Famulatur in Südafrika – Family Medicine/Allgemeinmedizin

8. Juli 2015

in Allgemeinchirurgie, Chancen im Ausland, Fachgebiet, Family Medicine, Famulatur im Ausland, Land, Südafrika

Südafrika, Mbombela, Rob Ferreira Hospital (02.-29.03.2015)

Folge der Blutspur… und Du landest in der Rettungsstelle des Rob Ferreira Hospitals. Ein Monat Famulatur in Südafrika auf der Family Medicine – eine Zeit voll neuer Eindrücke, voller Gegensätze, voll wunderschöner aber ebenso vieler trauriger Erfahrungen. Am Ende meines Aufenthalts blicke ich auf eine Zeit zurück, die mich extrem weitergebracht hat. Und mit diesem Wissen bin ich sehr froh darüber, diese Famulatur in Südafrika gemacht zu haben.

Erste Eindrücke von der Klinik

General Outpatient Department des Rob Ferreira Hospitals in Mbombela
General Outpatient Department des Rob Ferreira Hospitals in Mbombela

Schon vor der Tür des General Outpatient Department des Rob Ferreira Hospitals hört man die morgendlichen Gesänge des Pflegepersonals, die ihren eigenen kleinen Gottesdienst abhalten. Ich weiß nicht, wen sie anbeten. Es ist eine Mischung aus christlichen Traditionen und dem Anbeten der Ahnen, wie es hier kulturell verankert ist. Es ist warm und die Menschen grüßen freundlich. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine High School in den USA. Jeder ruft jedem noch ein „How are you?“ auf dem Gang hinter. Ich fühle mich willkommen.

Dr. Ukpe, der Leiter der Family Medicine, empfängt uns. Gleich nach der Ankunft werden wir in ein Auto verfrachtet, um zuerst eine Primary Health Care Klinik in der Nähe aufzusuchen, denn wir sollen einen groben Überblick über die gesamte medizinische Versorgung in Südafrika bekommen. Die Schranken vor der Klinik sind allerdings geschlossen. Wir warten also im Auto, bis der Arzt losgeht, um das Problem herauszufinden. Er verschwindet ein paar Minuten, kommt wieder und hebt dann eigenhändig die Schranke hoch, damit wir durchfahren können. „The security wasn’t paid – so they left. Welcome to South Africa!“ – sagt er laut lachend. Neben dem Eingang steht ein Schild „No guns allowed“.

Davon abgesehen, macht die Klinik einen sehr guten Eindruck. Primary Health Care Kliniken sind die erste Anlaufstelle des staatlichen Sektors, also für Menschen, die nicht privat versichert sind. In Südafrika herrscht eindeutig ein System der Zwei-Klassen-Medizin, das wird sehr deutlich, wenn man sich eine private Klinik, wie die dem Rob Ferreira Hospital benachbarte Medi-Clinic, im Vergleich anschaut. Primary Health Care Kliniken werden ausschließlich von Pflegepersonal geführt, nur einmal die Woche kommt ein Arzt/eine Ärztin. Dennoch handelt es sich in unserem Fall offensichtlich um eine Vorzeigeklinik, denn sie ist sehr sauber, das Personal wirkt kompetent und scheint über alle notwendigen Materialien zu verfügen.

Ankunft und unterwegs in Südafrika

Ausflug in den Krüger National Park in Südafrika
Ausflug in den Krüger National Park in Südafrika

Ich bin zu diesem Zeitpunkt schon seit ein paar Tagen im Nordosten Südafrikas, den wunderschönen Blyde River Canyon und „God’s Window“ bereits bestaunt, und habe bereits viele bleibende Eindrücke gesammelt. Die Famulatur mache ich – und dies empfehle ich ausdrücklich weiter, nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen – gemeinsam mit meinem Kommilitonen Benedikt.

Von unserem Ankunftsort Johannesburg aus fuhren wir mit einem Mietwagen zuerst nach Pretoria, um uns dort, wie es Pflicht ist, an der Universität einzuschreiben. Man klärte uns dort über einige eventuell auftretende Risiken während der Famulatur auf und versorgte uns mit den nötigen Kontaktdaten für Notfälle. Auch zu einem Starter-Pack HIV-Medikation wurde uns geraten, später hörten wir allerdings, diese seien nicht notwendig, da man im Falle einer Nadelstichverletzung vor Ort beraten, untersucht und behandelt werde.

