PJ in Ecuador – Chirurgie

21. Dezember 2015

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Ecuador, Fachgebiet, Land, Praktisches Jahr im Ausland

Ecuador, Guayaquil, Hospital Luis Vernaza (07.05.-30.08.2015)

Ein Auslandstertial in Südamerika stand schon lange als Ziel für mich fest. Eine Zusage von einer entsprechenden Universität zu erhalten, gestaltete sich jedoch erst einmal schwierig, aber letztlich zahlte sich meine Hartnäckigkeit aus. Es ging zum PJ nach Ecuador, genauer gesagt nach Guayaquil, in die Chirurgie. Und es war eine tolle Erfahrung und eine wunderschöne Zeit, die ich nie vergessen werde!

Mein Ziel – Südamerika!

Da für mich schon lange feststand, dass ich für ein Auslandstertial nach Südamerika gehen wollte, habe ich nicht locker gelassen und viele der vom Landesprüfungsamt (LPA) anerkannten Universitäten in Bolivien, Costa Rica, Nicaragua, Ecuador, Peru, Argentinien und Kolumbien angeschrieben. Von vielen kam leider keine Antwort oder eine Absage, weil sie keine ausländischen Medizinstudenten mehr akzeptieren und andere verlangten für den viermonatigen Aufenthalt teilweise mehr als 1.000 $.

Nach mehrfacher Nachfrage erhielt ich nach Monaten eine Antwort aus Ecuador von der Universidad Católica in Guayaquil, die erstaunlicherweise nicht ganz so hohe Gebühren verlangte. Also entschied ich mich den Platz dort anzunehmen und kann nur jedem raten, hartnäckig zu bleiben. Die Südamerikaner antworten nicht gerade zuverlässig auf Mails. Daher: Immer wieder nachfragen! Bewerbungen mehr als sechs Monate im Voraus bringen meiner Erfahrung nach nicht sehr viel, weil die meisten Universitäten nicht so weit im Voraus planen. Ich erhielt meine Zusage erst etwa eineinhalb Monate vor Beginn.

Die Vorbereitungen konnten endlich beginnen

Da ich länger als 90 Tage in Ecuador bleiben wollte, brauchte ich ein Visum, das ich bei der ecuadorianischen Botschaft in Berlin problemlos beantragen konnte. Welche Unterlagen man dafür benötigt (z.B. Hin- und Rückflugticket, Kontoauszüge etc.) findet man auf der Internetseite der Botschaft von Ecuador. Man kann versuchen, ein „Estudios“-Visa zu bekommen, denn dies ist günstiger als das „Actos de comercio“, was sie eigentlich ausstellen.

(Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Ich habe dann im Internet nach einer Unterkunft  gesucht und nahm Kontakt zur PJ-Koordinatorin vor Ort auf. Diese bot mir an, sich für mich nach einer Unterkunft zu erkundigen, was ich dankend annahm, da ich im Internet kaum möblierte Wohnungen und noch weniger WGs finden konnte. Sie baute den Kontakt zu einer ihrer Assistenzärztinnen auf, die mir eine sehr liebe Nachricht schickte und mich herzlich zu ihrer Familie einlud. Ursprünglich wollte ich nur für die erste Woche dort unterkommen, um mir vor Ort noch etwas anderes zu suchen, doch letztendlich stand für mich ziemlich schnell fest, dass ich nicht wieder weggehen würde aus dieser tollen Familie, die mich so herzlich bei sich aufgenommen hat.

Für die Arbeit im Krankenhaus brauchte ich eine Hepatitis B- Impfung und Typhus. Eine Gelbfieberimpfung ist nicht zwingend erforderlich.

Auf nach Ecuador

Ich flog von Frankfurt über Bogotá nach Guayaquil, wo mich meine Gastfamilie in Empfang nahm. Innerhalb der ersten Wochen muss man dann mit seinen Visumsunterlagen zum Ministerio gehen, um sich zu registrieren und – selbstverständlich –  noch einmal ein paar Dollar auf den Tisch legen.

