Reisenden hatte und außerdem war das Personal auch hier sehr nett und hilfsbereit. Es kostete ca. 6.- Euro die Nacht. Ansonsten gibt es in der Nähe der Klinik nur Hotels, die natürlich teurer sind. Wohnen ist leider nicht so billig, wie gedacht. Wir fuhren jeden Morgen mit einem „Jeepney“, einem der öffentlichen Verkehrsmittel, ca. 10 min. zur Arbeit. Ein „Jeepney“ ist ein ausgebauter soweit dar groß, ien  Verkehrsmittel auf den Philippinenrankenhaus, da es kein Wohnheim gab. Dadurch fuhren wir jedLieferwagen mit zwei längsverlaufenden Sitzbänken, auf denen man wie die Hühner auf der Stange fast aufeinander sitzt. Für 7 Peso (50 Peso sind ca. ein Euro) kann man so lange in einer Linie sitzen bleiben, wie man möchte.

In der Chirurgie am Cebu Doctors‘ University Hospital…

Diese Hiebwunde durfte ich versorgen
Diese Hiebwunde durfte ich versorgen

In der Klinik angekommen, erfuhren wir, dass wir unsere OP-Scrubs selbst in der Apotheke kaufen sollten als auch den Mundschutz und die OP-Hauben. Am Ende hatten wir grün-glänzende Scrubs, wobei wir später erfuhren, dass Medizinstudenten wohl graue tragen. Im Cebu Doctors‘ University Hospital (CDUH) war man leider eher Beobachter. Im OP selbst stand man natürlich mit am Tisch und hielt Haken. Tatsächlich wurde mehr offen operiert als in Deutschland, was ich sehr interessant fand, vor allem zur anatomischen Orientierung. Nur Cholezystektomien und manche Hernien wurden laparaskopisch operiert. Zudem konnte man neben Viszeralchirurgie auch urologische und gynäkologische Operationen sehen.

Ein normaler Arbeitstag sah folgendermaßen aus: Um 6:30 Uhr musste man da sein, denn dann traf man sich zur Visite. In dieser lief man prinzipiell dem zuständigen Arzt einfach hinterher und bekam, außer man fragte ständig, recht wenig mit, da die Ärzte mit den Patienten „Visaya“ sprachen. Viele Philippinos, auch aus ärmeren Schichten, sprechen gut Englisch, trotzdem unterhalten sie sich der Einfachheit halber oft untereinander auf „Visaya“. Nach der Visite war man meist im OP. Auf Station hatte man eigentlich keine Funktion, weder Blutabnehmen noch Braunülen legen. Dafür gab es eigens ausgebildetes Personal – so etwas wie medizinisch-technische Assistenten. Die dortigen Medizinstudenten müssen bei einigen Patienten stündlich Vitalparameter messen. Das kann man theoretisch auch übernehmen, man muss jedoch jegliches diagnostische Mittel selbst mitbringen. Von Blutdruckmanschette über Otoskop bis natürlich zum Stethoskop etc. Nachdem wir nur Stethoskop, Reflexhammer und Visitenleuchte dabei hatten, machten wir das nicht.

Nach dem OP konnten wir Mittagessen gehen, wir hatten unseren Stammstraßenstand in der Straße des Hinterausgangs des Krankenhauses – der kleine Laden neben „7eleven“. Die Besitzer kochten jeden Tag mehrere Gerichte, welche man sich in den Töpfen ansehen kann und unter denen man immer etwas Gutes entdeckte. Philippinisches Essen ist leider kein kulinarisches Erlebnis. Meistens gibt es trockenes Fleisch oder Innereien mit trockenem Reis ohne jegliche Soßen. Sie schwärmen selbst für ihren Barbecue und ihr „Lechón“ (Spanferkel).

Nachmittags war man dann entweder in der Notaufnahme oder im „Out Patient Department (OPD). In der Notaufnahme konnte man Aufnahmen mitmachen, ganz allein war dies aber oft etwas schwierig, entweder der Sprache wegen oder weil man dort ein ganz eigenes System der Anamnese und Versorgung hat. Das OPD ist die Ambulanz. Hier durfte man manchmal Lipom Exzisionen zunähen oder eingewachsene Zehennägel ausschneiden, das kommt aber stark auf den Arzt an. Neben dem OPD gab es noch den „Minor OR“, in dem ambulante Operationen durchgeführt werden bei den Patienten, die finanziell besser dastehen oder sogar versichert sind.

Generell war es schockierend zu sehen, wie sehr auf den Philippinen allein der Reichtum bestimmt, welche medizinische Versorgung man erhält. Hat man kein oder nicht genügend Geld, erhält man auch keine Versorgung, egal wie dringend man sie benötigt. Man bezahlt alles aus der eignen Tasche, jedes Pflaster, jede Schwester, jeden behandelnden Arzt und das Zimmer kostet pro Tag Geld und für die Notaufnahme gibt es nochmals separat eine Gebühr. Im Cebu Doctors‘ University Hospital ist dies auch für unsere Verhältnisse teuer, weil es, wie die meisten der Kliniken in der Stadt, ein privates Krankenhaus ist. Wenn man nicht zur Oberschicht gehört, kann man noch ins Public Hospital gehen. Da ist alles billiger und man zahlt keine Arztgebühr, aber ohne Geld wird man auch dort nicht behandelt.

