Famulatur in Nepal – Chirurgie

16. Oktober 2015

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Land, Nepal

Nepal, Pokhara, Western Regional Hospital

(10.08.-20.09.2015)

Nepal ist ein höchst faszinierendes Land! Mein erster Aufenthalt in einem Entwicklungsland führte mich im Rahmen einer Famulatur an das Western Regional Hospital in Pokhara. Die “German-Nepal Medical/Educational Cooperation”, gegründet von einem in Deutschland arbeitenden nepalesischen Arzt hilft seit Jahren Medizinstudierenden, einen Platz als Famulant in diesem Land zu bekommen. So auch mir.

Meine Entscheidung für Nepal

Panorama von Pokhara vom Sarangkot aus
Panorama von Pokhara vom Sarangkot aus

Die Idee, für eine Famulatur ins Ausland zu gehen, hatte ich schon recht früh im Medizinstudium gehabt. Im Herbst 2014 schrieb ich E-Mails an Krankenhäuser und Universitäten in vielen Ländern, um mich über die Möglichkeit einer Stelle als Famulant zu erkundigen. Leider erhielt ich nur Absagen oder die Inforation, dass ich mich über ein offizielles Büro zu bewerben hätte, was fast immer mit einer hohen Bewerbungsgebühr verbunden war, weswegen ich diese Optionen für mich verwarf.

Von einem mir bekannten Arzt aus der Abteilung für Neurochirurgie am Universitätsklinikum, an welchem ich studiere, und der selbst aus Nepal stammt, wurde ich schließlich auf die Idee gebracht, meine Auslandsfamulatur in Nepal zu absolvieren. Dies leuchtete mir plötzlich ein, da ich Nepal schon seit langer Zeit, hauptsächlich wegen seiner atemberaubenden Landschaft, sehr interessant und „Bereisens wert“ fand. Nun wurde mein Interesse an einer Famulatur in einem Entwicklungsland mit völlig anderer Kultur geweckt. Glücklicherweise konnte mir mein Bekannter auch gleich einen hilfreichen Kontakt vermitteln – die „German-Nepal Medical/Educational Cooperation“.

Die Bewerbung klappte…

Die “German-Nepal Medical/Educational Cooperation”, gegründet von einem in Deutschland arbeitenden nepalesischen Arzt, Herrn Madan Poudel, hilft seit Jahren Medizinstudierenden,  einen Platz als Famulant in Nepal zu bekommen. So auch mir.

Der Schriftwechsel mit dem Ansprechpartner der Organisation in Nepal und Bruder des Gründers, Herrn Sushil Poudel, verlief reibungslos. Nach nur wenigen Mails hatte ich die Zusage für einen Platz in einem Krankenhaus meiner Wahl. Um Weiteres musste ich mich nicht kümmern!

… und die Vorbereitungen konnten beginnen

Der Phewa-See von Lakeside in Pokhara aus
Der Phewa-See von Lakeside in Pokhara aus

Mein Visum (Tourist) konnte ich direkt am Flughafen in Kathmandu nach der Landung erwerben. (Anm.d.Red. Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Diverse Reiseimpfungen sind für Nepal empfohlen. Ich würde auf diese nicht verzichten, besonders wenn man sich länger im Land aufhält, und auch wenn man sie selbst aus eigener Tasche bezahlen muss. Ein Nachfragen bei der eigenen Krankenversicherung lohnt sich jedoch in jedem Fall, denn diese Kosten werden von manchen Versicherern, zumindest anteilig, übernommen.

Die Impfung gegen Japanische Enzephalitis habe ich aus Kostengründen nicht gemacht. Über eine Schluckimpfung gegen Cholera sollte man jedoch ernsthaft nachdenken, da sie zwar gegen Cholera selbst keinen besonders großen Schutz bietet, einem jedoch durch Kreuzimmunitäten Schutz vor diversen anderen pathologischen Keimen verschafft. Ein anderer deutscher Medizinstudent, den ich in Nepal traf, hatte als einziger aus unserer sechsköpfigen deutschen Gruppe nie Beschwerden mit Reise Diarrhoe und er hatte auch als einziger diese Impfung durchgeführt.