PJ-Abschnitt Chirurgie am Hospital Luis Vernaza

Hospital Luis Vernaza in Guayaquil mit Blick auf die Krankenhauskapelle
Hospital Luis Vernaza in Guayaquil mit Blick auf die Krankenhauskapelle

Anfangs war ich in einem staatlichen Krankenhaus im Süden der Stadt eingeteilt. Da meine Gastfamilie jedoch in einem ganz anderen Stadtteil wohnte und der Süden Guayaquils zu den unsichersten Gegenden gehört, verwendete ich eine Woche darauf, mit Hilfe meiner „Gastschwester“ und der PJ-Koordinatorin das Hospital noch zu wechseln. Ich hätte nicht gedacht, dass dahinter so ein bürokratischer Aufwand steckte. Aber das hin- und her Gependel zwischen Universität und Krankenhaus, um Anträge unterschreiben zu lassen und wieder zurückzubringen, hat sich gelohnt, denn am Ende war ich im gleichen Krankenhaus wie meine „Gastschwester“ und konnte jeden Morgen mit ihr zur Arbeit fahren.

Das Hospital Luis Vernaza ist ein Lehrkrankenhaus der Universidad Católica de Santiago de Guayaquil. Meine Arbeitszeiten gingen von 7:00-15:00 Uhr, wohingegen die einheimischen PJler noch zwei 24 Std.-Dienste pro Woche mitmachen mussten. Mir wurde dies netterweise freigestellt.

Die ersten Tage bin ich mit den Assistenzärzten in der Allgemeinchirurgie mitgelaufen, die morgens die Patienten visitieren. Anschließend gehen immer zwei Assistenten mit einem Facharzt in den OP. Manchmal lassen die Fachärzte die Assistenzärzte alleine operieren, dann durfte ich mithelfen, oder auch, wenn ein Assistent fehlte. Man kann viel nähen und ebenfalls bei laparoskopischen, aber auch laparotomischen OPs assistieren. Die Ärzte waren alle sehr freundlich, hilfsbereit und interessiert und haben mich immer mitgenommen, wenn es etwas zu tun gab.

Ich habe mich dann einer der Studentengruppen angeschlossen, bin durch die verschiedenen Bereiche rotiert und habe den einen oder anderen 24 Std.-Dienst in der Rettungsstelle mitgemacht. In der Rettungsstelle kann man, wenn viel los ist, nähen oder auch mit in den Notfall OP gehen. Die eigentliche Aufgabe ist allerdings das Messen von Vitalparameter, Patienten zur Untersuchung zu begleiten und Papierkram zu erledigen. Aber die Medizinstudenten legen auch Magensonden und Blasenkatether.  In der Rettungsstelle arbeiten neben etwa 9-10 Ärzten auch noch 14-15 Studenten, was dazu führt, dass man auch mitunter viel herumsitzt.

Der Standard im Hospital und vor allem die OP-Ausstattung waren relativ modern. Hygienemaßnahmen wurden allerdings bei Weitem nicht so ernst genommen. Deutsche OP-Schwestern hätten daran sicherlich so einiges auszusetzen und hätten so einige Male den OP-Tisch für kontaminiert erklärt. Auffällig war, dass man sich jedes Material, jeden Faden, jeden Tupfer, explizit bei den Schwestern bestellen musste, die alles genauestens dokumentiert haben. Die Zimmersituation fand ich sehr erschreckend: Bis zu 40 Patienten teilen sich ein Zimmer, ohne Klimaanlage bei schwülen 35 Grad Außentemperatur. Die Patienten, die es sich leisten können, lassen sich einen Ventilator mitbringen.

Das Leben in Guayaquil

Las Peñas - ein malerischer Stadtteil in Guayaquil
Las Peñas – ein malerischer Stadtteil in Guayaquil

Wie bereits erwähnt, habe ich während meines Aufenthaltes in Ecuador in einer Gastfamilie gewohnt, die mich herzlichst bei sich aufgenommen, mich auf die Familienfeiern mitgenommen und  den einen oder anderen Wochenendausflug mit mir unternommen hat. So habe ich viel über die ecuadorianische Kultur erfahren und konnte die Gastfreundschaft der Ecuadorianer am eigenen Leib spüren. Diese Familie war einfach großartig und hat mir gerade am Anfang in der Millionenstadt, die doch so einige Gefahren birgt, sehr geholfen!

Guayaquil ist eine 3,5 Millionen-Stadt und damit die größte Stadt Ecuadors. Sie liegt in der Küstenregion und es ist das ganze Jahr über heiß, wobei die Sonne es nicht oft durch die Wolkendecke hindurch schafft. Das Schöne an der Lage Guayaquils ist, dass man sowohl schnell in den Bergen, als auch an der Küste ist.

Touristisch hat Guayaquil nur halb so viel zu bieten wie Quito, aber die Nähe zum Meer und zu den Bergen ist unschlagbar. Und die Freundlichkeit der „Guayaquileños“ ist nicht zu übertreffen. Die Stadt selbst hat zudem viele schöne Ecken, wie zum Beispiel die bunten Häuser in „Las Peñas“, den „Malecón“, die „Isla Santay“ oder den „Parque histórico“.