Da unser Budget knapp bemessen war, hatten wir den Wagen nur für eine Woche gemietet und fuhren deshalb von Pretoria aus zuerst in den Krüger-Nationalpark, Südafrikas größtes Wildtierschutzgebiet, zu einem wundervollen Rendezvous mit der heimischen Tierwelt. Unser Ziel war es in erster Linie, uns Zeit zu lassen und tiefgehende, dauerhafte Eindrücke zu gewinnen, und wir wurden sehr belohnt. Nashörner, Wasserbüffel und „Hippos“, deren Gefährlichkeit selbst über 100 Jahre nach Karl Mays entsprechender Warnung noch immer unterschätzt wird,  viele schöne Vögel, Affen, Leoparden und eine kleine Elefantenherde begegneten uns auf unserer Safari, dazu natürlich die schöne Pflanzenwelt. Zwar sahen wir keine Löwen, dafür aber etwas sehr seltenes: nur wenige Meter vor uns überquerte ein Gepard die Straße und plötzlich erschienen dahinter zwei Jungtiere.

Wir blieben zwei Tage im Krüger-Nationalpark und lernten während einer längeren Pause eine besondere kulturelle Eigenheit Südafrikas kennen: Südafrika ist ein Land des Grillens. Überall sind Grills installiert, zu denen man nur seine Lebensmittel mitbringen muss. Während wir uns von den Strapazen der langen Autofahrten ausruhten, kamen zwei nette Leute zu uns, die ebenfalls Pause machen wollten und ließen uns teilhaben. Leider können die Menschen dort wenig mit Gemüse und Salat anfangen. Aber so kamen wir jedenfalls in den Genuss unseres ersten Barbecues in der Savanne Südafrikas, das nicht unser letztes bleiben sollte, denn zwei Wochen später wird uns ein sehr netter Arzt aus dem Rob Ferreira Hospital gemeinsam mit ein paar Freunden nochmals in den Krüger-Nationalpark mitnehmen – wobei wir dann lernen werden, dass eine Übernachtung auf einem der geschützten Zeltplätze durch die noch intensivere Begegnung mit der Natur viel schöner ist als in einem Bungalow.

Erste Unterkunft in Mbombela und Freizeit

In Mbombela, früherer Name „Nelspruit“, der Hauptstadt der Provinz Mpumalanga, wohnen wir bei Mrs Shabangou, bei der wir ein Zimmer in einem Appartement gemietet haben. Dort leben wir gemeinsam mit Jill, Johanna und Joy, Medizinstudentinnen von der University of Pretoria, mit denen wir uns anfreunden und gemeinsam viele Unternehmungen machen. Wir besichtigen die sehenswerten „Sudwala Caves“ (Tropfsteinhöhlen) und fahren anlässlich Benedikts Geburtstag zum Wildwasser-Tubing (Rafting) in die Nähe von „Sabie“. In einer Art Gummireifen die Wasserfälle hinunterzurasen, ist ein besonderes Erlebnis, das glücklicherweise nur in der Erinnerung bleibende Spuren hinterlässt.

Nach dem Ende der Famulatur machen wir zu fünft noch ein paar Tage Urlaub in Mosambik. Im Gegensatz zur Industrienation Südafrika gilt Mosambik als Entwicklungsland und entsprechend schwierig stellt sich die Reise dar. Wir haben zuerst Probleme bei der Einreise und später gelingt es unserer Fahrerin Jill bei einer Polizeikontrolle auf der Straße nur mit Mühe, ihren Führerschein ohne Schmiergeldzahlung zu behalten. Schließlich erreichen wir aber die Küste, von der wir nach „Inhaca Island“ übersetzen – der traumhafte Strand entschädigt für Vieles.

Johanna und Joy sind Namibianerinnen und wir lernen, dass die deutsche Sprache im früheren „Deutsch-Südwestafrika“, das in seiner leidvollen Geschichte erst 1990 faktisch von Südafrika unabhängig wurde, noch immer eine Rolle spielt. Ich freue mich darauf, die beiden in Namibia zu besuchen, habe aber auch einmal mehr ein schlechtes Gewissen aufgrund der deutschen Geschichte.

