Forschungsaufenthalt in den USA – Radiologie

5. Mai 2014

in Chancen im Ausland, Fachgebiet, Forschung im Ausland, Land, Radiologie, USA

USA, Baltimore, Johns Hopkins Hospital (01.09.2013-28.02.2014)

Am Johns Hopkins Hospital Baltimore, Maryland, USA, einem der besten Krankenhäuser der Welt, während des Medizinstudiums für sechs Monate forschen zu dürfen, ist der Traum vieler Medizinstudierender. Dieser Traum von Forschungsaufenthalt und Promotion wurde für mich Dank des Charité – Johns Hopkins Research Exchange Program wahr. Es war die lehrreichste und intensivste Zeit meines bisherigen Medizinstudiums.

Wie alles begann

Vor einem Jahr studierte ich im sechsten Semester des Modellstudiengangs Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin und begann, mich mit dem Gedanken an eine Doktorarbeit zu beschäftigen. Durch eine Famulatur in einer radiologischen Praxis in meiner Heimat war bereits mein Interesse für die Radiologie geweckt worden. Deshalb reagierte ich sofort auf eine Ausschreibung einer Doktorandenstelle im Labor für Grundlagenforschung in der Abteilung für Interventionelle Radiologie am renommierten Johns Hopkins Hospital (JHH) in Baltimore, Maryland, USA.

Meine Bewerbung

Das Geschwind Lab Team vor dem Dom des Johns Hopkins Hospitals
Das Geschwind Lab Team vor dem Dom des Johns Hopkins Hospitals

In der Email war von hochanspruchsvoller und harter Arbeit die Rede, welche ich – ohne Frage – auf mich nehmen wollte, um sechs Monate an einem der besten Krankenhäuser der Welt forschen zu dürfen. Ich bewarb mich mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und Leistungsnachweisen.

Kurz darauf bekam ich eine Rückmeldung von meinem zukünftigen Betreuer in Baltimore, Julius Chapiro, und musste mich in einem Telefonat profilieren. Er hatte den Forschungsaustausch mit der Idee von einem fortbestehenden Kooperationsprojekt zweier renommierter Kliniken initiiert. Auf Seiten der Charité erklärte sich der Chef der Interventionellen Radiologie, Prof. Bernhard Gebauer, als Ansprechpartner bereit und so bewarb ich mich nach meiner Zusage für den Austausch bei Ihm um eine Doktorandenstelle.

Prof. Jeff Geschwind vom Johns Hopkins Hospital durfte ich zu meinem zweiten Betreuer erklären. Formalitäten wie die Promotionsvereinbarung leitete ich vor meiner Abreise in die Wege. Einen thematischen Einstieg fand ich durch eine zweiwöchige Hospitation in der Interventionellen Radiologie an der Charité sowie durch intensive Literaturrecherche zu meinem zukünftigen Promotionsthema.

Weitere Schritte der Vorbereitung

Ich sollte die erste Studentin des Austauschprogrammes zwischen der Charité und dem Johns Hopkins Hospital des „Charité-Johns Hopkins Research Exchange Program“ sein und so gab es keinen Vorgänger, den ich nach Erfahrungen hätte fragen können. Die Organisation begann fünf Monate vor meiner Abreise und ich musste mich selbstständig um Visum und Flug kümmern, erhielt dabei aber großartige Unterstützung von meinem Betreuer aus Baltimore.

Einige Dokumente müssen außerdem vor Beantragung des Visums von verschiedenen Stellen eingeholt werden (z.B. SEVIS, DS-60, DS-2019). Außerdem ist eine frühzeitige Planung aufgrund unvorhersehbar langer Wartezeiten auf einen Termin in der amerikanischen Botschaft empfehlenswert. In meinem Fall lief dies reibungslos. Ich erhielt schließlich für sechs Monate ein J1-Visum als „Research Scholar“.

An der Charité beantragte ich ein Urlaubssemester, welches mir auch genehmigt wurde. Die rechtzeitige Rückmeldung zum nächsten regulären Semester sollte dabei unbedingt bedacht werden.

Unterkunft in Baltimore und erste Eindrücke

Unser Haus an der St Paul Street in Charles Village
Unser Haus an der St Paul Street in Charles Village

Auf den Hinweis eines zukünftigen Teamkollegen hin, fand ich schnell eine Unterbringung in einem Haus in der Studenten- und Wohngegend „Charles Village“ im nördlichen Baltimore. Die erste Kontaktaufnahme zum „Landlord“ via Email war unkompliziert und bei meiner Ankunft konnte ich mir eines der freistehenden WG-Zimmer aussuchen.

