Famulatur in El Salvador – Chirurgie

20. August 2015

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El Salvador, San Salvador, Hospital Nacional Zacamil (27.02.-12.04.2015)

Meine Famulatur in El Salvador empfand ich als eine absolut bereichernde Erfahrung. Es war sehr spannend, in den Alltag eines Landes einzutauchen, in welchem die alltäglichen Probleme doch immens von denen in Deutschland abweichen. Geprägt von den Erlebnissen in San Salvador als auch in ländlichen Regionen und mit Hilfe einer Projektgruppe von Medizinstudierenden in Gießen möchten wir uns nun um eine nachhaltige Unterstützung bei der Distribution von medizinischem Equipment nach El Salvador engagieren.

Meine Motivation, mein Ziel – El Salvador

Immer häufiger tritt die Flüchtlingsproblematik nicht nur im Mittelmeer in den tagespolitischen Themen in den Vordergrund. Auch in El Salvador spielt die Emigration eine riesige Rolle. Annähernd 50 Prozent der Bevölkerung leben im Ausland. Die Beweggründe, und damit die wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitliche Umstände kennen zu lernen, waren u.a. eine große Motivation, eine Famulatur in El Salvador zu absolvieren. Inspiriert durch die „Millennium Development Goals“ und Vorerfahrungen in Südamerika, war es mir sehr wichtig, die lokalen Umstände und Zusammenhänge von Gesundheit, Armut und sozialen Determinanten besser zu verstehen.

Gezielte Vorbereitung…

Ein Sprachkurs über meine Universität im Semester vor meinem Auslandsaufenthalt hat mir geholfen, nochmals die Grammatik zu festigen und Vokabeln wieder aufzufrischen. Zudem bietet das Schwerpunktcurriculum Global Health der Justus-Liebig Universität in Gießen ein Vorbereitungsseminar an, in welchem Aspekte wie Auslandsversicherung und Tipps zum interkulturellen Umgang mit lokalen Patienten, Ärzten und Kollegen besprochen werden.

  • Visum

Ein Visum für El Salvador ist für einen Aufenthalt unter 90 Tagen nicht nötig. Da meine Freundin zur selben Zeit ein PJ-Tertial in San Salvador absolvierte, musste sie nach Ablauf der 90 Tage eine Aufenthaltserlaubnis im Ministerium für Auslandsangelegenheiten beantragen. Dabei wurde neben Angaben zum finanziellen Vermögen auch die Bürgschaft einer einheimischen Person gefordert. Wir haben eine Freundin gefragt, die gerne ausgeholfen hat und somit die Verlängerung der Aufenthaltsdauer ohne weiteres bewilligt wurde.

(Anm.d.Red.: Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

  • Gesundheit

Ich habe keine speziellen Vorkehrungen hinsichtlich meiner Gesundheit getroffen. Ich musste auch keine  bestimmten Untersuchungen durchführen lassen, bevor ich nach El Salvador reisen konnte. Es ist sinnvoll, Sonnencreme mitzunehmen, da diese in El Salvador sehr teuer ist. Eine Reiseapotheke hatte ich nicht, da ich auch in Deutschland nichts benötige und im Bedarfsfall in jeder Apotheke in San Salvador alles Nötige zu bekommen ist.

  • Versicherungen und Sicherheitsaspekte

Ich hatte eine Berufshaftpflichtversicherung sowie eine Auslandskrankenversicherung. Die Sicherheitslage in El Salvador möchte ich als ambivalent bezeichnen. Die aktuellen Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes lauten folgendermaßen: “El Salvador weist in Lateinamerika und weltweit eine der höchsten Kriminalitätsraten auf.  Die Gefahr von Gewaltverbrechen – insbesondere in der Nähe der touristisch interessanten Vulkane und am Strand – ist überaus hoch, die Hemmschwelle beim Gebrauch von Schuss- oder Stichwaffen niedrig. Im Falle eines Überfalles ist es dringend geboten, auf Widerstand zu verzichten.“