Für uns Externe waren die Dienstzeiten noch relativ human im Vergleich zu den Ärzten und Medizinstudenten dort, aber es war definitiv kein Tertial des Chillens und zum am Strand liegen. Wir mussten von Montag bis Freitag von 6:30 bis 17:00 Uhr da sein, die Wochenenden hatten wir frei. Dienste konnten wir mitmachen, wenn wir wollten, mussten es aber nicht. Man konnte sich auch aussuchen, ob man einen 24- oder 36-Stunden-Dienst mitmachen wollte. Die „Interns“ mussten die ganzen 365 Tage ihres „Internships“ arbeiten. Sie hatten keinen einzigen freien Tag, geschweige denn Wochenende. Die Arbeitszeiten waren dieselben wie bei uns, nur mussten sie zusätzlich jeden dritten Tag einen 36-Stunden-Dienst schieben, ohne Kompensation, das heißt, sie mussten am nächsten Tag wieder um 6:30 Uhr auf der Matte stehen.

Wenn sie einen Tag aufgrund von Krankheit fehlten, mussten sie ein Attest einreichen und mussten den versäumten Tag am Ende des Jahres dranhängen. Fehlten sie unentschuldigt, mussten sie pro versäumten Tag eine zusätzliche Woche nachholen. Man sah nur völlig übermüdete Ärzte und Studenten, die sich auch mit Fieber zur Arbeit schleppten und an den unmöglichsten Orten schliefen, sobald sie konnten. Das Ausbildungssystem orientiert sich völlig an dem amerikanischen, weshalb die Studenten auch nur amerikanische Literatur nutzen, von „Grey’s Anatomy“ bis zu „Harrisons Principles of Internal Medicine“. An den Wochenenden waren wir natürlich immer unterwegs, um die Philippinen zu bereisen, so viel wir konnten. Es lohnt sich definitiv!

… und in der Chirurgie am Vicente Sotto Memorial Medical Center

Das Public Hospital war immer völlig überfüllt
Das Public Hospital war immer völlig überfüllt

Was man sich auf keinen Fall entgehen lassen darf, ist die Arbeit im Vicente Sotto Memorial Medical Center (VSMMC), dem öffentlichen Krankenhaus von Cebu City. Es geht leider nicht mehr über den offiziellen Weg, da die Obrigkeit keine Externen mehr zulässt. Wenn man jedoch den „Chief Resident“ persönlich fragt, ist dies kein Problem.

Im Public Hospital sieht die Welt ganz anders aus. Die Patienten stapeln sich und warten mit offenen Wunden teils 24 Stunden, bis sie versorgt werden. Deshalb gilt auch jede Wunde, die man näht, als verschmutzte Wunde. Bevor die Patienten versorgt werden, müssen sie zuerst selbst Nahtmaterial, Tupfer, etc. besorgen, erst danach werden sie  versorgt. Hier darf man alles selbst nähen, auch Wunden, die bei uns im OP gemacht werden würden. Das war definitiv sehr spannend und lehrreich.

Ansonsten waren die Zustände extrem. Die Patienten teilten sich teilweise zu viert ein Bett; es wurde dann eben quer benutzt. Katzen liefen überall über die Stationen und die Liegen der Patienten wurden auch nur äußerst selten geputzt. Die Ärzte haben noch schlimmere Arbeitszeiten als im Cebu Doctors’ University Hospital. Wenn man anfängt, dort zu arbeiten, muss man ein halbes Jahr am Stück Dienst schieben, das bedeutet, dass man ein halbes Jahr das Krankenhaus nicht verlassen darf und bei jedem Notfall zur Stelle sein muss.

Man sieht sehr viele Stich- und Schusswunden sowie extrem viele Motorradunfälle, die teilweise sehr schwer sind. Was mich auch sehr geschockt hat, ist die Tatsache, dass es im gesamten Krankenhaus nur vier Beatmungsmaschinen gab, das heißt, wenn ein Patient beatmet werden musste, wurde er in den meisten Fällen von einem Familienmitglied mittels Ambu-Beutel beatmet. Es passiert dann nicht selten, dass der Patient verstirbt, weil der Beatmende nachts irgendwann einschläft. Wir haben im Vicente Sotto Memorial Medical Center viele extreme Momente erlebt und diese trotzdem lehrreiche Zeit war für uns sehr einprägsam.

Fazit

Einer der wunderschönen Orte in Palawan
Einer der wunderschönen Orte in Palawan

Ich fand diesen PJ-Abschnitt sehr gut. Ich war überrascht, wie autoritär und anstrengend die Ausbildung der Philippinos ist. Auch sehr gewöhnungsbedürftig war für mich das ausschließliche Prinzip des Selbststudiums. Der größte Teil der Ärzte ignorierte die Medizinstudenten am Krankenbett. Einige jedoch haben die Studenten ab und zu ausgefragt.

Ich hatte mir zudem erhofft, mehr praktisch machen zu dürfen. Dies war dann letztendlich im Public Hospital möglich, in dem wir leider nur eine von acht Wochen verbringen konnten. Ich habe aber definitiv viel gelernt. Die Ärzte dort werden so getrimmt, dass alle ziemlich viel Wissen parat haben. Auch wenn sie mangels der Mittel nicht immer den Goldstandard erfüllen können, wissen alle theoretisch, welche die optimale Versorgung wäre. Sie sind sehr gut im Improvisieren und wenden noch deutlich mehr klinische Diagnostik an.

Die Einwohner selbst sind extrem nett und auch das Land selbst hat sehr viel zu bieten, jede Insel hat ihren eigenen Charme; ich hätte gerne noch mehr Zeit gehabt. Es waren auf jeden Fall zwei sehr schöne Monate, die ich auf jeden Fall empfehlen kann.

S. Nuber

Kiel, März 2016

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

 

 

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