PJ in der Schweiz – Orthopädie

26. Mai 2015

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Land, Orthopädie, Praktisches Jahr im Ausland, Schweiz

Schweiz, Bruderholz, Kantonsspital Baselland (12.01.-08.03.2015)

Wie zahlreiche andere Medizinstudierende hatte ich mich für einen PJ-Abschnitt in der Schweiz entschieden und in meinem Fall eine sehr kurzfristige Zusage vom Kantonsspital Baselland, Standort Bruderholz, erhalten. Meine Wahl war zudem auf die Orthopädie gefallen. Eine Zeit, die mir gut getan hat.

Entscheidung für die Schweiz

Es gibt viele Gründe, sein PJ in der Schweiz zu absolvieren. So gibt es dort z.B. ein deutlich höheres Gehalt als in den deutschen Kliniken. Zudem kann man sich so das Fundament für eine spätere Assistenzarztstelle in der Schweiz legen. Man ist im Ausland, jedoch wird „Schweizerdeutsch“ gesprochen, woran man sich i.d.R. gut gewöhnen kann. Und zuletzt ist man doch nicht so weit weg von zu Hause und was die Lage von Bruderholz betrifft, kann man so z.B. günstig in Deutschland einkaufen gehen. Lörrach oder Weil am Rhein zum Beispiel sind wirklich um die Ecke, denn es sind mit dem Auto 20min und mit der Bahn 30min.

Meine Wahl fiel auf das Kantonsspital Baselland, Standort Bruderholz, im Kanton Baselland, ein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Basel. Die Orthopädische Abteilung zieht sich über zwei Spitäler, Standorte Bruderholz und Liestal, und man ist ebenfalls im anderen Spital präsent, wenn man dies selbst auch möchte. Eine Bewerbungsfrist hatte ich nicht, da es bei mir wirklich sehr kurzfristig war. Wir waren aber zur Höchstzeit vier Unterassistenten und am Ende gab es nur eine Medizinstudentin. Es war also sicher noch Platz.

Die Arbeitsbedingungen am Kantonsspital Baselland, Standort Bruderholz

Kantonsspital Baselland
Kantonsspital Baselland

Die Arbeitszeit am Kantonsspital Baselland, Standort Bruderholz, betrug bei mir 10 Stunden, davon eine Stunde Pause. Man ist angestellt als Unterassistent und hat feste Aufgaben, denen man nachgehen muss. Morgens und abends wird man gestempelt. Meist fängt man um 7:00 Uhr zur Frühbesprechung an und bleibt dann bis 17:00 Uhr oder 18:00 Uhr. Zweimal wöchentlich, montags nach der Frühvisite und donnerstags nach Feierabend, findet eine Fortbildung statt. Diese sind immer super und es kommen die Assistenten aus beiden Spitälern. Des Weiteren finden während der Arbeitszeit auch Fortbildungen in anderen Fächern statt. Ich habe so z.B. ein Symposium für Schlafmedizin besucht. Dies geht natürlich nur, wenn dies der jeweilige Chef gestattet.

Die Aufgaben der Unterassistenten sind wirklich sehr überschaubar. Man soll den Patienten, die operiert werden, eine Krankenakte anlegen und dann die Medikamente eintragen. Dies ist immer schnell getan, in weniger als einer Stunde am Tag, besonders dann, wenn man sich das teilt. Manchmal sollte man zudem bei Hausärzten für die Medi- oder Diagnosenliste anrufen und sich diese faxen lassen. Ansonsten ist man sehr „frei“.

Es gab ein Team für Knie, Schulter, Hüfte, Fuß, Wirbelsäule und Hand. Jedes Team hatte sehr gute leitende Ärzte. Das Wirbelsäulen- und Schulter-Team ist die halbe Woche in jedem der beiden Spitäler. Man hat meistens zwei Tage Sprechstunde und drei Tage OP. Also ist immer überall etwas los. Und es sind so viele Teams, dass sich die Unterassistenten nicht auf die Füße treten. Dies fand ich sehr angenehm.