(Quelle: http://www.auswaertiges-amt.de/sid_DBCEC69B382F2012EE88CF9E58CD2551/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/Nodes/ElSalvadorSicherheit_node.html )

Wenn man die Zeitung aufschlägt, wird so gut wie jeden Tag über die zahlreichen Morde berichtet. Hinweise, wie das Vermeiden von langen Spaziergängen nach Einbruch der Dunkelheit, haben wir beherzigt. Außerdem kommt es nicht vor, dass das Handy im Bus genutzt wird. Ausländer sind i.d.R. aber nicht ein primäres Ziel von gewalttätigen Übergriffen.

Auch wir wurden von unseren Kommilitonen sehr gut behütet. Bis auf einige wenige Ausnahmefälle fahren alle Medizinstudenten mit dem Auto zur Klinik. Da ich gemeinsam mit meiner Freundin ein Apartment gemietet hatte und auf eine Unterkunft bei einer Gastfamilie verzichtet hatte, wurden wir nicht zum Krankenhaus mitgenommen. Wir sind daher mit dem Bus zur Klinik und zurück gefahren. Während der sechs Wochen hatten wir keinen einzigen Zwischenfall. Aufgrund der Verkehrslage haben wir für eine Strecke von 8km aber in der Regel zwei Stunden benötigt. Ich fand es sehr spannend, mit dem Bus zu fahren und dabei Leute aus meinem Stadtteil kennenzulernen.

Auch wenn die meisten Mitstudierenden von der Nutzung der Busse abraten, konnten wir ohne Zwischenfälle die Busse nutzen. Ich denke, es ist wichtig, sich vorher zu informieren, welche Teile der Stadt gefährlich und unsicher sind und diese dann dementsprechend zu meiden. Insgesamt habe ich mich im Bus sicher gefühlt.

…und weitere organisatorische Aspekte

  • Blick auf die chirurgische Station am Hospital Nacional Zacamil in San Salvador
    Blick auf die chirurgische Station am Hospital Nacional Zacamil in San Salvador

    Geld

In El Salvador ist der US-Dollar offizielles Zahlungsmittel. Ich habe immer mit meiner Kreditkarte an einem der vielzähligen Automaten kostenlos Geld abgehoben, gar kein Problem. Dieses Angebot gibt es bei verschiedenen deutschen Banken. Mit Traveller Cheques usw. habe ich keine Erfahrungen, ist meiner Meinung nach nicht nötig. Mein Tipp: Habt immer ein bisschen Kleingeld dabei, sei es für die Jongleure an der Ampel oder den Kaugummiverkäufer an der Ecke. Wundert Euch auch nicht, wenn manchmal noch nicht einmal zehn Dollar angenommen werden können, die Kleinhändler haben einfach nicht so viel, um dies zu wechseln…

  • Sprache

In El Salvador wird Spanisch gesprochen. Englisch wir nur in Akademikerkreisen gesprochen, sodass es gerade im Umgang mit Patienten sehr hilfreich ist, gute Spanisch Kenntnisse zu haben. Markant in El Salvador sind Ausdrücke wie: „Que Chivo…“ („Wie gut, cool, super etc.“)

  • Anreise und Verkehrsverbindungen vor Ort

Von Europa aus soll es einen direkten Flug von Madrid geben. Den  günstigsten Flug, den ich finden konnte, war über Miami bzw. Dallas mit American Airlines. In El Salvador bin ich auch zwischen den Städten mit dem Bus gefahren. So z.B. nach La Libertad – und zwar vom Kreisverkehr Salvador del Mundo mit dem 101D bis Guadalupe und dann mit dem 102 oder 102A nach La Libertad für 1$-1.50$. Zudem hatte ich für ca. eine Woche ein Auto für 25$ pro Tag gemietet und bin damit durchs Land gereist.