Ich wohnte mit sechs anderen Studenten aus verschiedenen Nationen zusammen, was in den ersten Tagen der Eingewöhnung sehr hilfreich war. So zeigte man mir den Supermarkt, half mir bei der Anmeldung im Fitnessstudio am nahegelegenen Homewood Campus der Johns Hopkins University, nahm mich mit in ein Einkaufszentrum und erklärte mir, in welche Gegenden in Baltimore ich besser nicht allein oder bei Nacht nicht gehen sollte. Bei gemeinsamen Kochabenden oder Ausflügen durfte ich viel über die Kulturen und Heimatländer meiner Mitbewohner erfahren und so sind gute Freundschaften entstanden.

Baltimore ist eine Universitätsstadt an der amerikanischen Ostküste mit etwa 622.000 Einwohnern, von denen ca. 60 Prozent afroamerikanischer Herkunft sind. Der ehemalige Handelshafen ist an einem Arm des Chesapeake Bay gelegen und war einst Eintrittspforte für viele Immigranten. Heutzutage sind das JHH und die Johns Hopkins University die größten Arbeitgeber in „Charm City“ und beschäftigen viele ausländische Angestellte aus unterschiedlichen Nationen. Auch meine Arbeitsgruppe setzte sich aus Chinesen, Deutschen, Indern, Österreichern, Schweizern und Iranern zusammen.

Baltimore hat ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz und auch der Flughafen ist über den „Lightrail“ direkt mit der Innenstadt verbunden. Für Sportbegeisterte sind Baseballspiele der „Orioles“ und Footballspiele der „Ravens“ ein Muss.

Meine Forschungsarbeit am Johns Hopkins Hospital

Bei der Arbeit in der Animal Facility
Bei der Arbeit in der Animal Facility

Die Busstation für den kostenlosen Hopkins-Shuttle war fünf Gehminuten von meiner Unterkunft entfernt. Am ersten Tag in der Klinik mussten diverse administrative Pflichten erledigt werden, was mich bereits auf eine erste Tour durch den Krankenhauskomplex  führte. Schließlich erhielt ich eine Hopkins-ID, eine Hopkins-E-Mail-Adresse sowie eine kodierte Karte, die mir Zutritt zu unseren Räumlichkeiten verschaffte. Von meinem Betreuer vor Ort wurde ich dem Team vorgestellt und bekam das Büro und die Labore gezeigt, in denen ich später arbeitete.

Mich erwarteten ein kleines Labor mit familiärer Atmosphäre und ein dynamisches Team an hochkompetenten Forschern mit medizinischen und verschiedenen naturwissenschaftlichen Hintergründen. Besonders beeindruckte mich auch die „Animal Facility“ mit etwa 200.000 Mäusen und Ratten. Ich belegte zu Beginn Online-Tutorien, um mit Patientendaten arbeiten zu dürfen, und absolvierte Trainingskurse, die mich für die Forschung mit Mäusen und Ratten legitimierten. Dann konnte es losgehen.

In den ersten Wochen arbeitete mich mein Betreuer in Laborabläufe und Bestellprozesse ein. Bei Problemen war er stets mein erster Ansprechpartner und immer darum bemüht, meinen Aufenthalt so angenehm und auch wissenschaftlich erfolgreich wie möglich zu gestalten. Nach der Einarbeitungszeit vertraute man auf meine Eigenständigkeit bei der Arbeit im Labor. Dabei profitierte ich außerdem von der großzügigen Unterstützung des Chefs und dem ausgefeilten administrativen Apparat am Johns Hopkins Hospital. So konnte ich uneingeschränkt und ohne längere Verzögerungen alle notwendigen Materialien für meine Experimente beschaffen und mich voll und ganz auf die Laborarbeit konzentrieren. Ich konnte die Freiheit genießen, eigene Ideen zu verwirklichen und Versuchsabläufe nach Bedarf zu optimieren.

