Famulatur in Tansania – Pädiatrie,Gynäkologie und Geburtshilfe

4. Dezember 2015

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Gynäkologie und Geburtshilfe, Pädiatrie, Tansania

Tansania, Wasso, Wasso Hospital (01.09.-30.09.2015)

Eine Famulatur an einem Buschkrankenhaus in Tansania! Diese Möglichkeit hatte sich ganz plötzlich für mich ergeben. Doch mit ihr stellte sich mir eine Vielzahl an Fragen. Bin ich buschtauglich? Kann ich das überhaupt? Mute ich mir zu viel zu? Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, wie einzigartig diese Gelegenheit war. Es wurde eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte

Meine Entscheidung für Tansania

Das Wasso Hospital in Tansania
Das Wasso Hospital in Tansania

„Ich gehe übrigens im September auf Famulatur nach Tansania“, sagte Lukas. „Dann nimm mich doch mit“, war meine Antwort.

Zugegeben, eine handfeste Bewerbung sieht anders aus. Auch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz darüber nachgedacht, worauf genau ich mich da einließ. Zwei Tage später kam der Anruf: „Ich habe bei dem Arzt nachgefragt. Wenn Du Dich für buschtauglich hältst, kannst Du gerne mitkommen. Wir haben aber nur noch zwei Monate Zeit, alles vorzubereiten, also solltest Du Dich mit der Entscheidung beeilen.“

Bin ich buschtauglich? Kann ich das überhaupt? Mute ich mir zu viel zu? Es stellten sich für mich in diesem Moment plötzlich eine Million Fragen, die ich in wenigen Tagen zu beantworten hätte und dies ohne einen blassen Schimmer davon, was auf mich zukäme, wenn ich mich dafür entschied – es war zuvor ja keiner dort gewesen. Und jeder, mit dem ich darüber redete, kam mit einer Horrorstory aus dem Busch um die Ecke.  Nach einem Vortrag über „Famulatur und PJ im Ausland“ an meiner Universität meinte Peter Karle, Chefredakteur bei Medizinernachwuchs.de,  damals zu mir: „Sie scheinen sich ja ziemliche Sorgen zu machen. Lassen Sie es lieber sein, wenn Sie Angst davor haben.“ Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, wie einzigartig diese Gelegenheit war. Wie oft kommt es schon vor, dass man zu zweit in einem Buschkrankenhaus in Afrika famulieren darf, das auch noch von einem deutschen Arzt geführt wurde? Ich musste die Angst schlichtweg überwinden.

Die Entscheidung war also gefallen. Ich setzte mich mit einem Arzt und Priester aus Bayern, in Verbindung. Seit einigen Jahren leitet er das Krankenhaus in Wasso/Loliondo in Tansania. Auch hier wurden meine Ängste eher gedämpft, denn bestärkt. Lediglich seine abschließenden Worte „Abgekochtes Brunnenwasser ist gefahrenarm“ als Antwort auf meine Frage nach der Trinkwasserversorgung hinterließen einen besorgniserregenden Beigeschmack. Doch wie bei allen Sorgen, die ich mir machte, beruhigte mich der Gedanke, dass ich dort ja nicht allein sein würde.

Die Vorbereitungen begannen

Bei Medizinernachwuchs.de hatte ich mich um ein Famulatur-Stipendium beworben, welches kurze Zeit darauf glücklicherweise bewilligt wurde. Es verschaffte mir nicht nur wichtigen finanziellen Spielraum, sondern zeigte mir auch, dass es die richtige Entscheidung war, die Famulatur in Tansania anzutreten.  (Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien)