  • Kommunikation

Um sich eine Chipkarte für ein Mobiltelefon zu kaufen, muss ein Einheimischer für Dich bürgen. Für eine Prepaid Karte von „Tigo“ habe ich für 20$ Internet und Telefon für einen Monat gehabt. In unserem Apartment gab es WIFI, sodass auch längere Skype Gespräche problemlos möglich waren. Zudem nutzen sehr viele WhatsApp, um zu kommunizieren. Im Krankenhaus gibt es ebenfalls kostenloses WIFI.

  • Unterkunft

Meine Freundin und ich hatten eine kleine Wohnung im Stadtteil „Escalon“ gemietet. Zum einen bestand die Möglichkeit, über Bekannte eine Wohnung zu mieten, zum anderen hatte sich meine Freundin unterschiedliche Angebote für Wohnungen aus der Tageszeitung angeschaut. Letztlich war unsere Unterkunft sehr schön. Es war ein möbliertes Zimmer mit großzügig ausgestatteter Küche, Waschmaschine und Trockner. Sogar ein hauseigener Pool konnte genutzt werden.

  • Literatur

Einen englischsprachigen Reiseführer über El Salvador und Nicaragua hatte ich im Vorfeld gelesen. In der Bibliothek der Universität hatte ich mir zudem spanische Fachliteratur ausgeliehen. Dies war auch sehr hilfreich.

  • Mitzunehmen

Für eine Famulatur im Hospital Nacional Zacamil ist es sinnvoll, OP-Kleidung einmal in grün für den OP und einmal in blau für die Rettungsstelle mitzunehmen. Außerdem sollte man sinnvollerweise unbedingt Handschuhe, Desinfektionsspray, Mundschutz und Haube mitnehmen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Assistenz bei einer Appendektomie
Assistenz bei einer Appendektomie

Der erste Tag meiner Famulatur in der Allgemeinchirurgie am Hospital Nacional Zacamil in San Salvador bestand hauptsächlich aus dem Kennenlernen des Krankenhauses, der Stationen und der Ärzte. Mit den Ärzten habe ich mich gut verstanden. Fragen wurden immer ausführlich beantwortet. Mein Arbeitstätigkeitsfeld war nicht fest definiert, sodass mir die Entscheidung für meine Tätigkeitsbereiche überlassen war.

In den ersten Wochen begleitete ich meist die Visite, informierte mich über Neuaufnahmen, besprach neue Fälle, befragte Patienten und fertigte Anamnesebögen an. Da der stationäre Ablauf nahezu komplett handschriftlich mittels Notizzettel organisiert und ich hauptsächlich daran interessiert war, im OP zu assistieren, war ich sehr glücklich über diese Tatsache, mir selbständig meinen Tätigkeitsbereich auszusuchen.

Verständnisschwierigkeiten waren nie ganz ausgeschlossen, denn auch mit Sprachkurs gab es die eine oder andere knifflige Vokabel, die weitere Erklärungen nötig machte. Insgesamt hat es aber nach anfänglicher Gewöhnungsphase sehr gut geklappt. Zusätzlich habe ich immer mal wieder ausgewählte Seminare und Vorlesungen besucht. Besonders interessant fand ich dabei das Seminar Epidemiologie, welches die chirurgischen Assistenzärzte einmal die Woche besuchen mussten. In diesem Seminar wurde neben den Grundlagen der Epidemiologie („John Snow“) die Gesundheitssituation in El Salvador diskutiert. Gerade die hohe Mordrate aufgrund der stark ausgeprägten Bandenkriminalität ist eine der größten Belastungen für das Gesundheitssystem. Aber auch NCD spielen eine große Rolle. Mangelnde Bewegung und cholesterinreiche Ernährung führen zu vielen, zum Teil unbehandelten, Kardio-vaskulären Erkrankungen.