Willkommen am Rob Ferreira Hospital – und in der Realität!

Das Rob Ferreira Hospital in Mbombela
Das Rob Ferreira Hospital in Mbombela

Als unsere Willkommensführung zur Rettungsstelle des „Robs“ führt, lerne ich die andere, für meinen Aufenthalt entscheidende Seite Südafrikas kennen. Ich bin durch Empfehlungen anderer Medizinstudenten auf gerade dieses Krankenhaus gekommen und fühle mich daher in gewisser Hinsicht auf die Probleme des staatlichen Medizinsektors in Südafrika vorbereitet. Doch was mir tatsächlich begegnet, wird weit über alles hinausgehen, was ich darüber im Vorfeld gehört habe.

Das wichtigste Anliegen meiner vorliegenden Ausführungen ist es deshalb, ein Bewusstsein für die Zustände im staatlichen Medizinsektor zu schaffen, denn zum einen bin ich sicher, dass etliche Medizinstudierende über eine Auslandsfamulatur in Südafrika nachdenken und wissen möchten, was sie erwartet. Zum anderen gelangt der bzw. die eine oder andere von uns vielleicht später einmal in eine Entscheidungsposition und ich halte es für unheimlich wichtig, dann Verständnis für derartige Situationen und Probleme, die es ja in so vielen Ländern gibt, zu haben.

Südafrika ist ein Land, in dem man einen sehr guten Einblick in die gesamtgesellschaftliche, soziale und psychologische Bedeutung von Erkrankungen wie HIV und Tuberkulose bekommt. Ich halte es für wichtig, derartige Erkrankungen zu sehen und von Leuten darüber zu lernen, die jeden Tag damit zu tun haben, und bin überzeugt, dass man auch für eine berufliche Zukunft in einem europäischen Land davon fachlich profitieren kann. Viele Famuli aus Deutschland mögen diesen Monat als spannende und lehrreiche Erfahrung verbuchen, aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Zustände für die dort lebenden Menschen die bittere Realität ist und nie aufhört.

Keineswegs metaphorisch ist die Blutspur, der wir zur Rettungsstelle folgen. Während die Intensivstation einen sehr guten Eindruck macht, sauber ist und über moderne Geräte verfügt, ist die Rettungsstelle schmutzig, unorganisiert und überfüllt. Ein Wirrwarr aus verschiedenen Sprachen – Zulu, Afrikaans, Swasi, Sutu und Englisch –  erfüllt die Luft, doch es dauert nicht lange, bis ich erfahren muss, dass Kommunikation zwischen Behandelnden und PatientInnen kaum eine Rolle spielt. Ein Mensch liegt unbeachtet auf dem Fußboden, die Chefin beschimpft ihr Personal, PatientInnen, deren Leiden die Aufnahme auf der Rettungsstelle offenbar nicht rechtfertigen, werden unhöflich weggeschickt.

Es ist unklar, ob die aufgenommenen PatientInnen schon gesehen wurden oder nicht und eine Blutgasmaschine gibt es nicht – ich werde in den kommenden Wochen viele Male mit einer blutgefüllten Spritze auf die Intensivstation rennen, um die Blutgase dort analysieren zu lassen. Ich höre von der angeblichen Existenz einer neuen Rettungsstelle, die über eine BGA-Maschine verfügen soll, in die man aber aus ominösen Gründen noch nicht gezogen ist. Auf der tatsächlichen Rettungsstation ist die Organisation der Materialien so schlecht, dass notwendige Dinge oft nicht oder erst sehr spät gefunden werden können.

Noch verheerender stellt sich die Chirurgie da. Dort findet quasi keine Hygienebeachtung statt, nosokomiale Infektionen dürften hier eher Regel als Ausnahme sein. Die Ärztinnen laufen in Kleidern, Röcken, mit Schmuck und Sandalen herum und bei den Ärzten variiert es, Privatkleidung ist allerdings meistens angesagt. Nur das Pflegepersonal ist professionell gekleidet. Zusätzlich laufen Popcorn-VerkäuferInnen in der Klinik umher – kein Scherz.