Wie in wahrscheinlich jeder südamerikanischen Stadt dreht sich viel ums Essen und man findet in der ganzen Stadt verteilt relativ günstige, kleine Restaurants, die typisches Essen wie „Encebollado“, „Seco de Pollo“, „Ceviche“, „Bolón“  etc. verkaufen. Wenn man hingegen in eines der Restaurants in den vielen klimatisierten Malls geht, in denen sich die Mittel- und Oberschicht im Übrigen am allerliebsten aufhält, zahlt man für das Essen auch gerne mal europäische Preise.

Sicherheitsaspekte

Guayaquil zählt zu den gefährlichsten Städten in Ecuador und fast jeder Einheimische hat mir seine eigene Geschichte von einem Überfall erzählen können. Gerade aus diesem Grund war es super hilfreich, dass meine Gastfamilie mir am Anfang Tipps gegeben hat, wo ich mich nicht aufhalten sollte, ab welcher Uhrzeit ich nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren sollte und dass ich keinesfalls das Handy auf der Straße herausholen oder im Bus Musik hören darf.

Wichtig sind ferner die Telefonnummern von sicheren Taxiunternehmen wie „Taxi Amigo“, weil man die gelben Taxis gerade als Tourist nicht unbedingt nehmen sollte. Ich habe mich während meines ganzen Aufenthaltes sicher gefühlt und bin auch bei Dunkelheit noch mit den öffentlichen Bussen gefahren. Man ist natürlich nicht so frei wie in Deutschland, woran man sich erst einmal gewöhnen muss, aber man ist auch nicht eingesperrt und kann sich auch alleine in der Stadt fortbewegen, wenn man die Augen offen hält und nicht zu leichtsinnig ist.

Reisen in Ecuador

Auf der Isla San Cristóbal - eine der Galapagosinseln
Auf der Isla San Cristóbal – eine der Galapagosinseln

Da Ecuador ein relativ kleines Land ist, kann man super reisen. Außerdem ist dieses Land sehr vielseitig, weil es einerseits die Küste hat, dann das Hochland und den „Oriente“, das Amazonasgebiet. Insbesondere Quito und Cuenca sind sehr schöne Städte mit vielen Bauten im Kolonialstil. Auch die vielen Strände sind wunderschön und bieten für jeden etwas: Kleine ruhigere Strände wie „Ayangue“ oder das Surfer- und Partyparadies „Montanitas“.

Mein absolutes Highlight sind und bleiben allerdings die Galapagosinseln mit den unberührten, einsamen Stränden, kristallklarem Wasser, einer einzigartigen Unterwasserwelt, die man beim Schnorcheln oder Tauchen beobachten kann, und einer wunderschönen auf jeder Insel variierenden Landschaft! Der einzige Nachteil: Es geht tief ins Geld, auch wenn man sich nicht auf einen Luxusdampfer setzt, sondern auf eigene Faust herumreist.

Mein Fazit

Der inaktive Vulkan Chimborazo - mit 6310 m Höhe der höchste Berg Ecuadors
Der inaktive Vulkan Chimborazo – mit 6310 m Höhe der höchste Berg Ecuadors

Ich kann Ecuador nur weiterempfehlen! Ich habe dieses Land und seine Bewohner in der viel zu kurzen Zeit  lieben gelernt und der Abschied ist mir sehr schwer gefallen! Auch im Krankenhaus kann man eine Menge praktischer Dinge lernen, zumindest in der Chirurgie! Spanischkenntnisse sollte man allerdings besser schon mitbringen.

Einen herzlichen Dank an Medizinernachwuchs.de für die Motivation, ins Ausland zu gehen und für die finanzielle Unterstützung im Rahmen der Auslandsstipendien! Es war eine tolle Erfahrung und eine wunderschöne Zeit, die ich nie vergessen werde! Danke auch an meine tolle Gastfamilie, ohne die mein Aufenthalt nicht halb so schön gewesen wäre!

L.,L.

Köln, November 2015

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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1 Kommentar

  • Liebe L.,

    deine Erfahrungen lesen sich sehr toll. Ich bin momentan auch dabei mir mein Auslandstertial zu organisieren.
    Dürfte ich dir bezüglich Fragen zum Hospital Luis Vernaza privat schreiben?

    Ich hoffe auf deine Antwort

    Liebe Grüße Ursula

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