Los ging es mit den weiteren Vorbereitungen. Diese fielen deutlich simpler aus, als ich es vor einer solchen Reise erwartet hätte. Die Flüge wurden gebucht, das Visum würden wir vor Ort beantragen und auch die Reiseapotheke war eher spärlich – wir würden ja an einem Krankenhaus arbeiten. Lediglich das Tropeninstitut hatte noch ein Wörtchen mitzureden und impfte alles nach, was zu diesem Zeitpunkt nicht niet- und nagelfest war: Gelbfieber, Typhus, Hepatitis A und B, Tollwut, Mumps, Masern, Röteln und Meningokokken. Und wenn ich schon mal da bin, macht man dies auch alles in einem Aufwasch. Es haute mich eine Nacht und einen Tag um, dann war der Spuk vorbei. Zudem stand die Entscheidung aus, ob die Malariaprophylaxe durch Doxycyclin oder durch Malarone erfolgen sollte. Das muss jeder Reisende mit seiner Versicherung abklären, jedoch sind weder Lukas (mit Doxycyclin) noch ich (mit Malarone) in der Zeit in Afrika an Malaria erkrankt – und dies trotz vieler Mückenstiche.

Obwohl der zeitliche Vorlauf sehr kurz ausfiel, war Mitte August alles organisiert. Ab jetzt war es meine einzige Aufgabe, mit der wachsenden Aufregung klarzukommen.

Meine Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Wer möchte kann sich im Vorhinein mit der tansanischen Landessprache Kiswahili (oder Kisuaheli) auseinandersetzen. Diese wird auch in Kenia und Teilen Ugandas gesprochen. Allerdings lernt man sie vor Ort im Kontakt mit den Menschen deutlich schneller. Einen „Herold“ im Gepäck zu haben, ist ebenfalls ratsam. Man schaut doch öfter rein, als man denkt. Ansonsten kann man sich im Vorhinein mit den wichtigsten Krankheitsbildern im Busch beschäftigen. Dazu gehören Malaria, Brucellose, Bilharziose, HIV, Pneumonien und Tuberkulose. Auch bei den Themen Geburtshilfe und postnataler Versorgung empfiehlt sich ein gewisser Grundstock an Wissen.

Eine lange Anreise

Zusammen mit Studenten aus dem Hospital
Zusammen mit Studenten aus dem Hospital

Dann kam der 31. August. Meine Reise begann morgens um 3:00 Uhr und endete gegen 22:00 Uhr, als wir am Flughafen von Arusha, dem Kilimanjaro Airport, verzweifelt um unsere Visa kämpften.

Meine Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Man sollte genau überlegen, ob ein Arbeitsvisum für 200 Dollar wirklich nötig ist, ansonsten braucht man lediglich das Besuchervisum für 50 Dollar, das geht deutlich schneller. Dennoch muss man auch hier aufpassen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird. US-Dollar sind in Tansania besonders in touristischen Gebieten eine anerkannte Währung, ansonsten sind es tansanische Schilling (1 Euro = 2.200 Schilling).

(Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Am Folgetag fuhren wir mit einem vollkommen überfüllten Reisebus aus den 50er Jahren nach Wasso. Zehn Stunden lang. Manche Passagiere standen. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das ausgehalten haben. Es ist an den Distriktgrenzen üblich, dass „Mzungus“ (Weiße) eine Art Maut bezahlen müssen, 3x 20 Dollar pro Person. Da unsere Begleitung Isaac, ein Kollege aus dem Hospital, der zur selben Zeit in Arusha war und uns quasi mitnahm, dem Busfahrer allerdings schon ein paar Schilling zugesteckt hatte, war diesem klar, dass sich absolut keine „Mzungus“ an Bord befanden.

Äußerst erschöpft von der Fahrt und den vielen neuen Eindrücken, erreichten wir Wasso am späten Nachmittag und wurden von Thomas herzlich empfangen. Er zeigte uns unsere Unterbringung im Gästehaus und stellte uns allen vor. Unsere Zimmer waren schöner, als wir es uns im Vorhinein hätten vorstellen können. Es gab fließend Wasser, aus dem Brunnen aufbereitet, eine Toilette mit Spülung, eher unüblich in Tansania, und eine Dusche, aus der an guten Tagen auch heißes Wasser kam. Erleichtert packten wir unsere Koffer aus und warteten auf das Abendessen.

Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Was nimmt man mit? Wer nach Afrika reist, sollte sich genau informieren, wo er untergebracht ist, denn nicht überall ist es kochend heiß. Wasso zum Beispiel liegt auf einer Hochebene, das Hospital selbst liegt in einem kleinen Wald. Es war erstaunlich kalt und zugig, sodass ich die Jeans und Pullover, die ich zuletzt aus dem Koffer verbannt hatte, schmerzlich vermisste. Den Frauen empfehle ich, einen Sport-BH mitzunehmen, dies ist kein Witz, denn da es fast keine Asphaltstraßen gibt und Busse sowie Autos über die steinigen Sandpisten geradezu drüber hoppeln, kommt es häufig zu einem Konflikt zwischen jenem Impuls, der das Auto abheben lässt und der Schwerkraft. Die Leidtragenden in dieser Sache brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Des Weiteren sind gute Wanderschuhe empfehlenswert sowie eine dünne Wanderhose, Blusen, ein Fleece Pullover und lange Unterwäsche, falls man mal campen geht. Alle Kleider sollten die Schultern und den Großteil der Beine bedecken. Mückenschutz mit einem DEET-Gehalt von über 40 Prozent ist natürlich auch Pflicht. Da es regelmäßig zu Stromausfällen kommt, empfehle ich eine Stirnlampe bzw. mindestens zwei Taschenlampen. Insekten-Vernichter, man braucht ihn leider häufiger, als man denkt, kann man fast überall kaufen.

Die Krankenhaustage am Wasso Hospital

Beim Wiegen von Massai-Babys
Beim Wiegen von Massai-Babys

Das Wasso Hospital besteht aus mehreren Backsteingebäuden, jeweils eins für Frauen, Männer, Kinder und Mütter. Hinzu kommen ein Geburtshäuschen, ein großer OP, ein kleiner OP für Wund- und Schnittverletzungen und ein Aufnahmehaus.

Der Tag begann immer um 8:00 Uhr mit dem Morgengebet auf Kisuaheli und der Besprechung einzelner Patienten.

Meine Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Versucht nicht das Kisuaheli-Englisch-Gemisch zu verstehen, es ist außerordentlich verwirrend. Haltet Euch am besten an die Ärzte, die das beste Englisch sprechen und fragt regelmäßig nach.

Nach dem Morgengebet und der Besprechung einzelner Patienten verteilten sich die Ärzte zur Visite. Man konnte sich aussuchen, wo man mitgehen wollte. Manche bezogen uns mehr oder weniger in den Behandlungsprozess mit ein, doch alle empfingen uns sehr freundlich, beantworteten unsere Fragen und zogen unsere Vorschläge in Betracht. Aufgrund der geringen diagnostischen Möglichkeiten lief es allerdings meist auf eins von etwa 20 Krankheitsbildern hinaus, die dann auf gut Glück behandelt wurden. Im Zweifel konnte man dann immer noch mit einer explorativen Laparotomie in den Patienten hineinschauen.

Die Vorgänge und Herangehensweisen erscheinen zunächst dubios. Es ist vor allem schwer nachzuvollziehen, dass das Krankenhaus eigentlich über eine große Menge an Equipment verfügt, dieses aber in den meisten Fällen nicht verwendet wird. Manche Behandlungen scheitern daher weniger an der Ausstattung als an der Einstellung der Mitarbeiter, ein großes Problem im ganzen Land. Häufig wird diese gesellschaftliche Einstellung, die tief in den Köpfen der Menschen verankert zu sein scheint, für das wirtschaftliche Versagen des Staates verantwortlich gemacht. Hinzu kommt ein großes Maß an Korruption und die Tatsache, dass sich die Menschen nicht verantwortlich füreinander fühlen. Jeder rettet erstmal seine eigene Haut. Wenn dies dazu führt, dass ein Patient verstirbt oder nicht die richtige Behandlung bekommt, dann ist das nun mal so. Eine tragische Tatsache, die uns in den ersten Tagen im Hospital klar wurde.

Nichtsdestotrotz wurden hier Patienten versorgt und das System, so abstrus es uns auch erschien, ging auf. Nachmittags fanden Kaiserschnitte und Operationen statt, bei denen wir zuschauen durften. Im kleinen OP durften wir Wunden nähen als auch Verbände anlegen und in der Aufnahme durften wir mithilfe von Übersetzern Patienten aufnehmen sowie einen Behandlungsplan erstellen. Ob dieser dann auch durchgeführt wurde, sei mal dahingestellt.