Unser Team hatte viele Kooperationen mit renommierten Laboren aufgebaut und so lernte auch ich schnell den Wert einer funktionierenden Zusammenarbeit kennen und pflegte meine eigenen Kontakte für mein Projekt. Mit dem Ziel, den experimentellen Teil meiner Doktorarbeit am Johns Hopkins Hospital zu absolvieren, begann ich ein Projekt zur Etablierung eines anti-glykolytischen Medikaments in der systemischen Therapie des Pankreaskarzinoms. Inhalte des Projekts waren innerhalb des Teams bereits erarbeitet worden und ich sollte den in vitro-Teil übernehmen und außerdem meinen Betreuer bei der Arbeit mit einem Maus-Tumor-Modell unterstützen.

Zu Beginn meines Aufenthalts stellte ich bei einem Labor-Meeting meine geplanten Versuche vor. Dieser Vortrag half mir, einen strukturierten Versuchsplan zu entwerfen und folglich entlang eines roten Fadens zu arbeiten. Das verwendete Medikament wurde von meiner Arbeitsgruppe am JHH für anti-tumorale Therapie entwickelt und hat im Zuge vieler Forschungsprojekte bereits die zweite klinische Phase in der Therapie des Hepatozellulären Karzinoms erreicht. Dieser klinische Bezug war mir bei der Auswahl eines experimentellen Themas sehr wichtig. Außerdem konnte ich davon ausgehen, dass der Umgang mit der Substanz bereits etabliert und meine Experimente praktisch sowie zeitlich in der gegebenen Zeit umsetzbar waren. An dem Projekt überzeugte mich außerdem der in vivo-Teil, der den Daten der in vitro-Forschung wissenschaftliche Stärke verleihen könnte.

Die Arbeitsgruppe hatte außerdem eine Agenda an retrospektiven klinischen Studien. So hatte ich im Anschluss an meine experimentelle Forschung die Möglichkeit, noch eine klinische MRT-Studie zum Therapieansprechen von Uterusmyomen nach hoch-intensivem fokussiertem Ultraschall durchzuführen und dabei eine ganz andere Facette der medizinischen Forschung kennenzulernen. Die Ergebnisse dieser Studie habe ich in einem Abstract für einen Kongressvortrag eingesendet und hoffe außerdem auf eine Publikation.

Arbeitszeit und persönliche Eindrücke

Bei der Arbeit im Basic Science Lab
Bei der Arbeit im Basic Science Lab

Während der sechs Monate arbeitete ich täglich etwa zwölf Stunden und erschien auch an den meisten Wochenenden im Labor. Meine Arbeitszeit konnte ich selbst bestimmen und richtete sie an der Dauer von Experimenten aus, welche sorgfältig aufeinander abgestimmt werden mussten. Zu Beginn fühlte ich mich oft überlastet. Doch mein Betreuer sollte Recht behalten und so hatte sich der immense Aufwand schließlich mit einem abgeschlossenen experimentellen Teil meiner Doktorarbeit mit Aussicht auf Publikation mit Erst Autorenschaft, mehreren Angeboten zu Co-Autorenschaft und einem zum Kongress eingereichten Abstract gelohnt.

Ich habe erfahren und glaube, dass ein Promovend für eine experimentelle Doktorarbeit Motivation und Zielstrebigkeit mitbringen muss und bereit sein sollte, eigenverantwortlich und diszipliniert zu arbeiten als auch Initiative zu zeigen. Selbstkritik, Kritikfähigkeit und Lernbereitschaft erleichtern das Arbeiten im Team, welches für mich eine sehr erquickende Erfahrung war. In einem Team von „MDs“ und „PhDs“ wurde ich als Medizinstudentin herzlich aufgenommen und wurde als gleichwertiges Teammitglied anerkannt und in laufende Projekte einbezogen. Von allen Seiten konnte ich stets auf fachliche Unterstützung zählen. Außerdem lernte ich viele Abläufe in der Forschung kennen wie z. B. den Weg eines Papers über dessen Einreichung bei einem wissenschaftlichen Journal bis zu seiner Publikation.

Ein Highlight im Kontext der Forschungsarbeiten war die Reise mit dem Team zum Kongress der Radiological Society of North America (RSNA) in Chicago im Dezember 2013. Ich hörte mir Vorträge an, konnte meine bisherigen Ergebnisse meinem aus Deutschland angereisten Doktorvater präsentieren und nutzte die freie Zeit für eine Erkundung der „Windy City“ sowie für ein Basketballspiel der „Chicago Bulls“.