Meine Arbeit auf der Orthopädie

Ein typischer Tagesablauf sah in etwa so aus: Um 7:00 Uhr fand die Frühbesprechung statt. Diese wurde mit Video über beide Spitäler gestreamt. Danach ging es auf Station zur Patientenvisite. Diese dauerte je nach Team ca. 30min. Manchmal war dann eine kleine Kaffeepause vorgesehen. Danach ging es um 9:00 Uhr zur Sprechstunde. Es gibt mehrere Behandlungsräume und man konnte sich aussuchen, mit welchem Arzt man mitgehen wollte.

Der leitende Arzt hat gleichzeitig Supervision und man ging automatisch auch zu den Patienten der Assistenzärzte. Bei den Assistenzärzten hatte man dafür mehr Zeit, um etwas erklärt zu bekommen. Manchmal durfte man unter Aufsicht auch eine Kniepunktion oder ähnliches machen. Ich habe den Großteil der Zeit nur zugeschaut. Patienten habe ich aber nicht aufgenommen oder untersucht. Dies fand ich ein wenig schade, da man so sehr viel mehr lernt als nur durch das Beobachten.

Um 12:00-13:30 Uhr war dann Mittagspause. Die Unterassistenten gehen oft zusammen essen. Einige essen in der Kantine, einige bringen ihr Essen selbst mit und machen es in der Kantine warm. Die Auswahl in der Kantine war super, das Essen ebenfalls. Leider kostete es ca. 13-18 Franken. Das merkt man dann schon am Ende des Monats.

Nach der Mittagspause ging es dann weiter mit der Sprechstunde und zwar bis 16:00 Uhr oder 17:00 Uhr. Danach konnte man eigentlich nichts mehr machen, da die Ärzte ihre Briefe diktieren mussten. Also machten wir die Vorbereitung für den nächsten Tag oder kehrten direkt ins Wohnheim zurück.

Bei einem OP Tag ging es nach der Visite gegen 8:30 Uhr in den OP. Es dauerte meist ein wenig, bis es losging. Hierfür gibt es einen Pausenraum, der immer frisches Brot, Marmelade und Butter, Obst und Bircher Müsli oder andere Leckereien, die vom Vortag aus dem Café übrig geblieben sind, anbietet – kostenlos natürlich. Zeitungen gibt es da auch sowie Tee oder Kaffee.

Im OP, in der Schweiz „Ops“ genannt, ist man meistens 2. oder 3. Assistenz. Man hält also die Haken – oder gar nichts. Die Operateure sind aber sehr nett und erklären einem gerne etwas während der OP. Manchmal durfte man zunähen, was aber nicht oft der Fall war, da die Assistenzärzte schnell diktieren gehen wollten. Nach der OP hilft man beim Lagern. Danach wartet man wieder, bis die nächste OP losgeht. Es ist anders als in Deutschland, denn zwischen den OPs sind die Vorlaufzeiten größer, ca. 30min., in der Schweiz geht es also ein wenig entspannter zu.

Die besten OPs sind diejenigen gewesen, zu denen ich über meinen Pieper gerufen wurde. Dies war super, denn da hatte man wirklich etwas zu tun. Einmal war ich in einer Hüfte alleine mit dem Chef, bis der andere Assistent kam, und so konnte man mehr machen als sonst – d.h. so richtig „assistieren“. Der OP Betrieb ging meistens bis 17:00 Uhr und danach hatte man wieder Zeit, die Krankenakten vorzubereiten oder machte Feierabend.

Zusammengefasst, hatte man hier sehr viele Freiheiten und weniger Verantwortung als bei anderen Unterassistentenstellen, die ich vorher innehatte. Man konnte aber auch weniger machen. Jedoch bestand die Möglichkeit, dort zu sein, wo einem gerade danach war. Nach meinem PJ-Abschnitt hatte ich einen guten Überblick über die Aufgaben und Fälle einer jeden Spezialrichtung der Orthopädie und einen guten Einblick in die Orthopädie allgemein. Und darüberhinaus ein wenig „Auslandserfahrung“. Das Gehalt konnte sich ebenfalls sehen lassen.