Die Patienten waren bei uns größtenteils Massai, sie wohnen in Stämmen in der umliegenden Region. Jeden Tag fährt außerdem ein Jeep mit einem Ärzteteam, ausgestattet mit Impfstoffen, in die entlegeneren Regionen. Dort werden die Kinder gewogen und geimpft und es wird eine Vorsorge für die Schwangeren durchgeführt. Auch wir durften ein paar Mal mit und dort Eindrücke sammeln. Einige Stämme hatten nie zuvor ein weißes Mädchen gesehen, was dem ganzen Prozedere einen amüsanten Beigeschmack gab.

Die meisten Einheimischen sind fest in ihrer Kultur verankert und gehen daher zunächst zu ihrem ortsansässigen „Medizinmann“. Erst wenn es wirklich dringend nötig ist, werden Geld und ein Transport nach Wasso aufgetrieben. Daher hatten die meisten Kinder, die wegen Magen-Darm-Beschwerden zu uns kamen, zahlreiche Einschnitte auf der Bauchhaut. Je schwerer das Kind erkrankt war, desto häufiger wurde die Bauchhaut eingeritzt, um „der Krankheit einen Weg aus dem Körper hinaus zu geben“.

Die meisten Patienten gaben außerdem an, Kräuter und Pflanzen aus der Gegend zu sich genommen zu haben, ob dies jedoch als Ursache der Beschwerden oder als Behandlung stattfand, konnte man meist nicht herausfinden. Das Problem dabei war, dass man zunächst auf Englisch eine Frage stellte. Diese wurde dann von Person eins auf Kisuaheli übersetzt, Person „zwei“ übersetzte aus Massai und Person „drei“ auf die individuelle Sprache des jeweiligen Stammes. Detaillierte Fragen beantwortet zu bekommen und eine fundierte Anamnese aufzustellen, war daher meist ein Ding der Unmöglichkeit, doch glücklicherweise war das Krankheitsbild der meisten Patienten schon beim Hereinkommen ersichtlich.

Wenn es wenige Patienten gab und auch keine OPs stattfanden, konnte man immer noch ins Labor gehen und Blut abnehmen. Dies ist allerdings umso schwerer, je dunkler die Haut des Patienten ist. Es ist jedoch auch eine tolle Übung, die Vene zu erfühlen, anstatt optisch nach ihr zu suchen.

Meine Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Übt vor der Abreise die Blutabnahme und das Nähen mit mehreren Sticharten. Ich hatte mir dazu beim Metzger Schweinefüße bestellt und diese aufgeschnitten und zusammengenäht. Nehmt mehrere Kittel mit, denn sie werden dreckig werden, also etwa einen für zwei Wochen, denn ich habe drei gebraucht. Füllt die Kitteltaschen mit Lutschern. Man kann ein kleines Kind nicht abhören, wenn es schreit wie am Spieß, dem ist jedoch mit ein paar Süßigkeiten schnell abgeholfen. Nehmt Desinfektionsspray und -gel in rauen Mengen mit sowie Handschuhe. Wir haben fast alles aufgebraucht, besonders nach dem Kontakt mit einem Tuberkulose-Patienten, ohne Mundschutz und Isolationsmaßnahmen versteht sich, möchte man sich am liebsten ganzkörperdesinfizieren.

Ein üblicher Tag endete gegen 17:00 Uhr, danach gab es nicht viel zu tun, man befand sich ja mitten im Nirgendwo.

Ein bedrückendes Erlebnis im Hospital

Die Frauenstation am Wasso Hospital Tansania
Die Frauenstation am Wasso Hospital Tansania

Besonders im Kopf geblieben ist mir dabei der Fall eines Neugeborenen am dritten Tag:

Es war kurz nach 8:00 Uhr, als ich im Geburtssaal vorbeischaute, um zu sehen, ob eine Frau in den Wehen liegt. Doch offenbar hatte die junge Frau soeben ein Kind zur Welt gebracht, sie wirkte betreten und apathisch und wurde von den Schwestern aus dem Kreißsaal gefahren. Ich fragte mich, was geschehen war, als mir ein kleines Bündel auf dem Tisch auffiel. Außer mir war niemand mehr im Kreißsaal, alle waren verschwunden. In dem kleinen Stoffbündel steckte jedoch ein Kind, ein so winziges Kind, wie ich es noch nie gesehen hatte, der Kopf war kaum größer als ein Tennisball. Es wog 1.000g. Es atmete. Was tun?