Über der Chirurgie liegt ein wüster Gestank, die PatientInnen, die zu acht in einem Zimmer liegen, finden mitunter keine Beachtung. Einmal sehe ich hier einen verwirrten, kachektischen psychiatrischen Patienten, der sich die Infusionsnadel herausgezogen hat, in seinem eigenen Urin auf einer Matratze auf dem Boden liegen, ohne dass sich jemand dafür interessiert. Ohnehin scheint das Personal seine Schwierigkeiten mit psychiatrischen PatientInnen zu haben, wie ich noch in ein paar anderen Situationen feststellen muss, in denen das Personal keine Anstalten macht, in einer offensichtlich unangenehmen Situation Hilfe zu leisten.

Auch im OP ist der Zustand chaotisch: Der Plan ist unorganisiert, zwischen zwei Operationen liegen manchmal 45 Minuten oder mehr, Abmachungen werden kurzfristig geändert und häufig fällt der Fahrstuhl aus, so dass häufig PatientInnen gar nicht auf die Chirurgie gebracht werden können. Man kann sich vorstellen, was das im Notfall bedeutet. Da bringt auch das oben wartende OP-Team für den Patienten gar nichts mehr.

Ohnehin ist der Fahrstuhl eine ganz eigene Geschichte: an der Tür hängt ein handgeschriebenes Schild: „Ebola Isolation“. Beängstigend. Niemand kommentiert das während unserer Tour oder unseres Aufenthalts weiter.

Schnell wird mir klar, dass ein wesentlicher Grund für die Zustände der enorme Frustrationsgrad ist, den die Arbeit in einem staatlichen Krankenhaus mit sich bringt. Es fehlen Geld- und Sachmittel, und da in Südafrika ein Ärztemangel herrscht, zieht das Fehlverhalten Einzelner kaum Konsequenzen nach sich. Außerdem sind insbesondere die HIV-vergesellschafteten Krankheiten nicht in den Griff zu kriegen, weil viele PatientInnen aufgrund ihrer Armut den Weg zur Apotheke nicht auf sich nehmen können und HIV außerdem ein immenses psychosoziales Tabuthema darstellt, dass es insbesondere Frauen unmöglich macht, sich offen mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Zwar gibt es eine große Kampagne gegen HIV, überall liegen Kondome aus und die Menschen werden von den ÄrztInnen in der HIV-Sprechstunde aufgeklärt – aber als ich mitbekomme, dass ein Mann nach intensivster Belehrung sagt, er werde trotzdem weiterhin ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Frauen haben, beginne ich, die Verzweiflung der Ärztin zu verstehen und fange an, mich zu fragen, was in der Welt hier helfen kann, wenn sogar sorgfältige Aufklärung so wenig fruchtet.

Womöglich muss sich erst die Kirche durchringen, Kondome als Lebensrettung zu verstehen statt als Tötungsinstrumente? Womöglich müssten sich uralte Stammesriten der industriellen Realität öffnen?

In der Gegenwart ist die Vergeblichkeit der ärztlichen Bemühungen furchtbarer Alltag, sehr viele Patienten leiden an Tuberkulose und es kommt dem Krankenhaus-Personal auf den einzelnen nicht mehr an. Es sterben zu viele.

Die Situation der Ärztinnen und Ärzte in Südafrika

Die genannten Probleme führen dazu, dass ich verschiedene Kategorien von ÄrztInnen erkenne, die sich durch den jeweiligen Umgang mit den Strapazen charakterisieren lassen. Generell kann man sagen, dass ein Wechsel in den privaten Sektor eine hohe Attraktivität besitzt. Einige Oberärzte bleiben aber im staatlichen Sektor, in der Absicht, ihr Geld mit geringem Aufwand verdienen. Man braucht sie und kann sie deshalb kaum darin einschränken, ihre Arbeitszeiten flexibel zu gestalten, mitunter gar nicht zur Arbeit zu erscheinen und standardisierte Floskeln in die PatientInnen-Akten zu schreiben.

