Famulatur in den USA – Kardiologie

25. Juli 2015

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Kardiologie, Land, USA

USA, Hobart (Chicago), St. Mary Medical Center (01.09.-01.10.2014)

Auch wenn die Vorbereitung sicher einige Zeit und Mühe in Anspruch nimmt, ist eine Famulatur in Chicago meiner Meinung nach auf ganzer Linie zu empfehlen, denn man wird nicht nur belohnt mit einem Einblick in einen ganz anderen klinischen Alltag als in Deutschland, sondern auch mit einer wunderbaren Zeit in einer der schönsten Städte der USA.

Die Bewerbung

Ich hatte mich ungefähr ein Jahr im Voraus mit meiner Freundin entschieden, eine Famulatur in den USA zu machen. Wir haben uns in verschiedenen Krankenhäusern in Chicago beworben. Ein bisschen Glück ist natürlich dabei, aber mit viel Geduld und Hartnäckigkeit bekamen wir schließlich einen Platz in der Kardiologie des St. Mary Medical Center in Hobart in der Nähe von Chicago. Dieses Haus ist kein akademisches Lehrkrankenhaus. Bei der Bewerbung in den USA gilt: Dranbleiben und nicht verzweifeln, wenn’s beim ersten Mal nicht klappt!

Für die Bewerbung genügte ein kurzes Bewerbungsschreiben mit den entsprechenden Zeiträumen, ein Lebenslauf und ein Nachweis über Englischkenntnisse. Tipp: In den USA ist es generell unüblich, ein Bewerbungsfoto beizulegen, da die Bewerber nicht nach Aussehen beurteilt werden sollen. Prinzipiell werden in den USA „last year medical students“ bevorzugt, also sollte man bei Antritt der Famulatur möglichst das achte Semester abgeschlossen haben.

Die Vorbereitungen

Blick auf Chicago
Blick auf Chicago

Zu unserem Glück stand uns die für Studenten verantwortliche Sekretärin in allen Belangen der Vorbereitung zur Seite, sodass wir bei Fragen jederzeit anrufen konnten. Da es nur ein Studentenzimmer an der Klinik gab und dies leider schon ausgebucht war, erhielten wir von ihr für die Unterkunft mehrere Tipps. Letztendlich buchten wir für einen Monat das „Extended Stay America“, ein kleines Hotel mit vergünstigten Raten für längere Aufenthalte, im Nachbarort Merrilville. Von hier waren es nur ungefähr 10 Minuten zum Krankenhaus. Falls man etwas mehr Geldreserven zur Verfügung hat, lohnt es sich auch, direkt in Chicago zu wohnen und von da zu fahren, da man dadurch abends wesentlich mehr Möglichkeiten hat.

Es wurde uns im Voraus nahegelegt, ein Auto zu mieten. Dies hat sich auch im Nachhinein bestätigt, denn das öffentliche Verkehrsnetz ist im Umland von Chicago eher schlecht bis gar nicht vorhanden, sodass ich jedem nur raten kann, sich ein Auto zu mieten. Auf die Empfehlung eines Freundes hin haben wir uns bei „Relayrides.com“ ein Auto geliehen. Hier werden Autos von privaten Besitzern angeboten, die ihre Autos für den Zeitraum nicht benötigen. Waren wir anfangs noch etwas skeptisch, entpuppte sich dies als vollkommen komplikationslose Alternative zur konventionellen Autovermietung. Für den Monat haben wir für das Auto knapp 900 Dollar bezahlt, also ein Bruchteil dessen, was bei anderen Autovermietungen verlangt wird.

Um die Visumsbeantragung sollte man sich rechtzeitig kümmern, da die Bewerbung eine persönliche Vorstellung im Konsulat mit einschließt und daher einige Zeit in Anspruch nehmen kann, sie verläuft aber im Regelfall problemlos.

Das St. Mary Medical Center

Im St. Mary Medical Center
Im St. Mary Medical Center

Im St. Mary Medical Center wurden wir wärmstens empfangen und bekamen zunächst eine Führung über die verschiedenen Stationen und Einrichtungen. Das Krankenhaus hatte eine Kantine, in der für alle Mitarbeiter ab 11:30 Uhr Mittagessen und ab 17:30 Uhr Abendessen serviert wurde. Auch wir bekamen für das Essen in der Kantine Essensmarken für den gesamten Zeitraum unseres Aufenthaltes ausgestellt, sodass wir immer mittags und abends umsonst warm essen konnten.

Die Klinik hat eine eigene Bibliothek, in der man studieren oder Sachen nachschlagen konnte, und eine sogenannte „Doctor‘s lounge“, in der es umsonst Getränke, Snacks, und mittags auch warme Speisen gab. Die „Doctor’s  lounge“ ist für Ärzte aller Fachrichtungen ein Ort, an dem man sich besprechen, schnell zwischendurch einen Kaffee trinken kann, um wieder wach zu werden, oder einfach mal auf der Ledercouch vor dem Fernseher entspannen kann. Hier verbrachten wir oft unsere Pausen, falls es mal nichts zu tun gab.

Die klinische Tätigkeit

Im Katheterlabor am St. Mary Medical Center
Im Katheterlabor am St. Mary Medical Center

Am ersten Tag im St. Mary Medical Center wurden wir dem für uns zuständigen Arzt vorgestellt. Insgesamt waren wir auf der Kardiologie des Krankenhauses fünf Medizinstudenten. Zusätzlich zu uns gab es zwei Studenten aus Kanada und einen aus Michigan, alle im letzten Jahr ihres Medizinstudiums auf Aruba in der Karibik.