Schon in Deutschland ist so etwas eine riesige Herausforderung für ein ganzes Team, hier stand ich alleine und ohne Mittel, während die Haut des Neugeborenen immer kälter wurde. Natürlich war es äußerst unwahrscheinlich, dass es überleben würde, doch diese Chance musste man ihm doch immerhin geben. Es war für mich absolut keine Option, das frisch geborene Kind, so wie es da lag, einfach liegen zu lassen. Ich bat die Schwester um Sauerstoff und Glukoselösung, das war das einzige, das zur Verfügung stand. Diese hob sich behäbig von ihrem Stuhl und schlurfte durch die Gänge, nach einigen Minuten war jedoch alles da.

Die mickrige Wärmelampe allerdings war viel zu weit vom Tisch weg und ging ständig aus. Die Sauerstoffmaske passte kaum auf die erbsengroße Nase des Säuglings, doch immerhin begann er dadurch fester zu schnaufen und durch die aufgewärmte Glukoselösung entwickelte sich das Wimmern zu einem schwachen Schrei. Nach etwa anderthalb Stunden begann in mir die Hoffnung aufzukeimen, es könnte entgegen aller schulmedizinischen Voraussagen doch gut gehen. Dann begann alles den Bach runter zu gehen. Das Baby wurde von Minute zu Minute trotz voller Heizstärke immer kälter, die Lippen wurden trotz Sauerstoff blau und die Atmung wurde schwächer. Der Herzschlag, der ursprünglich bei 60-80 gelegen hatte, auch schon sehr wenig für ein Neugeborenes, wurde immer langsamer.

Es war klar, dass dieses Kind es nicht schaffen würde. Nun wäre eigentlich der Moment gekommen, es zur Mutter zu bringen, doch diese war in eine Art Narkose versetzt worden und daher nicht mehr bei Bewusstsein. Mit dem Baby auf dem Arm und dem Stethoskop auf seiner Brust wartete ich also auf den letzten Herzschlag, den es nach etwa drei Stunden auf der Welt tat. Ich gab der Schwester Bescheid, diese allerdings interessierte sich dafür herzlich wenig und brachte das tote Kind eingewickelt  in den Waschraum.

Als ich einige Stunden später bei einem Ultraschall zuschauen wollte, fand ich im Sonographie Raum einen nagelneuen, sogar noch originalverpackten Brutkasten, der dort in der Ecke stand. In diesem Moment wäre ich fast geplatzt vor Wut. Ich ging zurück ins Geburtshaus und fand dort, sechs Stunden nach dem Tod des Neugeborenen, dasselbe Bündel, wie es noch immer an derselben Stelle im Waschraum lag. In diesem Moment wurde mir klar, dass all der gute Wille und all der Tatendrang, den wir mitbrachten, zwar helfen, aber letztendlich an der Situation im Hospital nichts ändern würden.

Einblicke in das Leben in Tansania

Auf einer beeindruckenden Jeepfahrt durch die Serengeti
Auf einer beeindruckenden Jeepfahrt durch die Serengeti

An den Wochenenden konnte man dann die Gegend erkunden. Da sich das Hospital 50 km von der Grenze des „Serengeti National Parks“ befand, ließen wir es uns natürlich nicht nehmen, dorthin mal einen Abstecher zu machen, um uns dort das afrikanische Tierreich aus der Nähe anzusehen. Natürlich ist die „Serengeti“ nicht gerade ein Schnäppchen, doch nicht zuletzt durch die Unterstützung durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de waren solche Ausflüge möglich.

Die zwei Motorräder, die wir uns von Kollegen geborgt hatten, um zum „Thomson National Park“ zu gelangen, stellten sich nach zwei Stürzen auf den äußerst rutschigen Sandpisten als besonders dumme Idee heraus. Daher empfiehlt es sich, eher jemanden zu suchen, der einen in den nächstgelegenen Nationalpark fährt. Meist ist das günstiger, als man denkt, man muss nur fragen.