Eine Auslandskrankenversicherung abzuschließen, ist selbstverständlich. Ich empfehle, eine zu wählen, bei der eine Überführung nach Deutschland im ernsthaften Krankheitsfall und, wenn man plant, im Hochgebirge zu wandern, eine Bergnotrettung per Hubschrauber mit abgedeckt sind. Ich persönlich würde mich nur äußerst ungern in Nepal behandeln lassen!

Das Western Regional Hospital in Pokhara

Emergency Room am Western Regional Hospital in Pokhara - Nepal
Emergency Room am Western Regional Hospital in Pokhara – Nepal

Das Krankenhaus, in dem ich famulierte, war das Western Regional Hospital, ein akademisches Lehrkrankenhaus, das zum Gandaki Medical College gehört. Von den Einheimischen wird es eigentlich immer als Gandaki Hospital bezeichnet. Es ist, wie ich im Laufe meiner Zeit in Nepal herausfand, in weiten Teilen des Landes bekannt. Dies liegt wohl zum einen daran, dass es ein staatliches („governmental“) Krankenhaus ist und somit hauptsächlich die wesentlich bevölkerungsstarken, ärmeren Schichten des Landes behandelt, und zum anderen daran, dass es ein für dortige Verhältnisse sehr großes Hospital ist.

Ich famulierte in der chirurgischen Abteilung des Hauses. Die häufigsten Krankheitsbilder dort waren Appendizitis (Blinddarmentzündung), Cholezystitis (Gallenblasenentzündung), Hernien, Verletzungen von Unfällen, verschiedene Arten von Bauchtumoren und Verbrennungen, besonders oft bei Kindern durch kochendes Öl beim Kochen.

Meine Erfahrungen im Hospital

Aufwachraum und Intensivstation am Western Regional Hospital in Pokhara
Aufwachraum und Intensivstation am Western Regional Hospital in Pokhara

Der Tagesablauf begann vormittags gegen 9:00 Uhr. Zu dieser Zeit konnte man mit den Assistenzärzten, die die Visite vorbereiteten, mitgehen und die neuesten Entwicklungen der Patienten und der vergangenen Nacht erfahren. Gegen 10:00 Uhr folgte die Visite mit einem der Oberärzte und mehreren Assistenzärzten. Hier wurde hauptsächlich Nepali gesprochen, weswegen man der Visite nur grob folgen konnte und dies auch nur anhand der Diagnosen sowie einiger anderer medizinischen Begriffe, die immer auf Englisch waren. Bedauernswerterweise hielten es auch nur sehr wenige Oberärzte für notwendig, anderen Medizinstudierenden, ob einheimisch oder fremd, irgendetwas zu erklären oder nachzufragen.

In die Visite wurden ebenfalls der Aufwachraum der Operationsabteilung (OP), der auch als eine Art Intensivstation fungierte, und der „Emergency Room“, also die Notaufnahme, mit einbezogen. Nach der Visite gab es für die Ärzte und freundlicherweise auch für die deutschen Medizinstudenten Tee im Arztzimmer. Hetze findet man bei den nepalesischen Ärzten nicht, weswegen man sich hierfür als auch für den einen oder anderen nichtmedizinischen Plausch ausgiebig Zeit nahm.

Im Anschluss daran, so gegen 12:00 Uhr, verteilten sich die Ärzte, die keinen Stationsdienst hatten auf den OP, jedoch nur an den OP-Tagen Dienstag und Freitag, den Emergency Room und das „Out Patient Department“ (OPD). Dort werden die Patienten, die mit ihrem Leiden ambulant ins Krankenhaus kommen, von einem Arzt angeschaut und aufgenommen. Dafür müssen sie bei ihrer Ankunft am Schalter ein Ticket kaufen und dann bis zu ihrem Aufruf warten. Hier beschränkte sich meine Tätigkeit auf sehr wenige Untersuchungen am Patienten, da mit den Patienten hauptsächlich gesprochen wird und das natürlich auf Nepali.