Eine zweite Kategorie umfasst junge MedizinerInnen, die mit wenig praktischem Vorwissen in das kalte Wasser des Klinikalltags geworfen werden, während ihres dreijährigen Community Services nach Abschluss ihres Medizinstudiums sehr viel arbeiten und anschließend in den privaten Sektor wechseln, verzweifeln oder sich wenigstens eine andere Klinik suchen.

Eine dritte Kategorie besteht aus sehr empathischen und engagierten ÄrztInnen, die viel mit nach Hause nehmen und darunter leiden. Ich lerne eine Ärztin kennen, die sich viele Gedanken, auch über psychosoziale Probleme, macht, aber sehr frustriert ist und bereits eine Depression hatte. Inzwischen versucht sie, sich den Klinikalltag irgendwie erträglich zu machen.

Die vierte Kategorie macht ihre Arbeit ordentlich aber nicht besonders engagiert, erklären ein bisschen und machen sich immerhin die Mühe, ihre PatientInnen genau anzuschauen.

Grundsätzlich lässt sich ein normaler Schichtdienst in der Rettungsstelle kaum realisieren, es kommt häufig vor, dass dort tagsüber viel zu viele ÄrztInnen sind und dafür nachts Unterbesetzung herrscht.

Meine Famulatur

Eine tote Black Mamba aus der Rettungsstelle
Eine tote Black Mamba aus der Rettungsstelle

Trotz allem Beschriebenen wird uns im Laufe der Famulatur immer wieder Nützliches erklärt und wir können auch nachfragen, wenn uns etwas unklar ist. Das wichtigste Stichwort für die Famulatur ist Selbstschutz! Trage Handschuhe, auch wenn es belächelt wird, nimm eine Maske, auch wenn Du nicht sicher bist, ob die Patientin/der Patient Tuberkulose hat, und zieh die Finger im OP weg, wenn die Säge zu nah kommt!

Ich möchte ausdrücklich zu einer Famulatur in Südafrika ermutigen, denn die mitunter extremen Erfahrungen bieten in jedem Fall die Möglichkeit, viel zu lernen. Auch, wie Dinge nicht laufen sollen. Man wird auch vielen netten Menschen begegnen und eine Ärztin hat mich explizit darum gebeten, Medizinstudierende aufzufordern, nach Südafrika zu kommen. Wir sind dort erwünscht und man profitiert auch von uns. Aufgrund des Ärztemangels sind helfende Hände und interessierte Gesichter nicht nur willkommen, sondern auch benötigt. Und vielleicht ist ja der eine oder andere so begeistert von Land und Leuten, dass sie/er als Ärztin/Arzt zurück kommt und dem Land so eine Arbeitskraft schenkt.

Zur Family Medicine gehört neben der Rettungsstelle das Outpatient Department (General OPD), also die Ambulanz mit HIV-Clinic und TB-Clinic, die Sprechstunden für PatientInnen mit speziell diesen Erkrankungen anbieten. In der TB-Sprechstunde sieht man das größte Elend, das man sich vorstellen kann. Schwache Patienten, die Blut husten. Wenig Kommunikation findet statt und für viele PatientInnen gibt es auch keine Hoffnung mehr. Die meisten sind HIV-positiv.

Meine Tätigkeiten in der Rettungsstelle bestehen hauptsächlich daraus, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ich darf bei Lumbalpunktionen zusehen, lehne es aber ab, eigenständig eine durchzuführen, weil ich finde, dass es zu früh kommt. Wer schon erfahrener und fortgeschrittener im Studium ist, kann hier die Durchführung von LPs lernen. Ich denke, es ist am besten, wenn man vorher im Rahmen des Studiums an einem Modell geübt hat.

In der Rettungsstelle sieht man vor allem folgendes: Fehlgeburten, vor allem auch vermutlich selbst herbei geführte, Schlangenbisse, Selbstmordversuche, leider kommt es wohl nicht so selten vor, dass auch Kinder sich zum Beispiel mit Insektengift das Leben nehmen, „dead on arrival“, Taxiunfälle, Stichverletzungen, Knochenbrüche, Kinder mit Malaria und TB-Patienten zum Beispiel mit Pleura Erguss. Für eine junge Frau, die von einer Black Mamba gebissen wurde, die der Rettungsdienst zur Identifizierung gleich mitbringt, kommt die Hilfe zu spät.