Die Leute freuen sich ungemein, wenn man die Landesküche ausprobiert, sie ist zudem meistens auch äußerst schmackhaft. Zu den typischen Gerichten gehören „Chipsy majaj“ (Pommes mit Rührei), „Ugali“, eine geschmacklose Maispampe, die ohne Soße schier ungenießbar ist, und „Pilau“, gewürzter Reis, den jede Familie anders macht – lecker. Dazu gibt es meist gegrilltes Fleisch, das manchmal absolut nicht zu zerkauen ist und manchmal sehr lecker. Zudem gibt es Tee, der üblicherweise mit mehreren Esslöffeln – ja Esslöffeln – Zucker getrunken wird.

Man verliert nach etwa zwei Wochen die Scheu vor Straßencafés und Lokalen in Lehmhütten. Gegen Ende der Famulatur hatten wir sogar großen Spaß daran, uns einmal quer durch die kulinarischen Straßenverkäufe der Großstädte zu futtern. Abgesehen vom grundsätzlichen gastroenteralen Durcheinander, das der Kostwechsel mit sich bringt, hatten wir allerdings keine gesundheitlichen Probleme mit dem Essen, eine Art „Was soll schon passieren?“ Einstellung ist hier gar nicht so verkehrt.

Entgegen all meinen Befürchtungen sind die Einheimischen zwar neugierig, aber niemals aggressiv oder fremdenfeindlich. Zwar wollen viele „einen über den Tisch ziehen“, aber nach einer Weile kennt man die üblichen Preise für Wasser oder Cola und wenn man dieses dann auch noch in der Landessprache bestellt, freuen sich alle sehr. Zudem sind sie sehr interessiert an der europäischen Kultur und geben gern einen Einblick in die eigene. Auch aus religiöser Sicht ist es für die katholischen und muslimischen Bürger Tansanias ein Segen Gottes, wenn man Gäste hat. Man sollte den Gastgebern, falls man eingeladen wird, allerdings daher auch mit dem gegebenen Respekt entgegenkommen.

Meine Tipps für nachfolgende Medizinstudierende: Probiert alles. Nicht nur, weil es stets eine einmalige Gelegenheit ist, sondern auch, weil es sehr unhöflich ist, das vorgesetzte Essen nicht mal zu probieren. Ich habe in Woche drei in einer Pfarrei, in der wir nach unserem Trip in die „Serengeti“ unterkamen, einen fingerdicken Gefäßbaum heruntergewürgt – na und? Jetzt weiß ich immerhin, wie’s schmeckt. Bei Getränken ist das allerdings eine andere Sache: Man sollte hier sicherstellen, dass es abgekocht ist und bei Milch im Tee immer nachfragen, ob diese abgekocht oder aus Pulver hergestellt wurde. Bei allem anderen sollte man höflich um Flaschenwasser oder Cola bitten.

Mein Blick zurück

Medizin in Tansania
Medizin in Tansania

Mein Fazit dieser Reise nach Tansania und meiner Famulatur an einem Buschkrankenhaus ist, dass ich mehr erlebt und gelernt habe, als ich es für möglich gehalten hätte. Es war eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte und zu der ich jeden, der ähnliche Sorgen hat, ermutigen möchte. Auch wenn man Angst vor der fremden Kultur hat und sie nicht einzuschätzen weiß, so sind am Ende doch die meisten Menschen nett, und freuen sich, dass man sie „besuchen kommt.“

Ich kann eine solche Reise nur jedem ans Herz legen, denn die Eindrücke – die positiven wie die negativen – nimmt man mit. Man betrachtet die deutsche Medizin mit anderen Augen, nimmt jedoch auch Wissen und Fertigkeiten mit, die einem im Zweifelsfall ausgesprochen dienlich sein können. In Tansania sind eine Menge katholischer Missionskrankenhäuser über das Land verstreut – meist genügt eine E-Mail.

 

Paula Menold

München, November 2015

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

 

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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