Gegen 15:00 Uhr oder 16:00 Uhr war der Arbeitstag in der Regel zu Ende und ich verließ das Krankenhaus. In Nepal ist samstags der Ruhetag der Woche. An diesen Tagen ging ich nicht ins Krankenhaus, wobei Geschäfte eigentlich wie üblich geöffnet hatten.

Persönliche Eindrücke an der Klinik

OP-Saal am Western Regional Hospital in Pokhara - Nepal
OP-Saal am Western Regional Hospital in Pokhara – Nepal

Die Tage an denen operiert wurde, waren Dienstag und Freitag, wobei Notfälle natürlich jederzeit versorgt wurden. Ich sah zahlreiche Operationen, hauptsächlich zu den oben schon beschriebenen Krankheitsbildern. An den OP-Tisch ging ich selbst nicht. Hätte ich nachgefragt, wäre dies bestimmt möglich gewesen, jedoch wollte ich das dort aufgrund der hygienisch unsicheren Situation nicht. Dies ist jedoch nur meine persönliche Ansicht und keine Empfehlung; jeder sollte sich sein eigenes Bild machen.

Meine OP-Kleidung musste ich mir selbst aus Deutschland mitbringen, genauso wie Handschuhe und auch Mundschutz. Es gab jedoch auch die Möglichkeit, sich den „OT Gaun“ beim Schneider des Krankenhauses machen zu lassen. Ihm musste man dann nur den Stoff bringen, den man vor Ort auch kaufen konnte.

Im OP gab es für mich aus hygienischer Sicht zu Beginn einige sehr gewöhnungsbedürftige Umstände. Es waren in jedem OP-Saal mehrere Ventilatoren aufgestellt, um dem sehr warmen und feuchten Klima zu begegnen. Das ist hygienisch betrachtet nicht gut, da Keime verwirbelt werden und dadurch leichter in das offene Operationsgebiet gelangen. Wasser, das zur Operation gebraucht wurde, um Bauchtücher oder das Operationsgebiet auszuspülen, kam direkt kochend aus einer auf dem Gasherd erhitzen Kanne, die in eine Schale am OP-Tisch entleert wurde. Sämtliche Tücher und OP-Kleidung, alles aus Stoff, wie es bei uns in Deutschland vor Jahrzehnten üblich war, wurden nach der Operation lediglich ausgekocht. Handschuhe wurden nach einer Reinigung ebenfalls wiederverwendet.

Auch das „hygienische Verhalten“ der Ärzte war für mich teilweise überraschend. Ein beim sterilen Einkleiden vor der OP auf den Boden gefallener Handschuh wurde einfach weiter verwendet, zwischen den OP-Sälen wurde viel hin und her gegangen, auch steril eingekleidet und die gestenreiche Ausdrucksweise wurde mit den OP-Instrumenten ebenfalls am OP-Tisch ausgeführt. Meine Gedanken bei all dem waren oft, dass es trotz der beschränkten Möglichkeiten durchaus Optimierungspotential gibt. Ich sah jedoch wenige postoperative Wundinfektions-Komplikationen und die allermeisten Menschen dort scheinen auch unter diesen Umständen gesund zu werden – die für mich wohl eindrucksvollste medizinische Erkenntnis.

Leben und Wohnen in Nepal

Das Motorrad als Fortbewegungsmittel in Pokhara - Nepal
Das Motorrad als Fortbewegungsmittel in Pokhara – Nepal

Nepal bietet, besonders um die Touristenzentren Kathmandu und Pokhara herum, sehr viele Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten. Dazu zählen natürlich Wandern, vom Tiefland bis ins Hochgebirge des Himalayas, Rafting, Paragliding, Höhlenbesuche, Besichtigung von Nationalparks. Unbedingt sollte man das Land abseits der Städte besuchen, um einen besseren und unverfälschteren Eindruck der Bevölkerung des Landes und ihrer Lebensweise zu bekommen.

Als Transportmittel dafür kann man die vielen „Local Busses“ benutzen, was ich aber relativ lästig fand, da diese oft sehr langsam und sehr überfüllt unterwegs waren. Ich fürchtete die Verkehrszustände in Nepal nicht zu sehr und lieh mir öfter ein Motorrad, um schnell und verhältnismäßig günstig aus den Städten heraus zu kommen. In Nepal darf man mit deutschem Pkw-Führerschein auch Motorrad fahren. Für längere Strecken würde ich jedoch anstatt Motorrad und Local Bus stets einen „Tourist Bus“ empfehlen, da diese nicht so über-füllt, etwas komfortabler und nur wenig teurer sind.