Leben in den USA

Die Baltimore Orioles gegen die Boston Red Sox
Die Baltimore Orioles gegen die Boston Red Sox

Als ich im September nach Baltimore kam, erlebte ich noch etwa für anderthalb Monate heiße Sommertage, die ich am Wochenende zum Reisen nutzte. Ich bereiste an drei Wochenenden Washington, D.C., New York City (NYC) und Boston, Massachusetts, bevor es Ende November schließlich den ersten Schneesturm gab, der den öffentlichen Verkehr und viele Geschäfte lahm legte. In D.C. besuchte ich die Museen und Monumente entlang der National Mall, passierte das Weiße Haus als auch das Kapitol und kehrte in Chinatown ein.

Boston hatte das Massachusetts General Hospital (MGH), das MIT, einen großzügigen Hafen und eine historische Altstadt zu bieten, welche man entlang des Freedom Trail erkunden konnte. Der Besuch in New York City wurde zum Sightseeing-Marathon mit Fahrt zur Freiheitsstatue, Spaziergang über die Brooklyn Bridge und einem Panoramablick auf Manhattan vom „Top of the Rock“ (Rockefeller Center). Im Anschluss an meine Forschungstätigkeit in Baltimore reiste ich mit meiner Familie ein weiteres Mal nach NYC und machte abschließend Urlaub im sonnigen Miami Beach.

Im alltäglichen Leben sind nur kleine Unterschiede zu Deutschland zu verzeichnen. Beim Einkaufen im Supermarkt stellte ich fest, dass vor allem frische Lebensmittel durchschnittlich teurer sowie von minderer Qualität waren und das Sortiment sich deutlich von dem eines deutschen Supermarktes unterschied. Kleidung und Elektroartikel sind hingegen erheblich günstiger zu erhalten.

Die Amerikaner habe ich durchweg als sehr freundliches, höfliches und offenes Volk erlebt. Auch ist mir positiv aufgefallen, dass Kontaktaufnahmen via Email oder telefonisch sich als unkompliziert darstellen und meistens schnelle Antworten zu erwarten sind.

Finanzielle Unterstützung

Bevor ich den Antritt meiner Doktorandenstelle endgültig zusagte, musste ich mich mit den Kosten auseinandersetzen und hatte deshalb vor Reiseantritt eine Budgetliste erstellt.

Für die Lebenshaltungskosten in den sechs Monaten inklusive der Kongressreise nach Chicago waren etwa 12.000 € zu veranschlagen. Dass ich schließlich diese Reise antreten durfte, habe ich der großzügigen Unterstützung meiner Eltern zu verdanken.

Vor meiner Abreise hatte ich mich außerdem bei verschiedenen Institutionen und Stiftungen um ein Stipendium für meine Reise beworben. Aufgrund meiner relativ kurzfristigen Planung waren viele Bewerbungsfristen bereits abgelaufen. Schließlich konnte ich mich aber über ein Stipendium der Rolf W. Günther Stiftung für das Visum, die Flüge und die Krankenversicherung freuen.

Das Johns Hopkins Hospital fordert von jedem Mitarbeiter den Nachweis einer US-amerikanischen Krankenversicherung und bietet selbst eine Standardversicherung für ca. 260 $ im Monat an, welcher auch ich für das halbe Jahr beigetreten war. Damit z.B. auch ein Krankenrücktransport in das Heimatland versichert ist, ist für das entsprechende Zeitfenster der zusätzliche Abschluss einer Auslandsreisekrankenversicherung in Deutschland zu empfehlen.

Mein Fazit

Thanksgiving Dinner mit Mitbewohnern und Freunden
Thanksgiving Dinner mit Mitbewohnern und Freunden

Dies war die lehrreichste und intensivste Zeit meines bisherigen Medizinstudiums und eine unvergessliche Reise, die mir viele Türen geöffnet hat und mir gezeigt hat, was alles möglich ist, wenn man nur will und sich engagiert.

Links:

http://www.hopkinsmedicine.org/vascular/IRC%20Reseach/Geschwind%20Lab/Index.html

http://radiologie.charite.de/index.action/open_news.article_oid/521145.html

L. J. Savic

Berlin, April 2014

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1 Kommentar

  • Danke für deinen Bericht – ich bin ab Janunar in NYC für 6 Monate. Bis jetzt haben sich unsere Erfahrungen sehr gut decken können. LG

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