Ein paar Tage lang arbeite ich auch auf der Chirurgie. Dort assistiere ich während einiger OPs, zum Beispiel bei einem Kiefer-Tumor, bei einer Amputation und bei Kaiserschnitten. Die Operateure sind freundlich, erklären gerne und freuen sich über die Hilfe. Anders als viele es mir vorher gesagt haben, komme ich nie in eine Situation, in der ich Dinge tun soll, die meine Kompetenzen überschreiten. Ich werde immer nach meinem Wissensstand gefragt und tue nur, was ich mir zutraue.

Einmal schaue ich mir die Geburtsstation an und bin tief betroffen. Ich bin schockiert darüber, dass weit und breit keine Männer zu sehen sind, auch sonst keine Familienangehörigen, und die Frauen bis kurz vor der Entbindung alles allein durchstehen müssen. Dann kommt meist schnell eine Schwester und nimmt das Kind sofort weg. Niemand gratuliert. Als ich davon PJlern aus Pretoria erzähle, erwidern diese nur, dass ich froh sein könne, nicht gesehen zu haben, dass die Schwestern die gebärenden Frauen schlugen. Angeblich kommt das nicht selten vor.

Sicherheitsaspekte!

Hinweisschild am Rob Ferreira Hospital in Südafrika
Hinweisschild am Rob Ferreira Hospital in Südafrika

Bald nach Beginn meiner Famulatur stellt sich die Sicherheitsfrage in einem ernsteren Sinn als Dr. Ukpe‘s anfängliches Lachen vermuten lässt. Wir hatten geplant, die Strecke von unserem Appartement zum Rob Ferreira Hospital täglich zu Fuß zu gehen, je länger wir dies jedoch unternehmen, desto mehr und lauter werden die Stimmen, die uns dringend davon abraten. „Ihr werdet ausgeraubt“, ist noch das Harmloseste. So mutig ich zu Anfang bin, wundere ich mich nach ein paar Tagen nur noch über unseren Leichtsinn und bin sehr glücklich, dass unsere neuen FreundInnen und KollegInnen immer wieder bereit sind, uns mit dem Auto mitzunehmen oder abzuholen.

Man braucht in Südafrika unbedingt ein Auto für längere Wege und grundsätzlich sollte man niemals allein, Frauen nicht ohne männliche Begleitung, und nicht nach Einbruch der Dämmerung auf die Straße gehen. Auch tagsüber würde ich niemandem empfehlen, allein, auch wenn es nicht die übelste Nachbarschaft ist, joggen zu gehen.

Eindrücke von Südafrika und seiner Geschichte

Die unendliche Weite Südafrikas - hier in der Umgebung von Graskop
Die unendliche Weite Südafrikas – hier in der Umgebung von Graskop

Wir haben das große Glück, dass uns eine Ärztin eine neue Unterkunft bei Rainer und Ingla vermittelt, einem absurderweise deutschstämmigen, sehr netten Ehepaar, bei dem sie selbst bis vor kurzem gewohnt hatte. Diese Unterkunft ist sehr nahe am Rob Ferreira Hospital und wir sind eine große Sorge los.

An unserem dritten Wochenende in Südafrika nehmen uns die beiden mit nach Swaziland, das einen sehr touristischen Eindruck vermittelt, aber dennoch einen tollen Einblick in die Kultur der „Swazis“ gibt. Wir kaufen traditionelle Waren, machen eine Tour durch ein Dorf, das allerdings nur am Wochenende bewohnt ist und dadurch seine Authentizität ein wenig verliert, und schauen einen beeindruckenden Tanz mit hochkomplexen und sehr melodischen Gesängen und tollen Bewegungen an. Ich habe eine Ahnung wie tiefgreifend und furchtbar die gewaltsamen Änderungen in der Geschichte dieses Kontinents für die Ureinwohner gewesen sein müssen und wohl auch immer noch sind.