Ich wohnte nach meiner Ankunft in Kathmandu in einem von der Organisation gebuchten Hotel. Als ich für meine Abreise schließlich nach Kathmandu zurückkehrte, besorgte ich mir allerdings selbstständig eine günstigere Bleibe. In Pokhara kam ich im Hotel ABC unter, das Hari, der Onkel, von Madan und Sushil Poudel bewirtschaftet. Dort bringt die Organisation in der Regel alle nach Pokhara vermittelten Deutschen unter. Ich teilte mir ein Zimmer mit einem anderen deutschen Medizinstudenten, wodurch ich nur 600 Rupien (etwa fünf Euro) pro Nacht bezahlte.

Finanzielles

Edelweiß in 5000 Metern Höhe - im Hintergrund der Mount Gangapurna
Edelweiß in 5000 Metern Höhe – im Hintergrund der Mount Gangapurna

Die Organisation von Madan und Sushil Poudel, die mir den Aufenthalt ermöglichte und organisierte, berechnet für ihre Tätigkeit 100 Euro. Das Western Regional Hospital verlangt pro Woche Famulatur 50 US-Dollar, wobei ich diesen Betrag in Nepalesischen Rupien bezahlen konnte. Der Wechselkurs der Nepalesischen Rupie lag zu meiner Zeit in Nepal bei etwa 120 NRS für einen Euro.

Man kann für Verpflegung und Übernachtung in den großen und touristischen Städten wie Kathmandu und Pokhara viel Geld ausgeben, aber auch günstig leben. Ein Mittagessen bekam ich am richtigen Ort durchaus für umgerechnet einen Euro. Dort fand ich viele Einheimische und es schmeckte – meiner Meinung nach – viel besser. In einem touristisch aufgemachten Restaurant zahlt man aber schnell umgerechnet zehn Euro.

Glücklicherweise hatte ich Erfolg mit meiner Bewerbung für eine finanzielle Förderung meiner Famulatur durch Medizinernachwuchs.de in Kooperation mit dem Ärztefinanzzentrum Berlin – Sobe & Partner! So wurde mein Budget für die Reise merklich vergrößert. Ich kann jedem eine Bewerbung nur wärmstens empfehlen.

Mein Fazit

Der Mount Gangapurna und Annapurna III im Morgengrauen
Der Mount Gangapurna und Annapurna III im Morgengrauen

Nepal ist ein höchst faszinierendes Land! Es ist natürlich total anders als Europa. Dieses „anders-Sein“ erstreckt sich von der Kultur der Menschen über die Landschaft bis hin zum Wetter. All dies zu entdecken mit neuen Details an wirklich jedem Tag, das bereitete mir sehr großen Spaß. Ich machte sehr viele positive und natürlich auch negative Erfahrungen, die mich aber allesamt bereicherten.

Nach Nepal zu reisen, auch nach der Erdbebenkatastrophe in diesem Frühjahr und ganz besonders jetzt in der Zeit danach, denn Nepal lebt fast ausschließlich vom Tourismus, kann ich sehr empfehlen!

Anders als es uns die Medien hierzulande darstellten, ist Nepal weiterhin sicher und die vorhandene Infrastruktur erhalten. Zerstörung sah ich vier Monate nach den Beben nur wenig. Wie mir die Einheimischen öfter sagten, brachte diese Katastrophe das Volk nun sogar näher zusammen.

Natürlich muss man sich darauf einstellen, dass Nepal ein Entwicklungsland ist. Dementsprechend waren die Umstände. Die ersten paar Tage, ganz besonders der erste Tag, waren geprägt von den teilweise erschreckenden neuen Eindrücken, da diese Reise für mich der erste Aufenthalt in einem Entwicklungsland war.

W., L.

Tübingen, Oktober 2015

Stipendiat im Rahmen der Auslandsstipendien 2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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