Das Medizinstudium in El Salvador dauert in der Regel acht Jahre. Davon werden die ersten vier Jahre hauptsächlich an der Universität mit dem Studium der Basiswissenschaften verbracht. Im fünften und sechsten Jahr werden die Studierenden „Externos“ genannt. In dieser Zeit ist man ausschließlich im Krankenhaus und rotiert alle zehn Wochen in den unterschiedlichen Fachrichtungen – also z.B. Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, etc. Im siebten Jahr sind die Medizinstudenten Angestellte im Krankenhaus und verdienen somit zwischen 200$ und 300$. Im achten und damit letzten Jahr verbringen die Studenten ein Jahr in einer sog. „Unidad de Salud“, die vergleichbar mit einer Allgemeinarztpraxis in Deutschland ist.

Je nach Ergebnis der Abschlussprüfung kann man sich den Ort aussuchen. Vom Ort ist ebenfalls die Bezahlung abhängig, da nicht in allen „Unidades de Salud“ ein Gehalt gezahlt wird. Als nennenswerte Besonderheit ist zu erwähnen, dass die „Internos“ sowie die Assistenzärzte alle drei Tage eine Nachtschicht und den folgenden Vormittag absolvieren müssen. Somit verbringen die Ärzte deutlich mehr Zeit im Krankenhaus als in Deutschland.

Das Leben in El Salvador – und unser Engagement

Blick auf die Cafeteria am Hospital Nacional Zacamil in San Salvador
Blick auf die Cafeteria am Hospital Nacional Zacamil in San Salvador

Nachdem ich meine Famulatur absolviert hatte, konnte ich ein Auto mieten, um in die ländlichen Regionen von El Salvador zu reisen und „Unidades de Salud“ zu besuchen. Wir hatten vorher einen Fragebogen gestaltet, anhand dessen wir uns einen Überblick über die gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Situation verschaffen wollten. Dabei fiel uns auf, dass die Versorgung und Distribution von Medikamenten in den ländlichen Regionen  besonders problematisch ist.

Oft stellen finanzielle Engpässe und eine problematische Distribution der Medikamente aus der Hauptstadt in die Peripherie große Probleme dar. Mithilfe einer Projektgruppe in Gießen (www.UnifiedforHealth.org ) möchten wir uns um eine nachhaltige Unterstützung bei der Distribution von medizinischem Equipment nach El Salvador engagieren.

Darüber hinaus konnten wir mit insgesamt drei „Unidades de Salud“ eine Vereinbarung treffen, sodass zukünftig  Medizinstudenten eine Famulatur in einer ländlichen Region in El Salvador absolvieren können. Über eine Kontaktaufnahme  würden wir uns sehr freuen.

Das Reisen durch die verschiedenen ländlichen Regionen war sehr spannend, da es im Vergleich zum Leben in der Hauptstadt sehr unterschiedlich ist. Sehr viel mehr Menschen leben hier von der Landwirtschaft. Das durchschnittliche Einkommen kann zwischen monatlich 50$ und 200$ liegen. Eine Konsequenz dieser Sachlage wurde recht anschaulich im Museum für Anthropologie in San Salvador gezeigt. Dort zeigt eine Karte, wohin die rund drei Millionen El Salvadorianer emigriert sind.

Fazit und Ausblick

Besuch der Unidad de Salud in Alegria in El Salvador
Besuch der Unidad de Salud in Alegria in El Salvador

Insgesamt empfand ich meine Famulatur in El Salvador als eine absolut bereichernde Erfahrung. Es war sehr spannend, in den Alltag eines Landes einzutauchen, in welchem die alltäglichen Probleme doch immens von denen in Deutschland abweichen. Umstände wie mangelnde Medikamente, medizinisches Equipment und Personal haben mich nachhaltig motiviert, mich in diesen Problemfeldern zu engagieren.

UnifiedforHealth.org bietet die Möglichkeit, einen Global Health Exchange in El Zapote zu absolvieren und dabei die Versorgung in ländlichen Regionen kennenzulernen und zu unterstützen.

Wenn Du ebenfalls Interesse hast, eine Famulatur in San Salvador oder in einer ländlichen Region zu absolvieren, freuen wir uns über eine Nachricht von Dir! ()

L. Herrmann

Berlin, August 2015

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