Das Erbe der Apartheid lastet noch immer auf Südafrika. Die sozialen und ökonomischen Folgen sind spürbar. Benedikt und ich besuchen gemeinsam das Apartheid-Museum in Johannesburg, in dem man am Eingang nach Zufallsprinzip in „weiß“ oder „schwarz“ unterteilt und entsprechend empfangen wird. Wir sollen verstehen, was Leben im Zustand der Apartheid bedeutet, wie unterschiedlich die Behandlung des Einzelnen war und wie wenig sich dieser Einzelne seine Zugehörigkeit aussuchen konnte. Diese furchtbar traurige Geschichte fordert ein besseres Handeln jetzt und in Zukunft ein. Es ist einer der am meisten beeindruckenden Augenblicke, nicht nur meines Südafrika-Aufenthalts, aus nächster Nähe zu erfahren, was ein Mann wie Nelson Mandela für Südafrika bewirkt hat, der wie Dreck behandelt wurde, aber Liebe predigte und allen verzieh, zum Wohl einer besseren gemeinsamen Zukunft.

Persönliche Tipps für Südafrika-Interessierte

  • Vorbereitungen

Berichte von VorgängerInnen zu lesen und sich im Reiseführer ein wenig über das Land und seine Geschichte kundig zu machen, ist ratsam. Ansonsten würde ich englischsprachige Fachliteratur empfehlen, es reicht aber, diese vor Ort zu lesen und das Wissen den konkreten Gegebenheiten anzupassen.

Literaturempfehlung: USMLE

Zum Visum: (Anm.d.Red.: Um wirklich auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

  • Bewerbung

Ansprechpartner: Dr. Ukpe (head of family medicine)

Ich habe im März famuliert und mich im Jahr zuvor im Juli bei Herrn Dr. Ukpe beworben. Ein Lebenslauf und ein kurzes, nettes Motivationsschreiben sollten ausreichen. Herr Ukpe verweist einen dann an die University of Pretoria, die ebenfalls kontaktiert werden muss.

  • Zeitliche Belastung/ Arbeitszeiten

Unser Tag begann stets um 07:30 Uhr. Dienstende war meist gegen 16:00 Uhr. Die KollegInnen sind allerdings sehr flexibel. Wer Nachtdienste miterleben möchte, kann dies einfach absprechen.

  • Menschen

Die Menschen, denen ich begegnet bin, waren größtenteils sehr freundlich und herzlich. Wenn ich noch einmal meinen ersten Tag hätte, wüsste ich vorher Hallo, Tschüss und Danke auf Zulu und Afrikaans zu sagen. Die Menschen freuen sich über solche Kleinigkeiten, weil es zeigt, dass man sich für sie interessiert.

  • Unterkunft

Eine Unterkunft wird über die University of Pretoria vermittelt. Ansprechpartnerin ist Hestelle Malherbe. Unsere Vermieterin in West Acres hieß Gaby Shabangou. Vom Bungalow zur Klinik muss man mit dem Auto fahren (15 Minuten), zu Fuß ist es viel zu gefährlich.

  • Finanzielles

Südafrika ist kein günstiges Land. Der Lebensunterhalt kostet vielleicht etwas weniger als in Deutschland. Wer allerdings noch ein bisschen vom Land sehen möchte, Eintritte und Benzin bezahlen muss, der braucht etwas Geld auf der hohen Kante. Ich hatte glücklicherweise ein Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de erhalten, dank dem das Bezahlen der Malaria-Prophylaxe Malarone, wichtig, wenn man den Krüger besucht, und der notwendigen Impfungen kein Problem mehr war.

  • Sicherheit

Wir hatten die meiste Zeit kein Auto, lediglich die ersten Tage. Ich kann dies allerdings niemandem empfehlen! Allein aus Sicherheitsgründen braucht man in Südafrika ein Auto. Wir waren sehr abhängig von unseren neuen Kontakten. „Nelspruit“ bzw. Mbombela ist nicht für Fußgänger auslegt. Es ist sehr gefährlich und jeder rät davon ab, selbst kurze Wege zu Fuß zu unternehmen.

  • Schutzimpfungen

Standard-Schutzimpfungen +  Influenza, Hepatitis A+B

Malaria-Prophylaxe ist notwendig, wenn man den Krüger-Nationalpark besucht oder nach Mosambik einreist. Achtung: In diesem Fall bereits in Deutschland um das Visum kümmern! Ansonsten sagt man, Mbombela sei Malaria frei. Es liegt trotzdem im eigenen Ermessen, ob man sich mit Malarone oder Lariam sicherer fühlt. Ich selbst habe die Prophylaxe in fünf von meinen sechs Wochen genommen.