Bereitschaftsdienste für den OP-Notfallbetrieb gab es übrigens für die Unterassistenten der Orthopädie nicht, die wurden von den Unterassistenten aus der Allgemeinchirurgie übernommen. Und Wochenenddienste hatte man auch nicht. Pro Monat gab es übrigens zwei Urlaubstage.

In meiner Zeit am Kantonsspital Baselland in Bruderholz fanden die „Orthodays 2015“ statt, ein Symposium mit Spezialisten, insbesondere für das Fuß-Team. Im Partnerspital arbeitet nämlich Prof. Hintermann, der weltweit zu den besten vier Fußspezialisten zählt. Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, bei ihm reinzuschnuppern. Es soll aber sehr stressig in seinem Team sein, insbesondere, wenn er in mehreren OP-Sälen gleichzeitig operiert. Als Unterassistenten waren wir drei Tage eingeplant, um PowerPoint Folien zu betreuen, konnten uns so aber auch gleichzeitig die Vorträge anschauen, die wirklich sehr gut waren. Eine sehr gute Abwechslung zur täglichen Routine.

Darüber hinaus gab es während meiner Zeit gleich zwei Skiausflüge. Ein allgemeiner für alle chirurgischen Abteilungen nach Interlaken und ein weiterer nur für die Orthopädie. Das war schon super und man konnte auf diese Weise endlich mal die Mitarbeiter aus der Pflege und dem Ops besser kennenlernen. Es kostete übrigens nur 50 Franken pro Person.

Für diejenigen, die in der Schweiz anfangen wollen, ist eine Unterassistentenstelle das ideale Sprungbrett für die spätere Stelle als Assistenzarzt. Es werden jedoch gerade sowieso viele Ärzte in der Allgemeinchirurgie und Orthopädie gesucht. Daher stehen die Chancen auf jeden Fall gut, dort eine Stelle zu bekommen.

Das Spital in Bruderholz ist zudem in der Orthopädie oft in der Presse, da die Politik überlegt, das Spital zu schließen. Dies hat nichts mit der Qualität zu tun. Darüber hinaus gab es im letzten Jahr eine große Veränderung mit der Zusammenlegung der Orthopädie über zwei Spitäler – Standorte Liestal und Bruderholz. Ein Großteil der leitenden Ärzte war fortgegangen, da es nur noch einen Chef pro Spezialgebiet geben durfte. Mittlerweile haben sich die Teams aber wieder gut aufgestellt als auch organisiert und man merkt davon nicht viel.

Wohnen in der Schweiz und Finanzielles

Ausblick aus dem Wohnheim in Bruderholz
Ausblick aus dem Wohnheim in Bruderholz

Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zum Gehalt so, dass normalerweise sogar ein wenig Geld übrig bleibt (ca. 300-400 CHF), also wenn man nicht Shoppen oder auf Reisen geht. Es lohnt sich natürlich, in Deutschland einkaufen zu gehen, da Lebensmittel bei den Schweizer Ketten „Migros“ und „Coop“ sehr viel teuerer sind als bei uns. Die Bahn fährt mit nur einmal Umsteigen direkt in ein Einkaufszentrum und mit dem Auto ist es nochmals einfacher. Es ist aber besonders samstags unmenschlich voll… Da kann man schnell mal in Panik geraten, wenn so viele Menschen durch eine Drehtür gehen wie bei uns, wenn z.B. „Media Markt“ eine Aktion startet.

Das Kantonsspital Baselland befindet sich in der Stadt Bruderholz und man ist in 14 Minuten mit der Straßenbahn am Hauptbahnhof. Die Bahnhaltestelle ist nicht direkt nebenan, da das Spital auf einem Berg liegt. Es gibt aber auch eine Bushaltestelle direkt am Spitaleingang oben am Berg. Mit dem Auto es natürlich am besten, jedoch nah am Wohnheim zu parken, geht nur mit einem Parkausweis, der 100 Franken im Monat kostet. Ansonsten muss man in der Peripherie parken. Zum Ein- oder Ausladen darf man aber immer direkt an die Wohnheimtür vorfahren, das ist sehr praktisch. Des Weiteren eignet sich Basel als Mutterstandort von „Easyjet“ ideal, um auch mal für ein Wochenende nach Hause zu fliegen (Kosten ca. 100€ für Hin- und Rückflug) oder woanders hin.

Meist kommt man im spitaleigenen Wohnheim unter. Es kostet ca. 430 CHF (430€) und man wohnt in einem großen Bau mit vielen Stockwerken und sehr vielen Zimmern. Das Zimmer ist ca. 14 m² groß, mit Teppich belegt, hat ein eigenes Bad und eine Gemeinschaftsküche für ca. 18 Personen. Man kann schon gut dort leben. Es ist aber ziemlich leblos, da viele spitalexterne Angestellte sich dort einmieten, um günstig zu wohnen, also z.B. Krankenschwestern, Piloten, Versicherungsangestellte etc. Die Unterassistenten wohnen verteilt auf den Stockwerken. Wenn man mit Ihnen zusammen nichts unternehmen würde, wäre es wirklich öde.

In der Küche gibt es ein Kühlschrankfach und einen Schrank. Der war leider leer, so dass man alles von zu Hause mitbringen sollte oder eben dort kaufen musste. Es gibt aber auch ein paar Besonderheiten im Wohnheim: Es gibt ein Kaminzimmer, das man sich für 50 Franken pro Abend mieten kann. Hier haben wir auch eine Abschiedsfeier gemacht, zu der alle Ärzte mit eingeladen wurden. Und eine Halle gibt es auch, in der Fußball gespielt werden kann oder trainiert werden kann. Man muss sich den Raum nur vorher „reservieren“ und dann bekommt man die Schlüssel.

Leben in der Schweiz

Blick auf den Rhein in Basel
Blick auf den Rhein in Basel

Basel ist eine Kulturstadt und nicht ohne Grund findet dort die weltberühmte Kunstmesse „Art Basel“ statt. Zahlreiche hochinteressante Museumsausstellungen und Konzerte finden regelmäßig statt. Es macht einfach Spaß, die Stadt zu erkunden und die Geschichte dieses Ortes kennenzulernen. Während meines Aufenthaltes fand eine Museumsnacht statt, der Dalai Lama kam zu Besuch und die „Basler Fasnacht“, ähnlich dem Karneval, fand statt. Als ausländischer Student kann man sich kostenlos beim Unisport Basel anmelden. Das umfangreiche Programm sorgt dafür, dass nie Langeweile aufkommt. Ansonsten kann man Basel und Umgebung erkunden. Mit der „RegiocardPlus Light“ fährt man für 96 Franken (74 für <25jährige) kostenlos nach Deutschland und in die Basel umgebenen Gebiete.

Die Schweizer sind umgänglich und freundlich, jedoch distanziert. Freundschaften zu schließen, braucht Zeit. Und das, was einem Unterassistenten fehlt, ist leider Zeit. Also bleibt es bei „Arbeit ist Arbeit“ und „Bier ist Bier“. Hier in der Schweiz hat man auch nur wenig „Freunde“. Dies sind die, die man über Jahre kennt und denen man sehr nahe steht. Alle anderen sind nur „Kollegen“. Ich gehörte als Unterassistent eher in die 2. Kategorie. Nichtsdestotrotz hat die Stadt soviel zu bieten, dass man darüber hinweg sehen kann.

Mein Blick zurück

Das Highlight meines PJs in der Schweiz war wohl, dass wir von unserem leitenden Arzt aus dem Knieteam zum gemeinsamen Essen eingeladen wurden – alle Unterassistenten und zwei Assistenzärzte. Das hat sehr gut getan. Und natürlich nicht zu vergessen die Skiwochenenden mit der Abteilung. Auch die Basler Fasnacht war beeindruckend.

Auch die entspannte Arbeit und die Freiheit auf der Arbeit am Kantonsspital Baselland, Standort Bruderholz, habe ich ein wenig genossen. Es waren die letzten Tage eines PJ Studenten, die durch Unbekümmertheit und ohne Verpflichtungen einhergehen. Das Leben ist stressig genug, deshalb hat mir die Zeit in der Schweiz sehr gut getan.

P.,T.

Hamburg, März 2015

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