Von Anfang an war das Verhältnis zu unserem Arzt sehr familiär. Er lud uns gleich am ersten Tag zum Essen ein und im Laufe der Famulatur waren wir mehrmals bei ihm zu Hause zu Gast, lernten seine Familie kennen und durften ihn sogar zu einer Gala der „Indian Medical Association of Northwest Indiana“ begleiten, bei der er zu der Zeit der amtierende Präsident war. Es war eine einmalige Erfahrung, dass ein Arzt sich so selbstverständlich und mit so viel Leidenschaft darum bemühte, seinen Studenten etwas beizubringen und sie auch auf persönlicher Ebene näher kennen zu lernen, was man in Deutschland nur sehr selten erlebt. Über den gesamten Zeitraum unseres Aufenthaltes versuchte er, uns Krankheitsbilder, Sachverhalte und Therapien möglichst verständlich zu erklären und ermutigte uns, möglichst viele Fragen zu stellen, sodass wir sowohl auf fachlicher, als auch auf menschlicher Ebene sehr viel von ihm lernen konnten.

Unsere Aufgabe im Krankenhaus bestand hauptsächlich darin, Patienten aufzunehmen, während ihres Krankenhausaufenthaltes zu begleiten und selbstständig Therapiekonzepte zu entwerfen, die wir dann gemeinsam besprachen. Wir waren bei vielen Konsil-Besuchen auch in anderen Krankenhäusern dabei, waren einige Tage im Katheterlabor, lernten EKGs lesen und Echokardiografien zu interpretieren. Als Studenten durften wir zwar nicht invasiv tätig werden, lernten dafür aber umso mehr über die Pathophysiologie der entsprechenden Krankheitsbilder, medikamentöse Behandlung und Therapieschemata. Jeden Donnerstag gab es für die Medizinstudenten und Ärzte des Krankenhauses nachmittags eine Fortbildung, in der wichtige neue Therapiekonzepte und Innovationen vorgestellt wurden.

Chicago und Umland

Baseball - das Wrigley Field der Chicago Cubs
Baseball – das Wrigley Field der Chicago Cubs

Natürlich hatten wir am Wochenende und nachmittags Zeit, in die Chicagoer Innenstadt zu fahren. Günstig ist es, das Auto an einem der vielen Park-and-Rides der Vororte abzustellen und dann mit der Bahn in die Innenstadt zu fahren, da hier das Fahren mit dem Auto doch sehr ungewohnt und nervenaufreibend sein kann, ganz zu schweigen davon, dass man für einen Parkplatz – sofern man denn einen findet – mindestens zwanzig Dollar bezahlen muss.

Chicago hat an Freizeitaktivitäten und Kulturprogramm eine solche Fülle zu bieten, dass einem selbst nach einem Monat nicht langweilig wird. Ganz besonders zu empfehlen ist ein Spaziergang am Lake Michigan, an dessen unzähligen Parks sich an sonnigen Tagen die Menschen tummeln, um Sport zu treiben, Kaffee zu trinken oder einfach nur in der Sonne zu liegen. Besonders der Millennium Park mit der berühmten Skulptur „The bean“ ist ein Muss für jeden, der Chicago besucht. Ob beim Bummeln über die „Magnificent Mile“, den „Navy Pier“ oder bei einer Bootsfahrt auf dem Lake Michigan, in Chicago gibt es immer etwas Neues zu entdecken.

Hier ein Tipp: In ganz Chicago gibt es zahlreiche Fahrrad-Stationen, an denen man sogenannte „Blue Bikes“ ausleihen kann, die man dann an jeder beliebigen Station wieder abgeben kann. Einen Besuch beim Baseball der Chicago Cubs sollte man sich ebenfalls nicht entgehen lassen. Tickets gibt es schon ab 10 Dollar. Für ein Footballspiel bei den Chicago Bears muss man dann schon deutlich mehr hinblättern.

Selbst bei Regenwetter kann man in Chicago viel unternehmen. Es lohnt sich auf jeden Fall, das „Shedd Aquarium“ oder das „Field Museum“ zu besuchen, man sollte allerdings für beide einen ganzen Tag zur Verfügung haben, da es wirklich viel zu sehen gibt. Unser Geheimtipp zum Essen: Bei „Ra Sushi“ (1139 North State St.) gibt es sehr gutes Sushi zu angemessenen Preisen.

Für einen Wochenendtrip lohnt es sich auf jeden Fall, Saint Louis zu besuchen oder, falls man etwas mehr Zeit zur Verfügung hat, zu den Niagara-Fällen zu fahren.

Insgesamt ist eine Famulatur in Chicago eine eher teurere Angelegenheit, da sowohl das Wohnen als auch die Lebensunterhaltungskosten doch deutlich über dem liegen, was man aus Deutschland kennt. Will man auch öfter in Chicago etwas unternehmen oder einen Wochenendtrip machen, sollte man mit Kosten von mindestens 3.500 EUR rechnen.

Fazit

Auf der Gala der Indian Medical Association of Northwest Indiana
Auf der Gala der Indian Medical Association of Northwest Indiana

Insgesamt war der Trip nach Chicago eine rundum gelungene Erfahrung, die ich in jeder Hinsicht nur jedem empfehlen kann! Wenn man sich frühzeitig um einen Platz kümmert, ist auch der organisatorische Aufwand zu bewältigen.

Der klinische Alltag in den USA unterscheidet sich allerdings doch in Einigem von dem in Deutschland, sodass man von der Erwartung, invasive Diagnostik oder Therapie selbst durchführen zu dürfen, doch eher Abstand nehmen sollte, wenn man sich entschließt, in den USA eine Famulatur auf der Kardiologie zu machen. Allerdings wird dieses Defizit durch exzellente Betreuung und Lehre auf jeden Fall wieder wettgemacht.

Julian Bunke,

Marburg, April 2015

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