  • Auslandskrankenversicherung

Man sollte unbedingt eine entsprechende Auslandsreisekrankenversicherung abschließen.

Mein Blick zurück

Am Ende meines Aufenthalts blicke ich auf eine Zeit zurück, die mich extrem weitergebracht hat.

Unbedingt wollte ich eine Famulatur im Ausland machen, weil andere Sprachen und Kulturen  immer im Mittelpunkt meines Interesses standen und sich dies auf diese Art wunderbar mit unserem Medizinstudium verbinden lässt. Außerdem hielt ich es für unabdinglich, etwas medizinisches Fachenglisch zu lernen und auch einmal ein anderes Gesundheitssystem kennen zu lernen.

Doch ich nehme aus Südafrika noch so viel mehr mit. Der Einblick in die Gesellschaft Südafrikas hat die Sicht auf meine eigene sehr weitergebracht. Vieles, von dem ich, wenn überhaupt, nur eine vage Vorstellung hatte, konnte oder musste ich hier in der Realität sehen, und nie zuvor war mir die Notwendigkeit von Solidarität, Zusammenarbeit und Menschlichkeit so deutlich. Niemand hat verdient, so zu sterben, wie es in der Rettungsstelle des Rob Ferreira Hospital – und in viel zu vielen anderen Krankenhäusern dieser Welt – an der Tagesordnung ist.

Und niemand hat es verdient, in einem Land zu leben, in dem ein 45-minütiger Fußweg zum Arbeitsplatz ein lebensgefährliches Unternehmen sein kann. Keine Mutter der Welt darf bei der Geburt ihres Kindes geschlagen werden und keine Erkrankung sollte ein Tabuthema sein, durch das Menschen Ausgrenzung statt Hilfe finden. Und der erste kleine Schritt für mich persönlich ist, nicht wegzusehen, sondern sich der Realität zu stellen und auch die eigene Rolle als zukünftige Ärztin immer wieder zu reflektieren. Und mit diesem Wissen bin ich sehr froh darüber, diese Famulatur in Südafrika gemacht zu haben.

Lara Marleen Pohlan

Berlin, April 2015

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2014-2015

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

Ähnliche Artikel:

  • Famulatur in Südafrika – Family Medicine, Chirurgie und Innere MedizinFamulatur in Südafrika – Family Medicine, Chirurgie und Innere Medizin Südafrika, Nelspruit, Rob Ferreira Hospital (11.02.-09.03.2014) Unsere Famulatur führte uns nach Südafrika. Wir hatten uns für ein Krankenhaus entschieden, das kein akademisches […]
  • Famulatur in Südafrika – KinderchirurgieFamulatur in Südafrika – Kinderchirurgie Südafrika, Kapstadt, Red Cross War Memorial Children’s Hospital (11.08.-11.09.2016) Das Ziel: Die Kinderchirurgie am „Red Cross War Memorial Children’s Hospital“ in Kapstadt. Wie bereits […]
  • Famulatur in Südafrika – Plastische ChirurgieFamulatur in Südafrika – Plastische Chirurgie Südafrika, Kapstadt, Tygerberg Academic Hospital (11.01.-04.03.2016) Um die Spannung direkt vorwegzunehmen: das Leben und meine Famulatur in Kapstadt waren eine der besten Erfahrungen […]
  • PJ in Südafrika – Innere MedizinPJ in Südafrika – Innere Medizin Südafrika, Kapstadt, Tygerberg Academic Hospital (07.09.-31.10.2015) Mein halbes PJ-Tertial in Kapstadt war eine super als auch lehrreiche Erfahrung. Die Lehre im Tygerberg Academic […]
  • Famulatur in Südafrika – ChirurgieFamulatur in Südafrika – Chirurgie Südafrika, Kapstadt, Groote Schuur Hospital (03.03.-04.04.2014) Famulatur am Groote Schuur Hospital der University of Cape Town in Südafrika – und dies in der Chirurgie! Eine der besten […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *