Famulatur in Norwegen – Kardiologie

16. Dezember 2014

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Famulatur im Ausland, Kardiologie

Norwegen, Oslo, Rikshospitalet (25.08.-23.09.2014)

Oslo – die wahrscheinlich lebenswerteste Stadt der Welt. Eine Famulatur in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt lohnt sich aus vielerlei Gründen. Es waren nicht nur die schöne Natur, die netten Menschen und der Geruch von Waffeln oder Hotdog, die mich in dieses Land zogen. Auch die flache Hierarchie in den medizinischen Institutionen ermöglicht vieles, was in deutschen Krankenhäusern unvorstellbar ist.

Meine Entscheidung für Oslo

Nachdem ich ein Jahr zuvor ein Erasmus-Semester in Oslo absolviert hatte, fiel die Ortswahl für eine Auslandsfamulatur nicht schwer – nicht zuletzt, um einmal den echten norwegischen Klinikalltag im Vergleich zum hiesigen mitzubekommen. Schließlich wird Norwegen oft als Paradies für deutsche Ärzte dargestellt.

Die Bewerbung

Die anlässlich der Kulturnacht zur Tanzfläche umfunktionierte Deichmanske Bibliothek
Die anlässlich der Kulturnacht zur Tanzfläche umfunktionierte Deichmanske Bibliothek

Die Bewerbung stellte sich anfangs als relativ problematisch heraus. Ich hatte keinen direkten Ansprechpartner und kontaktierte deshalb telefonisch noch während meines Erasmussemesters im Januar 2014 das Sekretariat der Herz-Thorax-Klinik des Oslo Universitetssykehus (OUS). Nachdem ich zu einem zuständigen Arzt durchgestellt wurde und er mir zusicherte, dass generell Medizinstudenten willkommen seien, sendete ich, wie von ihm empfohlen, meine Bewerbung inklusive Lebenslauf per Email wiederum an das Sekretariat. Nach einiger Zeit erhielt ich eine Ablehnung mit der Begründung, dass alle Plätze bereits belegt seien. Wenige Wochen später erhielt ich nochmals eine Email, ob ich weiterhin an der Famulatur interessiert sei, denn es sei ein Platz frei geworden. Dieses Angebot nahm ich dankbar an.

Die Sekretärin und ich verblieben so, dass wir ein paar Wochen vor meiner Ankunft die Details klären. Als mein Aufenthalt in Oslo näher rückte, kontaktierte ich sie erneut und wir vereinbarten ein Treffen, an dem mir Umkleiden und Stationen gezeigt wurden. In Norwegen ist es üblich, dass man Kleidung gestellt bekommt. Von allen Studenten, die nicht aus Skandinavien oder den Niederlanden kommen bzw. in den letzten sechs Monaten außerhalb dieser Länder im Krankenhaus tätig waren, wird ein MRSA-Test verlangt, ohne dessen Vorliegen man nicht mit der Famulatur beginnen darf.

Unterkunft und Finanzielles

Blick auf Oslo
Blick auf Oslo

Nachdem ich die Zusage für die angestrebte Famulatur erhalten hatte, begab ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Im Gegensatz zu einem ganzen Semester ist es deutlich schwieriger, eine Unterkunft für fünf Wochen in Oslo zu finden. Kurz entschlossen bissen meine Eltern in den sauren Apfel und spendierten mir die Unterkunft in einem Zimmer zur Kurzzeitmiete. Dies war nur geringfügig günstiger als ein Hotel, aber etwas anderes war kaum möglich.

Oslo ist im Allgemeinen eine teure Stadt. Man sollte für Essen, Fahrkarte und Freizeitaktivitäten etwa 600 € im Monat einplanen.

Meine Famulatur in Oslo

Bereits vor Beginn meiner Famulatur waren die meisten Ärzte dank der Sekretärin über meine Ankunft informiert. Bei der Morgenbesprechung wurde ich herzlich willkommen geheißen und danach zur Station gebracht, der ich in den ersten zwei Wochen zugeteilt wurde. Dort wurden vor allem die transplantierten Patienten und jene Patienten mit koronarer Herzerkrankung behandelt. Die dritte Woche verbrachte ich auf der Nachbarstation, wo insbesondere Patienten mit Rhythmusstörungen lagen. In der letzten Woche famulierte ich auf der Überwachungsstation, vergleichbar mit der Intermediate Care Station. Dorthin kamen Patienten mit akutem Herzinfarkt oder diejenigen, die an der Ballonpumpe lagen oder mit Assist Device ausgestattet waren.

Auf den Stationen war ich generell bei allen Visiten und Besprechungen dabei, durfte alle Patienten untersuchen und unter Aufsicht Patienten aufnehmen, die Eingangsnotiz und die Epikrise diktieren.

Jeder Tag begann mit der Frühbesprechung um 7:30 Uhr. Dort wurden die Neuaufnahmen aus dem Dienst besprochen und es gab im Anschluss eine kleine Fortbildung durch den jeweils eingeteilten Arzt. Danach ging es auf Station, auf der um 8:00 Uhr die Kurvenvisite begann. Nach dieser wurde einzeln mit den zu entlassenen Patienten gesprochen und neue Patienten aufgenommen. Eine klassische Visite wie in Deutschland, bei der eine Traube von weißen Kitteln von Zimmer zu Zimmer tingelt, gab es also nicht.

Ich hatte bis zur Nachmittagsbesprechung um 14:30 Uhr die Wahl, ob ich Patienten aufnehmen und/oder untersuchen oder bei den verschiedensten Eingriffen oder Untersuchungen zusehen möchte. Bei der Nachmittagsbesprechung wurden dann insbesondere die Neuaufnahmen des Tages diskutiert. Darauf folgte die täglich stattfindende Herzkonferenz mit den Herzchirurgen, auf der Patienten besprochen wurden, die eine mögliche Indikation zur OP hatten. Gegen 16:30 Uhr durfte ich das Krankenhaus verlassen.

Es wurde mir angeboten, an Diensten unter der Woche oder am Wochenende teilzunehmen. Dieses Angebot nahm ich gern wahr, wofür ich – typisch norwegisch – auch ausgiebig für meinen „Einsatz“ gelobt wurde. Zudem hat es sich durchaus gelohnt, weil die Ärzte im Dienst doch ein wenig mehr Freiraum zum Erklären haben und man sozusagen hautnah dabei sein kann, wenn beispielsweise ein Patient mit einem Herzinfarkt eingeliefert wird.

Ich wurde dazu angehalten, einzelnen Patienten sozusagen von der Ankunft bis zur Entlassung bei allen Untersuchungen zu folgen, um ein besseres Verständnis für den Zusammenhang von Symptomatik, notwendiger Diagnostik und angestrebter Therapie zu erhalten. Außerdem bekam ich die Möglichkeit, bei allen Untersuchungen und Interventionen dabei zu sein, die mich interessierten.

Generell ist vor allem im Vergleich zu deutschen Krankenhäusern auffällig, dass alle gern bereit sind, verschiedene Sachverhalte zu erklären und Studenten etwas beizubringen. Die gute Atmosphäre wird durch die generell in Skandinavien vorherrschende geringe Hierarchie und nicht zuletzt durch beinahe tägliche Angebote an leckeren Waffeln oder Kuchen auf Station gegründet. Um das Eis zu den oft etwas reserviert erscheinenden Norwegern zu brechen, ist es auf jeden Fall von Vorteil, gut Norwegisch zu sprechen. Mit Englisch kommt man in Skandinavien zwar sehr weit, aber alle freuen sich jedoch, wenn sie neben ihrer vielen täglichen Arbeit nicht auch noch in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache kommunizieren müssen.

Norwegen

Die schöne Natur rund um die Museumsinsel Bygdøy
Die schöne Natur rund um die Museumsinsel Bygdøy

Norwegen ist vor allem für seine atemberaubende Natur bekannt. Zum Glück konnte ich die Zeit während meines Erasmus-Aufenthaltes bereits nutzen, um das Land zu bereisen. Denn fünf Wochen sind eindeutig zu kurz für ein Land, das so lang ist, dass es von der Spitze Dänemarks bis ins südlichste Italien reichen würde. So habe ich diesmal lediglich Oslo und die nahe Umgebung genossen. Doch schon hier kann man vom Stadtrand aus schöne Wandertouren in die „Nordmarka“ starten und zum Beispiel eine beeindruckende Aussicht über die Stadt genießen.

Außerdem hat Oslo selbst natürlich eine ganze Menge zu bieten: Von den klassischen Sehenswürdigkeiten wie dem Schloss, der Karl-Johans-Gate als der größten und prächtigsten Einkaufsstraße Norwegens, dem „Vigeland“-Skulpturenpark über verschiedene Flohmärkte bis hin zu den einschlägigen Party-Lokalitäten am Wochenende. Da viele Norweger recht sportlich sind, trifft man nach Feierabend viele Jogger in den Parks, an Seen und Flüssen oder im Fitnessstudio.

Mein Blick zurück

Der abendliche Blick in Richtung Oslofjord
Der abendliche Blick in Richtung Oslofjord

Diese Famulatur war anders als meine bisherigen in Deutschland. Ich war die einzige Medizinstudentin auf der Station, was einerseits die etwas weniger spannenden Phasen des Klinikalltages noch weniger spannend machte. Andererseits bekam ich aber so auch die einzigartige Möglichkeit, in diesem am meisten avancierten aller norwegischen Krankenhäuser die gesamte Breite der Diagnostik und Therapie in der Kardiologie zu erleben.

Ich wurde zu Eigenverantwortung und selbstständiger Arbeit auf Station ermutigt, während ich mir in deutschen Krankenhäusern bislang oft als unwissender „Mitläufer“ und „Blutabnahmeknecht“ vorkam. Eine Famulatur in Oslo kann ich sehr empfehlen.

Stephanie Zühlke

München, Oktober 2014

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1 Kommentar

  • Hallo Stephanie,

    erstmal vielen Dank für den lesenswerten Bericht.
    Mich würde allerdings noch interessieren wie du mit der Sprache und der Kommunikation allgemein zurecht gekommen bist, wie sind denn die Verhältnisse in norwegischen Krankenhäuser da?

    Mfg Florian

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